"Stalin"

Werke

Band 3

AN ALLE WERKTÄTIGEN, AN ALLE ARBEITER
UND SOLDATEN PETROGRADS[45]

Genossen!

Schwere Tage macht Rußland durch.

Der dreijährige Krieg, der unzählige Opfer forderte, hat das Land zur Erschöpfung gebracht.

Die Desorganisation des Verkehrs und die Zerrüttung des Ernährungswesens bedrohen die Massen mit Hungersnot.

Die Zerrüttung der Industrie und die Stilllegung der Betriebe erschüttern die Volkswirtschaft bis in die Grundfesten.

Der Krieg aber will kein Ende nehmen, er verschärft die allgemeine Krise und führt das Land dem völligen Ruin entgegen.

Die Provisorische Regierung, berufen, das Land "zu retten", hat sich unfähig gezeigt, ihre Aufgabe zu erfüllen. Mehr als das - sie hat noch größere Verwirrung geschaffen, indem sie eine Offensive an der Front begann und damit den Krieg, diese Hauptursache der allgemeinen Krise im Lande, noch verlängerte.

Die Folge davon ist ein Zustand völliger Labilität der Staatsmacht, die Krise und der Zerfall der Staatsmacht, worüber alle zetern, wogegen aber keinerlei ernste Maßnahmen ergriffen werden.

Der Austritt der Kadetten aus der Regierung hat ein übriges Mal aufgezeigt, was für ein künstliches Gebilde und wie lebensunfähig das Koalitionskabinett ist.

Der Rückzug unserer Truppen aber nach der bewussten Offensive an der Front hat die ganze Verderblichkeit der Offensivpolitik offenbart und die Krise somit bis zum äußersten verschärft, das Prestige der Regierung geschädigt und ihr sowohl bei der "eigenen" wie bei der "alliierten" Bourgeoisie den Kredit geraubt.

Es entstand eine kritische Lage.

Den "Rettern" der Revolution standen zwei Wege offen:

Entweder Fortsetzung des Krieges, Weiterführung der "Offensive" und damit die unvermeidliche Übergabe der Macht an die konterrevolutionäre Bourgeoisie, um vermittels einer Inlands- und Auslandsanleihe Geld aufzutreiben, da die Bourgeoisie sonst nicht in die Regierung eintreten, die Inlandsanleihe nicht zustande kommen würde, England und Amerika den Kredit verweigern würden; das Land "retten" heißt in diesem Falle die Kriegsausgaben zu Nutz und Frommen der russischen und "alliierten" Haie des Imperialismus auf Kosten der Arbeiter und Bauern decken.

Oder Übergang der Macht in die Hände der Arbeiter und der besitzlosen Bauern, Bekanntgabe demokratischer Friedensbedingungen und Beendigung des Krieges, um die Revolution weiter voranzutreiben, den Bauern den Boden zu übergeben, in der Industrie die Arbeiterkontrolle einzuführen und die zusammenbrechende Volkswirtschaft auf Kosten der Gewinne der Kapitalisten und Gutsbesitzer in Gang zu bringen.

Der erste Weg führt zur Stärkung der Macht der besitzenden Klassen über die Werktätigen und zur Verwandlung Rußlands in eine Kolonie Englands, Amerikas und Frankreichs.

Der zweite Weg eröffnet die Ära der Arbeiterrevolution in Europa, zerreißt das Netz finanzieller Bindungen, in das Rußland verstrickt ist, erschüttert die Herrschaft der Bourgeoisie bis in die Grundfesten und bahnt den Weg für die wirkliche Befreiung Rußlands.

Die Demonstration vom 3. und 4. Juli war ein Appell der Arbeiter- und Soldatenmassen an die sozialistischen Parteien, den zweiten Weg, den Weg der Weiterentwicklung der Revolution, zu beschreiten.

Hierin liegt ihr politischer Sinn und ihre gewaltige historische Bedeutung.

Allein die Provisorische Regierung und die Ministerparteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die ihre Kraft nicht aus den revolutionären Aktionen der Arbeiter und Bauern, sondern aus paktiererischen Kombinationen mit der kadettischen Bourgeoisie schöpfen, haben den ersten Weg, den Weg der Anpassung an die Konterrevolution, vorgezogen.

