"Stalin"

Werke

Band 3

REDEN AUF DEM VI. PARTEITAG DER SDAPR
(BOLSCHEWIKI)

26. Juli bis 3. August 1917[52]

1. RECHENSCHAFTSBERICHT DES ZK

27. Juli

Genossen!

Der Rechenschaftsbericht des ZK erstreckt sich auf die Tätigkeit des ZK in den letzten zweieinhalb Monaten: Mai, Juni und die erste Julihälfte.

Die Tätigkeit des ZK verlief im Mai in drei Richtungen.

Erstens wurde die Losung der Neuwahlen der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten ausgegeben. Das ZK ging davon aus, dass sich die Revolution bei uns auf friedlichem Wege entwickele, dass es durch Neuwahlen der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten möglich sein werde, die Zusammensetzung der Sowjets und folglich auch die Zusammensetzung der Regierung zu ändern. Die Gegner bezichtigten uns des Versuchs der Machtergreifung. Das ist eine Verleumdung. Wir hatten keine derartigen Absichten. Wir sagten, dass uns durch Neuwahlen der Sowjets die Möglichkeit gegeben sei, den Charakter der Tätigkeit der Sowjets entsprechend den Wünschen der breiten Massen zu ändern. Es war uns klar: Eine einzige Stimme Übergewicht in den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten genügt - und die Regierung wird einen anderen Weg beschreiten müssen. Deshalb stand im Mai unsere ganze Tätigkeit im Zeichen der Neuwahlen. Wir eroberten schließlich etwa die Hälfte der Sitze in der Arbeiterfraktion und etwa ein Viertel der Sitze in der Soldatenfraktion des Sowjets.

Zweitens die Agitation gegen den Krieg. Wir nahmen das Todesurteil gegen Fr. Adler[53] zum Anlass, eine Reihe Protestkundgebungen gegen die Todesstrafe und gegen den Krieg zu organisieren. Diese Kampagne wurde von den Soldaten gut aufgenommen.

Das dritte Tätigkeitsgebiet des ZK waren die Kommunalwahlen im Mai. Das ZK und das Petrograder Komitee boten gemeinsam alle Kräfte auf, um sowohl den Kadetten, dieser Hauptkraft der Konterrevolution, als auch den Menschewiki und Sozialrevolutionären, die bewusst oder unbewusst den Kadetten folgen, eine Schlacht zu liefern. Von 800000 in Petrograd abgegebenen Stimmen erhielten wir etwa 20 Prozent, wobei wir die Duma des Wiborger Bezirks vollständig eroberten. Einen besonderen Dienst leisteten der Partei die Genossen Soldaten und Matrosen.

Der Mai stand also im Zeichen 1. der Kommunalwahlen, 2. der Agitation gegen den Krieg und 3. der Neuwahlen der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten.

Juni. Die Gerüchte von der Vorbereitung einer Offensive an der Front machten die Soldaten nervös. Es wurde eine ganze Reihe von Befehlen erlassen, die die Rechte der Soldaten zunichte machten. Dies alles elektrisierte die Massen. Jedes Gerücht verbreitete sich im Nu über ganz Petrograd und rief unter den Arbeitern und besonders unter den Soldaten Erregung hervor. Die Gerüchte von einer Offensive; die Befehle Kerenskis mitsamt der Deklaration der Rechte des Soldaten; die Entlastung Petrograds von "überflüssigen" Elementen, wie es die Behörden nannten, wobei klar war, dass man die revolutionären Elemente aus Petrograd entfernen wollte; die immer klarer zutage tretende Zerrüttung - all das machte die Arbeiter und die Soldaten nervös. In den Betrieben fanden Versammlungen statt, und bald diese, bald jene Regimenter und Betriebe machten uns immer wieder den Vorschlag, eine Aktion zu organisieren. Für den 5. Juni war eine Aktion, eine Demonstration vorgesehen. Das ZK beschloss jedoch, vorläufig keine Aktion zu unternehmen, sondern für den 7. eine Versammlung von Vertretern der Bezirke, der Fabriken und Werke sowie der Regimenter einzuberufen und hier die Frage der Aktion zu entscheiden. Eine solche Versammlung fand statt; an ihr nahmen etwa 200 Personen teil. Es zeigte sich, dass unter den Soldaten die Erregung besonders groß war. Die Aktion wurde mit gewaltiger Stimmenmehrheit beschlossen. Es wurde die Frage aufgeworfen, was zu tun sei, wenn der Sowjetkongress, der gerade eröffnet worden war, sich gegen die Aktion erklären sollte. Die gewaltige Mehrheit der Genossen, die das Wort ergriffen, war der Meinung, dass keine Macht der Welt imstande sei, die Aktion aufzuhalten. Darauf beschloss das ZK, die Organisierung einer friedlichen Demonstration zu übernehmen. Auf die Frage der Soldaten, ob man nicht bewaffnet erscheinen solle, beschloss das ZK, dass Waffen nicht mitgenommen werden sollen. Die Soldaten erwiderten, es sei unmöglich, unbewaffnet aufzutreten, weil Waffen die einzige reale Garantie gegen Ausschreitungen des bürgerlichen Publikums seien, und sie würden die Waffen nur zur Notwehr mitnehmen.

Am 9. Juni findet eine gemeinsame Sitzung des ZK, des Petrograder Komitees und der Militärorganisation statt. Das ZK wirft die Frage auf, ob es angesichts der Tatsache, dass sich der Sowjetkongress und alle "sozialistischen" Parteien gegen unsere Demonstration wenden, nicht geboten erscheine, die Aktion zu verschieben. Das wird von allen verneint.

Am 9. Juni um 12 Uhr nachts erlässt der Sowjetkongress einen Aufruf, worin er seine ganze Autorität gegen uns in die Waagschale wirft. Das ZK beschließt, am 10. Juni keine Demonstration zu veranstalten, sondern sie auf den 18. Juni zu verschieben, in Anbetracht dessen, dass der Sowjetkongress selbst eine Demonstration für den 18. Juni angesetzt hat, bei der die Massen Gelegenheit haben werden, ihren Willen zum Ausdruck zu bringen. Die Arbeiter und Soldaten nehmen diesen Beschluss des ZK mit verhaltener Unzufriedenheit auf, aber sie befolgen ihn. Genossen, es ist bezeichnend, dass am Morgen des 10. Juni, als sich eine ganze Reihe vom Sowjetkongress delegierter Redner in den Betrieben um die "Liquidierung des Versuchs, eine Demonstration zu organisieren", bemühten, die gewaltige Mehrheit der Arbeiter nur die Redner unserer Partei anhören wollte. Es gelang dem ZK, die Soldaten und Arbeiter zu beruhigen. Damit war unsere Organisiertheit unter Beweis gestellt.

Als der Sowjetkongress die Demonstration für den 18. Juni ansetzte, gab er gleichzeitig bekannt, dass die Demonstration im Zeichen frei gewählter Losungen stehen werde. Es war klar, dass der Kongress entschlossen war, unserer Partei eine Schlacht zu liefern. Wir nahmen die Herausforderung an und begannen die Kräfte zu der bevorstehenden 1emonstration vorzubereiten.

Die Genossen wissen, wie die Demonstration am 18. Juni verlief. Selbst bürgerliche Zeitungen schrieben, dass die gewaltige Mehrheit der Demonstranten unter den Losungen der Bolschewiki marschierte. Die Hauptlosung war: "Alle Macht den Sowjets!" Es waren nicht weniger als 400000 Demonstranten. Nur drei kleine Gruppen - der "Bund", die Kosaken und die Plechanowanhänger - hatten es gewagt, die Losung "Vertrauen zur Provisorischen Regierung!" aufzustellen; aber auch sie mussten es bereuen, denn sie wurden gezwungen, ihre Fahnen einzurollen. Der Sowjetkongress überzeugte sich mit eigenen Augen davon, dass die Macht und der Einfluss unserer Partei groß sind. Man gewann allgemein die Überzeugung, dass die Demonstration vom 18. Juni, die noch eindrucksvoller war als die Demonstration vom 21. April, nicht spurlos vorübergehen werde. Und sie sollte tatsächlich nicht spurlos vorübergehen. Die "Rjetsch" meinte, in der Zusammensetzung der Regierung würden aller Wahrscheinlichkeit nach wichtige Veränderungen eintreten, da die Politik der Sowjets von den Massen nicht gebilligt wird. Allein gerade an diesem Tage setzte an der Front die Offensive unserer Truppen ein, eine erfolgreiche Offensive, und im Zusammenhang damit begannen auf dem Newski-Prospekt Kundgebungen der "Schwarzhunderter". Durch diesen Umstand wurde der moralische Sieg, den die Bolschewiki auf der Demonstration errungen hatten, zunichte gemacht. Zunichte gemacht wurden auch jene möglichen praktischen Ergebnisse, von denen sowohl die "Rjetsch" als auch die offiziellen Vertreter der regierenden Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki gesprochen hatten.

