"Stalin"

Werke

Band 3

ÜBER DEN BRUCH MIT DEN KADETTEN

Der Kornilowputsch hat nicht bloß eine negative Seite, Wie jede Erscheinung im Leben hat er auch seine positive Seite. Die Kornilowaktion war gegen das Leben der Revolution selbst gerichtet. Das steht außer Zweifel. Dadurch aber, dass der Kornilowputsch ein Anschlag auf die Revolution war und alle gesellschaftlichen Kräfte in Bewegung setzt hat er einerseits die Revolution angespornt, sie zu größerer Aktivität und Organisiertheit angetrieben und anderseits das wahre Wesen der Klassen und Parteien enthüllt, ihnen die Maske heruntergerissen und dazu beigetragen, ihre wahre Physiognomie zu erkennen.

Dem Kornilowputsch ist es zu verdanken, dass die Sowjets im Hinterland und die Komitees an der Front, die fast aufgehört hatten zu existieren, im Nu wieder auflebten und ihre Tätigkeit neu entfalteten.

Dem Kornilowputsch ist es zu verdanken, dass heute alle von dem konterrevolutionären Wesen der Kadetten zu sprechen beginnen, diejenigen nicht ausgenommen, die gestern noch "krampfhaft" eine Verständigung mit ihnen anstrebten.

Es ist eine Tatsache, dass "nach allem, was geschehen ist", sogar die Sozialrevolutionäre und Menschewiki eine Koalition mit den Kadetten nicht mehr für zulässig halten.

Es ist eine Tatsache, dass sogar das von Kerenski gebildete Fünfer-"direktorium" ohne offizielle Vertreter der Kadetten auskommen musste.

Man könnte meinen, der Bruch mit den Kadetten sei für die "demokratischen" Parteien zu einem Gebot geworden.

Das ist die positive Seite des Kornilowputsches.

Was heißt aber mit den Kadetten brechen?

Nehmen wir an, die Sozialrevolutionäre und Menschewiki hätten "endgültig" mit den Kadetten als Mitgliedern einer bestimmten Partei gebrochen. Bedeutet das etwa, sie hätten dadurch mit der Politik der Kadetten als der Vertreter der imperialistischen Bourgeoisie gebrochen?

Nein, das bedeutet es nicht.

Nehmen wir an, die "Vaterlandsverteidiger" würden auf der für den 12. September anberaumten demokratischen Beratung eine neue Regierung ohne Beteiligung der Kadetten bilden und Kerenski würde sich einen solchen Beschluss fügen. Bedeutet das etwa, sie hätten dadurch mit der Politik der Kadetten als der Vertreter der imperialistischen Bourgeoisie gebrochen?

Nein, das bedeutet es nicht.

Die französische imperialistische Republik liefert uns eine Vielzahl von Beispielen dafür, wie die Vertreter des Kapitals, ohne selbst in das Ministerkabinett einzutreten, den kleinbürgerlichen "Sozialisten" dorthin "Zutritt gewähren", um auf diese Weise, hinter Kulissen versteckt und mit fremden Händen arbeitend, das Land ungehindert plündern zu können. Wir wissen aus der Geschichte, wie die Finanzmagnaten Frankreichs "Sozialisten" (Briand! Viviani!) an die Spitze der Regierung stellten und, selber hinter deren Rücken stehend, die Politik ihrer Klasse erfolgreich durchzusetzen verstanden.

Auch in Rußland wäre das Bestehen eines solchen nichtkadettischen Ministerkabinetts durchaus möglich, das - infolge, sagen wir, des Drucks des alliierten Kapitals, dem Rußland tributpflichtig wird, oder infolge anderer Umstände - es für nötig halten würde, als einzig mögliche Politik eine kadettische Politik zu betreiben.

Es erübrigt sich zu sagen, dass die Kadetten im Notfall nichts gegen ein solches Ministerkabinett einzuwenden hätten, denn ist es schließlich nicht ganz einerlei, wer die kadettische Politik durchführt: die Hauptsache ist doch, dass sie durchgeführt wird!

