"Stalin"

Werke

Band 3

REDEN AUF DER AUSSERORDENTLICHEN
KONFERENZ DER PETROGRADER ORGANISATION
DER SDAPR (BOLSCHEWIKI)

16.-20. Juli 1917[36]

1. RECHENSCHAFTSBERICHT DES
ZENTRALKOMITEES ÜBER DIE JULIEREIGNISSE

16. Juli

Genossen!

Unsere Partei, insbesondere das Zentralkomitee unserer Partei, wird beschuldigt, die Aktion vom 3. und 4. Juli ausgelöst und organisiert zu heben, um das Zentralexekutivkomitee der Sowjets zu zwingen, die Macht in seine Hände zu nehmen, und, falls es nicht gewillt wäre, die Macht zu übernehmen, sie selber zu ergreifen.

Vor allem muss ich diese Beschuldigungen widerlegen. Am 3. Juli drangen zwei Vertreter eines Maschinengewehrregiments in die Sitzung der Konferenz der Bolschewiki ein und erklärten, das 1. Maschinengewehrregiment trete in Aktion. Sie erinnern sich, wie wir den Delegierten erklärten, dass Parteimitglieder nicht gegen den Beschluss ihrer Partei handeln dürfen, worauf die Vertreter des Regiments protestierten und ihrerseits erklärten, sie würden lieber aus der Partei austreten als gegen die Beschlüsse ihres Regiments handeln.

Das Zentralkomitee unserer Partei hielt eine Aktion der Arbeiter und Soldaten in Petrograd in der gegebenen Situation für unzweckmäßig. Das ZK hielt sie für unzweckmäßig, da es klar war, dass die von der Regierung geplante Offensive an der Front ein abenteuerliches Unternehmen ist, dass die Soldaten, ohne zu wissen, um welcher Ziele willen man sie vorschickt, nicht in den Angriff gehen werden, dass die Feind der Revolution im Falle einer Aktion unsererseits in Petrograd imstand wären, die Schuld am Scheitern der Frontoffensive uns in die Schuhe zu schieben. Wir wollten, dass die Verantwortung für das Versagen der Offensive an der Front auf diejenigen fällt, die in Wahrheit an diesem Abenteuer schuld sind.

Aber die Aktion begann. Die Maschinengewehrschützen entsandten Delegierte in die Betriebe. Gegen sechs Uhr standen wir vor der Tatsache einer Aktion gewaltiger Arbeiter- und Soldatenmassen. Gegen fünf Uhr hatte ich in der Sitzung des Zentralexekutivkomitees der Sowjets im Namen des Zentralkomitees der Partei und der Konferenz offiziell erklärt, dass wir beschlossen haben, keine Aktion zu unternehmen. Wenn man uns dennoch der Organisierung der Aktion beschuldigt, so ist das eine Lüge, wie sie nur niederträchtige Verleumder verbreiten können.

Die Aktion kam ins Rollen. Hatte die Partei das Recht, ihre Hände in Unschuld zu waschen und abseits zu stehen? Da wir die Möglichkeit noch ernsterer Komplikationen berücksichtigen mussten, hatten wir nicht das Recht, unsere Hände in Unschuld zu waschen; als Partei des Proletariats waren wir verpflichtet, in die Aktion einzugreifen und ihr einen friedlichen und organisierten Charakter zu verleihen, ohne uns die bewaffnete Machtergreifung zum Ziel zu setzen.

Ich will Ihnen analoge Fälle aus der Geschichte unserer Arbeiterbewegung ins Gedächtnis rufen. Als am 9. Januar 1905 Gapon die Massen zum Zaren führte, lehnte es die Partei nicht ab, mit der Masse zu gehen, obgleich sie wusste, dass man der Teufel weiß wohin ging. Heute, wo die Bewegung nicht unter den Losungen eines Gapon, sondern unter unseren Losungen vor sich ging, konnten wir der Bewegung umso weniger den Rücken kehren. Wir mussten eingreifen, als Regulator, als Partei, die die Bewegung im Zaum hält, um sie vor möglichen Komplikationen zu bewahren.

Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre erheben Anspruch auf die Führung der Arbeiterbewegung, aber sie haben keine Ähnlichkeit mit Leuten, die zur Führung der Arbeiterklasse fähig wären. Ihre Angriffe gegen die Bolschewiki enthüllen, dass sie absolut nicht verstehen, welches die Pflichten einer Partei der Arbeiterklasse sind. Was die letzte Aktion der Arbeiter betrifft, so urteilen sie wie Leute, die mit der Arbeiterklasse gebrochen haben.

