"Stalin"

Werke

Band 3

ENTWEDER - ODER[76]

Die Ereignisse schreiten voran. Eine Koalition entsteht nach der anderen, den Repressalien an der Front folgen Repressalien im Hinterland, aber "Nutzen bringt das wenig", denn das Hauptübel unserer Tage, die allgemeine Zerrüttung im Lande, greift nach wie vor weiter um sich und nimmt einen immer bedrohlicheren Charakter an.

Das Land steht vor einer Hungersnot. Kasan und Nishni-Nowgorod, Jaroslawl und Rjasan, Charkow und Rostow, das Donezbecken und das Zentrale Industriegebiet, Moskau und Petrograd, die Front und das unmittelbare Hinterland - all diese und noch viele andere Gebiete machen eine schwere Ernährungskrise durch. Schon haben Hungerkrawalle begonnen, die von den Agenten der Konterrevolution vorläufig noch ungeschickt ausgenutzt werden...

"Die Bauern geben kein Getreide her", hört man allerorts klagen.

Aber die Bauern "geben kein Getreide her", nicht "aus Dummheit", sondern weil sie den Glauben an die Regierung verloren haben und ihr nicht mehr "helfen" wollen. Im März und April vertrauten die Bauern den Sowjets und damit auch der Regierung, und es floss reichlich Getreide sowohl in die Städte als auch an die Front. Jetzt verlieren sie den Glauben an die Regierung, die die Privilegien der Gutsbesitzer schützt - und es ist kein Getreide mehr da. Die Bauern legen Vorräte an und ziehen es vor, "bessere Zeiten" abzuwarten.

Die Bauern "geben kein Getreide her", nicht aus bösem Willen, sondern weil nichts da ist, wogegen sie es eintauschen könnten. Die Bauernbrauchen Kattun, Schuhwerk, Eisen, Petroleum, Zucker, aber diese Erzeugnisse werden ihnen nur in unbedeutender Menge geliefert; und Getreide gegen Papiergeld weggeben, das die Fertigwaren nicht ersetzen kann und außerdem im Werte sinkt, hat keinen Sinn.

Wir sprechen schon gar nicht von der "Desorganisation" im Verkehrswesen, das viel zu unvollkommen ist, um sowohl für die Front als auch für das Hinterland gleichermaßen gut arbeiten zu können.

Alles das führt in Verbindung mit den nicht enden wollenden Einziehungen zur Armee, die dem Dorf die besten Arbeitskräfte wegnehmen und eine Verringerung der Anbaufläche zur Folge haben, unweigerlich zu einer Zerrüttung des Ernährungswesens, unter der das Hinterland und die Front gleichermaßen zu leiden haben.

Zugleich vergrößert und erweitert sich die industrielle Zerrüttung, die ihrerseits die Zerrüttung des Ernährungswesens verschlimmert.

Der Kohlen- und Erdölhhunger", die Eisen- und Baumwoll"krise", die die Stilllegung der Textilfabriken, der Hüttenwerke und anderer Betriebe zur Folge haben - alles das sind bekannte Bilder, die das Land mit industrieller Zerrüttung, Massenarbeitslosigkeit und völligem Warenmangel bedrohen.

Es handelt sich nicht nur darum, dass die Werke und Fabriken, die hauptsächlich für den Krieg arbeiten, außerstande sind, gleichzeitig auch die Bedürfnisse des Hinterlandes in demselben Maße zu befriedigen, sondern auch darum, dass das Kapital alle diese "Hungersnöte" und "Krisen" künstlich verschärft, um entweder die Warenpreise hochzutreiben (Spekulation!) oder aber den Widerstand der Arbeiter zu brechen, die angesichts der Teuerung höhere Löhne fordern (italienische Streiks der Kapitalisten!), oder durch Stilllegung der Betriebe (Aussperrungen!) Arbeitslosigkeit hervorzurufen und die Arbeiter zu Verzweiflungsausbrüchen zu treiben, um dann "ein für allemal" mit den "maßlosen Forderungen" der Arbeiter Schluss zu machen.

Es ist für niemanden ein Geheimnis, dass die Koh Lenin dustriellen des Donezbeckens die Produktion drosseln und Arbeitslosigkeit hervorrufen.

Allen ist bekannt, dass die Baumwollpflanzer des Transkaspischen Gebiets, die über Baumwoll"hunger" schreien, selber Baumwollvorräte im Wert von Millionen zu Spekulationszwecken auf die Seite bringen. Und ihre Freunde, die Textilfabrikanten, machen sich die Früchte dieser Spekulation zunutze, und während sie diese selbst organisieren, erheben sie ein heuchlerisches Geschrei über Mangel an Baumwolle, schließen ihre Fabriken und verschlimmern die Arbeitslosigkeit.

Allen ist die Drohung Rjabuschinskis erinnerlich, das revolutionäre Proletariat "mit der knöchernen Hand des Hungers und des Elends an der Gurgel zu packen".