Die Provisorische Regierung blieb am Ruder. Die Tatsache der erfolgreichen Offensive, die Teilerfolge der Provisorischen Regierung sowie eine ganze Reihe von Plänen für den Abtransport von Truppen aus Petrograd verfehlten nicht ihre Wirkung auf die Soldaten. Diese Tatsachen haben sie davon überzeugt, dass sich der passive Imperialismus in einen aktiven Imperialismus verwandelt. Sie begriffen, dass eine Zeit neuer Opfer gekommen war.

Die Front reagierte in ihrer Weise auf die Politik des aktiven Imperialismus. Trotz des Verbots veranstaltete eine ganze Reihe von Regimentern Abstimmungen darüber, ob man zum Angriff vorgehen solle oder nicht. Das Oberkommando begriff nicht, dass es unter den neuen Verhältnissen, in denen sich Rußland befindet, und angesichts des Umstandes, dass die Kriegsziele nicht klar sind, unmöglich ist, die Massen blindlings in die Offensive zu treiben. Was wir vorausgesagt hatten, trat ein: Es erwies sich, dass die Offensive zum Scheitern verurteilt war.

Die Monatswende Juni/Juli steht im Zeichen der Politik der Offensive. Es gehen Gerüchte um über die Wiedereinführung der Todesstrafe, über die Auflösung einer ganzen Reihe von Regimentern, über Misshandlungen an der Front. Es kommen Frontdelegierte und berichten von Verhaftungen und Misshandlungen ihrer Kameraden. Dasselbe wird aus einem Grenadier- und einem Maschinengewehrregiment berichtet. All das bereitete den Boden für eine neue Aktion der Arbeiter und Soldaten in Petrograd vor.

Ich komme nunmehr zu den Ereignissen vom 3.-5. Juli. Die Sache begann am 3. Juli, um 3 Uhr nachmittags, in den Räumen des Petersburger Komitees.

3. Juli. Drei Uhr nachmittags. Es tagt die Petrograder Stadtkonferenz unserer Partei. Die völlig harmlose Frage der Kommunalwahlen wird behandelt. Da erscheinen zwei Vertreter eines Regiments der Garnison und geben außerhalb der Tagesordnung die Erklärung ab, dass bei ihnen "beschlossen worden ist, heute Abend in Aktion zu treten", dass sie "es nicht länger schweigend dulden können, wie an der Front ein Regiment nach dem andern aufgelöst wird", und dass sie "schon ihre Delegierten in die Betriebe und Regimenter entsandt haben", um zum Anschluss an die Aktion aufzufordern. Als Antwort darauf erklärt der Vertreter des Präsidiums der Konferenz, Genosse Wolodarski, dass "die Partei beschlossen hat, von einer Aktion abzusehen, und dass die Parteimitglieder des betreffenden Regiments sich nicht erlauben dürfen, den Parteibeschluss zu verletzen".

Vier Uhr nachmittags. Das Petersburger Komitee, die Militärorganisation und das Zentralkomitee der Partei beschließen nach Behandlung der Frage, von einer Aktion abzusehen. Dieser Beschluss wird von der Konferenz gutgeheißen, und ihre Teilnehmer begeben sich in die Betriebe und Regimenter, um die Genossen zu überreden, von einer Aktion abzusehen.

Fünf Uhr nachmittags. Taurischer Palast. Sitzung des Büros des Zentralexekutivkomitees der Sowjets. Genosse Stalin gibt im Auftrag des Zentralkomitees der Partei vor dem Büro des Zentralexekutivkomitees eine Erklärung über alles Vorgefallene ab und teilt dabei den Beschluss der Bolschewiki mit, von einer Aktion abzusehen.

Sieben Uhr abends. Vor dem Gebäude des Petersburger Komitees. Es nähern sich mehrere Regimenter mit Fahnen. Ihre Losung ist: "Alle Macht den Sowjets!" Vor dem Gebäude des Petersburger Komitees machen sie halt und bitten die Mitglieder unserer Organisation, "etwas zu sagen". Die Redner, die Bolschewiki Laschewitsch und Kurajew, beleuchten in ihren Reden die augenblickliche politische Lage und fordern dazu auf, von der Aktion Abstand zu nehmen. Man empfängt sie mit dem Ruf: "Nieder!" Darauf machen die Mitglieder unserer Organisation den Vorschlag, man solle eine Delegation wählen, dem Zentralexekutivkomitee der Sowjets seine Wünsche bekannt geben und dann wieder zu den Regimentern zurückkehren. Als Antwort ertönt ein donnerndes "Hurra!" Die Musik spielt die "Marseillaise" ... Zu dieser Zeit verbreitet sich die Nachricht vom Austritt der Kadetten aus der Regierung wie ein Lauffeuer über ganz Petrograd und macht die Arbeiter nervös. Nach den Soldaten erscheinen Arbeiterkolonnen. Ihre Losungen sind dieselben wie die der Soldaten. Die Soldaten ziehen ebenso wie die Arbeiter zum Taurischen Palast.

Neun Uhr abends. Im Petersburger Komitee. Lange Reihen von Betriebsdelegierten. Sie alle beantragen, dass unsere Parteiorganisationen sich einschalten und die Leitung der Demonstration in ihre Hände nehmen. Andernfalls "wird es zum Blutvergießen kommen". Es werden Stimmen laut, man solle in den Fabriken und Werken Delegationen wählen, die dem ZEK der Sowjets den Willen der Demonstranten zu übermitteln hätten, worauf die Massen nach Entgegennahme der Berichte dieser Delegationen friedlich auseinander gehen sollten.

Zehn Uhr abends. Taurischer Palast. Sitzung der Arbeitersektion des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. In Verbindung mit den Berichten der Arbeiter, die besagen, dass die Aktion begonnen habe, beschließt die Mehrheit der Sektion, zur Verhütung von Ausschreitungen in die Demonstration einzugreifen, um ihr einen friedlichen und organisierten Charakter zu verleihen. Die Minderheit, die mit diesem Beschluss nicht einverstanden ist, verlässt den Sitzungssaal. Die Mehrheit wählt ein Büro, das mit der Ausführung des soeben gefassten Beschlusses betraut wird.

Elf Uhr nachts. Das ZK und das Petersburger Komitee unserer Partei verlegen ihren Treffpunkt in den Taurischen Palast, vor dem seit den Abendstunden die Demonstranten zusammenströmen. Agitatoren aus den Bezirken und Betriebsvertreter treffen ein. Es findet eine Versammlung von Vertretern des ZK unserer Partei, des Petersburger Komitees, der Militärorganisation, des Komitees der "Zwischengruppe" sowie des Büros der Arbeitersektion des Petrograder Sowjets statt. Aus den Berichten der Bezirke wird folgendes klar:

1. Es ist unmöglich, die Arbeiter und Soldaten morgen von einer Demonstration abzuhalten;

2. die Demonstranten werden ausschließlich zum Zwecke der Notwehr Waffen mitnehmen, um eine wirksame Garantie gegen provokatorische Schüsse vom Newski-Prospekt her zu schaffen: "Auf Bewaffnete lässt sich nicht so leicht schießen."

Die Versammlung beschließt: In einem Moment, da die revolutionären Arbeiter- und Soldatenmassen unter der Losung "Alle Macht den Sowjets!" demonstrieren, hat die Partei des Proletariats nicht das Recht, Ihre Hände in Unschuld zu waschen und sich nicht um die Bewegung zu kümmern, darf sie die Massen nicht im Stich lassen, sondern muss mit den Massen sein, um der spontanen Bewegung einen bewussten und organisierten Charakter zu verleihen. Die Versammlung fasst den Beschluss, den Arbeitern und Soldaten vorzuschlagen, in ihren Regimentern und Betrieben Delegierte zu wählen und durch diese Delegierten dem Exekutivkomitee der Sowjets ihre Wünsche vorzubringen. Es wird ein im Geiste dieses Beschlusses gehaltener Aufruf mit der Aufforderung zu einer "friedlichen und organisierten Demonstration" abgefasst.[54]

Zwölf Uhr nachts. Über 30000 Arbeiter der Putilowwerke erscheinen vor dem Taurischen Palast. Fahnen. Die Losung: "Alle Macht den Sowjets!" Es werden Delegierte gewählt. Die Delegierten unterrichten das Exekutivkomitee von der Forderung der Putilowarbeiter. Die vor dem Taurischen Palast versammelten Soldaten und Arbeiter beginnen auseinander zugehen.

