"Stalin"

Werke

Band 3

ZU DEN ERGEBNISSEN
DER KOMMUNALWAHLEN IN PETROGRAD

Die Wahlen zu den Bezirksdumas in Petrograd (in zwölf Bezirken) sind bereits zu Ende. Eine allgemeine Zusammenstellung des Zahlenmaterials und sonstigen Materials ist noch nicht veröffentlicht; dennoch lässt sich an Hand einiger Unterlagen aus den Bezirken das Gesamtbild des Verlaufs und Ausgangs der Wahlen rekonstruieren.

Von mehr als einer Million Wahlberechtigten übten etwa 800000 ihr Wahlrecht aus. Das sind durchschnittlich 70 Prozent. Die Wahlenthaltung ist keineswegs "bedrohlich". Außerhalb der Wahlzone blieben die proletarischsten Teile solcher Bezirke wie des Newa- und des Narwa-Bezirks (Vororte), die vorläufig noch nicht der Stadt angeschlossen sind.

Der Wahlkampf entbrannte nicht um lokale kommunale Forderungen, wie das "gewöhnlich" in Europa der Fall ist, sondern um die grundlegenden politischen Plattformen. Und das ist durchaus begreiflich. In einem Augenblick außergewöhnlicher revolutionärer Erschütterung, noch verstärkt durch Krieg und Zerrüttung, wo die Klassengegensätze aufs äußerste entblößt sind, war es ganz undenkbar, im Wahlkampf im Rahmen lokaler Fragen zu bleiben - der unlösbare Zusammenhang zwischen den lokalen Fragen und den Fragen der politischen Gesamtsituation des Landes musste unweigerlich zum Durchbruch kommen.

Aus diesem Grunde konkurrierten bei den Wahlen vor allem drei Listen, entsprechend den drei grundlegenden politischen Plattformen: denen der Kadetten, der Bolschewiki und der "Vaterlandsverteidiger" (Block der Volkstümler, der Menschewiki und des "Jedinstwo"). Die parteilosen Gruppen, die die politische Verschwommenheit und Programmlosigkeit verkörpern, mussten sich bei einer solchen Sachlage unvermeidlich in ein Nichts auflösen, und so ist es auch tatsächlich gekommen.

Der Wähler stand vor der Wahl:

Entweder zurück, für den Bruch mit dem Proletariat, für "entschlossene "Maßnahmen" gegen die Revolution (Kadetten);

oder vorwärts, für den Bruch mit der Bourgeoisie, für den entschlossenen Kampf gegen die Konterrevolution, für die Weiterentwicklung der Revolution (Bolschewiki);

oder für einen Pakt mit der Bourgeoisie, für eine Politik des Lavierens zwischen Revolution und Konterrevolution, das heißt weder zurück noch vorwärts (Block der "Vaterlandsverteidiger" - der Menschewiki und Sozialrevolutionäre).

Der Wähler hat seine Wahl getroffen. Von 800000 Stimmen sprachen sich für den Block der "Vaterlandsverteidiger" über 400000 aus; für die Kadetten etwas über 160 000, wobei diese in keinem einzigen Bezirk die Mehrheit erhielten; für die Bolschewiki über 160000, wobei die Bolschewiki in dem proletarischsten Bezirk der Hauptstadt, auf der Wiborger Seite, die absolute Mehrheit erhielten. Die verbleibende (unbedeutende) Stimmenzahl verteilte sich auf 30 "parteilose", "überparteiliche" und alle möglichen anderen zufälligen Gruppen und Gebilde.

Das ist die Antwort des Wählers.

Was besagt sie nun?

Das erste, was ins Auge springt, ist die Schwäche und Hinfälligkeit der parteilosen Gruppen. Das Märchen, der russische Durchschnittsbürger sei "von Natur aus" parteilos, ist durch die Wahlen endgültig entlarvt worden. Die politische Rückständigkeit, die den Nährboden der parteilosen Gruppen bildete, gehört jetzt offenbar der Vergangenheit an. Die Wähler haben in ihrer Masse eindeutig den Weg des offenen politischen Kampfes eingeschlagen.

Die zweite Besonderheit ist die völlige Niederlage der Kadetten. Wie sich, die Kadetten auch drehen und wenden mögen, sie müssen anerkennen, dass sie bei freien Wahlen im ersten offenen Kampf aufs Haupt geschlagen worden sind und keine einzige Bezirksduma in die Hand bekommen haben. Noch vor kurzem betrachteten die Kadetten Petrograd als ihre Domäne. Sie schrieben wiederholt in ihren Aufrufen, Petrograd "erweist nur der Partei der Volksfreiheit Vertrauen", wobei sie sich auf die Wahlen zur Reichsduma auf Grund des Gesetzes vom 3. Juni beriefen. Jetzt ist endgültig klar geworden, dass die Kadetten in Petrograd Herrscher von Gnaden des Zaren und seines Wahlgesetzes waren. Das alte Regime ist kaum vom Schauplatz verschwunden und - im Nu haben die Kadetten den Boden unter den Füßen verloren.

Kurzum: Die demokratischen Wähler in ihrer Masse sind nicht für die Kadetten.