Der Schwerpunkt der Frage liegt offensichtlich nicht in der personellen Zusammensetzung der Regierung, sondern in ihrer Politik.

Wer daher tatsächlich und nicht nur zum Schein mit den Kadetten brechen will, der muss vor allem mit der Politik der Kadetten brechen.

Aber mit der Politik der Kadetten brechen heißt mit den Gutsbesitzern brechen und ihr Land den Bauernkomitees übergeben, ohne davor zurückzuscheuen, dass eine solche Maßnahme für einige allgewaltige Banken einen schweren Schlag bedeuten würde.

Mit der Politik der Kadetten brechen heißt mit den Kapitalisten brechen und die Produktion sowie die Verteilung unter die Kontrolle der Arbeiter stellen, ohne davor zurückzuscheuen, dass man zu diesem Zweck Hand an die Profite der Kapitalisten legen müsste.

Mit der Politik der Kadetten brechen heißt mit dem Raubkrieg und den Geheimverträgen brechen, ohne davor zurückzuscheuen, dass eine solche Maßnahme für die imperialistischen Cliquen der Alliierten einen schweren Schlag bedeuten würde.

Können es die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre auf einen derartigen Bruch mit den Kadetten ankommen lassen?

Nein, sie können es nicht. Denn damit würden sie aufhören, "Vaterlandsverteidiger", das heißt Anhänger des Krieges an der Front und des Burgfriedens im Hinterlande, zu sein.

Worauf läuft also das unaufhörliche Geschrei der Menschewiki und Sozialrevolutionäre von einem Bruch mit den Kadetten hinaus?

Auf einen Bruch mit den Kadetten in Worten und auf nichts weiter!

Die Sache ist die, dass nach dem Scheitern der Kornilowverschwörung, nach der Entlarvung des konterrevolutionären Wesens der Miljukowpartei ein offener Pakt mit dieser Partei unter den Arbeitern und Soldaten äußerst unpopulär geworden ist: die Menschewiki und Sozialrevolutionäre brauchen sich nur auf einen solchen Pakt einzulassen, und im Nu haben sie die letzten Reste ihrer einstigen Armee verloren. Darum sind sie gezwungen, statt eines offenen Pakts einen getarnten Pakt einzugehen. Daher das Geschrei von dem Bruch mit den Kadetten, das den hinter den Kulissen mit den Kadetten geschlossenen Pakt verdecken soll. Zum Schein ruft man: Nieder mit den Kadetten! In Wirklichkeit aber schließt man mit den Kadetten ein Bündnis! Zum Schein heißt es: Eine Regierung ohne Kadetten! In Wirklichkeit ist es eine Regierung für die Kadetten, die einheimischen sowohl wie die alliierten, die den "Machthabern" ihren Willen diktieren.

Daraus folgt aber, dass Rußland in jene Phase der politischen Entwicklung eingetreten ist, wo ein offener Pakt mit der imperialistischen Bourgeoisie zu gewagt wird. Wir durchleben eine Periode sozial-chauvinistischer, ihrer Zusammensetzung nach nichtkadettischer Regierungen, die nichtsdestoweniger berufen sind, den Willen der imperialistischen Bourgeoisie zu erfüllen.

Das dieser Tage entstandene "Direktorium" stellt den ersten Versuch zur Bildung einer solchen Regierung dar.

Es ist anzunehmen, dass die auf den 12. September anberaumte Beratung, falls sie nicht mit einer Farce endet, versuchen wird, eine ebensolche, wahrscheinlich etwas "linkere" Regierung zu bilden.

Die Pflicht der fortgeschrittenen Arbeiter ist es, solchen nichtkadettischen, Regierungen die Maske vom Gesicht zu reißen und den Massen ihr wahres kadettisches Wesen zu zeigen.

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 3,
6. September 1917.
Unterschrift: K. St.

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