"Stalin"

Werke

Band 3

AUF DER DEMONSTRATION

Ein klarer sonniger Tag. Endlos der Zug der Demonstranten. Vom Morgen bis zum Abend ziehen die Kolonnen zum Marsfeld. Ein endloser Fahnenwald. Alle Betriebe und Geschäfte sind geschlossen. Der Verkehr stockt. Mit gesenkten Fahnen ziehen die Demonstranten an den Gräbern vorbei. Die "Marseillaise" und die "Internationale" wechseln mit dem Lied "Unsterbliche Opfer". Die Luft erdröhnt von den Rufen. Immer wieder ertönt es: "Nieder mit den zehn kapitalistischen Ministern!", "Alle Macht dem Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten!" Als Antwort erklingt von allen Seiten lautes, zustimmendes "Hurra!".

Was beim Anblick der Demonstration auffällt, ist die Abwesenheit der Bourgeoisie und der Mitläufer. Zum Unterschied vom Aufmarsch am Beisetzungstage, als die Arbeiter in einem Meer von Spießern und Kleinbürgern untergingen, war die Demonstration vom 18. Juni rein proletarisch, denn ihre Hauptteilnehmer waren Arbeiter und Soldaten. Die Kadetten hatten schon am Vorabend der Demonstration den Boykott erklärt und durch ihr ZK aufgefordert, der Demonstration "fernzubleiben". Und in der Tat, die Bourgeois nahmen nicht nur nicht teil, sie hatten sich buchstäblich versteckt. Der stets belebte und geräuschvolle Newski-Prospekt war an diesem Tage von den üblichen bürgerlichen Müßiggängern absolut leer.

Kurzum. Es war eine wirklich proletarische Demonstration der revolutionären Arbeiter, denen die revolutionären Soldaten folgten.

Bündnis der Arbeiter und Soldaten gegen die geflüchteten Bourgeois, bei Neutralität des Kleinbürgers - das war das äußere Bild der Demonstration vom 18. Juni.

Keine Manifestation, sondern eine Demonstration

Die Demonstration vom 18. Juni war kein einfacher Spaziergang, keine Parademanifestation, wie es zweifellos die Manifestation am Beisetzungstage war. Dies war eine Protestdemonstration, eine Demonstration der lebendigen Kräfte der Revolution zu dem Zweck, das Kräfteverhältnis zu ändern. Es ist äußerst charakteristisch, dass die Demonstranten sich nicht allein darauf beschränkten, ihren Willen kundzutun, sondern die sofortige Freilassung des Genossen Chaustow (Ein Fähnrich, bolschewistischer Sozialdemokrat, Namensvetter eines sozialdemokratischen menschewistischen Arbeiters, der Mitglied der IV. Reichsduma war.), eines früheren Mitarbeiters der "Okopnaja Prawda"[33], forderten. Wir meinen hier die Allrussische Konferenz der Militärorganisationen unserer Partei, die sich an der Demonstration beteiligte und vom Exekutivkomitee, vertreten durch Tschcheidse, die Freilassung des Genossen Chaustow forderte, wobei Tschcheidse versprach, alle Maßnahmen zu treffen, um ihn "heute noch" auf freien Fuß zu setzen.

Der ganze Charakter der Losungen, in denen der Protest gegen die "Befehle" der Provisorischen Regierung, gegen ihre ganze Politik zum Ausdruck kam, zeugt mit unzweifelhafter Deutlichkeit davon, dass sich die "friedliche Manifestation", die man zu einem harmlosen Spaziergang machen wollte, in eine machtvolle Demonstration verwandelt hat, die einen Druck auf die Regierung ausübt.

Misstrauen gegen die Provisorische Regierung

Eine ins Auge springende Besonderheit: Kein einziges Werk, keine einzige Fabrik, kein einziges Regiment hatte die Losung "Vertrauen zur Provisorischen Regierung" aufgestellt. Selbst die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre hatten vergessen (eher nicht gewagt!), diese Losung aufzustellen. Sie hatten alles, was man will: "Nieder mit der Spaltung", "Für die Einheit", "Unterstützt den Sowjet", "Für die allgemeine Schulpflicht" (wem´s nicht passt, der hör´ nicht hin) - nur die Hauptsache fehlte: Vertrauen zur Provisorischen Regierung, sei es auch mit dem kleinen schlauen Vorbehalt "insoweit wie". Nur drei Gruppen hatten gewagt, die Vertrauenslosung aufzustellen, aber auch die mussten es bereuen. Das waren eine Gruppe von Kosaken, die Gruppe des "Bund" und Plechanows Gruppe "Jedinstwo". "Die heilige Dreieinigkeit" spotteten die Arbeiter auf dem Marsfeld. Zwei dieser Gruppen ("Bund" und "Jedinstwo") wurden von den Arbeitern und Soldaten unter "Nieder"rufen gezwungen, ihre Fahnen einzurollen. Den Kosaken, die sich weigerten, ihre Fahnen einzurollen, wurden sie zerrissen. Und eine anonyme Fahne mit dem "Vertrauen", "frei in der Luft" über dem Eingang zum Marsfeld aufgespannt, wurde von einer Arbeiter- und Soldatengruppe zerfetzt, unter beifälligen Zurufen des Publikums: "Das Vertrauen zur Provisorischen Regierung hängt in der Luft."

Kurzum. Die überwältigende Mehrheit der Demonstranten hegte Misstrauen gegen die Regierung, während die Menschewiki und Sozialrevolutionäre offenbar zu feige sind, "gegen den Strom" anzukämpfen - das ist der Grundton der Demonstration.

Bankrott der Politik des Paktierens

Von allen Losungen waren am populärsten: "Alle Macht dem Sowjet", "Nieder mit den zehn kapitalistischen Ministern", "Weder Separatfrieden mit Wilhelm noch Geheimverträge mit den englisch-französischen Kapitalisten", "Es lebe die Kontrolle und die Organisierung der Produktion", "Nieder mit der Duma, nieder mit dem Staatsrat", "Fort mit den soldatenfeindlichen Befehlen", ,,Verkündet gerechte Friedensbedingungen" und andere. Die gewaltige Mehrheit der Demonstranten war also mit unserer Partei solidarisch. Selbst Regimenter wie das Wolhynische und das Kexholmer waren mit der Losung aufmarschiert: "Alle Macht dem Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten!" Die Mitglieder der Mehrheit des Exekutivkomitees, die nicht mit der Soldatenmasse, sondern nur mit den Regimentskomitees zu tun haben, waren ob dieser "Überraschung" aufrichtig verblüfft.

Kurzum. Die gewaltige Mehrheit der Demonstranten (es waren insgesamt 400000 bis 500000) sprach der Politik des Paktierens mit der Bourgeoisie ihr offenes Misstrauen aus - die Demonstration stand im Zeichen der revolutionären Losungen unserer Partei.

Zweifel sind ausgeschlossen: Das Märchen von einer "Verschwörung" der Bolschewiki ist endgültig entlarvt. Eine Partei, die das Vertrauen der gewaltigen Mehrheit der Arbeiter und Soldaten der Hauptstadt genießt, bedarf keiner "Verschwörungen". Nur ein böses Gewissen oder politisches Analphabetentum konnte den "Schöpfern der hohen Politik" die "Idee" einer bolschewistischen "Verschwörung" eingeben.

"Prawda" Nr. 86,
20.7uni 1917.
Unterschrift: K. St.

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