Allen ist bekannt, dass die Kapitalisten bereits von Worten zur Tat übergegangen sind und eine Entlastung Petrograds und Moskaus sowie die Schließung einer ganzen Anzahl von Betrieben durchgesetzt haben.

Das Ergebnis ist die herannahende Lähmung des industriellen Lebens und die Gefahr eines absoluten Warenmangels.

Wir reden schon gar nicht von der tief greifenden Finanzkrise, die Rußland heute durchmacht. Die Schulden in Höhe von 50 bis 55 Milliarden Rubel, die alljährlich mit 3 Milliarden Rubel verzinst werden müssen, sprechen angesichts des allgemeinen Rückgangs in der Entwicklung der Produktivkräfte recht eindeutig von der schweren Lage der russischen Finanzen.

Das allgemeine Bild wird durch die letzten "Misserfolge" an der Front, die von irgendeiner geschickten Hand so erfolgreich provoziert wurden, lediglich abgerundet.

Das Land geht unaufhaltsam einer beispiellosen Katastrophe entgegen.

Die Regierung, die in kurzer Zeit tausendundeine Repressalie und keine einzige "soziale Reform" zustande gebracht hat, ist absolut unfähig, das Land aus der tödlichen Gefahr herauszuführen.

Mehr noch. Die Regierung, die einerseits den Willen der imperialistischen Bourgeoisie erfüllt und anderseits davon absehen möchte, die "Sowjets und Komitees" sofort zu beseitigen, ruft dadurch einen Ausbruch allgemeiner Unzufriedenheit sowohl von rechts als auch von links hervor.

Auf der einen Seite nimmt die imperialistische Clique mit den Kadetten an der Spitze die Regierung unter Bombardement und fordert von ihr "entschlossene" Maßnahmen gegen die Revolution. Purischkewitsch, der dieser Tage von der Notwendigkeit einer "Militärdiktatur" der "Generalgouverneure" und einer "Verhaftung der Sowjets" sprach, hat lediglich das Sehnen und Trachten der Kadetten unverblümt zum Ausdruck gebracht. Sie werden von dem alliierten Kapital unterstützt, das die Regierung durch eine starke Senkung des Rubelkurses an der Börse unter Druck setzt und sie anherrscht: "Rußland soll Krieg führen und nicht reden" ("Daily Express", siehe "Russkaja Wolja"[77] vom 18. August).

Alle Macht den Imperialisten, den einheimischen wie den alliierten - das ist die Losung der Konterrevolution.

Auf der anderen Seite reift eine tiefe Unzufriedenheit in den breiten Massen der Arbeiter und Bauern heran, die zur Landlosigkeit und Arbeitslosigkeit verurteilt sind, die Gewaltmaßnahmen und die Todesstrafe über sich ergehen lassen müssen. Die Wahlen in Petrograd, die die Kraft und das Ansehen der Paktiererparteien untergraben haben, spiegelten besonders deutlich die Linksschwenkung der Bauern- und Soldatenmassen wider, die gestern noch den Paktierern vertrauten.

Alle Macht dem Proletariat, das von den armen Bauern unterstützt wird - das ist die Losung der Revolution.

Entweder - oder!

Entweder mit den Gutsbesitzern und Kapitalisten, und dann vollständiger Triumph der Konterrevolution.

Oder mit dem Proletariat und der armen Bauernschaft, und dann vollständiger Triumph der Revolution.

Die Politik der Pakte und Koalitionen ist zum Scheitern verurteilt. Wo ist der Ausweg?

Es gilt, mit den Gutsbesitzern zu brechen und den Grund und Boden den Bauernkomitees zu übergeben. Die Bauern werden das verstehen, und dann wird es Getreide geben.

Es gilt, mit den Kapitalisten zu brechen und eine demokratische Kontrolle über die Banken, die Fabriken und Werke zu organisieren. Die Arbeiter werden das verstehen, und dann wird die "Arbeitsproduktivität" steigen.

Es gilt, mit den Spekulanten und Marodeuren zu brechen, indem der Austausch zwischen Stadt und Land auf demokratischer Grundlage organisiert wird. Die Bevölkerung wird das verstehen, und dann wird der Hunger liquidiert werden.

Es gilt, das imperialistische Netz zu zerreißen, das Rußland von allen Seiten umstrickt, und gerechte Friedensbedingungen zu proklamieren. Dann wird die Armee verstehen, wofür sie unter Gewehr steht, und wenn Wilhelm sich zu einem solchen Frieden nicht bereit findet, dann werden die russischen Soldaten wie die Löwen gegen ihn kämpfen.

Es gilt, die gesamte Macht dem Proletariat und den armen Bauern "zu übergeben". Die Arbeiter des Westens werden das verstehen und ihrerseits einen Sturmangriff gegen ihre imperialistischen Cliquen einleiten.

Dies wird das Ende des Krieges und der Beginn der Arbeiterrevolution in Europa sein.

Das ist der Ausweg, den die Entwicklung Rußlands und die gesamte Weltsituation weisen.

"Rabotschi" (Der Arbeiter) Nr. 1,
25. August 1917.
Artikel ohne Unterschrift.

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