4. Juli. Vormittags. Aufmarsch der Arbeiter und Soldaten. Fahnen. Bolschewistische Losungen. Die Kolonnen ziehen zum Taurischen Palast. Der Zug wird von Tausenden von Matrosen aus Kronstadt abgeschlossen. Die Zahl der Demonstranten beträgt nach dem Zeugnis bürgerlicher Zeitungen ("Birshowka") mindestens 400000. Jubel auf den Straßen. Die Einwohner begrüßen die Demonstranten mit fröhlichem. "Hurra!" Gegen Mittag beginnen Exzesse. Dunkle Elemente aus den bürgerlichen Stadtvierteln trüben den Aufmarsch der Arbeiter durch verbrecherische, provokatorische Schüsse. Selbst die "Birshewyje Wjedomosti" wagen nicht abzustreiten, dass die Gegner der Demonstration als erste geschossen haben. "Punkt zwei Uhr mittags", schreibt die "Birshowka" (Abendausgabe vom 4. Juli), "als Ecke Sadowaja und Newski-Prospekt die bewaffneten Demonstranten vorbeizogen und das Publikum, das sich in bedeutender Menge angesammelt hatte, ihnen ruhig zusah, krachte auf der rechten Seite der Sadowaja ein Schuss, worauf bald salvenweise geschossen wurde."

Es ist klar, dass nicht die Demonstranten, sondern "unbekannte Elemente" mit dem Schießen begonnen haben, dass auf die Demonstranten geschossen wurde und nicht umgekehrt.

Die Schießerei wurde gleichzeitig an verschiedenen Stellen der bürgerlichen Stadtteile fortgesetzt. Die Provokateure waren nicht müßig. Trotzdem gingen die Demonstranten nicht über die erforderliche Notwehr hinaus. Von einer Verschwörung oder einem Aufstand kann keine Rede sein. Kein einziger Fall war zu verzeichnen, dass man Regierungsgebäude oder öffentliche Institutionen besetzt oder eine solche Besetzung versucht hätte, obwohl die Demonstranten angesichts der kolossalen bewaffneten Kräfte, über die sie verfügten, durchaus in der Lage gewesen wären, sich nicht nur einzelner Gebäude, sondern sogar der ganzen Stadt zu bemächtigen...

Acht Uhr abends. Taurischer Palast. Versammlung des ZK, der "Zwischengruppe" und anderer Organisationen unserer Partei. Es wird beschlossen: Nachdem der Wille der revolutionären Arbeiter und Soldaten kundgetan ist, muss die Aktion eingestellt werden. Im Geiste dieses Beschlusses wird ein Aufruf abgefasst: "Die Demonstration ist zu Ende... Unsere Parole ist: Standhaftigkeit, Ausdauer, Ruhe" (siehe den Aufruf im "Listok Prawdy"[55]). Dieser der "Prawda" übermittelte Aufruf konnte am 5. Juli nicht erscheinen, da die "Prawda" in der Nacht (vom 4. zum 5.) von Offizierschülern und Geheimagenten demoliert worden war.

Zwischen zehn und elf Uhr nachts. Taurischer Palast. Sitzung des Zentralexekutivkomitees der Sowjets. Debatte über die Frage der Macht. Nach dem Austritt der Kadetten aus der Regierung wird die Lage der Sozialrevolutionäre und Menschewiki besonders kritisch: Sie "brauchen" einen Block mit der Bourgeoisie, doch besteht zur Blockbildung keine Möglichkeit, da die Bourgeoisie kein Abkommen mehr mit ihnen will. Die Idee eines Blocks mit den Kadetten scheitert. Deshalb wird die Frage der Machtübernahme durch die Sowjets mit aller Entschiedenheit gestellt.

Hinzu kommen Gerüchte, die deutschen Truppen hätten unsere Front durchbrochen; diese Gerüchte sind zwar noch nicht überprüft, wirken aller beunruhigend.

Ferner Gerüchte, morgen werde in der Presse eine niederträchtige Verleumdung gegen den Genossen Lenin erscheinen.

Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets fordert Wolhynier (Soldaten) zum Schutz des Taurischen Palasts an - vor wem? Wie sich herausstellt, vor den Bolschewiki, die angeblich in den Palast gekommen seien, um das Exekutivkomitee "zu verhaften" und "die Macht an sich zu reißen". So etwas wird in Bezug auf die Bolschewiki behauptet, die sich für die Verstärkung der Sowjets eingesetzt haben, die sich dafür eingesetzt haben, dass diesen im ganzen Lande die Macht übergeben werde!

Zwischen zwei und drei Uhr nachts. Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets übernimmt nicht die Macht. Es beauftragt die "sozialistischen" Minister mit der Bildung einer neuen Regierung, der wenigstens einige Bourgeois als Einzelgänger angehören sollen. Die Minister werden mit Sondervollmachten zum "Kampf gegen die Anarchie" ausgestattet. Die Sache ist klar: Vor die Notwendigkeit eines entschiedenen Bruchs mit der Bourgeoisie gestellt, den es ganz besonders fürchtet - schöpfte das Zentralexekutivkomitee doch bisher seine Kraft aus diesen oder jenen "Kombinationen" mit der Bourgeoisie -, antwortet es mit dem entschiedenen Bruch mit den Arbeitern und den Bolschewiki, um nach dem Zusammenschluss mit der Bourgeoisie seine Waffen gegen die revolutionären Arbeiter und Soldaten zu kehren. Damit wird der Feldzug gegen die Revolution eingeleitet. Zur Freude der Konterrevolution nehmen die Sozialrevolutionäre und Menschewiki die Revolution unter Beschuss...

5. Juli. In den Zeitungen (besonders im "Shiwoje Slowo"[56]) erscheint eine Meldung, die eine niederträchtige Verleumdung gegen den Genossen Lenin enthält. Die "Prawda" ist nicht erschienen, denn in der Nacht vom 4. zum 5. Juli ist sie demoliert worden. Nun wird die Diktatur der "sozialistischen" Minister errichtet, die einen Block mit den Kadetten zu bilden suchen. Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die die Macht nicht übernehmen wollten, übernehmen sie diesmal (auf kurze Zeit), um mit den Bolschewiki abzurechnen ... In den Straßen tauchen Fronttruppenteile auf. Offizierschüler und konterrevolutionäre Banden demolieren, visitieren, kühlen ihr Mütchen. Die Konterrevolution nutzt die von Alexinski, Pankratow und Perewersew gegen Lenin und die Bolschewiki in Szene gesetzte Hetze bis aufs letzte aus. Die Konterrevolution wächst von Stunde zu Stunde. Die Zentrale der Diktatur ist der Militärstab. Zügelloses Wüten des Geheimdienstes, der Offizierschüler, der Kosaken. Verhaftungen, Misshandlungen. Der offene Feldzug des Zentralexekutivkomitees der Sowjets gegen die bolschewistischen Arbeiter und Soldaten entfesselt die Kräfte der Konterrevolution.

Als Antwort auf die von Alexinski und Konsorten verbreitete Verleumdung erscheint das Flugblatt des ZK unserer Partei "Die Verleumder vors Gericht!"[57]. Es erscheint ein besonderer Aufruf des ZK über die Einstellung des Streiks und der Demonstration (da die "Prawda" demoliert worden ist, konnte er dort nicht veröffentlicht werden). Verblüffend wirkt das Fehlen jeglicher Aufrufe der übrigen sozialistischen" Parteien. Die Bolschewiki stehen allein da. Gegen sie schließen sich stillschweigend alle rechts von den Bolschewiki stehenden Elemente zusammen - von Suworin und Miljukow bis zu Dan und Tschernow.

6. Juli. Die Brücken sind aufgezogen. Die gemischte Abteilung des Henkersknechts Masurenko ist am Werk. Auf den Straßen wütet Militär gegen Aufsässige. Faktisch herrscht der Belagerungszustand. "Verdächtige" werden verhaftet und in den Stab abgeführt. Arbeiter, Soldaten und Matrosen werden entwaffnet. Petrograd ist der Willkür der Soldateska preisgegeben. Obwohl die "Machthaber" alles darum gäben, eine so genannte "Schlacht" herbeizuführen, fallen die Arbeiter und Soldaten auf die Provokation nicht herein, "nehmen die Schlacht nicht an". Die Peter-Pauls-Festung öffnet den Entwaffnungskommandos die Tore. Die gemischte Abteilung besetzt die Räume des Petersburger Komitees. In den Arbeitervierteln werden Haussuchungen und Entwaffnungen vorgenommen. Die am 11. Juni zum ersten Mal zaghaft formulierte Idee Zeretelis, die Arbeiter und Soldaten zu entwaffnen, wird nunmehr verwirklicht. "Entwaffnungsminister" nennen ihn die Arbeiter erbittert...