In der Nacht beschlossen das Zentralkomitee unserer Partei, das Petersburger Komitee und die Militärorganisation, in diese spontane Bewegung der Soldaten und Arbeiter einzugreifen. Als die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre sahen, dass uns mehr als 400000 Soldaten und Arbeiter folgen, dass ihnen der Boden unter den Füßen schwindet, erklärten sie, die Aktion der Arbeiter und Soldaten sei eine Aktion gegen die Sowjets. Ich behaupte, dass am Abend des 4. Juli, als die Bolschewiki für Verräter der Revolution erklärt wurden, die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre die Revolution verraten, die revolutionäre Einheitsfront gesprengt und ein Bündnis mit der Konterrevolution geschlossen haben. Die Schläge, die sie den Bolschewiki versetzten, waren Schläge gegen die Revolution.

Am 5. Juli verhängten die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre den Kriegszustand, organisierten einen Stab und überantworteten alles der Militärclique. Wir, die wir für die uneingeschränkte Macht der Sowjets kämpfen, gerieten so in die Lage eines bewaffneten Gegners der Sowjets. Es entstand eine Lage, bei der die Truppen der Bolschewiki den Truppen der Sowjets hätten gegenüberstehen können. Es wäre Wahnwitz gewesen, wenn wir uns in einer solchen Lage auf einen Kampf eingelassen hätten. Wir sagten den Führern der Sowjets: Die Kadetten sind abgezogen, bildet einen Block mit den Arbeitern, die Regierung soll den Sowjets verantwortlich sein. Sie unternahmen jedoch einen verräterischen Schritt, sie boten gegen uns Kosaken, Offizierschüler, Pogromhelden und einige Frontregimenter auf, denen sie vorgelogen hatten, die Bolschewiki seien gegen die Sowjets losgezogen. Es ist selbstverständlich, dass wir unter solchen Umständen den Kampf, in den uns die Menschewiki und Sozialrevolutionäre drängen wollten, nicht aufnehmen durften. Wir beschlossen, uns zurückzuziehen.

Am 5. Juli fanden Verhandlungen mit dem Zentralexekutivkomitee der Sowjets statt, das durch Liber vertreten war. Liber stellte folgende Bedingung: Wir, das heißt die Bolschewiki, ziehen die Panzerautos vom Kszesinska-Palais zurück, die Matrosen verlassen die Peter-Pauls-Festung und kehren nach Kronstadt zurück. Wir willigten unter der Bedingung ein, dass das ZEK der Sowjets den Schutz unserer Parteiorganisationen vor eventuellen Überfällen übernimmt. Liber versicherte uns im Namen des Zentralexekutivkomitees, dass man unsere Forderungen erfüllen werde, dass das Kszesinska-Palais so lange zu unserer Verfügung bleibe, bis wir ständige Räume zugewiesen bekämen. Wir hielten unser Versprechen. Die Panzerautos wurden zurückgezogen, die Kronstädter willigten ein, nach Kronstadt zurückzukehren, aber nur mit der Waffe in der Hand. Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets dagegen erfüllte keine einzige der von ihm übernommenen Verpflichtungen. Am 6. Juli erhob der Militärbeauftragte der Sozialrevolutionäre, Kusmin, telefonisch die Forderung, das Kszesinska-Palais und die Peter-Pauls-Festung binnen dreiviertel Stunden zu räumen, andernfalls drohte Kusmin, bewaffnete Kräfte aufmarschieren zu lassen. Das Zentralkomitee unserer Partei beschloss, alles aufzubieten, um Blutvergießen zu vermeiden. Das Zentralkomitee delegierte mich in die Peter-Pauls-Festung, wo es mir gelang, die aus Matrosen bestehende Garnison zu überreden, sich auf keinen Kampf einzulassen, da die Lage sich so gewendet hatte, dass wir den Sowjets gegenüberstehen könnten. In meiner Eigenschaft als Vertreter des Zentralexekutivkomitees der Sowjets fahre ich mit dem Menschewik Bogdanow zu Kusmin. Bei Kusmin ist alles zum Kampf bereit: Artillerie, Kavallerie, Infanterie. Wir reden auf ihn ein, keine Waffengewalt anzuwenden. Kusmin ist unzufrieden, dass "die Zivilisten ihn ständig durch ihre Einmischung stören", und willigt nur ungern ein, sich der nachdrücklichen Forderung des Zentralexekutivkomitees der Sowjets zu fügen. Für mich ist es klar, dass die sozialrevolutionären Militärs Blut wollten, um den Arbeitern, Soldaten und Matrosen "eine Lektion" zu erteilen. Wir haben ihren tückischen Plan durchkreuzt.

Inzwischen ging die Konterrevolution zum Angriff über: Die "Prawda" und die Druckerei "Trud" wurden demoliert, unsere Genossen misshandelt und gemordet, unsere Zeitungen verboten usw. An der Spitze der Konterrevolution steht das Zentralkomitee der Kadettenpartei, hinter ihm stehen der Stab und das Offizierkorps der Armee, das heißt, die Vertreter derselben Bourgeoisie, die den Krieg weiterführen will, weil sie sich an ihm bereichert.

Die Konterrevolution festigte sich von Tag zu Tag. Sooft wir uns an das Zentralexekutivkomitee der Sowjets um Aufklärung wandten, so oft mussten wir uns davon überzeugen, dass es außerstande ist, Ausschreitungen zu verhüten, dass die Macht sich nicht in den Händen des ZEK, hindern in den Händen der kadettisch-militärischen Clique befindet, die der Konterrevolution den Ton angibt.

