"Stalin"

Werke

Band 3

WOHIN FÜHRT DIE MOSKAUER BERATUNG?

Die Flucht aus Petrograd

Die Moskauer Beratung ist eröffnet. Eröffnet wurde sie nicht in Petrograd, nicht im Zentrum der Revolution, sondern möglichst fern von ihm, in der "Moskauer Stille".

In den Tagen der Revolution wurden wichtige Beratungen gewöhnlich in Petrograd abgehalten, in der Zitadelle der Revolution, die den Zarismus gestürzt hat. Damals hatte man keine Angst vor Petrograd, damals drängte alles zu ihm hin. Jetzt aber ist an die Stelle der Tage der Revolution das trübe Zwielicht der Konterrevolution getreten. Jetzt ist Petrograd gefährlich, jetzt fürchtet man es wie die Pest und ... flieht vor ihm, wie der Teufel vor dem Weihwasser, weit weg, nach Moskau, "wo es nicht so unruhig ist", wo die Konterrevolutionäre, wie sie meinen, ihre dunklen Geschäfte am leichtesten erledigen können.

"Die Beratung wird im Zeichen Moskaus stehen; die Moskauer Ideen, die Moskauer Stimmungen sind von ganz anderer Art als die des verrotteten Petrograds, dieser Eiterbeule, die Rußland vergiftet" ("Wetscherneje Wremja" vom 11. August).

So reden die Konterrevolutionäre.

Die "Vaterlandsverteidiger" sind völlig mit ihnen einverstanden.

- Nach Moskau, auf nach Moskau! - flüstern die "Retter des Landes" einander zu und nehmen aus Petrograd Reißaus.

- Schert euch fort -, antwortet ihnen das revolutionäre Petrograd.

- Wir boykottieren eure Beratung -, rufen ihnen die Petrograder Arbeiter nach.

Und Moskau? Wird es die Hoffnungen der Konterrevolutionäre erfüllen?

Es sieht nicht danach aus. Die Zeitungen sind voll von Nachrichten über einen Generalstreik in Moskau. Die Moskauer Arbeiter sind in den Streik getreten. Die Arbeiter Moskaus boykottieren die Beratung ebenso wie die Petrograder Arbeiter. Moskau bleibt nicht hinter Petrograd zurück.

Es leben die Moskauer Arbeiter!

Was nun, wieder flüchten?

Aus Petrograd nach Moskau, und aus Moskau - wohin?

Vielleicht nach Zarewokokschaisk?

Schlecht, sehr schlecht stehen die Aktien der Herren Versailler.

*

Von der Beratung zum "Langen Parlament"[65]

Als die Herren "Retter" die Moskauer Beratung vorbereiteten, taten sie so, als beriefen sie eine "einfache Beratung" ein, die über nichts zu entscheiden hätte und zu nichts verpflichten würde. Allein aus der "einfachen Beratung" wurde nach und nach eine "Staatsberatung", dann eine "große Ständeversammlung", und jetzt spricht man schon ganz eindeutig von einer Umwandlung der Beratung in ein "Langes Parlament", das über die wichtigsten Fragen unseres Lebens entscheiden soll.

"Rußlands Zukunft scheint in düstere Farben getaucht, falls sich nicht auf der Moskauer Beratung ein Zentrum herauskristallisiert, das das ganze Land vereinigt", sagt Karaulow, der Ataman der Terekkeosaken. "Ich glaube jedoch, dass ein solches Zentrum geschaffen werden wird ... Und sobald ... sich ein solcher Stützpunkt bildet, wird die Moskauer Beratung nicht nur ein lebensfähiges Organ sein, sondern sie hat dann auch Aussicht auf eine sehr lange und glanzvolle Existenz, etwa wie die des ,Langen Parlaments´ zu Cromwells Zeiten. Was mich betrifft, so werde ich als Vertreter der Kosakenschaft die Bildung eines solchen vereinigenden Zentrums mit allen Mitteln fördern" (Abendausgabe der "Russkije Wjedomosti" vom 11. August).

So spricht der "Vertreter der Kosakenschaft".

Die Moskauer Beratung als "Vereinigungszentrum" der Konterrevolution - das ist Karaulows langer Rede kurzer Sinn.

Dasselbe sagt die Donkosakenschaft in der Instruktion an ihre Vertreter:

"Die Regierung muss von der Moskauer Beratung oder dem Provisorischen Komitee der Reichsduma, und nicht, wie bisher, von irgendeiner Partei gebildet werden. Einer solchen Regierung muss uneingeschränkte Macht und volle Unabhängigkeit gewährt werden."

So spricht der Heeresrat der Donkosakenschaft.

Und wer weiß heute nicht, dass "die Kosaken eine Macht sind"? Hier kann es keinen Zweifel geben: Entweder die Beratung findet nicht statt, oder sie verwandelt sich unvermeidlich in ein "Langes Parlament" der Konterrevolution.

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die die Konferenz einberufen haben, erleichterten es der Konterrevolution, ob sie es wollten oder nicht, sich zu organisieren.

