"Stalin"

Werke

Band 3

WER IST ALSO
AN DER NIEDERLAGE AN DER FRONT SCHULD?

Jeder Tag wird jetzt für die Beantwortung dieser Frage neues Material liefern. Und jeder Tag wird von neuem den Beweis bringen, wie niederträchtig, wie gemein diejenigen handelten, die die Verantwortung für die Juliniederlage an der Front auf die Bolschewiki abwälzen wollten. In Nummer 147 der "Iswestija", des offiziellen Organs der Sowjets, ist ein Artikel erschienen: "Die Wahrheit über das Mlynower Regiment." Dies ist ein Dokument von erstrangiger politischer Bedeutung.

Am 7. Juli, unter dem Dröhnen der Ereignisse in Petrograd, erscheint in der Presse für alle unerwartet ein Telegramm des Hauptquartiers, worin bekannt gegeben wird, das 607. Mlynower Regiment habe "eigenmächtig die Schützengräben verlassen", was den Deutschen die Möglichkeit gegeben habe, in unser Gebiet einzubrechen, und das ganze Unglück sei "in bedeutendem Maße durch den Einfluss der Agitation der Bolschewiki zu erklären..." Auf die ohnehin verleumdeten Bolschewiki hagelten nun Beschuldigungen über Beschuldigungen nieder. Der Hass gegen die Bolschewiki kennt keine Grenzen. Tagaus, tagein gießt die gesamte "patriotische" Presse Öl ins Feuer. Die Verleumdung schießt immer üppiger ins Kraut.

So war es noch vor ganz kurzer Zeit.

Und was erfahren wir jetzt?

Es stellt sich heraus, dass schon die erste, ausschlaggebende Meldung des Hauptquartiers, die als Ausgangspunkt für die ganze Verleumdungskampagne diente, von Anfang bis Ende erlogen war. Das Regimentskomitee des 607. Mlynower Regiments wendet sich jetzt an die Verleumder mit einer Erklärung, in der es heißt:

"...Haben Sie am 6. Juli im Gefecht gestanden?

Ist Ihnen bekannt, dass das Regiment mit 798 Soldaten und 54 Offizieren eine Linie von zweieinhalb Werst verteidigte? Ist Ihnen bekannt, dass nur 12 Offiziere und 114 Soldaten am Leben geblieben, die übrigen aber fürs Vaterland gefallen sind (75 Prozent Verluste)?

Ist Ihnen bekannt, dass das 607. Regiment sieben Stunden lang in einem beispiellosen, höllischen Trommelfeuer lag und dass es trotz des Befehls, um 8 Uhr 30 auf die Stützpunkte zurückzugehen, sich bis 11 Uhr (von 3 Uhr 30 früh an) zu halten vermochte?

Ist Ihnen denn bekannt, in was für Schützengräben wir saßen, welche technischen Abwehrmittel uns zur Verfügung standen? ..."

Doch nicht genug damit. Die "Iswestija" führen Dokumente über die offizielle Untersuchung an, die die Unterschriften der Generalmajore Goschtoft und Gawrilow sowie des stellvertretenden Stabschefs Kolesnikow und anderer tragen. Und in diesen Dokumenten lesen wir:

"Wie das Ergebnis der Untersuchung zeigt... können das 607. Mlynower Regiment sowie die ganze 6. Grenadierdivision des Verrats und des eigenmächtigen Verlassens der Stellungen nicht beschuldigt werden. Die Division ist am 6. Juli kämpfend verblutet ... Im feindlichen Artilleriefeuer aus über 200 Geschützen ist die Division, die nur 16 Geschütze hatte, aufgerieben worden."

Und - kein Wort von böswilliger bolschewistischer Agitation. So sehen die Tatsachen aus.

Sogar die "Iswestija", die stets bereit sind, aus jedem Anlass über die Bolschewiki herzufallen, schreiben dazu:

"Gewiss trägt nicht die revolutionäre Ordnung der Armee die Schuld an der Niederlage. Aber die Verleumdungen gegen diese Ordnung ermöglichten es, die ganze Verantwortung für die Niederlage auf die bolschewistische Propaganda abzuwälzen, und auf die sie begünstigenden Komitees."

So, so, werte Herrschaften von den "Iswestija"! Ihr selbst aber - die Frage sei uns gestattet -, habt ihr nicht das gleiche getan? Habt ihr etwa nicht selbst, gleich dem ganzen Schwarzhunderterpack, gemeine Verleumdungen und infame Denunziationen gegen die Bolschewiki veröffentlicht?

Habt ihr etwa nicht selbst geschrieen: Kreuzigt ihn, kreuzigt den Bolschewik, er ist an allem schuld?.

Doch höre man weiter:

"Und diese" (im Hauptquartier fabrizierte) "Verleumdung ist kein Zufall, sie ist System!" fahren die offiziellen "Iswestija" fort. "Ganz genau so wurde auch in amtlichen Meldungen des Hauptquartiers vom Verrat des Gardekorps gesprochen ... Wir aber waren Zeugen, wie unfähige konterrevolutionäre Generale die Verantwortung für ihre Unfähigkeit, die Tausende von Menschenleben kostete, auf die Armeeorganisationen abwälzen wollten ... So war es im Kleinen am Stochod, und so wird es jetzt im Großen wiederholt ... Denn die konterrevolutionären Stäbe konnten auf Grund ihrer verleumderischen Meldungen die Auflösung von Regimentern, die Abschaffung der Komitees fordern. Auf Grund von Verleumdungen konnten sie Hunderte von Menschen erschießen, die leer gewordenen Gefängnisse wieder füllen. Durch die Vernichtung der revolutionären Organisationen in der Armee konnten sie die Armee wieder zu ihrem Werkzeug machen, um sie gegen die Revolution ins Feld zu führen."