Die Minister purzeln wie die Puppen. An die Stelle des Zentralexekutivkomitees der Sowjets will man die außerordentliche Beratung in Moskau[37] schieben, in der die 280 Mitglieder des Zentralexekutivkomitees unter den Hunderten von offenen Vertretern der Bourgeoisie ertrinken werden wie Fliegen in der Milch.

Aus Angst vor dem Wachstum des Bolschewismus schließt das Zentralexekutivkomitee ein schändliches Bündnis mit der Konterrevolution und erfüllt ihre Forderungen: Auslieferung der Bolschewiki, Verhaftung der baltischen Delegation[38] Entwaffnung der revolutionären Soldaten und Arbeiter. Das wird alles sehr einfach gemacht: Durch provokatorische Schüsse verschafft sich die Clique der "Vaterlandsverteidiger" den Vorwand zur Entwaffnung und beginnt mit ihr. So verfuhr man zum Beispiel mit den Sestrorezker Arbeitern[39], die an der Aktion nicht teilgenommen hatten.

Das erste Merkmal jeder Konterrevolution ist die Entwaffnung der Arbeiter und der revolutionären Soldaten. Bei uns hat man diese schwarze konterrevolutionäre Arbeit durch Zereteli und andere "sozialistische Minister" aus dem Zentralexekutivkomitee der Sowjets verrichten lassen. Darin liegt die ganze Gefahr. Die "Regierung zur Rettung der Revolution" "festigt" die Revolution, indem sie die Revolution abwürgt.

Unsere Aufgabe besteht darin, Kräfte zu sammeln, die bestehenden Organisationen zu festigen und die Massen von verfrühten Aktionen zurückzuhalten. Im Interesse der Konterrevolution liegt es, uns jetzt zum Kampf herauszufordern, wir dürfen aber auf keine Provokation hereinfallen, wir müssen ein Höchstmaß an revolutionärer Ausdauer an den Tag legen. Das ist die allgemeine taktische Linie des Zentralkomitees unserer Partei.

Hinsichtlich der gegen unsere Führer gerichteten niederträchtigen Verleumdung, sie arbeiteten angeblich für deutsches Geld, vertritt das Zentralkomitee der Partei folgenden Standpunkt. In allen bürgerlichen Ländern wurden die revolutionären Führer des Proletariats in verleumderischer Weise des Verrats bezichtigt. In Deutschland war es Liebknecht, in Rußland Lenin . Das Zentralkomitee der Partei wundert sich nicht, dass die russischen Bourgeois zu diesem erprobten Kampfmittel gegen "nicht genehme Elemente" greifen. Die Arbeiter müssen offen erklären, dass sie ihre Führer für makellos halten, sich mit ihnen solidarisieren und an ihrem Werk mitarbeiten. Die Arbeiter selbst haben vom Petersburger Komitee den Entwurf eines Protests wider die Hetze gegen unsere Führer gefordert. Das Petersburger Komitee hat einen derartigen Entwurf ausgearbeitet, der mit den Unterschriften der Arbeiter ganz besät sein wird.

Unsere Gegner, die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, haben vergessen, dass die Geschehnisse nicht von Einzelpersonen, sondern von den unterirdisch wirkenden Kräften der Revolution hervorgerufen werden, und haben sich damit auf den Standpunkt der Ochrana gestellt.

Sie wissen, dass die "Prawda" seit dem 6. Juli verboten und die Druckerei "Trud" versiegelt ist, wobei von der Spionageabwehr erklärt wird, man werde die Druckerei nach Abschluss der Untersuchung aller Wahrscheinlichkeit nach wieder freigeben. Während der Betriebsstilllegung müssen den Setzern und Angestellten der "Prawda" und der Druckerei etwa 30000 Rubel ausgezahlt werden.

Nach den Juliereignissen, nach allem, was seitdem vorgefallen ist, können wir die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki nicht mehr als Sozialisten betrachten. Die Arbeiter nennen sie jetzt Sozial-Kerkermeister.

Nach alledem noch von Einheit mit den Sozial-Kerkermeistern reden zu wollen, wäre ein Verbrechen. Es muss eine andere Losung aufgestellt werden: Einheit mit dem linken Flügel der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, mit den Internationalisten, die noch eine Dosis revolutionärer Ehre bewahrt haben und bereit sind, gegen die Konterrevolution zu kämpfen.

Das ist die Linie des ZK der Partei.

2. BERICHT ÜBER DIE GEGENWÄRTIGE LAGE

16. Juli

Genossen!

