"Stalin"

Werke

Band 3

NOCH EINMAL ÜBER STOCKHOLM[63]

Der Krieg geht weiter. Drohend und unentwegt rollt sein blutiger Wagen dahin. Aus einem europäischen Krieg verwandelt er sich Schritt für Schritt in einen Weltkrieg und zieht neue und immer neue Staaten in seinen finsteren Bann.

Gleichzeitig sinkt und schwindet die Bedeutung der Stockholmer Konferenz.

Der "Kampf für den Frieden" und die Taktik des "Drucks" auf die imperialistischen Regierungen, wie es von den Versöhnlern proklamiert wurde, haben sich in "Schall und Rauch" verwandelt.

Die Versuche der Versöhnler, die Beendigung des Krieges zu beschleunigen und die Arbeiterinternationale durch einen Pakt zwischen den "die Mehrheit besitzenden ´Vaterlandsverteidigern´" verschiedener Länder wiederherzustellen, sind völlig gescheitert.

Das Stockholmer Unterfangen der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, um das ein dichtes Netz imperialistischer Intrigen gesponnen wird, muss zwangsläufig entweder zu einer ohnmächtigen Parade oder zu einem Spielzeug in den Händen der imperialistischen Regierungen werden.

Heute ist es für alle klar, dass die Europatournee[64] der Delegierten des Allrussischen Sowjetkongresses und die "sozialistische" Diplomatie der "Vaterlandsverteidiger" samt den von ihnen veranstalteten Festessen in Gesellschaft von Vertretern des englisch-französischen Sozialimperialismus kein Weg zur Wiederherstellung der internationalen Brüderlichkeit der Arbeiter sind.

Unsere Partei hatte Recht, als sie sich schon auf der Aprilkonferenz von Stockholm abgrenzte.

Die Entwicklung des Krieges und die gesamte Weltlage verschärfen unvermeidlich die Klassengegensätze und führen eine Epoche grandioser sozialer Schlachten herbei.

Hierin und nur hierin müssen die demokratischen Wege zur Liquidierung des Krieges gesucht werden.

Man spricht von einer "Evolution" in den Ansichten der englischen und französischen Sozialpatrioten, von ihrem Beschluss, nach Stockholm zu reisen usw.

Aber ändert denn das etwas an der Sache? Haben etwa die russischen sowie die deutschen und österreichischen Sozialpatrioten nicht ebenfalls (schon vor den englischen und französischen!) beschlossen, sich an der Stockholmer Konferenz zu beteiligen? Wer könnte behaupten, dieser ihr Beschluss hätte zur Beschleunigung des Kriegsendes beigetragen?

Hat etwa die Partei Scheidemanns, die sich an der Stockholmer Konferenz beteiligt, aufgehört, ihre Regierung zu unterstützen, die eine Offensive führt und sich Galiziens sowie Rumäniens bemächtigt?

Unterstützen etwa die Parteien Renaudels und Hendersons, die vom "Kampf für den Frieden" und von Stockholm reden, nicht gleichzeitig ihre Regierungen, die sich Mesopotamiens und Griechenlands bemächtigen?

Welche Bedeutung für die Liquidierung des Krieges kann angesichts dieser Tatsachen ihr Gerede in Stockholm haben?

Biedere Worte über Frieden, mit denen die entschlossene Unterstützung der Kriegs- und Annexionspolitik bemäntelt wird - wem wären diese alten, uralten Methoden imperialistischen Massenbetrugs nicht bekannt?

Man sagt, die Verhältnisse hätten sich jetzt im Vergleich zur Vergangenheit geändert, und deshalb müssten wir auch unsere Einstellung zu Stockholm ändern.

Jawohl, die Verhältnisse haben sich geändert, aber geändert haben sie sich nicht zugunsten Stockholms, sondern ausschließlich zu seinen Ungunsten.

Geändert hat sich vor allem, dass der Krieg aus einem europäischen Krieg zu einem Weltkrieg geworden ist, der die allgemeine Krise aufs äußerste ausgeweitet und vertieft hat.

Deshalb sind die Chancen eines imperialistischen Friedens und der Politik des "Drucks" auf die Regierungen bis auf das äußerste Minimum gesunken.

Geändert hat sich zweitens, dass Rußland den Weg der Offensive an der Front eingeschlagen und das innere Leben des Landes durch die Drosselung der Freiheiten den Erfordernissen der Offensivpolitik angepasst hat. Denn man muss doch endlich begreifen, dass eine Offensivpolitik mit "maximalen Freiheiten" unvereinbar ist, dass der Wendepunkt in der Entwicklung unserer Revolution schon im Juni eingetreten ist. Dabei "ist es so gekommen", dass die Bolschewiki in Gefängnissen "sitzen", die "Vaterlandsverteidiger" aber, die zu Verfechtern der Offensive geworden sind, die Rolle der Kerkermeister spielen.

Deshalb ist die Lage der Anhänger des "Kampfes für den Frieden" unhaltbar geworden, denn wenn man früher vom Frieden reden konnte, ohne fürchten zu müssen, der Lüge überführt zu werden, so klingen heute, nach der Politik der Offensive, die von den "Vaterlandsverteidigern" unterstützt wird, Worte über Frieden aus dem Munde der "Vaterlandsverteidiger" wie Hohn.

Was besagt das alles?

Es besagt, dass sich die "kameradschaftlichen" Gespräche über Frieden in Stockholm und die blutigen Taten an den Fronten als absolut unvereinbar erwiesen haben, dass der Widerspruch zwischen ihnen schreiend und augenscheinlich geworden ist.

Deshalb ist der Zusammenbruch der Stockholmer Konferenz unvermeidlich.

Infolgedessen hat sich auch unsere Stellung zu Stockholm etwas geändert.

Früher entlarvten wir das Stockholmer Unterfangen. Heute lohnt sich´s kaum, es zu entlarven, denn es entlarvt sich selbst.

Früher musste man es brandmarken als ein falsches Spiel mit dem Frieden, das die Massen betrügt. Heute lohnt sich´s kaum, es zu brandmarken, denn den am Boden Liegenden schlägt man nicht.

Aber hieraus folgt, dass der Weg nach Stockholm nicht der Weg zum Frieden ist.

Der Weg zum Frieden führt an Stockholm vorbei; zum Frieden führt der revolutionäre Kampf der Arbeiter gegen den Imperialismus.

"Rabotschi i Soldat"
(Arbeiter und Soldat)
Nr. 15, 9. August 1917.
Leitartikel.

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