"Stalin"

Werke

Band 3

WAS WOLLEN DIE KAPITALISTEN?

Dieser Tage wurde in Moskau der zweite Allrussische Kongress der Kaufleute und Industriellen eröffnet. Der Kongress wurde mit einer Programmrede des Führers der Nationalisten, des Millionärs Rjabuschinski, eröffnet.

Wovon sprach Rjabuschinski?

Worin besteht das Programm der Kapitalisten?

Das müssen die Arbeiter wissen, besonders jetzt, wo die Kapitalisten über die Macht gebieten und die Menschewiki und Sozialrevolutionäre mit ihnen als den "lebendigen Kräften" techtelmechteln.

Denn die Kapitalisten sind geschworene Feinde der Arbeiter; um die Feinde aber besiegen zu können, muss man sie vor allem kennen. Also, was wollen die Kapitalisten?

*

In wessen Händen ist die Macht?

Die Kapitalisten sind keine müßigen Schwätzer. Sie sind Männer der Tat. Sie wissen, dass die Grundfrage der Revolution und Konterrevolution die Frage der Macht ist. Es ist deshalb kein Wunder, dass Rjabuschinski seine Rede mit dieser grundlegenden Frage beginnt.

"Unsere Provisorische Regierung", sagt er, "die eine Art Scheinmacht darstellte, stand unter dem Druck unbefugter Elemente. Bei uns hatte sich faktisch eine Bande politischer Scharlatane etabliert. Die sowjetischen Pseudoführer des Volkes führten es auf den Weg des Untergangs, und so steht jetzt das ganze Russische Reich am Rande eines gähnenden Abgrunds" ("Rjetsch").

Dass sich "bei uns faktisch eine Bande politischer Scharlatane etabliert hat", das ist freilich wahr. Ebenso wahr ist aber auch, dass diese "Scharlatane" nicht unter den "sowjetischen Führern", sondern eben unter den Rjabuschinski zu suchen sind, unter den Freunden Rjabuschinskis, die am 2. Juli aus der Provisorischen Regierung austraten, wochenlang um die Ministerportefeuilles feilschten, die sozialrevolutionär-menschewistischen Einfaltspinsel durch die Drohung, der Regierung keinen Kredit zu gehen, unter erpresserischen Druck setzten und schließlich ihr Ziel erreichten, indem sie sie zwangen, nach ihrer Pfeife zu tanzen.

Denn sie, diese "Scharlatane", und nicht die "sowjetischen Führer" diktierten der Regierung die Verhaftungen und die Terrorüberfälle, die Erschießungen und die Todesstrafe.

Denn sie, diese "Scharlatane", "drücken" auf die Regierung und machen aus ihr einen Schutzschirm gegen den Volkszorn.

Denn sie, diese "Scharlatane", und nicht die "sowjetischen Führer", die keine Macht besitzen, haben sich in Rußland "jetzt faktisch etabliert".

Aber nicht darum geht es hier natürlich. Es geht lediglich darum, dass die Sowjets, vor denen die Kapitalisten gestern noch auf dem Bauche krochen und die jetzt zerschlagen sind, noch ein Körnchen Macht behalten haben, und jetzt wollen die Kapitalisten den Sowjets auch diese letzten Krumen wegnehmen, um ihre eigene Macht desto gründlicher zu festigen.

Das ist es, wovon Herr Rjabuschinski vor allem spricht.

Wollen Sie wissen, was die Kapitalisten wollen?

Alle Macht den Kapitalisten - das ist es, was sie wollen.

*

Wer richtet Rußland zugrunde?

Rjabuschinski spricht nicht nur von der Gegenwart. Er ist nicht abgeneigt, "einen Blick auch auf die vergangenen Monate zu werfen". Und was ergibt sich? "Das Fazit ziehend", sieht er unter anderem, dass "wir in eine Sackgasse geraten sind, aus der wir nicht heraus können... Die Ernährungsfrage ist endgültig verfahren, das ökonomische und finanzielle Leben Rußlands ist zerrüttet usw."

Schuld hieran, so erfährt man, sind wieder die gleichen "Genossen" aus den Sowjets, die "Verschwender", die "unter Kuratel gestellt werden" müssen.

"Die russische Erde stöhnt unter den Umarmungen dieser Genossen, solange das Volk sie nicht durchschaut hat; aber sobald es sie durchschaut, wird es sagen: ´Ihr Volksbetrüger!´."

Dass Rußland in eine Sackgasse getrieben ist, dass es eine tiefe Krise durchmacht, dass es am Rande des Untergangs steht - das stimmt natürlich.