Das charakteristische Merkmal der gegenwärtigen Lage ist die Krise der Staatsmacht. Um diese Frage gruppieren sich andere, zweitrangige Fragen. Die Krise der Staatsmacht wird durch deren Labilität bestimmt: Sie ist der Moment eingetreten, wo die Befehle der Regierung entweder mit Gelächter oder mit Gleichgültigkeit aufgenommen werden und niemand sie befolgen will. Das Misstrauen gegen die Regierung dringt tief in die Bevölkerung ein. Die Staatsmacht wankt. Das ist die Grundlage der Machtkrise.

Wir erleben jetzt die dritte Krise der Macht. Die erste Krise war die Krise der Zarenmacht, die es nicht mehr gibt. Die zweite Krise war die Krise der ersten Provisorischen Regierung, die Miljukows und Gutschkows Austritt aus der Regierung zur Folge hatte. Die dritte Krise ist die Krise der Koalitionsregierung, mit der die Labilität der Staatsmacht ihren Höhepunkt erreicht hat. Die sozialistischen Minister stellen Kerenski ihre Portefeuilles zur Verfügung, und die Bourgeoisie drückt Kerenski ihr Misstrauen aus. Es wurde ein Kabinett gebildet, das sich schon am nächsten Tage in derselben labilen Lage befand.

Als Marxisten müssen wir die Krise der Macht nicht nur vom formalen Standpunkt, sondern vor allem vom Klassenstandpunkt aus betrachten. Krise der Staatsmacht bedeutet einen erbitterten, offenen Kampf der Klassen um die Macht. Die erste Krise hatte zur Folge, dass an die Stelle der Macht der Gutsbesitzer die Macht der Bourgeoisie trat, unterstützt von den Sowjets, die die Interessen des Proletariats und des Kleinbürgertums "vertreten". Die zweite Krise hatte zur Folge, dass ein Pakt zwischen der Großbourgeoisie und dem Kleinbürgertum in Gestalt der Koalitionsregierung zustande kam. Während der ersten wie auch während der zweiten Krise bekämpften die Machtorgane die revolutionären Arbeiteraktionen (27. Februar und 20.-21. April). Die zweite Krise endete "zugunsten" der Sowjets mit dem Eintritt von "Sozialisten" aus den Sowjets in die bürgerliche Regierung. Bei der dritten Krise stellten die Soldaten und Arbeiter offen die Frage der Machtübernahme durch die Werktätigen - durch die kleinbürgerliche und die proletarische Demokratie, unter Entfernung aller kapitalistischen Elemente aus der Regierung.

Wodurch ist die dritte Krise hervorgerufen worden?

Jetzt wird die ganze "Schuld" den Bolschewiki in die Schuhe geschoben. Die Aktion vorn 3. und 4. Juli soll angeblich zur Verschärfung der Krise beigetragen haben. Schon Karl Marx sagte, dass jeder Schritt vorwärts, den die Revolution macht, bei der Konterrevolution einen Gegenschritt, einen Schritt zurück hervorruft. Die Bolschewiki sehen in der Aktion vom 3. und 4. Juli einen revolutionären Schritt und rechnen sich das, was ihnen die sozialistischen Renegaten vorwerfen: Pioniere der Vorwärtsbewegung zu sein, als Ehre an. Allein diese Krise der Macht wurde nicht zugunsten der Arbeiter gelöst. Wer trägt daran die Schuld? Wenn die Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Arbeiter und Bolschewiki unterstützt hätten, dann wäre die Konterrevolution besiegt worden, aber sie schlugen gegen die Bolschewiki los, zerschlugen die Einheitsfront der Revolution, und die Krise begann sich unter Bedingungen zu entwickeln, die nicht nur für die Bolschewiki, sondern auch für sie, die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki, ungünstig waren.

Das war der erste Faktor, der die Krise verschärfte.

Der zweite Faktor war der Austritt der Kadetten aus der Regierung. Die Kadetten witterten, dass sich die Lage zu verschlechtern droht, dass die Wirtschaftskrise immer mehr um sich greift, dass wenig Geld da ist, und sie beschlossen deshalb, sich aus dem Staube zu machen. Ihr Austritt war die Fortsetzung des Konowalowschen Boykotts. Als die Kadetten die Labilität der Regierung entdeckt hatten, verließen sie als erste die Regierung.

Der dritte Faktor, der die Krise der Staatsmacht aufdeckte und verschärfte, war die Niederlage unserer Truppen an der Front. Die Frage des Krieges ist gegenwärtig die Kardinalfrage, um die sich alle anderen Fragen des innen- und außenpolitischen Lebens des Landes drehen. Und an dieser Kardinalfrage ist die Regierung gescheitert. Es war von vornherein klar, dass die Offensive an der Front ein abenteuerliches Unternehmen war. Es geht das Gerücht, wir hätten Hunderttausende an Gefangenen verloren, die Soldaten seien in regelloser Flucht begriffen. Es hieße den Einfluss der Bolschewiki übertreiben, wollte man die "Zerrüttung" an der Front einzig und allein der bolschewistischen Agitation zuschreiben. Keine Partei wäre imstande, eine solche Last zu stemmen. Wie will man es erklären, dass unsere Partei mit ihren rund 200000 Mitgliedern imstande gewesen sein soll, die Armee "zu zersetzen", während das Zentralexekutivkomitee der Sowjets, das 20 Millionen Staatsbürger vereinigt, außerstande war, seinen Einfluss auf die Armee zu bewahren? Die Sache ist eben die, dass die Soldaten nicht Krieg führen wollen, ohne zu wissen, wofür sie sich schlagen, dass sie erschöpft sind, dass ihnen die Frage der Aufteilung des Bodens keine Ruhe lässt usw. Es heißt an Wunder glauben, wenn man meint, man könnte die Soldaten unter solchen Umständen in den Kampf führen. Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets hatte die Möglichkeit, in der Armee eine viel stärkere Agitation zu entfalten als wir, und es entfaltete sie auch tatsächlich, nichtsdestoweniger aber hat sich die großartige Elementargewalt des Kampfes gegen den Krieg Bahn gebrochen. Nicht wir sind daran schuld, "schuld" ist die Revolution, die jedem Bürger das Recht gegeben hat, Antwort auf die Frage zu erhalten: Worum wird der Krieg geführt?

Drei Faktoren haben somit die Krise der Macht hervorgerufen:

1. die Unzufriedenheit der Arbeiter und Soldaten mit der Regierung, deren Politik ihnen zu rechts war;

2. die Unzufriedenheit der Bourgeoisie mit der Regierung, deren Politik sie als zu links betrachtet, und

3. die Misserfolge an der Front.

Das sind die äußeren Kräfte, die die Krise der Macht hervorriefen.

Die Hauptursache von allem aber, die unterirdische Kraft, die die Krise bewirkte, war die durch den Krieg hervorgerufene wirtschaftliche Zerrüttung des Landes. Nur auf diesem Boden konnten die drei Faktoren aufkommen, die die Macht der Koalitionsregierung ins Wanken gebracht haben.

Wenn die Krise den Kampf der Klassen um die Macht bedeutet, so müssen wir als Marxisten fragen: Welche Klasse steigt denn jetzt zur Macht auf? Die Tatsachen zeugen davon, dass die Arbeiterklasse zur Macht aufsteigt. Es ist klar, dass die Klasse der Bourgeoisie sie nicht kampflos an die Macht gelangen lassen wird. Das Kleinbürgertum, das in Rußland die Mehrheit der Bevölkerung ausmacht, schwankt, es vereinigt sich bald mit uns, bald mit den Kadetten, und bildet somit das Zünglein an der Waage. Das ist der Klasseninhalt der gegenwärtigen Krise der Macht.

Wer wird nun besiegt, und wer geht als Sieger aus der jetzigen Krise hervor? Es liegt auf der Hand, dass im vorliegenden Falle die Bourgeoisie in Gestalt der Kadetten die Macht ergreift. Als die Kadetten aus der Regierung ausgetreten waren, geriet die Macht für einen Augenblick in die Hände des Zentralexekutivkomitees der Sowjets, aber dieses verzichtete auf die Macht und beauftragte Regierungsmitglieder mit der Kabinettsbildung. Gegenwärtig ist das Zentralexekutivkomitee ein Anhängsel der Regierung, die Minister wechseln fortwährend, nur Kerenski ist geblieben. Irgendjemand diktiert seinen Willen, den sowohl die Minister als auch das Zentralexekutivkomitee der Sowjets ausführen müssen. Es liegt auf der Hand, dass dies der Wille der organisierten Bourgeoisie, vor allem der der Kadetten ist. Die Bourgeoisie diktiert ihre Bedingungen: Sie fordert, dass nur "Vertreter der Geschäftswelt" am Ruder stehen und nicht Parteienvertreter, sie verlangt, dass das Agrarprogramm Tschernows zurückgezogen, dass die Regierungsdeklaration vom 8. Juli[40] geändert werde und dass die Bolschewiki aus allen Machtorganen entfernt werden. Das Zentralexekutivkomitee weicht vor der Bourgeoisie zurück und willigt in ihre Bedingungen ein.

Wie konnte es geschehen, dass die gestern noch zurückweichende Bourgeoisie heute dem Zentralexekutivkomitee der Sowjets Befehle erteilt? Die Sache ist die, dass nach der Niederlage an der Front der Kredit der Regierung bei den ausländischen Bankiers gesunken ist. Einige Anzeichen, die ernste Beachtung verdienen, lassen darauf schließen, dass hier der englische Botschafter Buchanan und die Bankiers ihre Hand im Spiel haben und der Regierung den Kredit verweigern, falls sie ihre "sozialistischen" Anwandlungen nicht aufgibt.

Das ist der erste Grund.