Die dritte Besonderheit ist das zutage getretene unverkennbare Anwachsen unserer Kräfte, der Kräfte unserer Partei. Unsere Partei hat in Petrograd 23000 bis 25000 Mitglieder; die "Prawda" hat eine Auflage von 90000 bis 100000 Exemplaren, wovon 70000 allein auf Petrograd entfallen; bei den Wahlen aber haben wir über 160000 Stimmen erhalten, das heißt siebenmal soviel wie die Zahl der Parteimitglieder und doppelt soviel wie die Auflage der "Prawda" in Petrograd. Und dies angesichts des höllischen Geheuls und der Hetze gegen die Bolschewiki, womit fast die gesamte so genannte Presse, von den Boulevardblättern "Birshowka" und "Wetschorka" an bis zur ministeriellen "Wolja Naroda"[31] und zur "Rabotschaja Gaseta", den Durchschnittsbürger terrorisierte. Es steht außer Zweifel, dass in einer solchen Situation nur die standhaftesten, durch keinerlei Schauermärchen zu beeinflussenden revolutionären Elemente für unsere Partei stimmen konnten. Zu ihnen gehören vor allem der Führer der Revolution, das Proletariat, das uns das Übergewicht in der Wiborger Duma gegeben hat, und dann die treuesten Bundesgenossen des Proletariats, die revolutionären Regimenter. Ferner muss bemerkt werden, dass die freien Wahlen frische, im politischen Kampf noch unerfahrene breite Bevölkerungsschichten an die Urnen geführt haben. Das sind vor allem die Frauen und dann die Zehn-tausende von kleinen Beamten, die die Ministerien füllen, weiter die Unzahl von "kleinen Leuten", Handwerkern, Krämern und dergleichen mehr. Wir hatten keineswegs darauf gerechnet und konnten nicht darauf rechnen, dass diese Schichten imstande sein werden, schon jetzt mit der "alten Welt" zu brechen und entschlossen den Standpunkt des revolutionären Proletariats zu beziehen. Sie aber haben eigentlich das Schicksal der Wahlen entschieden. Wenn sie imstande waren, den Kadetten den Rücken zu kehren - und das haben sie getan-, so ist das bereits ein großer Fortschritt.

Kurzum: Die Wähler in ihrer Masse sind bereits von den Kadetten abgerückt, aber noch nicht bei unserer Partei angelangt- sie sind auf halbem Wege stehen geblieben. Dafür haben sich die entschlossensten Elemente, die revolutionären Proletarier und die revolutionären Soldaten, bereits um unsere Partei geschart.

Die Wähler in ihrer Masse sind auf halbem Wege stehen geblieben. Und sofort haben sie dort, auf halbem Wege, den rechten Führer gefunden - den Block der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre. Da sich die kleinbürgerlichen Wähler in der heutigen Lage nicht zurechtgefunden haben und zwischen Proletariat und Kapitalisten umherirren, fühlten sie sich, nachdem sie den Glauben an die Kadetten verloren hatten, natürlicherweise zu den endgültig verhedderten und hilflos zwischen Revolution und Konterrevolution lavierenden Menschewiki und Sozialrevolutionären hingezogen. Gleich und gleich gesellt sich gern! Das ist der ganze Sinn des "glänzenden Sieges" des Blocks der "Vaterlandsverteidiger". Das ist aber auch die vierte Besonderheit der Wahlen. Zweifellos wird die buntscheckige Armee des Blocks mit dem weiteren Anwachsen der Revolution unweigerlich dahin schmelzen, wird zum Teil zu den Kadetten zurückgehen, zum Teil vorwärts schreiten zu unserer Partei. Vorläufig aber ... vorläufig können sich die Führer des Blocks ihres "Sieges" freuen.

Die fünfte und letzte Besonderheit der Wahlen schließlich - die letzte nicht ihrer Bedeutung nach! - liegt darin, dass sie konkret die Frage der Macht im Lande aufgeworfen haben. Die Wahlen haben endgültig klargestellt, dass die Kadetten in der Minderheit sind, denn sie haben mit Mühe und Not 20 Prozent der Stimmen aufgebracht. Die gewaltig Mehrheit, mehr als 70 Prozent, steht hinter den Sozialisten des rechten und des linken Flügels, das heißt hinter den Sozialrevolutionären und Menschewiki und hinter den Bolschewiki. Man sagt, die Petrograder Kommunalwahlen seien der Prototyp der kommenden Wahlen zur Konstituierenden Versammlung. Aber wenn das stimmt, ist es dann nicht ungeheuerlich, dass die Kadetten, die eine unbedeutende Minderheit im Lande bilden, in der Provisorischen Regierung die gewaltige Mehrheit haben? Wie kann man angesichts des ausgesprochenen Misstrauens der Mehrheit der Bevölkerung gegen die Kadetten die Herrschaft der Kadetten in der Provisorischen Regierung dulden? Ist nicht dieses Missverhältnis die Ursache jener anwachsenden Unzufriedenheit mit der Provisorischen Regierung, die im Lande immer häufiger zum Durchbruch kommt?

Ist es nicht klar, dass eine weitere Beibehaltung dieses Missverhältnisses ebenso unvernünftig wie undemokratisch ist?

"Bulletins des Pressebüros
beim ZK der SDAPR" Nr. 1,
15. Juni 1917.
Unterschrift: K. Stalin.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis