"Stalin"

Werke

Band 3

DIE ZWEITE WELLE

Die erste Welle der russischen Revolution setzte im Zeichen des Kampfes gegen den Zarismus ein. Die Hauptkräfte der Revolution waren damals die Arbeiter und die Soldaten. Sie waren jedoch nicht die einzigen Kräfte. Gleichzeitig "traten auf": die liberalen Bourgeois (Kadetten) und die englischen und französischen Kapitalisten, wobei die ersteren vom Zarismus abrückten, weil er unfähig war, ihnen den Weg nach Konstantinopel zu bahnen, und die letzteren den Zarismus im Stich ließen, weil er einen Separatfrieden mit Deutschland anstrebte.

So entstand eine gewisse verkappte Koalition, unter deren Druck der Zarismus von der Bildfläche verschwinden musste. Dabei wurde schon am Tage nach dem Sturz des Zarismus diese verkappte Koalition zu einer offenen und nahm die Form eines bestimmten Vertrages zwischen der Provisorischen Regierung und dem Petrograder Sowjet, zwischen den Kadetten und der "revolutionären Demokratie" an.

Diese Kräfte verfolgten jedoch ganz verschiedene Ziele. Während die Kadetten und die englischen und französischen Kapitalisten nur eine kleine Revolution wollten, um die revolutionäre Begeisterung der Massen im Interesse des großen imperialistischen Krieges auszunutzen, erstrebten die Arbeiter und Soldaten dagegen die radikale Zerschlagung des alten Regimes und den vollen Sieg einer großen Revolution, um die Gutsbesitzer zu stürzen, die imperialistische Bourgeoisie zu bändigen, die Beendigung des Krieges herbeizuführen und einen gerechten Frieden zu sichern.

Dieser fundamentale Gegensatz bildete die Grundlage für die weitere Entwicklung der Revolution. Er bedingte auch im Voraus die Brüchigkeit der Koalition mit den Kadetten.

Der Ausdruck dieses Gegensatzes sind all die so genannten Krisen der Macht, die letzte, die Augustkrise, mit einbegriffen.

Wenn während dieser Krisen der Erfolg stets der imperialistischen Bourgeoisie zufiel, wenn die Arbeiter und Soldaten nach jeder "Beilegung" einer Krise die Betrogenen waren und die Koalition in der einen oder anderen Form dennoch aufrechterhalten blieb, so ist dies nicht allein durch die hoch entwickelte Organisation und die finanzielle Macht der imperialistischen Bourgeoisie zu erklären, sondern auch dadurch, dass sich die schwankenden Oberschichten des Kleinbürgertums und ihre Parteien, die Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, denen noch die breiten Massen des Kleinbürgertums unseres überhaupt kleinbürgerlichen Landes folgen, jedesmal "auf die andere Seite der Barrikade" stellten und den Kampf um die Macht zugunsten der Kadetten entschieden.

Ihre größte Kraft erreichte die Koalition mit den Kadetten in den Julitagen, als die Mitglieder der Koalition in geschlossener Kampffront auftraten und ihre Waffen gegen die "bolschewistischen" Arbeiter und Soldaten richteten.

Die Moskauer Beratung war in dieser Hinsicht nur das Echo der Julitage, wobei die Nichtzulassung der Bolschewiki zur Beratung die Gewähr für die Festigung der "ehrlichen Koalition" mit den "lebendigen Kräften" des Landes bilden sollte, denn die Isolierung der Bolschewiki wurde als notwendige Voraussetzung für die Festigkeit der Koalition mit den Kadetten angesehen.

So lagen die Dinge bis zum Kornilowaufstand.

Mit Kornilows Aktion ändert sich das Bild.

Bereits auf der Moskauer Beratung wurde es klar, dass sich das Bündnis mit den Kadetten in ein Bündnis mit den Kornilow und Kaledin nicht gegen ... die Bolschewiki allein, sondern gegen die ganze russische Revolution, gegen das Fortbestehen der Errungenschaften der Revolution selbst zu verwandeln drohte. Der Boykott der Moskauer Beratung und der Proteststreik der Moskauer Arbeiter entlarvten den konterrevolutionären Charakter dieser Zusammenkunft und durchkreuzten die Pläne der Verschwörer; sie waren damals nicht bloß eine Warnung in diesem Sinne, sondern auch ein Appell, bereit zu sein. Es ist bekannt, dass dieser Appell nicht eine Stimme in der Wüste blieb: eine ganze Reihe von Städten antwortete sogleich mit Proteststreiks...

Das war ein drohendes Omen.

Der Kornilowaufstand öffnete nur das Ventil für die angestaute revolutionäre Empörung, er entfesselte lediglich die schon fast geknebelte Revolution, spornte sie an und trieb sie vorwärts.

Und hier, im Feuer des Kampfes mit den konterrevolutionären Kräften, in dem die Worte und Verheißungen durch die lebendige Tat, durch den direkten Kampf geprüft werden - hier zeigten sich die wahren Freunde und Feinde der Revolution, die wahren Verbündeten der Arbeiter, Bauern und Soldaten und die Verräter an ihrer Sache.

Die so mühselig aus verschiedenartigem Material zusammengezimmerte Provisorische Regierung geht beim ersten Stoß des Kornilowaufstand aus den Fugen.

Es ist "traurig", aber wahr: Die Koalition nimmt sich wie eine Macht aus, wenn es gilt, von der "Rettung der Revolution" zu schwatzen, sie entpuppt sich als ein erbärmliches Nichts, wenn es gilt, die Revolution tatsächlich aus der Todesgefahr zu erretten.

Die Kadetten treten aus der Regierung aus, solidarisieren sich offen mit den Kornilowleuten. Die Imperialisten aller Farben und Spielarten, Bankiers und Fabrikanten, Werkbesitzer und Schieber, Gutsbesitzer und Generale, die Piraten der Feder vom "Nowoje Wremja" und die feigen Provokateure von der "Birshowka" - sie alle, mit der Kadettenpartei an der Spitze und im Bunde mit den englisch-französischen imperialistischen Cliquen, finden sich zum Kampf gegen die Revolution und ihre Errungenschaften in einem Lager mit den Konterrevolutionären zusammen.

Es wird klar: Das Bündnis mit den Kadetten ist ein Bündnis mit den Gutsbesitzern gegen die Bauern, mit den Kapitalisten gegen die Arbeiter, mit den Generalen gegen die Soldaten.

Es wird klar: Wer Miljukow zustimmt, stimmt dadurch auch Kornilow zu und muss sich gegen die Revolution wenden, denn Miljukow und Kornilow sind "eines Geistes Kinder".

Die vage Erkenntnis dieser Wahrheit liegt denn auch der neuen revolutionären Massenbewegung, der zweiten Welle der russischen Revolution, zugrunde.

Und wenn die erste Welle mit dem Triumph der Koalition mit den Kadetten endet (Moskauer Beratung!), so beginnt die zweite mit dem Zusammenbruch dieser Koalition, mit einem offenen Krieg gegen die Kadetten.

Im Kampf gegen die Konterrevolution der Generale und Kadetten leben die Sowjets und Komitees im Hinterland und an der Front, die schon tot schienen, wieder auf und erstarken.

Im Kampf gegen die Konterrevolution der Generale und Kadetten entstehen neue revolutionäre Komitees der Arbeiter und Soldaten, Matrosen und Bauern, Eisenbahner, Post- und Telegrafenangestellten.

Im Feuer dieses Kampfes formieren sich in Moskau und im Kaukasus, in Petrograd und im Ural, in Odessa und Charkow neue lokale Machtorgane.

Es handelt sich hier nicht um die neuen Resolutionen der in diesen Tagen zweifellos mehr nach links gerückten Sozialrevolutionäre und Menschewiki, was an sich natürlich von nicht geringer Bedeutung ist.

Es handelt sich auch nicht um den "Sieg des Bolschewismus", mit dessen Gespenst die bürgerliche Presse die erschrockenen Philister vom "Djen" und von der "Wolja Naroda" erpresst.

Es handelt sich darum, dass im Kampf gegen die Kadetten und entgegen ihrem Willen eine neue Macht erwächst, die die Verbände der Konterrevolution in offenem Kampf besiegt hat.

Es handelt sich darum, dass diese Macht durch ihren Übergang von der Verteidigung zum Angriff unvermeidlich die Lebensinteressen der Gutsbesitzer und Kapitalisten trifft und dadurch die breiten Arbeiter- und Bauernmassen um sich schart.