Der zweite Grund ist der, dass die Front der Bourgeoisie besser organisiert ist als die Front der Revolution. Als die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre sich mit der Bourgeoisie vereinigten und gegen die Bolschewiki losschlugen, da begriff die Konterrevolution, dass die Einheitsfront der Revolution gesprengt war. In militärischen und finanzimperialistischen Cliquen organisiert, mit dem Zentralkomitee der Kadettenpartei an der Spitze, stellte die Konterrevolution den "Vaterlandsverteidigern" eine ganze Reihe von Forderungen. Um die eigene Macht zitternd, beeilten sich die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, den Forderungen der Konterrevolution nachzukommen.

Das ist der Hintergrund, auf dem der Sieg der Konterrevolution zustande kam.

Es ist klar, dass im Augenblick die Konterrevolution die Bolschewiki besiegt hat, weil die Bolschewiki, von den Menschewiki und Sozialrevolutionären verraten, isoliert dastehen. Klar ist aber auch, dass der für uns günstige Zeitpunkt kommen wird, wo wir in der Lage sein werden, der Bourgeoisie die Entscheidungsschlacht zu liefern.

Es gibt zwei Zentren der Konterrevolution. Das eine Zentrum ist die Partei der organisierten Bourgeoisie, sind die Kadetten, die sich hinter den für die "Vaterlandsverteidigung" eintretenden Sowjets verschanzen. Sein ausführendes Organ ist der Stab mit prominenten Generälen an der Spitze, die alle Fäden des Offizierkorps in der Hand halten. Das zweite Zentrum ist die imperialistische Finanzclique, die mit England und Frankreich liiert ist und alle Fäden des Kredits in der Hand hält. Es ist kein Zufall, dass Jefremow, Mitglied der interparlamentarischen Kommission, in deren Händen der Kredit liegt, in die Regierung aufgenommen wurde.

Alle die oben erwähnten Tatsachen haben den Sieg der Konterrevolution über die Revolution herbeigeführt.

Wie sind nun die Aussichten? Solange der Krieg andauert - und er wird andauern; solange die Zerrüttung der Industrie nicht überwunden wird - und sie wird nicht überwunden werden, denn mit Repressalien gegen Soldaten und Arbeiter kann sie nicht überwunden werden, heroische Maßnahmen aber können die herrschenden Klassen nicht treffen; solange die Bauern kein Land bekommen - und sie werden keins bekommen, weil sogar Tschernow mit seinem gemäßigten Programm in die Regierung nicht hineinpasste - solange es dies alles gibt, werden Krisen unvermeidlich sein, werden die Massen noch mehr als einmal auf die Straße gehen, wird es zu entscheidenden Kämpfen kommen.

Die friedliche Entwicklungsperiode der Revolution ist zu Ende. Eine neue Periode, eine Periode heftiger Konflikte, Zusammenstöße und Kämpfe hat begonnen. Das Leben wird brodeln, eine Krise wird die andere ablösen. Die Soldaten und die Arbeiter werden nicht schweigen. Selbst gegen das Verbot der "Okopnaja Prawda" haben zwanzig Regimenter Protest erhoben. Die Krise ist damit noch nicht beigelegt, dass man neue Minister in die Regierung hinein geschoben hat. Die Arbeiterklasse ist nicht verblutet. Die Arbeiterklasse war klüger, als die Gegner geglaubt hatten: Als sie erkannte, dass die Sowjets Verrat übten, ließ sie sich am 4. und 5. Juli auf eine Schlacht nicht ein. Die Agrarrevolution aber beginnt sich eben erst zu entfalten.

Den kommenden Schlachten müssen wir würdig und organisiert begegnen.

Unsere Hauptaufgaben müssen sein:

1. die Arbeiter, Soldaten und Bauern zur Ausdauer, Standhaftigkeit und Organisiertheit aufzurufen;

2. unsere Organisationen zu erneuern, zu festigen und auszubauen;

3. keine legalen Möglichkeiten zu verschmähen, denn keine Konterrevolution kann uns ernstlich in die Illegalität drängen.

Die Zeit ungezügelter Terrorüberfälle ist vorbei, es beginnt eine Periode "gesetzlicher" Verfolgungen, und Wir müssen jede legale Möglichkeit ergreifen und ausnutzen.

Im Zusammenhang damit, dass die Bolschewiki jetzt isoliert dastehen, da die Mehrheit des ZEK der Sowjets ein Bündnis mit der Konterrevolution geschlossen und uns somit verraten hat, erhebt sich die Frage, wie wir uns zu den Sowjets und ihrer Mehrheit, den Menschewiki und den Sozialrevolutionären, stellen sollen. In der Sitzung des Zentralexekutivkomitees hat Martow gegen Goz und Dan den Vorwurf erhoben, sie seien mit Beschlüssen gekommen, die bereits in einer Versammlung der Schwarzhunderter und der Kadetten angenommen worden waren. Die gegen die Bolschewiki gerichteten Verfolgungen haben gezeigt, dass sie ohne Verbündete geblieben sind. Die Nachricht von der Verhaftung unserer Führer und dem Verbot unserer Zeitungen wurde von den Menschewiki und den Sozialrevolutionären mit einem Beifallssturm aufgenommen. Es hieße der Konterrevolution die Hand reichen, wollte man danach noch von einer Einheit mit den Menschewiki und den Sozial-revolutionären reden.

Ich bringe das hier zur Sprache, weil hier und da in Betrieben der Versuch gemacht wird, ein Bündnis der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre mit den Bolschewiki zustande zu bringen. Das ist eine verschleierte Form des Kampfes gegen die Revolution, denn durch ein Bündnis mit den "Vaterlandsverteidigern" kann man die Revolution zugrunde richten. Es gibt unter den Menschewiki und den Sozialrevolutionären Elemente, die bereit sind, gegen die Konterrevolution zu kämpfen (die Kamkowleute[41] bei den Sozialrevolutionären, die Martowleute bei den Menschewiki), und wir sind bereit, uns im Rahmen einer revolutionären Einheitsfront mit ihnen zu vereinigen.

3. ANTWORTEN AUF
SCHRIFTLICH GESTELLTE FRAGEN

16. Juli

1. Frage Maslowskis: Inwieweit wird unsere Partei bei kommenden Konflikten und eventuellen bewaffneten Aktionen mitwirken, und wird sie sich an die Spitze eines bewaffneten Protestes stellen?

Antwort Stalins: Es ist anzunehmen, dass die Aktionen bewaffnete Aktionen sein werden, man muss auf alles gefasst sein. Die kommenden Konflikte werden heftiger sein, und die Partei darf ihre Hände nicht in Unschuld waschen. Saln hat die Partei im Namen des lettischen Bezirks beschuldigt, nicht die Führung der Bewegung übernommen zu haben. Aber das trifft nicht zu, weil sich die Partei doch gerade die Aufgabe gestellt hatte, die Bewegung in friedliche Bahnen zu lenken. Man kann uns den Vorwurf machen, wir wären nicht bestrebt gewesen, die Macht zu übernehmen. Wir hätten am 3. und 4. Juli die Macht ergreifen können, wir hätten das Zentralexekutivkomitee der Sowjets veranlassen können, unsere Macht zu sanktionieren. Aber es fragt sich, ob wir die Macht auch hätten behaupten können. Gegen uns hätten sich die Front, die Provinz, eine Reihe von örtlichen Sowjets erhoben. Ohne die Unterstützung der Provinz hätte die Macht keinen Boden unter den Füßen gehabt. Wir würden uns blamiert haben, wenn wir unter solchen Umständen die Macht ergriffen hätten.

 

2. Frage lwanows: Wie stellen wir uns zu der Losung "Die Macht den Sowjets!"? Wäre es nicht an der Zeit zu sagen: "Diktatur des Proletariats"

Antwort Stalins: Wenn eine Krise der Staatsmacht beigelegt wird, so bedeutet dies, dass eine bestimmte Klasse, im gegebenen Falle die Bourgeoisie, an die Macht gelangt ist. Dürfen wir bei der alten Losung bleiben: "Alle Macht den Sowjets!"? Selbstverständlich nicht. Den Sowjets die in Wirklichkeit stillschweigend Hand in Hand mit der Bourgeois´ gehen, die Macht übergeben, hieße den Feinden in die Hände arbeiten Wenn wir siegen, können wir die Macht nur der Arbeiterklasse über geben, die von den ärmsten Schichten des Dorfes unterstützt wird. Wir müssen eine andere, zweckmäßigere Organisationsform für die Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten zur Anwendung bringen. Die Form der Macht bleibt die alte, doch ändern wir den Klasseninhalt dieser Ordnung und sagen in der Sprache des Klassenkampfes: Alle Macht in die Hände der Arbeiter und der ärmsten Bauern, die eine revolutionäre Politik betreiben werden.

 

3. Frage eines Unbekannten : Wie müssen wir uns verhalten, falls das ZEK der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten erklären sollte, dass sich die Minderheit der Mehrheit zu unterwerfen habe? Werden wir dann aus dem ZEK der Sowjets austreten oder nicht?

Antwort Stalins: Ein entsprechender Beschluss liegt bereits vor. Die bolschewistische Fraktion hat eine Beratung abgehalten, in der eine in dein Sinne gehaltene Antwort ausgearbeitet wurde, dass wir als Mitglieder des ZEK der Sowjets uns allen Beschlüssen des Zentralexekutivkomitees unterwerfen und nicht gegen sie auftreten, als Mitglieder der Partei aber selbständig auftreten können, da wir nicht daran zweifeln, dass die Existenz der Sowjets die selbständige Existenz der Parteien nicht aufhebt. Morgen wird unsere Antwort in der Sitzung des Zentralexekutivkomitees bekannt gegeben werden.

4. SCHLUSSWORT

16. Juli

Genossen!

Zur Abfassung einer Resolution über die Stellungnahme zum Beschluss des Zentralexekutivkomitees der Sowjets über die Bolschewiki wurde eine Kommission gewählt, der auch ich angehörte. Sie hat eine Resolution ausgearbeitet, die besagt: Wir als Mitglieder des ZEK der Sowjets unterwerfen uns der Mehrheit, aber als Mitglieder der bolschewistischen Partei können wir selbständig auftreten, auch gegen die Beschlüsse des ZEK der Sowjets.

Prochorow versteht unter Diktatur des Proletariats die Diktatur unserer Partei. Wir hingegen sprechen von der Diktatur der Klasse, die die ärmsten Schichten der Bauernschaft mit sich führt.

Eine Ungenauigkeit in den Äußerungen von Diskussionsrednern: Machen wir jetzt eine Zeit der Reaktion oder der Konterrevolution durch? In Revolutionszeiten gibt es keine Reaktion. Wenn Klassen einander an der Macht ablösen, so ist das keine Reaktion, sondern eine Revolution oder Konterrevolution.

Was den vierten Faktor betrifft, der die Krise der Macht hervorgerufen hat und den Charitonow erwähnte, nämlich den internationalen Faktor, so haben nur der Krieg und die mit dem Krieg verbundenen Fragen der Außenpolitik eine Beziehung zu unserer Krise der Macht gehabt. In meinem Bericht habe ich dem Krieg als dem Faktor, der die Krise der Macht hervorgerufen hat, die Hauptbedeutung beigemessen.

Was das Kleinbürgertum betrifft, so stellt es bereits nicht mehr etwas Einheitliches dar, sondern es vollzieht sich in ihm ein schneller Differenzierungsprozess (der Sowjet der Bauerndeputierten der Petrograder Garnison steht in direktem Gegensatz zum Exekutivkomitee des Bauernkongresses). Im Dorfe geht ein Kampf vor sich, und parallel mit den bestehenden Sowjets der Bauerndeputierten werden eigenmächtig neue Sowjets geschaffen. Wir rechnen gerade auf die Unterstützung dieser emporsteigenden ärmsten Schichten der Bauernschaft. Ihrer wirtschaftlichen Lage nach können nur sie mit uns gehen. Diejenigen Schichten der Bauernschaft, die in das Exekutivkomitee des Bauernkongresses solche nach dem Blute des Proletariats dürstenden Leute wie Awxentjew geschickt haben, werden uns nicht folgen und nicht zu uns abschwenken. Ich habe beobachtet, wie diese Leute Beifall klatschten, als Zereteli den Haftbefehl gegen Genossen Lenin bekannt gab.

Die Genossen, die da sagen, dass die Diktatur des Proletariats unmöglich sei, weil das Proletariat die Minderheit der Bevölkerung bildet, fassen die Kraft der Mehrheit mechanisch auf. Auch die Sowjets vertreten ja nur 20 Millionen durch sie organisierte Menschen, führen aber dank ihrer Organisiertheit die ganze Bevölkerung. Einer organisierten Macht, die imstande ist, die Fesseln der wirtschaftlichen Zerrüttung zu sprengen, wird die ganze Bevölkerung folgen.

Genosse Wolodarski legt die von der Konferenz angenommene Resolution anders aus als ich, es ist jedoch schwer zu verstehen, was für einen Standpunkt er einnimmt.

Die Genossen fragen, ob wir unsere Losung ändern dürfen. Unsere Losung von der Macht der Sowjets war auf die Periode der friedlichen Entwicklung der Revolution berechnet, die jetzt vorüber ist. Wir dürfen dir Tatsache nicht vergessen, dass nunmehr eine der Voraussetzungen für die Übernahme der Macht der Sieg über die Konterrevolution durch einen Aufstand ist. Als wir unsere Losung von den Sowjets aufstellten, befand sich die Macht faktisch in den Händen der Sowjets. Durch Druck auf die Sowjets konnten wir auf die Veränderungen in der Zusammensetzung der Regierung Einfluss nehmen. Jetzt liegt die Macht in den Händen der Provisorischen Regierung. Auf einen friedlichen Übergang der Macht an die Arbeiterklasse durch Druck auf die Sowjets können wir nicht rechnen. Als Marxisten müssen wir sagen: Es kommt nicht auf die Institution an, sondern darauf, welche Klasse es ist, deren Politik diese Institution betreibt. Wir sind unbedingt für die Sowjets, in denen wir die Mehrheit haben, und wir werden bestrebt sein, solche Sowjets zu schaffen. Aber die Macht an diejenigen Sowjets ausliefern, die ein Bündnis mit der Konterrevolution schließen - das dürfen wir nicht.

Alles oben Gesagte zusammenfassend, kann man sagen: Der friedliche Entwicklungsweg der Bewegung ist zu Ende, da die Bewegung die Bahn der sozialistischen Revolution betreten hat. Das Kleinbürgertum, mit Ausnahme der ärmsten Schichten der Bauernschaft, unterstützt jetzt die Konterrevolution. Darum ist die Losung "Alle Macht den Sowjets!" für den gegenwärtigen Augenblick veraltet.

Zuerst veröffentlicht 1923
in der Zeitschrift Krasnaja Ljetopisj"
(Rote Annalen) Nr. 7.

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