Statt den Demonstranten die Hand entgegenzustrecken, die Macht zu übernehmen und mit ihnen gemeinsam den Kampf gegen die "alliierte" und die "eigene" imperialistische Bourgeoisie zur tatsächlichen Rettung der Revolution aufzunehmen, haben sie mit der konterrevolutionären Bourgeoisie ein Bündnis geschlossen und ihre Waffen gegen die Demonstranten, gegen die Arbeiter und Soldaten gerichtet, indem sie Offizierschüler und Kosaken auf sie hetzten.

Dadurch haben sie die Revolution verraten und der Konterrevolution Tür und Tor geöffnet.

Und aus der untersten Tiefe des Lebens ist schwarzer Schlamm aufgestiegen und hat alles Ehrliche und Edle mit Schmutz bedeckt.

Haussuchungen und Demolierungen, Verhaftungen und Misshandlungen, Folterungen und Mordtaten, Zeitungs- und Organisationsverbote, Entwaffnung der Arbeiter und Auflösung von Regimentern, Auflösung des finnischen Landtags, Einschränkung der Freiheiten und Wiedereinführung der Todesstrafe, zügelloses Wüten der Pogromhelden und der Spitzel, Lügen und schmutzige Verleumdungen, all dies mit stillschweigender Zustimmung der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki - das sind die ersten Schritte der Konterrevolution.

Die alliierten und russischen Imperialisten mitsamt der Kadettenpartei, die höheren Offiziere mitsamt den Offizierschülern, den Kosaken und den Spitzeln - das sind die Kräfte der Konterrevolution.

Nach dem Diktat dieser Gruppen werden die Mitgliederlisten der Provisorischen Regierung aufgestellt, wobei die Minister gleich Mario-netten auftauchen und wieder verschwinden.

Auf die Anweisung dieser Gruppen hin werden die Bolschewiki und Tschernow ausgeliefert, Regimenter und Schiffsmannschaften gesäubert, Erschießungen vorgenommen und Frontformationen aufgelöst, verwandelt sich die Provisorische Regierung in ein Spielzeug in den Händen Kerenskis, verwandelt sich das Zentralexekutivkomitee der Sowjets in ein einfaches Anhängsel dieses Spielzeugs, erfolgt der schändliche Verzicht der "revolutionären Demokratie" auf ihre Rechte, die schändliche Abkehr von ihren Pflichten, wird die unlängst abgeschaffte zaristische Duma wieder in ihre Rechte eingesetzt.

Das geht so weit, dass man in der "historischen Beratung"[46] im Winterpalast (am 21. Juli) in unzweideutiger Weise über eine weitere Zügelung der Revolution verhandelt (eine Verschwörung!), wobei man die Bolschewiki aus Furcht, sie könnten Enthüllungen machen, zu dieser Beratung nicht einlädt.

Und obendrein wird eine "Moskauer Beratung" in Aussicht gestellt, auf der man die mit Blut errungene Freiheit endgültig begraben will .. .

All dies geschieht unter Beteiligung der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre, die eine Position nach der anderen feige preisgeben, sich selbst und ihre eigenen Organisationen demütig geißeln, die Errungenschaften der Revolution in verbrecherischer Weise mit Füßen treten...

Noch nie war die Haltung der "Vertreter" der Demokratie so unwürdig wie jetzt, in diesen historischen Tagen!

Noch nie waren sie so schmachvoll, so tief gesunken wie jetzt!

Kann man sich nach alledem noch wundern, dass die Konterrevolution dreist geworden ist und alles Ehrliche und Revolutionäre mit Schmutz bewirft?

Kann man sich hiernach wundern, dass wohlfeile Söldlinge und feige Verleumder sich erdreisten, die Führer unserer Partei offen "des Verrats zu beschuldigen", dass die Piraten der Feder in den bürgerlichen Zeitungen diese "Beschuldigung" unverfroren breittreten und dass die so genannte Staatsanwaltschaft mit frecher Stirn so genanntes Material "in Sachen gegen Lenin " veröffentlicht usw.?

Diese Herrschaften spekulieren allem Anschein nach darauf, unsere Reihen zu desorganisieren, Zweifel und Verwirrung unter uns zu säen, Misstrauen gegen unsere Führer zu entfachen.

Diese Elenden! Sie wissen nicht, dass die Namen unserer Führer dem Herzen der Arbeiterklasse noch nie so teuer und nah gewesen sind wie jetzt, wo das frech gewordene bürgerliche Pack sie mit Schmutz bewirft!