Die Druckerei "Trud" ist demoliert. Es erscheint der "Listok Prawdy" Der Arbeiter Wojinow, der den "Listok" verbreitet, wird ermordet ...Die bürgerliche Presse rast, stellt die gegen den Genossen Lenin gerichtete niederträchtige Verleumdung als Tatsache hin und beschränkt sich in ihrer Attacke gegen die Revolution schon nicht mehr auf die Bolschewiki, sondern dehnt sie auf die Sowjets, auf die Menschewiki, auf die Sozialrevolutionäre aus.

Es wird klar: Die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki haben dadurch, dass sie die Bolschewiki ausgeliefert haben, auch sich selbst ausgeliefert; sie haben die Revolution verraten, indem sie die Kräfte der Konterrevolution auslösten und entfesselten. Der Feldzug der konterrevolutionären Diktatur gegen die Freiheiten im Hinterland und an der Front ist in vollem Gange. Wenn man danach urteilt, dass die Presse der Kadetten und der Alliierten, die gestern noch über das revolutionäre Rußland knurrte, nun auf einmal Genugtuung empfindet, so kann man den Schluss ziehen, dass es beim "Werk" der Niederwerfung nicht ohne die Teilnahme der einheimischen und der alliierten Geldsäcke an diesem Feldzug abgegangen ist.

2. SCHLUSSWORT

27. Juli

Genossen!

Wie aus der Diskussion zu ersehen ist, hat keiner der Genossen die politische Linie des ZK kritisiert oder sich gegen die Losungen des ZK der Partei gewandt. Das ZK hatte drei Hauptlosungen ausgegeben: Alle Macht den Sowjets, Kontrolle über die Produktion und Konfiskation des gutsherrlichen Bodens. Diese Losungen wurden von den Arbeitermassen und den Soldaten mit Sympathie aufgenommen. Diese Losungen haben sich als richtig erwiesen, und weil wir auf diesem Boden kämpften, haben wir die Massen behalten. Das halte ich für die entscheidende Tatsache, die zugunsten des ZK spricht. Wenn das ZK in den schwierigsten Momenten richtige Losungen ausgibt, so heißt dies, dass es im wesentlichen recht hat.

Die Kritik betraf nicht das Wesentliche, sondern das Nebensächliche. Sie lief auf den Hinweis hinaus, dass das ZK sich nicht mit der Provinz in Verbindung gesetzt und seine Tätigkeit hauptsächlich auf Petrograd beschränkt habe. Der Vorwurf, dass das ZK von der Provinz losgelöst war, ist nicht unbegründet. Aber es war absolut unmöglich, die ganze Provinz zu erfassen. Der Vorwurf, dass sich das ZK faktisch in ein Petersburger Komitee verwandelt habe, ist zum Teil berechtigt. Das stimmt. Aber hier in Petrograd wird Rußlands Politik geschmiedet. Hier befinden sich die führenden Kräfte der Revolution. Die Provinz reagiert auf das, was in Petrograd vor sich geht. Die Sache erklärt sich schließlich daraus, dass sich hier die Provisorische Regierung befindet, in deren Händen alle Macht konzentriert ist, dass sich hier das ZEK, das Sprachrohr der gesamten organisierten revolutionären Demokratie, befindet. Anderseits überstürzen sich die Ereignisse, es wird offen gekämpft, und es gibt keinerlei Gewissheit darüber, dass die bestehende Regierung nicht morgen schon gestürzt wird. Es war unter solchen Umständen undenkbar, zu warten, bis unsere Freunde in der Provinz ihre Meinung äußern würden. Bekanntlich entscheidet das ZEK über die Fragen der Revolution, ohne auf die Provinz zu warten. In seinen Händen befindet sich der ganze Regierungsapparat. Und was haben wir? Wir haben den Apparat des ZK. Aber der Apparat des ZK ist natürlich schwach. Und vom ZK zu verlangen, es solle keinerlei Schritte ohne vorherige Befragung der Provinz unternehmen, hieße verlangen, dass das ZK den Ereignissen nicht vorangehe, sondern hinter ihnen hergehe. Das wäre aber kein ZK mehr. Nur dank der Methode, die wir anwandten, konnte das ZK auf der Höhe der Situation bleiben.

Es wurden Vorwürfe in Einzelfragen erhoben. Die Genossen sprachen vom Misserfolg des Aufstands vom 3.-5. Juli. Ja, Genossen, es war ein Misserfolg, aber es war auch kein Aufstand, sondern eine Demonstration.

Dieser Misserfolg erklärt sich dadurch, dass die Front der Revolution gesprengt worden ist infolge der verräterischen Haltung der kleinbürgerlichen Parteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki, die der Revolution den Rücken gekehrt haben.

Genosse Besrabotny[58] sagte, das ZK habe nicht dafür gesorgt, Petrograd und die Provinz mit Flugblättern, die über die Ereignisse vom 3.-5. Juli Aufklärung geben, zu überschwemmen. Doch unsere Druckerei war demoliert, und es gab nicht die geringste technische Möglichkeit, in anderen Druckereien irgendetwas zu drucken, weil ihnen in solchem Fall ebenfalls die Demolierung gedroht hätte.

Hier standen die Dinge immerhin nicht so schlecht: Wenn man uns in den einen Vierteln verhaftete, so wurden wir in den anderen begrüßt und mit ungewöhnlicher Begeisterung empfangen. Auch jetzt ist die Stimmung der Petrograder Arbeiter ausgezeichnet, ist das Prestige der Bolschewiki groß.

Ich möchte einige Fragen aufwerfen.

Erstens: Wie müssen wir auf die gegen unsere Führer gerichteten Verleumdungen reagieren? Wir müssen im Zusammenhang mit den Ereignissen der letzten Zeit ein Manifest an das ganze Volk verfassen, in dem wir alle Tatsachen klarstellen. Dazu muss eine Kommission gewählt werden. Und derselben Kommission, falls Sie sie wählen, schlage ich vor, einen Aufruf an die revolutionären Arbeiter und Soldaten Deutschlands, Englands, Frankreichs usw. herauszugeben, in dem wir sie über die Ereignisse vom 3.-5. Juli unterrichten und die Verleumder brandmarken müssen. Wir sind der Vortrupp des Proletariats, wir tragen die Verantwortung für die Revolution, wir müssen die ganze Wahrheit über die Ereignisse sagen und die niederträchtigen Verleumder entlarven.

Zweitens: Über die Weigerung Lenin s und Sinowjews, vor "Gericht" zu erscheinen. Im gegenwärtigen Moment ist es immer noch unklar, in wessen Händen sich die Macht befindet. Es besteht keine Gewähr dafür, dass sie nicht rohen Gewalttätigkeiten ausgesetzt sein würden, wenn sie sich stellen sollten. Anders läge der Fall, wenn das Gericht demokratisch organisiert und eine Garantie gegeben wäre, dass keine Gewaltakte zugelassen werden. Auf unsere diesbezügliche Anfrage antwortete man uns im ZEK: "Wir wissen nicht, was geschehen kann." Solange die Lage noch nicht geklärt ist, solange zwischen der offiziellen und der faktischen Macht still und verbissen gekämpft wird, hat es folglich keinen Sinn für die Genossen, vor "Gericht" zu erscheinen. Wird aber eine Macht am Ruder stehen, die imstande sein wird, unsere Genossen vor Gewalttätigkeiten zu schützen, dann werden sie erscheinen.

3. BERICHT ÜBER DIE POLITISCHE LAGE

30. Juli

Genossen!

Die Frage der politischen Lage Rußlands ist die Frage des Schicksals unserer Revolution, ihrer Siege und Niederlagen unter den Bedingungen des imperialistischen Krieges.

Schon im Februar wurde es klar, dass die Hauptkräfte unserer Revolution das Proletariat und die infolge des Krieges in den Soldatenrock gesteckte Bauernschaft sind.

Es ist so gekommen, dass sich im Kampf gegen den Zarismus in einem Lager mit diesen Kräften, gleichsam in einer Koalition mit ihnen, noch andere Kräfte vorfanden - die liberale Bourgeoisie und das alliierte Kapital.

Das Proletariat war und bleibt der Todfeind des Zarismus.

Die Bauernschaft glaubte an das Proletariat, und da sie sah, dass sie ohne den Sturz des Zarismus keinen Boden bekommen werde, folgte sie dem Proletariat.

