"Stalin"

Werke

Band 3

ZWEI LINIEN

Die Grundfrage der Revolution ist die Frage der Macht. Der Charakter der Revolution, ihr Verlauf und Ausgang werden in vollem Maße dadurch bestimmt, in wessen Händen sich die Macht befindet, welche Klasse an der Macht ist. Die so genannte Krise der Macht ist nichts anderes als der Ausdruck des Kampfes der Klassen um die Macht. Eine revolutionäre Epoche ist eigentlich gerade dadurch gekennzeichnet, dass in ihr der Kampf um die Macht den schärfsten und unverhülltesten Charakter annimmt. Daraus ergibt sich bei uns die "chronische", noch dazu durch Krieg, Zerrüttung und Hungersnot verschärfte Krise der Macht. Daraus entspringt auch die "erstaunliche" Tatsache, dass es heutzutage keine einzige "Beratung", keinen einzigen "Kongress" gibt, wo die Frage der Macht nicht zur Sprache kommt.

Auch auf der im Alexandra-Theater tagenden Demokratischen Beratung musste diese Frage zur Sprache kommen.

Zwei Linien sind auf dieser Beratung in der Frage der Macht zum Ausdruck gekommen.

Die erste Linie ist die Linie der offenen Koalition mit der Kadettenpartei. Sie wird von den "Vaterlandsverteidigern" aus den Reihen der Menschewiki und Sozialrevolutionäre propagiert. Auf der Beratung wurde sie von dem geschworenen Paktierer Zereteli verfochten.

Die zweite Linie ist die Linie des radikalen Bruchs mit der Kadettenpartei. Sie wird von unserer Partei und von den Internationalisten aus den Reihen der Sozialrevolutionäre und Menschewiki propagiert. Auf der Beratung wurde sie von Kamenew verfochten.

Die erste Linie führt zur Errichtung der Macht der imperialistischen Bourgeoisie über das Volk. Denn die Erfahrung der Koalitionsregierung hat gezeigt, dass die Koalition mit den Kadetten die Herrschaft des Gutsherrn über den Bauern bedeutet, dem man keinen Boden gibt, dass sie die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter bedeutet, den man zur Arbeitslosigkeit verurteilt, dass sie die Herrschaft der Minderheit über die Mehrheit bedeutet, die man dem Krieg und der Zerrüttung, dem Hunger und dem Ruin ausliefert.

Die zweite Linie führt zur Errichtung der Macht des Volkes über die Gutsbesitzer und Kapitalisten. Denn mit der Partei der Kadetten brechen bedeutet ja eben, den Bauern den Grund und Boden, den Arbeitern die Kontrolle und der werktätigen Mehrheit einen gerechten Frieden sichern.

Die erste Linie drückt der bestehenden Regierung das Vertrauen aus und belässt ihr die ganze Machtfülle.

Die zweite Linie drückt ihr das Misstrauen aus, sie ist die Linie des Kampfes für den Übergang der Macht an die unmittelbaren Vertreter der Arbeiter-, Bauern- und Soldatensowjets.

Es gibt Leute, die von einer Versöhnung dieser beiden unversöhnlichen Linien träumen. Das tut zum Beispiel Tschernow, der in der Beratung gegen die Kadetten, aber für die Koalition mit den Kapitalisten auftrat, wenn (!) die Kapitalisten auf ihre Interessen verzichten (!). Die innere Verlogenheit der "Position" Tschernows liegt auf der Hand, allein hier geht es nicht darum, das die Position widerspruchsvoll ist, sondern darum, dass mit ihrer Hilfe das Zeretelische Gerümpel einer Koalition mit der Kadettenpartei eingeschmuggelt wird.

Denn diese Position eröffnet Kerenski den Weg, "von der Plattform der Beratung ausgehend", die Regierung durch verschiedene Leute wie Buryschkin und Kischkin "zu ergänzen", die bereit sind, jede beliebige Plattform zu unterschreiben, um sie nachher nicht in die Tat umzusetzen.

Denn sie, eben diese heuchlerische "Position", erleichtert Kerenski den Kampf gegen die Sowjets und die Komitees, indem sie ihm in Gestalt des beratenden "Vorparlaments" eine Waffe in die Hand gibt.

Tschernows "Linie" ist die gleiche Linie wie die Zeretelis, nur ist sie "schlau" getarnt, um ein paar Einfaltspinsel ins Netz der "Koalition" zu locken.

Es besteht Grund zu der Annahme, dass die Beratung in die Fußstapfen Tschernows treten wird.

Die Beratung ist jedoch nicht die letzte Instanz.

Beide oben gezeichnete Linien bringen nur das zum Ausdruck, was in Wirklichkeit vorhanden ist. Und in Wirklichkeit haben wir nicht eine Staatsgewalt, sondern zwei: eine offizielle Macht, nämlich das Direktorium, und eine inoffizielle Macht, nämlich die Sowjets und Komitees.

Der Kampf zwischen diesen beiden Mächten, der vorerst noch unbewusst, noch nicht zielklar geführt wird - das ist das charakteristische Merkmal der gegenwärtigen Situation.

Die Beratung ist offensichtlich dazu berufen, das Zünglein an der Waage zu bilden, das die Machtfrage zugunsten des Direktoriums entscheiden soll.

Mögen jedoch die Herren Paktierer, die verkappten wie die offenen, wissen: Wer sich für das Direktorium einsetzt, der errichtet die Macht der Bourgeoisie, der gerät unvermeidlich in Konflikt mit den Arbeiter- und Soldatenmassen und muss sich gegen die Sowjets und die Komitees wenden.

Es kann den Herren Paktierern nicht unbekannt sein, dass das letzte Wort den revolutionären Komitees und den Sowjets gehört.

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 12,
16. September 1917.
Leitartikel.

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