Es handelt sich darum, dass diese "nicht anerkannte" Macht infolge eines derartigen Vorgehens durch die Logik der Dinge gezwungen wird, die Frage ihrer "Legalisierung" auf die Tagesordnung zu setzen, wobei sich herausstellt, dass die "offizielle" Macht, deren unverkennbare Verwandtschaft mit den konterrevolutionären Verschwörern zutage getreten ist, keinen festen Boden unter den Füßen hat.

Es handelt sich schließlich darum, dass sich die Kerenskiregierung, die gestern schon vor einem entschlossenen Kampf gegen die Kornilowsche Konterrevolution zurückschreckte, heute bereits angesichts der neuen Welle der Revolution, die sich stürmisch über immer neue Städte und Gebiete ergießt, mit Kornilow und mit den Kornilowleuten im Hinterland und an der Front verbündet und gleichzeitig "befiehlt", die Herde der Revolution, die "eigenmächtigen" Komitees der Arbeiter, Soldaten und Bauern aufzulösen.

Je größer aber die Eintracht zwischen Kerenski und den Kornilow und Kaledin wird, umso breiter wird die Kluft zwischen dem Volk und der Regierung, umso wahrscheinlicher wird der Bruch zwischen den Sowjets und der Provisorischen Regierung.

In diesen Tatsachen und nicht in den Resolutionen einzelner Parteien ist das Todesurteil über die alten paktiererischen Losungen enthalten.

Wir sind weit davon entfernt, den Grad des Bruches mit den Kadetten zu überschätzen. Wir wissen, dass dieser Bruch einstweilen nur formaler Natur ist. Aber für den Anfang bedeutet auch ein solcher Bruch einen Riesenschritt vorwärts. Es ist anzunehmen, dass die Kadetten selber den Rest besorgen werden. Sie boykottieren bereits die Demokratische Beratung. Die Vertreter des Handels und der Industrie, die von den schlauen Strategen des Zentralexekutivkomitees "in ihre Netze gelockt werden" sollten, treten in die Fußstapfen der Kadetten. Es ist anzunehmen, dass sie diesen Weg weitergehen und durch weitere Stilllegungen der Werke und Fabriken sowie durch Verweigerung des Kredits an die Organe der "Demokratie" die Zerrüttung und die Hungersnot vorsätzlich verschärfen werden. Dabei wird die "Demokratie", wenn sie gegen Zerrüttung und Hungersnot kämpft, unvermeidlich in einen entschiedenen Kampf gegen die Bourgeoisie hineingezogen werden und wird ihren Bruch mit den Kadetten vertiefen...

Unter dieser Perspektive und in diesem Zusammenhang gesehen, erhält die auf den 12. September anberaumte Demokratische Beratung eine besonders symptomatische Bedeutung. Wie die Beratung enden wird, ob sie die Macht "übernehmen" wird, ob Kerenski "nachgeben" wird - all das sind Fragen, deren Beantwortung vorläufig unmöglich ist. Möglicherweise werden sich die Initiatoren der Beratung bemühen, irgendeine schlaue Formel für eine "Übereinkunft" zu finden. Aber natürlich handelt es sich nicht darum. Die entscheidenden Fragen der Revolution, insbesondere aber die Frage der Macht, werden nicht auf Beratungen entschieden. Eines steht indes fest: Die Beratung wird das Fazit der Ereignisse der letzten Tage ziehen, sie wird das Kräfteverhältnis feststellen und den Unterschied zwischen der ersten, bereits der Vergangenheit angehörenden, und der zweiten, nunmehr anschwellenden Welle der russischen Revolution aufdecken.

Und wir werden erkennen:

Damals, während der ersten Welle, galt der Kampf dem Zarismus und seinen Überresten. Jetzt, während der zweiten Welle, gilt der Kampf den Gutsbesitzern und Kapitalisten.

Damals - Bündnis mit den Kadetten. Jetzt - Bruch mit ihnen.

Damals - Isolierung der Bolschewiki. Jetzt - Isolierung der Kadetten.

Damals - Bündnis mit dem englisch-französischen Kapital und Krieg. Jetzt - heranreifender Bruch mit dem englisch-französischen Kapital und Frieden, ein gerechter und allgemeiner Frieden.

Diesen und nur diesen Weg wird die zweite Welle der Revolution nehmen, was immer die Demokratische Beratung auch beschließen mag.

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 6,
9. September 1917.
Unterschrift: K. Stalin.

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