Die liberale Bourgeoisie war durch den Zarismus enttäuscht und wandte sich von ihm ab, denn der Zarismus eroberte ihr nicht nur keine neuen Märkte, sondern vermochte nicht einmal, die alten zu halten, hat er doch 15 Gouvernements an Deutschland abgetreten.

Das alliierte Kapital, der Freund und Gönner Nikolaus´ II., war gleichfalls "genötigt", den Zarismus zu verraten, denn der Zarismus, weit davon entfernt, ihm die erwünschte "einheitliche Front" zu gewährleisten, schickte sich sogar unverkennbar zum Abschluss eines Separatfriedens mit Deutschland an.

So stand der Zarismus isoliert da.

Damit ist denn auch die "verblüffende" Tatsache zu erklären, dass der Zarismus so "still und sanft verschieden ist".

Aber diese Kräfte verfolgten ganz verschiedene Ziele.

Die liberale Bourgeoisie und die englisch-französischen Kapitalisten wollten in Rußland eine kleine Revolution vom Schlage der jungtürkischen machen, um bei den Volksmassen Begeisterung zu entfachen und diese für einen großen Krieg auszunutzen, wobei die Macht der Kapitalisten und Gutsbesitzer in ihren Grundlagen unangetastet bleiben würde.

Eine kleine Revolution um eines großen Krieges willen!

Die Arbeiter und Bauern strebten umgekehrt nach einem radikalen Umsturz der alten Ordnung, nach dem, was bei uns eine große Revolution genannt wird, um nach dem Sturz der Gutsbesitzer und der Zügelung der imperialistischen Bourgeoisie dem Krieg ein Ende zu machen und die Sache des Friedens zu sichern.

Eine große Revolution und Frieden!

Dieser fundamentale Gegensatz bildete gerade die Grundlage, auf der sich unsere Revolution entwickelte, die Grundlage aller und jeglicher "Krisen der Macht".

Die "Krise" vom 20. und 21. April war der erste offene Ausdruck dieses Gegensatzes. Wenn in der Geschichte dieser "Krisen" der Erfolg vorläufig jedes Mal der imperialistischen Bourgeoisie zugefallen ist, so ist das nicht allein durch die Organisiertheit der Front der Konterrevolution mit der Kadettenpartei an der Spitze zu erklären, sondern vor allem dadurch, dass die in ihren Schwankungen zum Imperialismus hinneigenden Paktiererparteien der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki, denen vorerst noch die breiten Massen folgen, jedes Mal die Front der Revolution im Stich ließen, ins Lager der Bourgeoisie überliefen und somit ein Übergewicht zugunsten der Front der Konterrevolution schufen.

So war es im April.

So war es im Juli.

Das "Prinzip" der Koalition mit der imperialistischen Bourgeoisie, das die Menschewiki und Sozialrevolutionäre in den Vordergrund gerückt haben, erwies sich in der Praxis gerade als das verhängnisvolle Mittel, dank dem die Kadettenpartei der Kapitalisten und Gutsbesitzer die Bolschewiki isolierte und gleichzeitig Schritt für Schritt eben mit den Händen der Menschewiki und Sozialrevolutionäre ihre Stellungen festigte .. .

Die zeitweilige Stille an der Front, die den März, April und Mai hindurch andauerte, wurde zur Weiterentwicklung der Revolution ausgenutzt. Vorwärtsgetrieben durch die allgemeine Zerrüttung im Lande und gefördert durch das Vorhandensein von Freiheiten, wie sie kein anderes der kriegführenden Länder aufzuweisen hat, vertiefte sich die Revolution immer mehr und setzte die sozialen Fragen auf die Tagesordnung. Sie dringt mit Macht in die Wirtschaftssphäre ein und stellt die Arbeiterkontrolle in der Industrie, die Nationalisierung des Bodens und die Versorgung der besitzlosen Bauernschaft mit Inventar, die Organisierung eines normalen Austauschs zwischen Stadt und Land, die Nationalisierung der Banken und schließlich die Machtergreifung durch das Proletariat und die ärmsten Schichten der Bauernschaft auf die Tagesordnung. Die Revolution ist unmittelbar an die Notwendigkeit sozialistischer Umgestaltungen herangekommen.

Manche Genossen meinen, dass es angesichts der schwachen Entwicklung des Kapitalismus bei uns eine Utopie sei, die Frage der sozialistischen Revolution zu stellen. Sie hätten Recht, wenn es keinen Krieg, keine Zerrüttung gäbe, wenn die Grundlagen der kapitalistischen Organisation der Volkswirtschaft nicht erschüttert wären. Die Frage des Eingreifens in die Wirtschaftssphäre wird in allen Staaten unter den Bedingungen des Krieges zu einer unabweisbaren Frage. Auch in Deutschland ist diese Frage vom Leben selbst gestellt worden, wobei es dort ohne direkte und aktive Beteiligung der Massen abgeht. Anders bei uns in Rußland. Bei uns hat die Zerrüttung drohendere Ausmaße angenommen. Anderseits existiert nirgends unter Kriegsverhältnissen eine solche Freiheit wie bei uns. Ferner ist bei uns der hohe Grad der Organisiertheit der Arbeiter zu berücksichtigen: Bei uns in Petrograd sind zum Beispiel die Metallarbeiter zu 66 Prozent organisiert. Schließlich hatte und hat das Proletariat nirgends so umfassende Organisationen, wie es die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten sind. Es ist begreiflich, dass die Arbeiter angesichts des Höchstmaßes an Freiheit und Organisiertheit, das sie genossen, nicht auf ein aktives Eingreifen in das Wirtschaftsleben des Landes im Sinne sozialistischer Umgestaltungen verzichten konnten, ohne politischen Selbstmord zu begehen. Es wäre unwürdige Pedanterie, wollte man verlangen, dass Rußland mit den sozialistischen Umgestaltungen "wartet", bis Europa "anfängt". Dasjenige Land "fängt an", das mehr Möglichkeiten hat ...

Da die Revolution so weit vorgeschritten war, musste sie notwendigerweise die Wachsamkeit der Konterrevolutionäre hervorrufen, musste die Konterrevolution einen Auftrieb erfahren. Das ist der erste Faktor der Mobilisierung der Konterrevolution.

Der zweite Faktor ist das durch die Politik der Offensive an der Front eingeleitete Abenteuer und eine ganze Reihe von Frontdurchbrüchen, die der Provisorischen Regierung jegliches Prestige raubten und die Konterrevolution beflügelten, so dass sie zum Angriff auf die Regierung überging. Es gehen Gerüchte um, bei uns habe eine Welle groß angelegter Provokationen eingesetzt. Delegierte von der Front sind der Auffassung, dass sowohl die Offensive als auch der Rückzug, kurz alles, was sich an der Front abspielte, vorbereitet worden sei, um die Revolution in Verruf zu bringen und die Sowjets zu stürzen. Ich weiß nicht, ob diese Gerüchte stimmen oder nicht, aber bemerkenswert ist doch, dass am 2. Juli die Kadetten aus der Regierung austreten, am 3. die Juliereignisse beginnen und am 4. die Nachricht vom Durchbruch der Front eintrifft. Ein erstaunliches Zusammentreffen! Man kann nicht behaupten, dass die Kadetten wegen des Beschlusses in der ukrainischen Frage aus der Regierung ausgetreten seien, denn die Kadetten hatten nichts gegen die Lösung der ukrainischen Frage. Es gibt noch eine zweite Tatsache, die dafür spricht, dass tatsächlich eine Welle von Provokationen eingesetzt hat: Ich habe die Schießereien in der Ukraine[59] im Auge. Die Genossen müssen sich im Zusammenhang mit diesen Tatsachen darüber klar sein, dass der Frontdurchbruch zum Plan der Konterrevolution gehörte als einer der Faktoren, die dazu dienen sollten, die Idee der Revolution in den Augen breiter kleinbürgerlicher Massen zu diskreditieren.

Es gibt noch einen dritten Faktor, der die konterrevolutionären Kräfte in Rußland gestärkt hat: das alliierte Kapital. Wenn das alliierte Kapital die Regierung Nikolaus´ verriet, als es sah, dass der Zarismus auf einen Separatfrieden lossteuerte, so kann es von niemandem gehindert werden, mit der gegenwärtigen Regierung zu brechen, wenn sich herausstellen sollte, dass diese außerstande ist, die "einheitliche" Front aufrechtzuerhalten. In einer Sitzung sagte Miljukow, Rußland werde auf dem Weltmarkt als Lieferant von Menschenmaterial bewertet und erhalte dafür Geld; sollte sich aber herausstellen, dass die neue Staatsmacht, in Gestalt der Provisorischen Regierung, unfähig ist, die einheitliche Front der Offensive gegen Deutschland aufrechtzuerhalten, so lohne es sich nicht, eine derartige Regierung zu subventionieren. Ohne Geld, ohne Kredit musste die Regierung jedoch scheitern. Das ist das Geheimnis, warum die Kadetten während der Krise große Kraft gewannen. Kerenski und alle Minister aber erwiesen sich als Marionetten in den Händen der Kadetten. Die Stärke der Kadetten besteht darin, dass sie durch das alliierte Kapital unterstützt wurden.

