"Stalin"

Werke

Band 3

ZWEI WEGE

Das Hauptproblem der gegenwärtigen Lage ist die Frage des Krieges. Die ökonomische Zerrüttung und das Ernährungswesen, die Frage des Bodens und die politische Freiheit - alles dies sind Teilfragen der einen allgemeinen Frage des Krieges.

Wodurch ist die Zerrüttung des Ernährungswesens hervorgerufen worden?

Durch den langwierigen Krieg, der das Verkehrswesen desorganisiert hat und die Stadt ohne Brot lässt.

Wodurch ist die Zerrüttung des Finanzwesens und der Wirtschaft hervorgerufen worden?

Durch den nicht enden wollenden Krieg, der Rußland alle Kräfte und Mittel ausgesaugt hat.

Wodurch sind die Repressalien an der Front und im Hinterland hervorgerufen worden?

Durch den Krieg und die Offensivpolitik, die eine "eiserne Disziplin" fordert.

Wodurch ist der Triumph der bürgerlichen Konterrevolution hervorgerufen worden?

Durch den ganzen Gang des Krieges, der neue Milliarden fordert, wobei die einheimische Bourgeoisie, unterstützt von der alliierten Bourgeoisie, den Kredit verweigert, solange die wichtigsten Errungenschaften der Revolution nicht liquidiert sind.

Und so weiter und dergleichen mehr.

Infolgedessen würde die Lösung der Frage des Krieges eben auch die Beilegung aller und jeglicher "Krisen", die jetzt dem Lande die Gurgel zuschnüren, bedeuten.

Aber wie kann das geschehen?

Rußland stehen zwei Wege offen.

Entweder Fortsetzung des Krieges und weitere "Offensive" an der Front, und das bedeutet unvermeidlich die Übergabe der Macht an die konterrevolutionäre Bourgeoisie, damit durch innere und äußere Anleihen Geld beschafft werden kann.

Das Land "retten" bedeutet in diesem Fall, die Kriegskosten im Interesse der russischen und der alliierten Haie des Imperialismus auf die Arbeiter und Bauern (indirekte Steuern!) abzuwälzen.

Oder Übergang der Macht in die Hände der Arbeiter und Bauern, Bekanntgabe demokratischer Friedensbedingungen und Einstellung des Krieges, damit durch die Weiterentwicklung der Revolution der Boden den Bauern übergeben, die Arbeiterkontrolle in der Industrie eingeführt und die zerfallende Volkswirtschaft auf Kosten der Gewinne der Kapitalisten und Gutsbesitzer in Ordnung gebracht werden kann.

Das Land retten bedeutet in diesem Fall, die Arbeiter und Bauern zum Schaden der Haie des Imperialismus von den finanziellen Bürden des Krieges zu befreien.

Der erste Weg führt zur Diktatur der Gutsbesitzer und Kapitalisten über die Werktätigen, zur schwersten Besteuerung des Landes, zum allmählichen Ausverkauf Rußlands an ausländische Kapitalisten (Konzessionen!) und zur Verwandlung Rußlands in eine Kolonie Englands, Amerikas, Frankreichs.

Der zweite Weg eröffnet die Ära der Arbeiterrevolution im Westen, zerreißt die Rußland umstrickenden Finanzfesseln, bringt die Grundfesten der bürgerlichen Herrschaft ins Wanken und macht die Bahn frei für die wirkliche Befreiung Rußlands.

Das sind die beiden Wege, die die Interessen der beiden einander entgegengesetzten Klassen zum Ausdruck bringen - der imperialistischen Bourgeoisie und des sozialistischen Proletariats.

Einen dritten Weg gibt es nicht.

Diese beiden Wege miteinander zu versöhnen ist ebenso unmöglich, wie es unmöglich ist, den Imperialismus und den Sozialismus zu versöhnen.

Die Politik des Paktierens (der Koalition) mit der Bourgeoisie ist zu unvermeidlichen Scheitern verurteilt.

"Eine Koalition auf der Grundlage einer demokratischen Plattform das ist der Ausweg", schreiben aus Anlass der Moskauer Beratung die Herren "Vaterlandsverteidiger" ("Iswestija"[69])

Das ist nicht wahr, ihr Herren Paktierer!

Dreimal habt ihr eine Koalition mit der Bourgeoisie zuwege gebracht, und jedes Mal seid ihr in eine neue "Krise der Macht" hineingeraten. Weshalb?

Weil eine Koalition mit der Bourgeoisie ein falscher Weg ist, weil sie die Eiterbeulen der gegenwärtigen Situation verhüllt.

Weil eine Koalition entweder leerer Schall oder aber ein Mittel in den Händen der imperialistischen Bourgeoisie ist, ihre Macht mit den Händen der "Sozialisten" zu festigen.

Ist denn die jetzige Koalitionsregierung nicht nach ihrem Versuch, sich zwischen die beiden Lager zu setzen, auf die Seite des Imperialismus übergegangen?

Wozu wurde die "Moskauer Beratung" einberufen, wenn nicht zu dem Zweck, nach Festigung der Positionen der Konterrevolution für diesen Schritt die Billigung (und den Kredit!) der "Mächtigen dieser Erde" zu erhalten?

Worauf läuft die Rede Kerenskis auf der "Beratung" hinaus, in der er zu "Opfern" und zur "Selbstbeschränkung der Klassen" aufrief, natürlich im Interesse des "Vaterlandes" und des "Krieges", wenn nicht auf die Festigung des Imperialismus?

Und Prokopowitschs Erklärung, dass die Regierung "keine Einmischung der Arbeiter in die Leitung der Betriebe (Arbeiterkontrolle!) zulassen wird"?

Und die Erklärung des gleichen Ministers, dass "die Regierung keinerlei radikale Reformen auf dem Gebiet der Bodenfrage vornehmen wird"?

Und Nekrassows Erklärung, dass "die Regierung sich nicht auf eine Konfiskation des Privateigentums einlassen wird"?

Was ist das anderes als direkter Dienst an der Sache der imperialistischen Bourgeoisie?

Ist es nicht klar, dass die Koalition lediglich eine Maske ist, genehm und vorteilhaft für die Miljukow und Rjabuschinski?

Ist es nicht klar, dass der Weg des Paktierens und Lavierens zwischen Alen Klassen ein Weg der Irreführung und des Betrugs der Massen ist?

Nein, ihr Herren Paktierer! Der Augenblick ist gekommen, wo es keine Schwankungen und Pakte mehr geben darf. In Moskau spricht man bereits eindeutig von einer "Verschwörung" der Konterrevolutionäre. Die bürgerliche Presse versucht es mit der erprobten Methode der Erpressung, indem sie Gerüchte über eine "Preisgabe Rigas"[70] verbreitet. In einem solchen Augenblick gilt es, seine Wahl zu treffen.

Entweder für das Proletariat, oder gegen das Proletariat.

Das Petrograder und das Moskauer Proletariat boykottiert die "Beratung" und weist damit den Weg zur wirklichen Rettung der Revolution. Beachtet seine Stimme, oder geht aus dem Wege.

"Proletari" (Der Proletarier) Nr. 2,
15. August 1917.
Leitartikel.

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