Aber ist es nicht seltsam, wenn man bedenkt:

1. In Rußland gab es vor dem Kriege Überfluss an Getreide, wobei wir alljährlich 400 bis 500 Millionen Pud ausführten, jetzt aber, während des Krieges, mangelt es an Getreide, so dass wir Hunger leiden müssen.

2. Rußland hatte vor dem Kriege eine Staatsschuld von 9 Milliarden, wobei für die Zahlung der Zinsen jährlich insgesamt 400 Millionen Rubel erforderlich waren, während nach drei Jahren Krieg die Verschuldung rund 60 Milliarden erreicht und allein für Zinsen alljährlich 3 Milliarden Rubel erforderlich sind.

Ist es nicht klar, dass der Krieg, und nur der Krieg, Rußland in die Sackgasse getrieben hat?

Wer aber hat Rußland auf den Weg des Krieges getrieben, wer treibt es jetzt auf den Weg der Fortsetzung des Krieges, wer anders als wiederum die Rjabuschinski und Konowalow, die Miljukow und Winawer?

"Verschwender" gibt es in Rußland viele, und sie richten Rußland zugrunde - darüber kann es keinen Zweifel geben. Sie sind jedoch nicht unter den "Genossen" zu suchen, sondern wiederum unter den Rjabuschinski und Konowalow, unter den Kapitalisten und Bankiers, die bei Kriegslieferungen und Staatsanleihen Millionengewinne einstecken.

Und wenn das russische Volk sie einst durchschaut, so wird es gründlich mit ihnen abrechnen - darauf können sie sich verlassen.

Aber nicht darum geht es hier natürlich. Es geht darum, dass die Kapitalisten nach dem für sie profitablen "Krieg bis zum Ende" lechzen, auch aber fürchten, die Verantwortung für seine Folgen zu übernehmen, weswegen sie bemüht sind, den "Genossen" die Schuld in die Schuhe zu schieben, um desto leichter die Revolution in den Wellen des Krieges ertränken zu können.

Darauf eben läuft die Rede des Herrn Rjabuschinski hinaus. Wollen Sie wissen, was die Kapitalisten wollen?

Krieg bis zum vollen Sieg über die Revolution - das ist es, was sie wollen.

*

Wer verrät Rußland?

Nachdem Rjabuschinski Rußlands kritische Lage umrissen hat, kommt er auch mit einem "Ausweg aus der Lage". Aber man höre, was für ein "Ausweg" das ist:

"Der Staat hat der Bevölkerung weder Brot noch Kohlen noch Textilien gegeben ... Vielleicht wird, damit ein Ausweg aus der Lage gefunden werde, die knöcherne Hand des Hungers, das Volkselend, erforderlich sein, die die falschen Freunde des Volkes, die demokratischen Sowjets und Komitees, an der Gurgel packt."

Man höre: "Es wird die knöcherne Hand des Hungers, das Volks-elend, erforderlich sein"...

Die Herren Rjabuschinski haben, wie sich zeigt, nicht übel Lust, Rußland "Hunger" und "Elend" zu bescheren, um "die demokratischen Sowjets und Komitees" "an der Gurgel zu packen".

Sie haben, wie sich zeigt, nicht übel Lust, die Werke und Fabriken stillzulegen, Arbeitslosigkeit und Hungersnot heraufzubeschwören, um einen verfrühten Kampf des Volkes zu provozieren und desto erfolgreicher mit den Arbeitern und Bauern abzurechnen.

Das sind sie, die nach dem Zeugnis der "Rabotschaja Gaseta" und des "Djelo Naroda" die "lebendigen Kräfte" des Landes sein sollen. Hier stehen die wahren Abtrünnigen, die wahren Verräter Rußlands. In Rußland wird jetzt viel von Verrat geredet. Die ehemaligen Gendarmen und die jetzigen Geheimagenten, die stümperhaften Söldlinge und die übelsten Zuhälter - sie alle schreiben jetzt von Verrat und deuten dabei auf die "demokratischen Sowjets und Komitees" hin. Mögen die Arbeiter wissen, dass das verlogene Gerede über Verräter nur ein Deckmantel ist, der die wirklichen Verräter des vielgeprüften Rußlands verhüllt!

Wollen Sie wissen, was die Kapitalisten wollen?

Triumph der Interessen ihres Geldsacks, und sei es um den Preis des Untergangs Rußlands - das ist es, was sie wollen.

"Rabotschi i Soldat"
(Arbeiter uni Soldat) Nr. 13,
6. August 1917.
Leitartikel.

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