"Stalin"

Werke

Band 3

ÜBER DIE REVOLUTIONÄRE FRONT

Die Sozialrevolutionäre vom "Djelo Naroda" sind mit den Bolschewiki unzufrieden. Sie beschimpfen die Bolschewiki, sie verleumden die Bolschewiki, schließlich drohen sie sogar den Bolschewiki. Weswegen? Wegen "zügelloser Demagogie", wegen "fraktionellen Sektierertums", wegen "Spaltungspolitik", wegen Fehlens "revolutionärer Disziplin". Kurzum: deswegen, weil die Bolschewiki gegen eine Einheit mit den Sozialrevolutionären vom "Djelo Naroda" sind.

Eine Einheit mit den Sozialrevolutionären vom "Djelo Naroda" ... Aber man urteile selbst, ob eine derartige Einheit jetzt möglich ist.

Während sich die Demokratische Beratung in Petrograd in wortreichen Diskussionen ergeht und die Initiatoren der Beratung in aller Eile Formeln zur "Rettung" der Revolution ausarbeiten, indes die Kerenskiregierung, angespornt von Buchanan und Miljukow, ihren "eigenen" Weg weiterverfolgt, geht in Rußland der entscheidende Prozess des Heranwachsens einer neuen Macht vor sich, einer wirklichen Volksmacht, einer wirklich revolutionären Macht, die einen erbitterten Kampf um ihre Existenz führt. Auf der einen Seite haben wir die Sowjets, die an der Spitze der Revolution stehen, an der Spitze des Kampfes gegen die Konterrevolution, die noch nicht zerschlagen ist, die nur zurückgewichen ist und sich wohlweislich hinter dem Rücken der Regierung versteckt. Auf der anderen Seite haben wir die Kerenskiregierung, die die Konterrevolutionäre deckt, die sich mit den Kornilowleuten (Kadetten!) verständigt, die den Sowjets den Krieg erklärt hat und sie zu zerschlagen sucht, um nicht selber zerschlagen zu werden.

Wer wird in diesem Kampfe siegen - das ist jetzt der Kern der Frage.

Entweder die Macht der Sowjets, und das bedeutet Sieg der Revolution und gerechten Frieden.

Oder die Macht der Kerenskiregierung, und das bedeutet Sieg der Konterrevolution und "Krieg bis zur völligen" ... Erschöpfung Rußlands.

Die Beratung entscheidet diese Frage nicht, sie spiegelt bloß, natürlich mit großer Verspätung, diesen Kampf wider.

Darum besteht das Grundlegende jetzt nicht darin, eine allgemeine Formel für die "Rettung" der Revolution auszuarbeiten, sondern die Sowjets in ihrem Kampf gegen die Kerenskiregierung unmittelbar zu unterstützen.

Sie wollen die revolutionäre Einheitsfront? Unterstützen Sie die Sowjets, brechen Sie mit der Kerenskiregierung, und die Einheit kommt von selbst. Die Einheitsfront wird nicht in Diskussionen, sondern im Kampf geschaffen.

Die Sowjets fordern die Absetzung der kadettischen Kommissare. Die Kerenskiregierung aber zwingt ihnen unbeliebte Kommissare auf und droht mit Gewaltanwendung...

Für wen sind Sie, Bürger vom "Djelo Naroda", für die Sowjets oder für die Kommissare Kerenskis?

In Taschkent hat der Sowjet, dessen Mehrheit aus Sozialrevolutionären besteht, die alten Beamten abgesetzt und die Macht in seine Hände genommen. Die Kerenskiregierung aber schickt eine Strafexpedition hin und fordert die Wiedereinsetzung der alten Behörden, die "Bestrafung" des Sowjets usw...

Für wen sind Sie, Bürger vom "Djelo Naroda", für den Taschkenter Sowjet oder für die Strafexpedition Kerenskis?

Die Antwort bleibt aus. Denn uns ist kein einziger Protest bekannt, wir wissen von keiner einzigen Kampfhandlung der Anhänger des "Djelo Naroda" gegen diese konterrevolutionären Exerzitien des Herrn Kerenski.

