"Stalin"

Werke

Band 3

DIE KONTERREVOLUTION
UND DIE VÖLKER RUSSLANDS

In den Tagen der Revolution und der demokratischen Umgestaltungen marschierte die Bewegung unter dem Banner der Befreiung.

Befreit wurden die Bauern von der Allmacht der Gutsbesitzer. Befreit wurden die Arbeiter von den Launen der Betriebsdirektoren. Befreit wurden die Soldaten von der Willkür der Generale...

Der Prozess der Befreiung musste zwangsläufig auch die Völker Rußlands erfassen, die der Zarismus jahrhundertelang unterdrückte.

Das Dekret über die "Gleichberechtigung" der Völker und die faktische Abschaffung der nationalen Beschränkungen, die Kongresse der Ukrainer, der Finnen, der Bjelorussen und die Frage der föderativen Republik, die feierliche Proklamierung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen und die offiziellen Zusicherungen, "keine Hindernisse bereiten zu wollen" - all das zeugte von der großen Befreiungsbewegung der Völker Rußlands.

So war es in den Tagen der Revolution, als die Gutsbesitzer von der Bildfläche verschwunden waren und die imperialistische Bourgeoisie vom Ansturm der Demokratie an die Wand gedrückt war.

Mit der Rückkehr der Gutsbesitzer (Generale!) an die Macht und mit dem Triumph der konterrevolutionären Bourgeoisie ändert sich das Bild völlig.

Die "großen Worte" über Selbstbestimmung und die feierlichen Zusicherungen, "nicht hinderlich sein zu wollen", geraten in Vergessenheit. Man bereitet die unglaublichsten Hindernisse, man versteigt sich bis zur direkten Einmischung in das innere Leben der Völker. In Finnland wird der Landtag[67] aufgelöst, wobei man droht, "über Finnland erforderlichenfalls den Belagerungszustand zu verhängen" ("Wetscherneje Wremja" vom 9. August). Gegen die Rada und das Sekretariat der Ukraine[68] wird ein Feldzug eröffnet mit der unverkennbaren Absicht, die Autonomie der Ukraine zu enthaupten. Zugleich werden die alten, verabscheuungswürdigen Methoden der Provozierung nationaler Zusammenstöße und der verbrecherischen Verdächtigung des "Verrats" wieder aufgegriffen, mit dem Zweck, die konterrevolutionären chauvinistischen Kräfte zu entfesseln und die Idee der nationalen Befreiung als solche in Strömen von Blut zu ertränken, einen Abgrund zwischen den Völkern Rußlands aufzureißen und zum Frohlocken der Feinde der Revolution Feindschaft zwischen ihnen zu säen.

Damit wird dem Werk der Vereinigung dieser Völker zu einer einheitlichen brüderlichen Familie ein tödlicher Schlag versetzt.

Denn es versteht sich von selbst, dass die Politik der nationalen "Schikanen" die Völker nicht vereint, sondern entzweit und die "separatistischen" Bestrebungen unter ihnen verstärkt.

Denn es versteht sich von selbst, dass die von der konterrevolutionären Bourgeoisie betriebene Politik der nationalen Knechtung eben jene "Zersetzung" Rußlands herbeizuführen droht, gegen die die bürgerliche fresse ein so verlogenes und heuchlerisches Geschrei erhebt.

Denn es versteht sich von selbst, dass die Politik der gegenseitigen Aufhetzung der Nationalitäten eben jene verabscheuungswürdige Politik ist, die das gegenseitige Misstrauen und die Feindschaft zwischen den Völkern verstärkt, dadurch die Kräfte des Proletariats ganz Rußlands spaltet und so die Revolution in ihren Grundlagen unterwühlt.

Eben deshalb sind alle unsere Sympathien auf der Seite der nicht-vollberechtigten und unterdrückten Völker, die natürlich gegen diese Politik kämpfen.

Eben deshalb richten wir die Spitze unseres Schwertes gegen diejenigen, die unter dem Deckmantel der "Selbstbestimmung" des Volkes eine Politik der imperialistischen Annexionen und der gewaltsamen "Vereinigung" betreiben.

Wir sind durchaus nicht gegen die Vereinigung der Völker zu einen staatlichen Ganzen. Wir sind durchaus nicht für die Aufspaltung großer Staaten in kleine. Denn es versteht sich von selbst, dass die Vereinigung kleiner Staaten zu großen eine der Bedingungen ist, die die Verwirklichung des Sozialismus erleichtern.

Aber wir sind unbedingt dafür, dass diese Vereinigung eine freiwillige ist, denn nur eine solche Vereinigung ist echt und von Dauer.

Aber dazu ist vor allem eine volle und bedingungslose Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Völker Rußlands bis zu ihrer Lostrennung von Rußland notwendig.

Ferner ist notwendig, dass diese bloß in Worten ausgesprochene Anerkennung durch die Tat bekräftigt wird, indem man die Völker jetzt sofort ihre Territorien und die Formen ihres politischen Aufbaus in eigenen konstituierenden Versammlungen bestimmen lässt.

Nur eine solche Politik vermag das Vertrauen und die Freundschaft der Völker zu festigen.

Nur eine solche Politik vermag einer echten Vereinigung der Völker den Weg zu ebnen.

Zweifellos sind die Völker Rußlands nicht unfehlbar, sie können bei der Gestaltung ihres Eigenlebens diese oder jene Fehler begehen. Es ist die Pflicht der russischen Marxisten, sie, und vor allem ihre Proletarier, auf diese Fehler hinzuweisen und sich durch Kritik und Überzeugung um die Korrigierung dieser Fehler zu bemühen. Niemand aber hat das Recht, sich gewaltsam in das innere Leben der Nationen einzumischen und ihre Fehler mit Gewalt "zu korrigieren". Die Nationen haben Machtvollkommenheit in Angelegenheiten ihres inneren Lebens und das Recht, sich nach ihrem eigenen Willen einzurichten.

Das sind die grundlegenden Forderungen der Völker Rußlands, die von der Revolution proklamiert wurden und jetzt von der Konterrevolution mit Füßen getreten werden.

Die Verwirklichung dieser Forderungen ist undenkbar, solange die Konterrevolution am Ruder steht.

Der Triumph der Revolution - das ist der einzige Weg zur Befreiung der Völker Rußlands vom nationalen Joch.

Hieraus kann nur ein einziger Schluss gezogen werden: Die Frage der Befreiung von der nationalen Unterdrückung ist eine Frage der Macht. Die Wurzeln der nationalen Unterdrückung liegen in der Herrschaft der Gutsbesitzer und der imperialistischen Bourgeoisie. Die Macht in die Linde des Proletariats und der revolutionären Bauern legen - das eben heißt die volle Befreiung der Völker Rußlands vom nationalen Joch durchsetzen.

Entweder werden die Völker Rußlands den revolutionären Kampf der Arbeiter um die Macht unterstützen, und dann werden sie die Befreiung erlangen, oder sie werden ihn nicht unterstützen, und dann werden sie ihre Befreiung ebenso wenig zu sehen bekommen wie ihre eigenen Ohren.

"Proletari" (Der Proletarier) Nr. 1,
13. August 1917.
Artikel ohne Unterschrift.

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