"Stalin"

Werke

Band 3

DIE KRISE UND DAS DIREKTORIUM

Nach der Verschwörung Kornilows und dem Zerfall der Regierungsgewalt, nach dem Zusammenbruch der Verschwörung und der Bildung eines Ministeriums Kerenski-Kischkin, nach einer "neuen" Krise und nach "neuen" Verhandlungen Zeretelis und Goz´ mit wiederum demselben Kerenski haben wir endlich eine "neue" (ganz neue!) Fünferregierung.

Kerenski, Tereschtschenko, Werchowski, Werderewski und Nikitin, ein Fünfer"direktorium" - das ist die von Kerenski "auserwählte", von Kerenski bestätigte, Kerenski verantwortliche, von den Arbeitern, Soldaten und Bauern aber unabhängige "neue" Regierung.

Es heißt, diese Regierung sei in gleicher Weise auch von den Kadetten unabhängig, aber das ist purer Unsinn. Denn der Umstand, dass die Kadettenpartei keine offiziellen Vertreter in der Regierung hat, tarnt nur die völlige Abhängigkeit der Regierung von den Kadetten.

Nach außen hin - der Sozialrevolutionär Kerenski als Oberbefehlshaber. In Wirklichkeit ist es General Alexejew, der Mann der Kadetten, der den Generalstab und damit alle Fäden der Front in seine Hand bekommen hat.

Nach außen hin - ein "linkes" Direktorium, unabhängig (man lache nicht!) von den Kadetten. In Wirklichkeit sind es Strohmänner der Kadetten, die die einzelnen Ministerien leiten und faktisch alle Staatsgeschäfte in ihren Händen halten.

In Worten - Bruch mit den Kadetten. In Wirklichkeit aber paktiert man mit den Leuten der Kadetten im Hinterland und an der Front.

Das Direktorium als eine Kulisse, die das Bündnis mit den Kadetten verdeckt; die Diktatur Kerenski als eine Maske, die die Diktatur der Gutsbesitzer und Kapitalisten vor dem Volkszorn schützt - so liegen heute die Dinge.

Und es steht eine neue Beratung zwischen den Vertretern der "lebendigen Kräfte" bevor, auf der sich die Herren Zereteli und Awxentjew, diese geschworenen Paktierer, bemühen werden, das gestern getroffene geheime Abkommen mit den Kadetten zur Freude aller Feinde der Arbeiter und Bauern in ein offenes und eindeutiges Abkommen zu verwandeln.

In den letzten sechs Monaten hat unser Land drei schwere Krisen der Macht erlebt. Jede dieser Krisen wurde durch ein Abkommen mit der Bourgeoisie beigelegt, wobei die Arbeiter und Bauern jedesmal die Genasführten waren.

Weshalb?

Weil die kleinbürgerlichen Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die in den Kampf um die Macht eingriffen, sich jedesmal auf die Seite der Gutsbesitzer und Kapitalisten stellten und dadurch den Kampf zugunsten der Kadetten entschieden.

Die Kornilowverschwörung hat das konterrevolutionäre Wesen der Kadetten restlos aufgedeckt. Drei Tage lang zeterten die "Vaterlandsverteidiger" über den Verrat der Kadetten, drei Tage lang zeterten sie über die Lebensunfähigkeit der Koalition, die schon beim ersten Zusammenstoß mit der Konterrevolution in die Brüche ging. Und was weiter? Nach alledem haben sie nichts Besseres gefunden, als einer verhüllten Koalition mit denselben Kadetten zuzustimmen, die sie eben noch begeifert haben.

Erst gestern hat die aus "Vaterlandsverteidigern" bestehende Mehrheit des ZEK durch Abstimmung beschlossen, das Fünferdirektorium, das als Ergebnis der hinter den Kulissen getroffenen und die Lebensinteressen der Arbeiter und Bauern preisgebenden Abmachungen mit den Kadetten entstanden ist, "zu unterstützen".

An diesem Tage, an dem Tage der verschärften Machtkrise, an dem Tage des verschärften Kampfes um die Macht, haben die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre zu einer Zeit, da Kornilow am Boden lag abermals den Gutsbesitzern und Kapitalisten geholfen, die Macht zu behaupten, haben sie abermals den konterrevolutionären Kadetten geholfen, die Arbeiter und Bauern hinters Licht zu führen.

Das und nur das ist der politische Sinn der gestrigen Abstimmung im ZEK.

Mögen das die Arbeiter, mögen das die Bauern wissen und mögen sie die entsprechenden Schlüsse daraus ziehen.

Die verkappte Koalition von heute ist ebenso wenig von Dauer, wie es die offenen Koalitionen von gestern waren: Es kann keine dauerhafte Abmachung zwischen dem Gutsherrn und dem Bauern, dem Kapitalisten und dem Arbeiter geben. Daher hat der Kampf um die Macht nicht nur kein Ende genommen, sondern im Gegenteil - er verstärkt und verschärft sich immer mehr.

Mögen die Arbeiter wissen, dass sie in diesem Kampf so lange unvermeidlich Niederlagen erleiden werden, wie die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki noch Einfluss auf die Massen haben.

Mögen die Arbeiter im Auge behalten, dass es zur Eroberung der Macht notwendig ist, die Bauern- und Soldatenmassen von den Paktierern, den Sozialrevolutionären und den Menschewik, loszulösen und um das revolutionäre Proletariat zusammenzuschließen.

Mögen sie dessen eingedenk sein und den Bauern und Soldaten die Augen öffnen, indem sie vor ihnen den Verrat der Sozialrevolutionäre und Menschewiki entlarven.

Schonungsloser Kampf gegen den sozialrevolutionär-menschewistischen Einfluss auf die Massen, unermüdliche Arbeit am Zusammenschluss der Bauern und Soldaten um das Banner der Partei des Proletariats - das ist die Lehre der Krise, die eben hinter uns liegt.

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 1,
3. September 1917.
Leitartikel.

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