Rußland hatte zwischen zwei Wegen zu wählen:

Entweder der Krieg wird beendigt, alle finanziellen Bindungen an den Imperialismus werden zerrissen, die Revolution schreitet weiter, die Grundlagen der bürgerlichen Welt werden erschüttert und es beginnt die Ära der Arbeiterrevolution;

oder der zweite Weg wird beschritten, der Weg der Fortsetzung des Krieges, der Fortführung der Offensive an der Front, der Unterwerfung unter alle Befehle des alliierten Kapitals und der Kadetten - und damit vollständige Abhängigkeit vom alliierten Kapital (im Taurischen Palast zirkulierten bestimmte Gerüchte, wonach Amerika 8 Milliarden Rubel, Mittel zur "Wiederherstellung" der Wirtschaft, geben werde) und Triumph der Konterrevolution.

Einen dritten Weg gibt es nicht.

Der Versuch der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die Aktion vom 3. und 4. Juli als bewaffnete Rebellion hinzustellen, ist einfach lächerlich. Am 3. Juli schlugen wir die revolutionäre Einheitsfront gegen die Konterrevolution vor. Unsere Losung "Alle Macht den Sowjets!" bedeutet ja eben die Schaffung einer revolutionären Einheitsfront. Jedoch aus Angst, die Tuchfühlung mit der Bourgeoisie zu verlieren, wandten die Menschewiki und Sozialrevolutionäre uns den Rücken und zerschlugen im Interesse der Konterrevolutionäre die revolutionäre Front. Fragt man, wer den Sieg der Konterrevolution verschuldet hat, so sind die Sozialrevolutionäre und Menschewiki die Schuldigen. Es ist unser Unglück, dass Rußland ein kleinbürgerliches Land ist, das vorläufig noch den mit den Kadetten paktierenden Sozialrevolutionären und Menschewiki folgt. Und solange die Massen nicht von der Idee des Paktierens mit der Bourgeoisie enttäuscht sein werden, so lange wird die Revolution lahmen und stolpern.

Wir sehen jetzt vor uns das Bild einer Diktatur der imperialistischen Bourgeoisie und der konterrevolutionären Generalität. Die Regierung, die zum Schein gegen diese Diktatur kämpft, erfüllt in Wirklichkeit deren Willen und ist nichts anderes als eine Kulisse, die sie vor dem Zorn des Volkes schirmt. Die entkräfteten und diskreditierten Sowjets mit ihrer Politik endloser Zugeständnisse vervollständigen das Bild nur, und wenn man sie nicht auseinanderjagt, so deswegen, weil man sie als "notwendigen" und sehr "geeigneten" Deckmantel "braucht".

Die Lage hat sich also von Grund aus geändert.

Es muss sich auch unsere Taktik ändern.

Früher waren wir für einen friedlichen Übergang der Macht an die Sowjets, wobei angenommen wurde, das ZEK der Sowjets brauche die Machtübernahme nur zu beschließen, damit die Bourgeoisie friedlich die Bahn freigebe. Und tatsächlich galt im März, im April und im Mai jeder Beschluss der Sowjets als Gesetz, konnte ihm doch jedes Mal mit Gewalt Nachdruck verliehen werden. Seit der Entwaffnung der Sowjets und ihrer (faktischen) Degradierung zu einfachen "Berufs"organisationen hat sich die Lage geändert. Jetzt kümmert man sich nicht um die Beschlüsse der Sowjets. Um nunmehr die Macht ergreifen zu können, muss zuvor die bestehende Diktatur gestürzt werden.

Sturz der Diktatur der imperialistischen Bourgeoisie - das muss jetzt die aktuelle Losung der Partei sein.

Die friedliche Periode der Revolution ist zu Ende. Angebrochen ist die Periode der Schlachten und Explosionen.

Die Losung des Sturzes der derzeitigen Diktatur kann nur unter der Voraussetzung verwirklicht werden, dass ein neuer machtvoller politischer Aufschwung in ganz Rußland eintritt. Die Unvermeidlichkeit eines solchen Aufschwungs wird durch den ganzen Verlauf der Entwicklung des Landes diktiert, sie wird durch den Umstand diktiert, dass keine einzige Grundfrage der Revolution gelöst ist, denn die Fragen des Bodens, der Arbeiterkontrolle, des Friedens und der Macht sind nicht gelöst.

Repressalien können keine einzige Frage der Revolution lösen, sie tragen lediglich zur Verschärfung der Situation bei.

Die Hauptkräfte der neuen Bewegung werden das städtische Proletariat und die ärmsten Schichten der Bauern sein. Eben sie werden im Falle des Sieges die Macht in die Hände nehmen.

Ein charakteristisches Merkmal des Augenblicks besteht darin, dass man die konterrevolutionären Maßnahmen von "Sozialisten" durchführen lässt. Nur weil sich die Konterrevolution eine solche Kulisse geschaffen hat, kann sie sich noch ein, zwei Monate halten. Da sich aber die Kräfte, der Revolution entwickeln, wird es zu Explosionen kommen, und der Augenblick wird eintreten, da die Arbeiter die armen Schichten der Bauernschaft in Bewegung setzen und um sich scharen, das Banner der Arbeiterrevolution entrollen und die Ära der sozialistischen Revolution in Europa eröffnen werden.

4. ANTWORTEN AUF FRAGEN ZUM BERICHT
ÜBER DIE POLITISCHE LAGE

31. Juli

Zum ersten Punkt "Welche Formen der Kampforganisation schlägt der Referent an Stelle der Sowjets der Arbeiterdeputierten vor?" muss ich sagen, dass eine solche Fragestellung falsch ist. Ich habe mich nicht gegen die Sowjets als Organisationsform der Arbeiterklasse gewandt, aber eine Losung wird nicht durch die Form der Organisation einer revolutionären Einrichtung bestimmt, sondern durch den Inhalt, der das Fleisch und Blut der betreffenden Einrichtung darstellt. Wenn in den Sowjets Kadetten säßen, so würden wir niemals die Losung der Übergabe der Macht an die Sowjets aufgestellt haben.

Jetzt geben wir die Losung der Übergabe der Macht an das Proletariat und die ärmste Bauernschaft aus. Folglich handelt es sich nicht um die Form, sondern darum, welcher Klasse die Macht übergeben wird, es handelt sich um die Zusammensetzung der Sowjets.

Die Sowjets sind die zweckmäßigste Organisationsform für den Kampf der Arbeiterklasse um die Macht, die Sowjets sind jedoch nicht der einzige Typus einer revolutionären Organisation. Es ist eine rein russische Form. Im Auslande sahen wir zur Zeit der großen französischen Revolution die Munizipalitäten, zur Zeit der Kommune das Zentralkomitee der Nationalgarde diese Rolle spielen. Und auch bei uns tauchte der Gedanke an ein Revolutionskomitee auf. Vielleicht wird die Arbeitersektion die geeignetste Form für den Kampf um die Macht sein.

Doch muss man sich darüber klar werden, dass nicht die Frage der Organisationsform entscheidend sein wird.

Wirklich entscheidend ist die Frage, ob die Arbeiterklasse zur Diktatur reif ist; alles andere wird sich finden, wird sich aus der schöpferischen Kraft der Revolution ergeben.

Die Antwort zum zweiten und dritten Punkt - wie sich unser Verhältnis zu den bestehenden Sowjets praktisch gestalten wird - ist völlig klar. Soweit es sich um die Übergabe der gesamten Macht an das Zentralexekutivkomitee der Sowjets handelt, ist diese Losung überholt. Und nur darum allein handelt es sich. Die Frage des Sturzes der Sowjets ist erfunden. Sie ist hier von niemandem aufgeworfen worden. Wenn wir vorschlagen, die Losung "Alle Macht den Sowjets!" zurückzuziehen, so folgt daraus noch nicht die Losung: "Nieder mit den Sowjets!" Und wir, die wir diese Losung zurückziehen, treten zugleich nicht einmal aus dem Zentralexekutivkomitee der Sowjets aus, trotz der kläglichen Rolle, die es in letzter Zeit spielt.