Diese käuflichen Seelen! Sie ahnen nicht, dass, je gröber die Verleumdungen der bürgerlichen Söldlinge sind, um so stärker die Liebe der Arbeiter zu den Führern, um so grenzenloser ihr Vertrauen zu ihnen ist; denn die Arbeiter wissen aus Erfahrung, dass, wenn die Feinde die Führer des Proletariats schmähen, dies ein sicheres Anzeichen dafür ist, dass die Führer ehrlich der Sache des Proletariats dienen.

Das Schandmal ehrloser Verleumder sei euer Lohn, ihr Herren Alexinski und Burzew, Perewersew und Dobronrawow. Empfangt dieses Schandmal von den 32000 organisierten Arbeitern Petrograds, die uns gewählt haben, und tragt es bis ins Grab. Ihr habt es verdient.

Ihr aber, ihr Herren Kapitalisten und Gutsbesitzer, Bankiers und Spekulanten, Popen und Spitzel, ihr alle, die ihr Ketten für die Völker schmiedet, zu früh feiert ihr den Sieg, zu früh geht ihr daran, die Große Russische Revolution zu begraben.

Die Revolution lebt, und ihr werdet sie noch zu spüren bekommen, ihr Herren Totengräber.

Der Krieg und die Zerrüttung dauern an, und die Wunden, die sie schlagen, lassen sich nicht durch wütende Repressalien heilen.

Die unterirdischen Kräfte der Revolution leben und sind unermüdlich am Werk, um das Land zu revolutionieren.

Die Bauern haben noch keinen Boden bekommen. Sie werden kämpfen, denn sie können ohne Boden nicht leben.

Die Arbeiter haben die Kontrolle in den Fabriken und Werken noch nicht erlangt. Sie werden nach dieser Kontrolle streben, denn die Zerrüttung der Industrie droht ihnen mit Arbeitslosigkeit.

Den Soldaten und Matrosen will man wieder die alte Disziplin aufzwingen. Sie werden für die Freiheit kämpfen, denn sie haben die Freiheit verdient.

Nein, ihr Herren Konterrevolutionäre, die Revolution ist nicht tot, sie wirkt nur im Verborgenen und sammelt neue Anhänger, um sich mit neuer Kraft auf den Feind zu stürzen.

"Wir leben, unser rotes Blut kocht vom Feuer unverbrauchter Kräfte!"[47]

Und im Westen, in England und in Deutschland, in Frankreich und in Österreich - flattert dort nicht bereits die Fahne der Arbeiterrevolution, werden dort nicht bereits Arbeiter- und Soldatenräte organisiert?

Es wird noch Schlachten geben!

Es wird noch Siege geben!

Alles kommt darauf an, den kommenden Schlachten würdig und organisiert zu begegnen.

Arbeiter! Euch fällt die ehrenvolle Rolle zu, Führer der russischen Revolution zu sein. Schart die Massen um euch und sammelt sie unter dem Banner unserer Partei. Denkt daran, dass in den schweren Augenblicken der Julitage, als die Feinde des Volkes auf die Revolution schossen, die Partei der Bolschewiki die einzige war, die die Arbeiterviertel nicht verließ. Denkt daran, dass in jenen schweren Tagen die Menschewiki und Sozialrevolutionäre im Lager derjenigen waren, die über die Arbeiter herfielen und sie entwaffneten.

Schart euch um unsere Fahne, Genossen!

Bauern! Eure Führer haben eure Hoffnungen nicht erfüllt. Sie sind der Konterrevolution nachgetrottet, ihr aber bleibt ohne Land, denn solange die Konterrevolution herrscht, gibt es keinen gutsherrlichen Boden für euch. Eure einzigen treuen Verbündeten sind die Arbeiter. Nur im Bündnis mit ihnen werdet ihr Land und Freiheit erkämpfen. So schließt euch denn um die Arbeiter zusammen!

Soldaten! Die Stärke der Revolution beruht auf dem Bündnis des Volkes mit den Soldaten. Die Minister kommen und gehen, das Volk aber bleibt. Haltet immer zum Volke und kämpft in seinen Reihen!

Nieder mit der Konterrevolution!

Es lebe die Revolution!

Es lebe der Sozialismus und die Brüderlichkeit der Völker!

Die Petrograder Stadtkonferenz
der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei
Rußlands (Bolschewiki)

"Rabotschi i Soldat"
(Arbeiter und Soldat) Nr. 2,
24. Juli 1917.

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