"Stalin"

Werke

Band 3

ZUR DEMOKRATISCHEN BERATUNG

Heute wird die Demokratische Beratung eröffnet.

Wir wollen nicht darüber sprechen, weshalb gerade eine Beratung und nicht ein Sowjetkongress einberufen worden ist. Es besteht kein Zweifel darüber, dass das vom Kongress gewählte ZEK, das in einem schwierigen historischen Augenblick nicht an den Sowjetkongress appelliert hat, sondern an eine Beratung, an der bürgerliche Elemente teilnahmen, sich nicht nur einen groben formalen Verstoß hat zuschulden kommen lassen, sondern auch in unzulässiger Weise dem Willen der revolutionären Klassen den Willen der antirevolutionären Klassen untergeschoben hat. Offenbar hatten die Führer des ZEK die "Idee", um jeden Preis Wahlrechtsprivilegierte einzuschleusen...

Wir wollen ferner nicht darüber sprechen, dass eine ganze Reihe von Arbeiter- und Soldatensowjets, die die Verbände der Konterrevolution in offenem Ringen besiegt haben, des Stimmrechts auf einer Beratung beraubt worden ist, die berufen sein soll, über die Frage der Macht zu entscheiden, während Wahlrechtsprivilegierte, die direkt und indirekt die Konterrevolution unterstützten, dieses Recht erhalten haben. Wie die Geschichte der Revolutionen zeigt, hat es die Bourgeoisie überhaupt gern den Arbeitern und Bauern überlassen, allein, auf eigenes Risiko und eigene Gefahr zu kämpfen, hat aber stets dagegen gekämpft, dass die siegreichen Arbeiter und Bauern sich die Früchte ihres Sieges zunutze machten und selber an die Macht kamen. Wir haben nicht geglaubt, dass sich das ZEK endgültig mit der Schande bedecken werde, in dieser Beziehung den Weg der Bourgeoisie zu beschreiten...

Es ist durchaus begreiflich, dass eine ganze Anzahl Arbeiter- und Soldatenorganisationen in der Provinz, im Hinterland und an der Front in Zentralrußland und in Charkow, im Donezbecken und in Sibirien, in Samara und in Dwinsk gegen diese schreiende Verletzung der Rechte der Revolution energisch protestiert haben.

Aber, wie gesagt, nicht darüber wollen wir sprechen. Kommen wir zur Hauptfrage.

Die Beratung ist einberufen worden, um die Bedingungen festzulegen, die zur "Organisierung einer revolutionären Staatsmacht" notwendig sind. Also, wie soll die Staatsmacht organisiert werden?

Zweifellos kann man nur das organisieren, was man hat - man kann nicht eine Macht organisieren, die andere besitzen. Eine Beratung, die es unternimmt, eine Macht zu organisieren, die sie nicht hat, die in Kerenskis Händen konzentriert ist, die bereits einmal von Kerenski gegen "die Sowjets und die Bolschewiki" in Petrograd eingesetzt wurde - eine solche Beratung kann gleich bei dem ersten Versuch, von Worten zur Tat überzugehen, in die dümmste Lage geraten.

Denn eins von beiden:

Entweder wird die Beratung trotz allem in der Tat die Macht "ergreifen" - und dann kann und muss man von der Organisierung der von ihr eroberten revolutionären Macht reden.

Oder die Beratung wird nicht die Macht "ergreifen", wird den Bruch mit Kerenski nicht vollziehen - und dann muss das Gerede von der Organisierung der Macht unweigerlich in leeres Geschwätz ausarten.

Aber nehmen wir an - nehmen wir für einen Augenblick an -, durch irgendein Wunder sei die Macht ergriffen worden und sie brauche nur noch organisiert zu werden. Es fragt sich: Wie soll sie organisiert werden? Auf welcher Grundlage soll sie errichtet werden?

- Auf der Grundlage der Koalition mit der Bourgeoisie! - antworten die Awxentjew und Zereteli im Chor.

- Ohne Koalition mit der Bourgeoisie gibt es keine Rettung! - zeternder "Djen", die "Wolja Naroda" und andere Nachbeter der imperialistischen Bourgeoisie.

Aber wir haben sechs Monate Koalition mit der Bourgeoisie hinter uns. Was hat uns diese Koalition gegeben, außer Verschlimmerung der Zerrüttung und quälender Hungersnot, außer Verlängerung des Krieges und wirtschaftlichem Zerfall, außer den vier Krisen der Macht und dem Kornilowaufstand, außer Erschöpfung des Landes und finanzieller Knechtung durch den Westen?

Ist das den Herren Paktierern etwa nicht genug?