Die lokalen Sowjets können noch eine Rolle spielen, da sie gezwungen sein werden, sich gegen die Anmaßungen der Provisorischen Regierung zu wehren, und in diesem Kampfe werden wir die Sowjets unterstützen.

Ich wiederhole also: Die Zurücknahme der Losung von der Übergabe der Macht an die Sowjets bedeutet keineswegs: "Nieder mit den Sowjets!" "Unser Verhältnis zu denjenigen Sowjets, in denen wir in der Mehrheit sind", ist das allerwohlwollendste. Mögen diese Sowjets leben und erstarken! Allein die Macht liegt nicht mehr bei den Sowjets. Früher gab die Provisorische Regierung ein Dekret heraus, das Exekutivkomitee der Sowjets erließ ein Gegendekret, und nur das letztere erhielt Gesetzeskraft. Man erinnere sich an die Geschichte mit dem Befehl Nr. 1[60]. Jetzt hingegen rechnet die Provisorische Regierung nicht mehr mit dem Zentralexekutivkomitee. Der Beschluss über die Teilnahme des ZEK der Sowjets an der Kommission, die zur Untersuchung der Ereignisse vom 3.-5. Juli eingesetzt war, wurde vom ZEK der Sowjets nicht rückgängig gemacht, kam aber infolge eines Befehls von Kerenski nicht zur Durchführung. Es handelt sich jetzt nicht um die Eroberung der Mehrheit in den Sowjets, was an und für sich sehr wichtig ist, sondern um den Sturz der konterrevolutionären Diktatur.

Was den vierten Punkt betrifft, nämlich die Konkretisierung des Begriffs "ärmste Bauernschaft" und den Hinweis auf die Form ihrer Organisierung, so verweise ich darauf, dass die Bezeichnung "ärmste Bauernschaft" nicht neu ist. Sie wurde durch den Genossen Lenin 1905 in die marxistische Literatur eingeführt, wurde von da an fast in jeder Nummer der "Prawda" gebraucht und ist auch in den Resolutionen der Aprilkonferenz zu finden.

Die ärmsten Schichten der Bauernschaft sind diejenigen Schichten, deren Wege von denen der Oberschicht der Bauern verschieden sind. Der Sowjet der Bauerndeputierten, der angeblich 80 Millionen Bauern "vertritt" (die Frauen mit eingerechnet), ist eine Organisation der bäuerlichen Oberschicht. Die unteren Schichten der Bauernschaft führen einen erbitterten Kampf gegen die Politik dieses Sowjets. Während Tschernow, das Haupt der Partei der Sozialrevolutionäre, ferner Awxentjew und andere den Bauern mit dem Vorschlag kommen, nicht sofort den Boden in Besitz zu nehmen, sondern die allgemeine Regelung der Bodenfrage durch die Konstituierende Versammlung abzuwarten, antworten die Bauern damit, dass sie den Boden in Besitz nehmen, ihn bestellen, das Inventar in Besitz nehmen usw. Nachrichten dieser Art haben wir aus den Gouvernements Pensa, Woronesh, Witebsk, Kasan und einer Reihe anderer Gouvernements. Das allein zeigt schon klar die Differenzierung des Dorfes in untere und obere Schichten, es zeigt, dass die Bauernschaft als einheitliches Ganzes nicht mehr existiert. Die Oberschicht geht hauptsächlich mit den Sozialrevolutionären, die unteren Schichten dagegen können ohne Boden nicht leben und stehen in Opposition zur Provisorischen Regierung. Das sind die landarmen Bauern, die Bauern mit nur einem oder gar keinem Pferd usw. Ihnen schließen sich die Bauernschichten an, die fast ganz landlos sind, die halbproletarischen Schichten.

Es wäre unvernünftig, in einer revolutionären Periode keinen Versuch zu machen, ein gewisses Übereinkommen mit diesen Schichten der Bauernschaft zu erzielen. Gleichzeitig ist es jedoch notwendig, die Landarbeiterschichten der Bauernschaft gesondert zu organisieren und sie um die Proletarier zu scharen.

Es ist schwer vorauszusagen, wie die Form der Organisation dieser Schichten aussehen wird. Zur Zeit organisieren sich die unteren Schichten der Bauernschaft entweder in auf eigene Faust geschaffenen Sowjets, oder sie bemühen sich, die schon bestehenden Sowjets zu erobern. So organisierte sich zum Beispiel vor etwa anderthalb Monaten in Petrograd ein Sowjet der ärmsten Bauern (aus Vertretern von 80 Truppenteilen und von Betrieben), der einen erbitterten Kampf gegen die Politik des Sowjets der Bauerndeputierten führt.

Im allgemeinen sind die Sowjets die zweckmäßigste Organisationsform der Massen, allein es kommt nicht auf die Institutionen an, sondern wir müssen auf den Klasseninhalt hinweisen, müssen danach streben, dass auch die Massen die Form vorn Inhalt unterscheiden.

Allgemein gesprochen ist die Frage der Organisationsformen nicht entscheidend. Wenn ein revolutionärer Aufschwung eintritt, werden auch die Organisationsformen geschaffen. Die Frage der Formen darf nicht die Kernfrage verdecken: An welche Klasse muss die Macht übergehen?

Ein Block mit den "Vaterlandsverteidigern" ist für uns in Zukunft undenkbar. Die Parteien der "Vaterlandsverteidiger" haben ihr Schicksal an das der Bourgeoisie gekettet, und die Idee eines Blocks von den Sozialrevolutionären bis zu den Bolschewiki hat Schiffbruch erlitten. Im Bunde mit den ärmsten Schichten der Bauernschaft gegen die oberen Schichten der Sowjets zu kämpfen und die Konterrevolution hinwegzufegen - das ist die Aufgabe, vor der wir jetzt stehen.

5. SCHLUSSWORT

31. Juli

Genossen!

Ich muss vor allem einige sachliche Richtigstellungen vornehmen.

Genosse Jaroslawski wendet sich gegen meine Behauptung, dass das Proletariat Rußlands das höchstorganisierte ist, und weist dabei auf das österreichische Proletariat hin. Aber, Genossen, ich habe von der "roten", von der revolutionären Organisiertheit gesprochen, und eine ähnliche Organisiertheit gibt es in keinem einzigen Lande in solchem Grade wie beim Proletariat Rußlands.

Angarski hat ganz und gar Unrecht, wenn er behauptet, ich wolle die Idee der Vereinigung aller Kräfte durchsetzen. Wir können jedoch die Augen nicht davor verschließen, dass, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, nicht nur die Bauernschaft und das Proletariat, sondern auch die russische Bourgeoisie und das ausländische Kapital dem Zarismus den Rücken gekehrt haben. Das ist eine Tatsache. Es ist nicht gut, wenn Marxisten eine Tatsache nicht sehen wollen. Später beschritten jedoch die beiden ersten Kräfte den Weg der Weiterentwicklung der Revolution, die beiden letzteren den Weg der Konterrevolution.

Ich komme zum Wesen der Sache. Am schärfsten hat Bucharin die Frage gestellt, aber auch er hat sie nicht zu Ende geführt. Bucharin behauptet, der imperialistische Bourgeois habe einen Block mit dem Bauern gebildet. Mit welchem Bauern aber? Wir haben verschiedene Bauern. Mit den rechtsorientierten Bauern ist der Block gebildet worden, aber wir haben ja auch Bauern der unteren Schichten, linkseingestellte, die die ärmsten Schichten der Bauernschaft vertreten. Mit denen aber konnte ein solcher Block nicht gebildet werden. Sie haben mit der Großbourgeoisie keinen Block gebildet, sie folgen ihr aber aus Mangel an Bewusstsein, sie werden einfach betrogen, mitgezogen.

Gegen wen richtet sich nun der Block?

Das hat Bucharin nicht gesagt. Es ist ein Block des alliierten und des russischen Kapitals, des Offizierkorps und der Oberschichten der Bauernschaft in Gestalt der Sozialrevolutionäre vom Schlage eines Tschernow. Dieser Block hat sich gegen die unteren Schichten der Bauernschaft, gegen die Arbeiter gebildet.

Welche Perspektive sieht Bucharin? Seine Analyse ist von Grund aus falsch. Seiner Auffassung nach gehen wir in der ersten Etappe einer Bauernrevolution entgegen. Aber diese muss sich doch unvermeidlich mit der Arbeiterrevolution treffen, muss mit ihr zusammenfallen. Es ist doch unmöglich, dass die Arbeiterklasse, die Avantgarde der Revolution, nicht zugleich auch für ihre eigenen Forderungen kämpft. Daher halte ich das Schema Bucharins für undurchdacht.