Unglaublich, aber wahr. Der Petrograder Sozialrevolutionär Kerenski der im Direktorium sitzt, zieht, mit "Maschinengewehren" bewaffnet, in den Kampf gegen die Sozialrevolutionäre, die im Taschkenter Sowjet sitzen, aber das Zentralorgan der Partei der Sozialrevolutionäre, das "Djelo Naroda", schweigt tiefsinnig und tut, als ob es die Sache nichts anginge! Der Sozialrevolutionär Kerenski ist drauf und dran, sich mit den Sozialrevolutionären in Taschkent zu schlagen, aber das "Djelo Naroda", das den Pogrom,,befehl" Kerenskis abdruckt, findet es angängig, schweigend über ihn hinwegzugehen, offenbar um die "Neutralität" zu wahren!

Was ist das aber für eine Partei, deren Mitglieder so weit gehen, dass sie sich mit offensichtlicher Duldung ihres Zentralorgans gegenseitig an die Gurgel springen?

Man redet uns von Einheit der revolutionären Front. Aber Einheit mit wem?

Mit der Partei der Sozialrevolutionäre etwa, die keine eigene Meinung hat, da sie schweigt?

Mit der Gruppe Kerenskis etwa, die die Sowjets zerschlagen will?

Oder mit der Gruppe der Taschkenter Sozialrevolutionäre, die im Namen der Revolution und ihrer Errungenschaften eine neue Macht schaffen?

Wir sind bereit, den Taschkenter Sowjet zu unterstützen, wir werden mit den revolutionären Sozialrevolutionären in Reih und Glied kämpfen, mit ihnen werden wir eine Einheitsfront bilden.

Aber werden die Bürger vom "Djelo Naroda" jemals begreifen, dass es unmöglich ist, gleichzeitig sowohl die Taschkenter als auch Kerenski zu unterstützen - denn wer die Taschkenter unterstützt, der bricht mit Kerenski?

Werden sie jemals begreifen, dass sie die Sache ihrer Taschkenter Genossen verraten, wenn sie mit der Kerenskiregierung nicht brechen und "Neutralität" wahren?

Werden sie jemals begreifen, dass es notwendig ist, bevor man eine Einheitsfront mit den Bolschewiki fordert, erst bei sich zu Hause, in der eigenen Partei, die Einheit herzustellen und entweder mit Kerenski oder mit den linken Sozialrevolutionären ganz eindeutig zu brechen?

Sie wollen eine Einheitsfront mit den Bolschewiki? Brechen Sie mit der Kerenskiregierung, unterstützen Sie die Sowjets in ihrem Kampf um die Macht, und die Einheit wird da sein.

Weshalb kam die Einheit in den Tagen des Kornilowaufstands so leicht und einfach zustande?

Weil sie damals nicht das Resultat endloser Diskussionen war, sondern aus dem direkten Kampf gegen die Konterrevolution hervorging.

Die Konterrevolution ist noch nicht zerschlagen. Sie hat sich bloß zurückgezogen und versteckt sich hinter dem Rücken der Kerenskiregierung. Will die Revolution siegen, so muss sie auch diese zweite Schützengrabenlinie der Konterrevolution erstürmen. Im erfolgreichen Kampf der Sowjets um die Macht besteht ja gerade die Vollendung dieses Sieges. Wer nicht "auf die andere Seite der Barrikade", wer nicht unter das Feuer der Sowjets geraten will, wer den Sieg der Revolution will, der muss mit der Kerenskiregierung brechen, der muss den Kampf der Sowjets unterstützen.

Sie wollen die Einheit der revolutionären Front?

Unterstützen Sie die Sowjets gegen das Direktorium, unterstützen Sie entschlossen und bis ans Ende den Kampf gegen die Konterrevolution, dann wird die Einheit ganz natürlich, einfach und von selbst entstehen, wie dies in den Tagen des Kornilowaufstands der Fall war.

Mit den Sowjets oder gegen sie? Sie haben die Wahl, Bürger vom "Djelo Naroda"!

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 14,
19. September 1917.
Leitartikel.

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