Man spricht von der Kraft und der Stärke der Koalition, von der "Erweiterung der Basis" der Revolution usw. Aber weshalb zerfiel die Koalition mit der Bourgeoisie, die Koalition mit den Kadetten gleich bei dem ersten Windhauch des Kornilowaufstands zu Staub? Sind denn die Kadetten etwa nicht aus der Regierung desertiert? Wo ist die "Kraft" der Koalition und wo ist hier die "Erweiterung der Basis" der Revolution?

Werden die Herren Paktierer jemals begreifen, dass es unmöglich ist, im Bunde mit Deserteuren "die Revolution zu retten"?

Wer hat die Revolution und ihre Errungenschaften in den Tagen des Kornilowaufstands behauptet?

Die "liberale Bourgeoisie" vielleicht? Aber sie stand in diesen Tagen in einem Lager mit den Kornilowleuten gegen die Revolution und ihre Komitees. Davon sprechen Miljukow und Maklakow jetzt ganz offen.

Die "Handels- und Industrieklassen" vielleicht? Aber sie standen in diesen Tagen gleichfalls in einem Lager mit Kornilow. Davon sprechen die "Männer der Öffentlichkeit" beim früheren Hauptquartier Kornilows - Gutschkow, Rjabuschinski und Kumpanei - jetzt ganz offen.

Werden die Herren Paktierer jemals begreifen, dass eine Koalition mit der Bourgeoisie ein Bündnis mit den Kornilow und Lukomski ist?

Man spricht von der Verschlimmerung der industriellen Zerrüttung, obgleich die kapitalistischen Aussperrer an Hand von Tatsachen überführt werden, vorsätzlich die Produktion gedrosselt zu haben ... Man spricht vom Rohstoffmangel, obgleich die kaufmännischen Spekulanten an Hand von Tatsachen überführt werden, Baumwolle, Kohle und and res auf die Seite gebracht zu haben . .. Man spricht von der Hungersnot in den Städten, obgleich die spekulierenden Banken an Hand von Tatsachen angeklagt werden, die Getreidezufuhr künstlich aufgehalten zu haben ... Werden die Herren Paktierer jemals begreifen, dass eine Koalition mit der Bourgeoisie, eine Koalition mit Wahlrechtsprivilegierten ein Bündnis mit Gaunern und Spekulanten, ein Bündnis mit Marodeuren und Aussperrern ist?

Und versteht es sich nicht von selbst, dass man nur im Kampf gegen die Gutsbesitzer und Kapitalisten, nur im Kampf gegen die Imperialisten aller Schattierungen, nur im Kampf gegen sie und durch den Sieg über sie das Land vor Hunger und Zerrüttung, vor wirtschaftlicher Erschöpfung und finanziellem Zusammenbruch, vor Zerfall und Verwilderung retten kann?

Und wenn sich die Sowjets und Komitees als die Hauptbollwerke der Revolution erwiesen haben, wenn die Sowjets und Komitees die aufständische Konterrevolution besiegt haben - geht dann nicht klar daraus hervor, dass sie, und nur sie, jetzt die Hauptträger der revolutionären Macht im Lande sein müssen?

Sie fragen, wie die revolutionäre Macht zu organisieren ist?

Aber sie organisiert sich ja schon außerhalb der Beratung, und vielleicht entgegen der Beratung, im Kampf gegen die Konterrevolution, auf dem Boden des faktischen Bruchs mit der Bourgeoisie, im Kampf gegen diese Bourgeoisie - aus der Mitte der revolutionären Arbeiter, Bauern, Soldaten.

Die Elemente dieser Staatsmacht sind die revolutionären Komitees und Sowjets im Hinterland und an der Front.

Die Keimzelle dieser Staatsmacht ist der linke Flügel, der auf der Beratung gebildet werden dürfte.

Die Beratung wird diesen Prozess der Herausbildung der revolutionären Staatsmacht zu sanktionieren und zu vollenden oder aber sich Kerenski auf Gnade und Ungnade zu ergeben und vom Schauplatz zu verschwinden haben.

Das ZEK hat bereits gestern versucht, den revolutionären Weg einzuschlagen, als es eine Koalition mit den Kadetten ablehnte.

Die Kadetten aber sind die einzige ernstzunehmende bürgerliche Partei. Werden die Herren Paktierer begreifen, dass es in den bürgerlichen Kreisen niemanden mehr gibt, mit dem sie eine Koalition eingehen könnten?

Werden sie kühn genug sein, die Wahl zu treffen?

Warten wir ab.

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr.10,
14. September 1917.
Leitartikel.

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