Also so weit haben wir´s gebracht! Selbst unsere abgefeimten Gegner von den "Iswestija" müssen zugeben, dass die konterrevolutionären Generale auf Grund von Verleumdungen die leeren Gefängnisse wieder gefüllt haben. Mit wem haben sie denn die Gefängnisse gefüllt, werte Herrschaften? Mit Bolschewiki, mit Internationalisten! Und ihr, werte Herrschaften von den "Iswestija", was habt ihr getan, als man die Gefängnisse mit unseren Genossen füllte? Ihr rieft uns im Chor mit den konterrevolutionären Generalen nach: "Fasst sie, fasst sie!" Im Bunde mit den schlimmsten Feinden der Revolution habt ihr alte Revolutionäre, die in jahrzehntelangem, aufopferungsvollem Kampf ihre Ergebenheit für die Sache der Revolution bewiesen haben, ans Kreuz geschlagen. Im Bunde mit den Kaledin, Alexinski, Karinski, Perewersew, Miljukow und Burzew habt ihr die Bolschewiki in die Gefängnisse geworfen und ruhig zugesehen, wie man die Verleumdung verbreitete, dass "die Bolschewiki deutsches Geld bekommen haben!"...

In einer Anwandlung von Offenherzigkeit fahren die "Iswestija" fort:

"Gewiss, sie" (das heißt die konterrevolutionären Generale) "wussten, dass die Lügenmeldungen, ein Regiment nach dem anderen verlasse seine Stellungen, in allen Truppenteilen Ungewissheit hervorriefen, ob sie auch von den Nachbarn und vom Hinterland unterstützt werden würden, ob ihre Nachbarn die Front nicht bereits verlassen hätten und ob sie nicht einfach in die Hände des Feindes fallen würden, wenn sie auf ihrem Platze blieben.

Sie wussten dies alles, allein der Hass gegen die Revolution blendete sie.

Und da ist es ganz natürlich, dass die Regimenter ihre Stellungen verließen dass die Regimenter auf diejenigen hörten, die ihnen das rieten, und dass sie in Versammlungen beratschlagten, ob ein Befehl durchgeführt werden solle oder nicht. Die Panik wuchs. Die Armee verwandelte sich in eine wild gewordene Herde ... Und dann begann die Abrechnung. Die Soldaten wussten, inwieweit sie und inwieweit die Offiziere schuld hatten. Sie protestieren täglich in Hunderten von Briefen: Man hat uns unter dem Zaren verraten und verkauft, man hat uns auch jetzt verraten und verkauft und man bestraft uns noch dafür!" ("Iswestija" Nr. 147.)

Begreifen die "Iswestija", was sie mit diesen Worten zugegeben haben? Begreifen sie, dass diese Worte eine vollständige Rechtfertigung der Taktik der Bolschewiki und eine restlose Verurteilung der ganzen Position der Sozialrevolutionäre und Menschewiki bedeuten?

Wie! Ihr selbst gebt zu, dass die Soldaten jetzt ebenso verraten und verkauft werden wie unter dem Zaren, ihr selbst gebt zu, dass an den Soldaten ein frevelhaftes Blutgericht verübt wird - und ihr selbst billigt noch dieses Blutgericht (ihr stimmt ja für die Todesstrafe), gebt ihm euren Segen, unterstützt es? Mit welchem Namen sollen solche Leute gebrandmarkt werden?!

Wie! Ihr selbst gebt zu, dass die Generale, von denen das Leben Hunderttausender unserer Soldaten abhängt, sich bei ihren Handlungen vom Hass gegen die Revolution leiten lassen. Und ihr selbst gebt noch Millionen Soldaten in die Hände dieser Generale, ihr selbst gebt noch euren Segen zur Offensive und ihr selbst verbrüdert euch noch auf der Moskauer Beratung mit diesen Generalen?!

Dadurch aber brecht ihr selbst den Stab über euch, ihr Herren! Könnt ihr überhaupt noch tiefer sinken?

Wir haben die Zeugenaussagen der Herrschaften von den "Iswestija" vernommen. Und wir fragen: Wenn das Hauptquartier, nach Aussage der "Iswestija", das Mlynower Regiment verleumdet hat, wenn es ein unsauberes Spiel am Stochod zugelassen hat, wenn es sich nicht von den Erwägungen der Verteidigung des Vaterlandes, sondern von den Erwägungen des Kampfes gegen die Revolution leiten lässt - wenn das alles zutrifft, welche Garantien haben wir dann dafür, dass auch die jetzigen Nachrichten über die Ereignisse an der rumänischen Front nicht entstellt sind? Welche Garantien haben wir dafür, dass die Reaktion nicht vorsätzlich und bewusst an der Front eine Niederlage nach der anderen einfädelt?

Broschüre "Wer ist an der Niederlage an der Front schuld?"
Verlag "Priboi", Petersburg 1917.

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