Die zweite Etappe bildet nach Bucharin die proletarische Revolution, unterstützt von Westeuropa, ohne Beteiligung der Bauern, die den Boden bekommen haben und zufrieden gestellt sind. Aber gegen wen richtet sich diese Revolution? Darauf bleibt Bucharin in seinem kindischen Schema die Antwort schuldig. Andere Methoden zur Analyse der Ereignisse sind nicht vorgeschlagen worden.

Nun zur politischen Lage. Niemand spricht jetzt noch von einer Doppelherrschaft. Wenn die Sowjets früher eine reale Macht bildeten, so sind sie jetzt lediglich Organe des Zusammenschlusses der Massen, die über keinerlei Macht verfügen. Gerade deshalb ist es unmöglich, ihnen die Macht "einfach" zu übergeben. Genosse Lenin geht in seiner Broschüre[61] noch weiter; er weist mit Bestimmtheit nach, dass es eine Doppelherrschaft nicht mehr gibt, da die ganze Macht in die Hände des Kapitals übergegangen ist; jetzt die Losung "Alle Macht den Sowjets!" aufstellen hieße Donquichotterie treiben.

Wenn früher ohne die Sanktion des Exekutivkomitees der Sowjets kein Gesetz in Kraft treten konnte, so wird jetzt von einer Doppelherrschaft nicht einmal mehr geredet. Sie können jetzt alle Sowjets erobern, die Macht werden Sie nicht besitzen!

Während der Wahlen zu den Bezirksdumas haben wir über die Kadetten gespottet, weil sie die armseligste Gruppe bildeten, die nur 20 Prozent der Stimmen auf sich vereinigt hatte. Jetzt spotten sie über uns. Was ist geschehen? Unter Vorschubleistung durch das Zentralexekutivkomitee der Sowjets ist die Macht in die Hände der Bourgeoisie übergegangen.

Die Genossen haben es mit der Frage der Organisierung der Macht eilig. Aber Sie haben sie ja noch gar nicht, die Macht!

Unsere Hauptaufgabe ist es, die Notwendigkeit des Sturzes der bestehenden Macht zu propagieren. Wir sind darauf noch nicht genügend vorbereitet. Aber wir müssen uns darauf vorbereiten.

Es ist notwendig, dass die Arbeiter, Bauern und Soldaten erkennen, dass sie ohne den Sturz der gegenwärtigen Regierung weder Freiheit noch Land bekommen können!

Es erhebt sich also nicht die Frage der Organisierung der Macht, sondern des Sturzes der Macht; wenn wir erst die Macht erobert haben, werden wir sie auch zu organisieren wissen.

Jetzt einige Worte als Antwort an Angarski und Nogin in Verbindung mit ihrem Einwand gegen die sozialistischen Umgestaltungen in Rußland. Schon auf der Aprilkonferenz sprachen wir davon, dass der Augenblick gekommen sei, Schritte in der Richtung zum Sozialismus einzuleiten (verliest den Schluss der Resolution der .Aprilkonferenz "Über die gegenwärtige Gage"):

"Das Proletariat Rußlands, das in einem der rückständigsten Länder Europas, inmitten einer kleinbäuerlichen Bevölkerungsmasse wirkt, kann sich nicht die sofortige Verwirklichung sozialistischer Umgestaltungen zum Ziel setzen. Es wäre jedoch der größte Fehler, und in der Praxis würde es sogar den vollständigen Übertritt auf die Seite der Bourgeoisie bedeuten, wollte man daraus schließen, dass die Arbeiterklasse die Bourgeoisie unterstützen oder ihre Tätigkeit auf den Rahmen, der für das Kleinbürgertum annehmbar ist, beschränken müsse, oder dass das Proletariat auf seine führende Rolle bei der Aufklärung des Volkes über die Dringlichkeit einer Reihe praktisch bereits herangereifter Schritte zum Sozialismus verzichten solle."

Die Genossen sind um drei Monate zurückgeblieben. Was hat sich nun in diesen drei Monaten vollzogen? Das Kleinbürgertum hat sich differenziert, die unteren Schichten trennen sich von den oberen, das Proletariat organisiert sich, die Zerrüttung greift um sich und setzt immer nachdrücklicher die Frage der Durchführung der Arbeiterkontrolle auf die Tagesordnung (zum Beispiel in Petrograd, im Donezbecken usw.). Alles dies spricht zugunsten der von uns schon im April angenommenen Thesen. Die Genossen aber wollen uns zurückzerren.

Jetzt zu den Sowjets. Wenn wir unsere frühere Losung von der Macht der Sowjets zurückziehen, so wenden wir uns damit nicht gegen die Sowjets. Im Gegenteil, man kann und soll in den Sowjets arbeiten, sogar im Zentralexekutivkomitee der Sowjets, diesem Organ zur Deckung der Konterrevolution. Zwar sind die Sowjets jetzt lediglich Organe des Zusammenschlusses der Massen, aber wir sind immer mit den Massen und werden so lange in den Sowjets bleiben, bis man uns hinausjagt. Wir bleiben ja auch in den Betriebskomitees und in den Gemeinderäten, obwohl sie nicht die Macht in ihren Händen haben. Wir bleiben in den Sowjets, setzen aber die Entlarvung der Taktik der Sozialrevolutionäre und Menschewiki fort.

Nachdem die Konterrevolution mit aller Deutlichkeit die Verbindung unserer Bourgeoisie mit dem alliierten Kapital aufgedeckt hat, ist es noch offensichtlicher geworden, dass wir uns in unserem revolutionären Kampf auf drei Faktoren stützen müssen: auf das Proletariat Rußlands, auf unsere Bauernschaft und auf das internationale Proletariat, denn das Geschick unserer Revolution ist mit der westeuropäischen Bewegung eng verknüpft.

6. ERWIDERUNG AN PREOBRASHENSKI
ZUR FRAGE DES 9. PUNKTES DER RESOLUTION
"ABER DIE POLITISCHE LAGE"

3. August

Stalin verliest den 9. Punkt der Resolution:

9. "Es wird dann die Aufgabe dieser revolutionären Klassen sein, alle Kräfte anzuspannen, um die Staatsmacht in die eigenen Hände zu nehmen und sie im Bunde mit dem revolutionären Proletariat der vorgeschrittenen Länder in den Dienst des Friedens und der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft zu stellen."

Preobrashenski: Ich schlage eine andere Fassung des Schlusssatzes der Resolution vor: "sie in den Dienst des Friedens und beim Vorhandensein einer proletarischen Revolution im Westen - in den Dienst des Sozialismus zu stellen". Wenn wir die Fassung der Kommission annehmen, so ergibt sich ein Widerspruch zu der bereits angenommenen Resolution Bucharins.

Stalin: Ich bin gegen eine solche Abänderung. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, dass gerade Rußland das Land sein wird, das den Weg zum Sozialismus bahnt. Bisher hat noch kein einziges Land unter Verhältnissen des Krieges eine solche Freiheit genossen wie Rußland, und kein einziges Land hat versucht, die Arbeiterkontrolle über die Produktion durchzuführen. Außerdem ist die Basis unserer Revolution breiter als in Westeuropa, wo das Proletariat ganz allein der Bourgeoisie 'von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht. Bei uns dagegen werden die Arbeiter von den ärmsten Schichten der Bauernschaft unterstützt. Schließlich funktioniert der Staatsapparat in Deutschland ungleich besser als der unvollkommene Apparat unserer Bourgeoisie, die ja selber dem europäischen Kapital tributpflichtig ist. Man muss die überlebte Vorstellung fallen lassen, dass nur Europa uns den Weg weisen könne. Es gibt einen dogmatischen Marxismus und einen schöpferischen Marxismus. Ich stehe auf dem Boden des letzteren.

Vorsitzender: Ich lasse über den Abänderungsantrag Preobrashenskis abstimmen. Der Antrag ist abgelehnt?

(Infolge der Kürze und offenkundigen Unzulänglichkeit des "Protokolls des VI. Parteitags der SDAPR(B)", das zudem zwei Jahre nach dem Parteitag erschienen ist, sah sich die Redaktion bei der Feststellung des Wortlauts der Reden des Genossen Stalin auf dem VI. Parteitag veranlasst, neben dem "Protokoll" auch die im Juli und August 1917 in den Zeitungen "Rabotschi i Soldat" Nr. 7 und Nr. 14 sowie "Proletari" Nr. 3 veröffentlichten offiziellen Berichte über die Reden des Genossen Stalin auf dem Parteitag zu verwenden.)

Zuerst veröffentlicht in dem Buch:
Protokoll des VI. Parteitags der SDAPR (Bolschewiki).
Verlag "Kommunist", 1919.

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