"Stalin"

Werke

Band 3

DIE WAHRHEIT
ÜBER UNSERE NIEDERLAGE AN DER FRONT

Nachstehend bringen wir Auszüge aus zwei Artikeln über die Ursachen der Juliniederlage unserer Truppen an der Front, die einen dokumentarischen Charakter tragen.

Beide Artikel, sowohl der von Arseni Meritsch (im "Djelo Naroda") als auch der von W. Borissow (im "Nowoje Wremja"[71]), stellen einen Versuch dar, eine objektive Untersuchung der Ursachen der Juliniederlage zu geben, ohne sich dabei der billigen Beschuldigungen zu bedienen, die von nichtswürdigen Elementen gegen die Bolschewiki in Umlauf gebracht werden.

Umso wertvoller sind deshalb ihre Eingeständnisse und Erklärungen.

A. Meritsch befasst sich in seinem Artikel hauptsächlich mit denen, die die Schuld an der Niederlage tragen. Die Schuldigen sind, wie man erfährt, "ehemalige Polizisten und Gendarmen", vor allem aber irgend jemand, der in irgendwessen und "irgendwelchen Automobilen" im Raume der Tarnopol und Tschernowizy verteidigenden Armee umhergefahren sei und den Soldaten den Rückzug befohlen habe. Leider verschweigt der Verfasser, was das für Automobile gewesen sind und wie es geschehen konnte, dass die Kommandeure diese offensichtliche Provokation zugelassen haben. Aber er spricht klar und eindeutig von einem "provozierten Rückzug", von einem "Verrat, der sich nach einem im voraus durchdachten, ausgearbeiteten Plan abgespielt hat", sowie davon, dass eine Untersuchung im Gange sei und "das Geheimnis sich bald enthüllen" werde.

Und die Bolschewiki? Und der "Verrat des Bolschewismus"? Davon ist in dem Artikel von A. Meritsch keine Zeile, kein Wort zu finden!

Noch interessanter ist der Artikel von W. Borissow im "Nowoje Wremja". Hier ist weniger von den Schuldigen als von den "Ursachen der Niederlage die Rede.

Der Verfasser erklärt direkt, dass er "den Bolschewismus von der summarischen Anklage, er trage die Schuld an unserer Niederlage, frei spricht", es handle sich hier nicht um den Bolschewismus, sondern um "tiefere Ursachen", die klargestellt und beseitigt werden müssen. Doch was sind das für Ursachen? Vor allem der Umstand, dass angesichts unserer "unerfahrenen Generale", angesichts der mangelhaften "Ausrüstung" unserer Truppen und der Unorganisiertheit der Soldaten die Taktik der Offensive für uns unbrauchbar ist. Des weiteren die Einmischung "dilettantischer" (unerfahrener) Elemente, die seit langem auf einer Offensive bestanden und sie im Juni auch durchgesetzt haben. Schließlich die allzu große Bereitwilligkeit der Regierung, ohne Rücksicht auf die tatsächliche Lage an der Front den Ratschlägen der Alliierten, wonach eine Offensive notwendig sei, nachzukommen.

Kurzum: "Wir" waren zur Offensive in keiner Hinsicht vorbereitet, wodurch diese zu einem blutigen Abenteuer wurde.

Das heißt, es wird alles das bestätigt, wovor die Bolschewiki und die "Prawda" wiederholt gewarnt haben und weswegen sie von jedem, der nur Lust dazu hatte, mit Schmähungen überhäuft wurden.

So reden heute Leute, die noch gestern uns die Schuld an der Niederlage zuschrieben.

Wir sind weit davon entfernt, uns mit den strategischen und anderen Enthüllungen und Erwägungen des "Nowoje Wremja" zufrieden zu geben, das es jetzt für notwendig hält, "die Bolschewiki von der summarischen Anklage, sie trügen die Schuld an unserer Niederlage, freizusprechen".

Genau so sind wir weit davon entfernt, die Mitteilung von A. Meritsch als erschöpfend zu betrachten.

Wir können jedoch nicht umhin festzustellen: Wenn es selbst die Ministerzeitung "Djelo Naroda" nicht mehr für möglich hält, Schweigen darüber zu bewahren, wer in Wahrheit die Schuld an der Niederlage trägt, wenn es sogar (sogar!) das Suworinsche "Nowoje Wremja", das gestern noch den Bolschewiki die Schuld an der Niederlage zuschrieb, heute für notwendig hält, "die Bolschewiki von dieser Anklage freizusprechen", so bezeugt dies, dass die Sonne schließlich alles an den Tag bringt, dass die Wahrheit über die Niederlage schon zu stark in die Augen springt, als dass man sie noch verschweigen könnte, dass die von den Soldaten selbst ans Licht gebrachte Wahrheit über die Schuld an der Niederlage jeden Augenblick den Anklägern selber ins Gesicht schlagen kann, dass man sich mit weiterem Schweigen selbst ins Unglück bringt...

Es liegt auf der Hand, dass die von den Feinden der Revolution - vom Schlage der Herrschaften vom "Nowoje Wremja" - zusammengebraute und von den "Freunden" der Revolution - vom Schlage der Herrschaften vom "Djelo Naroda" - unterstützte Beschuldigung, die Bolschewiki seien an der Niederlage schuld, unwiderruflich zusammengebrochen ist.

Deshalb und nur deshalb haben sich diese Herrschaften jetzt entschlossen, von denen zu reden, die in Wahrheit die Schuld an der Niederlage tragen.

Erinnern diese Herrschaften nicht sehr stark an jene schlauen Ratten, die als erste das Schiff verlassen, das dem Untergang geweiht ist? Welche Schlussfolgerungen ergeben sich nun hieraus?

Man erzählt uns von einer Untersuchung der Niederlage an der Front, man beteuert, dass "das Geheimnis sich bald enthüllen" werde. Wer bürgt uns aber dafür, dass die Ergebnisse der Untersuchung nicht zu den Akten gelegt werden, dass die Untersuchung objektiv geführt wird und dass man die Schuldigen nach Gebühr bestrafen wird?

Unser erster Vorschlag ist daher: durchzusetzen, dass Vertreter der Soldaten selbst an der Untersuchungskommission teilnehmen.

Nur durch diese Teilnahme kann die wirkliche Ermittlung der an dem "provozierten Rückzug" Schuldigen gesichert werden!

Das ist die erste Schlussfolgerung.

Man erzählt uns von den Ursachen der Niederlage und warnt vor einer Wiederholung der alten "Fehler". Wer bürgt uns aber dafür, dass die "Fehler" tatsächlich Fehler sind und kein "im voraus durchdachter Plan"? Wer kann dafür bürgen, dass, nachdem die Preisgabe Tarnopols "provoziert" wurde, nicht auch die Preisgabe Rigas und Petrograds "provoziert" wird, um das Prestige der Revolution zu untergraben und sodann auf ihren Trümmern die verhasste alte Ordnung wiederaufzurichten?

Unser zweiter Vorschlag ist daher: Vertreter der Soldaten selbst mit der Kontrolle der Tätigkeit ihrer Vorgesetzten zu betrauen und alle Verdächtigen unverzüglich abzusetzen.

Nur eine derartige Kontrolle kann die Revolution vor verbrecherischen Provokationen großen Maßstabs sichern.

Das ist die zweite Schlussfolgerung.

"Proletari" (Der Proletarier) Nr. 5,
18. August 1917.
Artikel ohne Unterschrift.

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