Das ist Tatsache.

*

Wer sind sie?

Wer sind sie, die Hauptmacher der Konterrevolution?

Das ist vor allem der Militärklüngel, die Spitze des Offizierkorps, der gewisse Kreise der Kosakenschaft und der Träger des Georg-Kreuzes folgen.

Das ist zweitens unsere industrielle Bourgeoisie mit Rjabuschinski an der Spitze, demselben Rjabuschinski, der dem Volke mit "Hunger" und "Elend" droht, wenn es nicht von seinen Forderungen ablasse.

Das ist schließlich die Miljukowpartei, die die Generale und Industriellen gegen das russische Volk, gegen die Revolution vereinigt.

Die "Vorberatung"[66] der Generale, Industriellen und Kadetten vom 8.-10. August hat dies zur Genüge gezeigt.

"Der Name des Generals Kornilow ist in aller Munde", schreibt die "Birshowka". Vorherrschend ist auf der Beratung der Einfluss der Vertreter der so genannten Militärpartei, mit General Alexejew an der Spitze, sowie der Delegierten des Kosakenverbandes. Die in der ersten Sitzung gehaltene und von der Beratung mit stürmischer Zustimmung aufgenommene Rede des Generals Alexejew wird in der Moskauer Staatsberatung wiederholt werden" ("Wetschernaja Birshowka" vom 11. August).

Das ist dieselbe Rede, die auf Vorschlag Miljukows als besonderes Zugblatt herausgegeben werden soll.

Ferner:

"Erhöhte Beachtung findet General Kaledin. Auf ihn blickt und hört man besonders. Um ihn gruppieren sich alle Militärs" ("Wetscherneje Wremja" vom 11. August).

Schließlich kennen alle die Ultimaten der Träger des Georg-Kreuzes und der Kosakenverbände, an deren Spitze die gleichen bereits gestürzten und noch nicht gestürzten Generale stehen.

Dabei kommt man den Ultimaten unverzüglich nach, denn die Militärs lieben kein "leeres Gerede".

Zweifel sind ausgeschlossen: Man ist dabei, eine Militärdiktatur zu errichten und ihr eine feste Form zu verleihen.

Die einheimische und die alliierte Bourgeoisie wird sie "lediglich" finanzieren.

Nicht von ungefähr "findet die Beratung solches Interesse bei Sir Buchanan" (siehe "Birshowka"), der anscheinend gleichfalls beabsichtigt, nach Moskau zu fahren.

Nicht von ungefähr triumphieren die Knüppelhelden des Herrn Miljukow.

Nicht von ungefähr dünkt sich Rjabuschinski ein Minin - ein "Retter des Landes" usw.

*

Was wollen sie?

Sie wollen den vollständigen Triumph der Konterrevolution. Man höre sich die Resolution der Vorberatung an.

"In der Armee soll die Disziplin wiederhergestellt werden und die Macht an das Offizierkorps übergehen."

Mit anderen Worten: Zügelt die Soldaten!

"Eine einheitliche und starke Zentralgewalt soll mit dem System der verantwortungslosen Misswirtschaft der kollegialen Körperschaften Schluss machen."

Mit anderen Worten: Nieder mit den Sowjets der Arbeiter und Bauern!

Die Regierung soll "entschlossen alle Spuren einer Abhängigkeit von jedweden Komitees, Sowjets und anderen derartigen Organisationen beseitigen".

Mit anderen Worten: Die Regierung soll nur von den "Sowjets" der Kosaken und den "Konferenten" der Träger des Georg-Kreuzes abhängig sein.

In der Resolution wird versichert, nur auf diesem Wege sei die "Rettung Rußlands" möglich.

Sehr eindeutig, nicht wahr?

Nun, ihr Herren Paktierer, Sozialrevolutionäre und Menschewiki, seid ihr bereit, einen Pakt mit den Vertretern der "lebendigen Kräfte" zu schließen?

Oder habt ihr es euch vielleicht anders überlegt?

Unglückselige Paktierer...

*

Die Stimme Moskaus

Indessen tut Moskau seine revolutionäre Pflicht. Die Zeitungen berichten, dass auf den Aufruf der Bolschewiki hin in Moskau der Generalstreik bereits begonnen hat, und zwar gegen den Beschluss des Allrussischen Exekutivkomitees, das sich immer noch im Schlepptau der Volksfeinde befindet.

Schmach und Schande dem Exekutivkomitee!

Es lebe das revolutionäre Proletariat Moskaus!

Möge die Stimme unserer Genossen in Moskau noch mächtiger erklingen, allen Unterdrückten und Geknechteten zur Freude!

Möge ganz Rußland erfahren, dass es auf der Welt noch Menschen gibt, die bereit sind, Leib und Leben für die Sache der Revolution einzusetzen.

Moskau streikt. Es lebe Moskau!

"Proletari" (Der Proletarier) Nr. 1,
13. August 1917.
Leitartikel.

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