"Stalin"

Werke

Band 3

ARBEITSTEILUNG INNERHALB DER PARTEI
DER SOZIALREVOLUTIONÄRE

In der letzten Sitzung des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten stimmten die Sozialrevolutionäre für die Abschaffung der Todesstrafe und schlossen sich dem Protest gegen die Verhaftung der Bolschewiki an.

Das ist natürlich sehr schön und lobenswert.

Eine kleine Frage sei uns jedoch hierbei gestattet.

Wer hat denn die Todesstrafe an der Front eingeführt, wer hat die Bolschewiki verhaftet?

Das waren doch die Sozialrevolutionäre (unter wohlwollender Mitwirkung der Kadetten und Menschewiki!). Der Ministerpräsident, Bürger A. F. Kerenski, ist, soweit uns bekannt, Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre. Sein Name ziert die Kandidatenliste der Partei der Sozial-revolutionäre bei den Wahlen zur Petrograder Stadtduma.

Soweit uns bekannt, ist der Vizekriegsminister, Bürger B. W. Sawinkow, ebenfalls Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre.

Aber eben diese beiden prominenten Sozialrevolutionäre sind doch die eigentlichen Urheber der Wiedereinführung der Todesstrafe an der Front. (Man muss ihnen noch General Kornilow zur Seite stellen, allein dieser ist der Partei der Sozialrevolutionäre einstweilen noch nicht beigetreten.)

Ferner soll, soviel wir wissen, auch der Landwirtschaftsminister, Bürger Tschernow, Mitglied der Partei der Sozialrevolutionäre sein. Und schließlich gehört der Minister des Innern, Bürger N. D. Awxentjew, das heißt ein Mann, der neben Kerenski den hervorragendsten Posten im Ministerium bekleidet, ebenfalls der Partei der Sozialrevolutionäre an.

Aber gerade all diese ehrenwerten Sozialrevolutionäre haben doch die Todesstrafe an der Front eingeführt und die Bolschewiki verhaftet.

Es fragt sich: Was ist das für eine sonderbare Arbeitsteilung innerhalb dieser Partei der Sozialrevolutionäre, bei der die einen Mitglieder aus Leibeskräften gegen die Einführung der Todesstrafe protestieren, die andern sie aber mit eigenen Händen einführen?...

Eine merkwürdige Sache! Wir haben erst vor so kurzer Zeit die Selbstherrschaft gestürzt, haben erst vor so kurzer Zeit angefangen, "auf europäische Art" zu leben, alle schlechten Seiten des "Europäismus" aber haben wir uns sofort angeeignet. Man nehme eine beliebige bürgerlich-radikale Partei, sagen wir in Frankreich. So eine Partei bezeichnet sich unbedingt als sozialistisch: Partei der "Radikalsozialisten", Partei der "unabhängigen Sozialisten" usw. usf. Den Wählern, den Massen gegenüber, nach "unten" hin ergehen sich diese Parteien stets in "linken" Phrasen - besonders vor Wahlen und wenn sie von der konkurrierenden, der wirklich sozialistischen Partei in die Enge getrieben werden. Und zu gleicher Zeit arbeiten "oben" die Minister dieser selben Partei, der "Radikalsozialisten", der "unabhängigen Sozialisten", ruhig weiter an ihrem bürgerlichen Werk, ohne sich im geringsten um die sozialistischen Wünsche ihrer Wähler zu kümmern.

Genau so verfahren jetzt auch die Sozialrevolutionäre.

Eine glückliche Partei! Wer hat die Todesstrafe eingeführt? - Die Sozialrevolutionäre! Wer hat gegen die Todesstrafe protestiert? - Die Sozialrevolutionäre! Sie machen´s jedem recht ...

Auf diese Weise hoffen die Sozialrevolutionäre, sowohl ihren Ruf nicht zu verderben (die Popularität unter den Massen nicht zu verlieren) als auch Kapital zu erwerben (die Ministerportefeuilles zu behalten).

Aber, wird man uns sagen, Meinungsverschiedenheiten gibt es in jeder Partei. Ein Teil der Mitglieder denkt eben so, der andere anders.

Allerdings, aber es gibt verschiedenerlei Meinungsverschiedenheiten. Wenn die einen für die Henker, die anderen gegen die Henker sind, dann ist es eine ziemlich schwierige Sache, solche "Meinungsverschiedenheiten" innerhalb einer Partei beizulegen. Wenn dazu noch gerade die verantwortlichsten Führer der Partei, nämlich die Minister, für die Henker eintreten und ihre Meinung sofort in die Tat umsetzen, so wird jeder politisch denkende Mensch die Politik dieser Partei eben nach der Tätigkeit dieser Minister beurteilen und nicht nach dieser oder jener Protestresolution, der sich die einfachen Parteimitglieder angeschlossen haben.

Die Schmach bleibt ungetilgt. Die Partei der Sozialrevolutionäre bleibt die Partei der Todesstrafe, die Partei der Kerkermeister, die die Führer der Arbeiterklasse verhaftet. Es wird den Sozialrevolutionären niemals gelingen, sich von der Schmach reinzuwaschen, dass die prominentesten Mitglieder ihrer Partei die Todesstrafe wieder eingeführt haben. Es wird den Sozialrevolutionären niemals gelingen, den Fleck von sich abzuwaschen, dass ihre Regierung die niederträchtige Verleumdungskampagne gegen die Führer der Arbeiterpartei gefördert, dass ihre Regierung versucht hat, gegen Lenin einen neuen Fall Dreyfus[73] in Szene zu setzen.

"Proletari"(Der Proletarier) Nr. 9,
23. August 1917.
Artikel ohne Unterschrift.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis