"Stalin"

Werke

Band 3

SIE SCHMIEDEN KETTEN

Die Maschinerie des Paktierens hat zu arbeiten begonnen. Im Winterpalast, in diesem politischen Absteigequartier, wimmelt es von Gästen. Wen trifft man hier nicht alles? Moskauer Kornilowleute und Petrograder Sawinkowleute, den Kornilow,,minister" Nabokow und den Entwaffnungshelden Zereteli, den geschworenen Feind der Sowjets Kischkin und den berüchtigten Aussperrer Konowalow, Vertreter der Partei der politischen Deserteure (Kadetten!), Genossenschaftsbonzen vom Schlage Berkenheims, Vertreter der Partei der Strafexpeditionen (Sozialrevolutionäre!) und rechte Semstwomänner vom Schlage Duschetschkins, politische Kuppler aus dem Direktorium und bekannte Geldsäcke aus den Kreisen der "Männer der Öffentlichkeit" - das sind die ehrenwerten Gäste.

Einerseits Kadetten und Industrielle.

Anderseits "Vaterlandsverteidiger" und Genossenschaftler.

Dort die Industriellen als Stütze und das Heer der Kadetten.

Hier die Genossenschaftler als Stütze und das Heer der "Vaterlandsverteidiger", denn nachdem die "Vaterlandsverteidiger" die Sowjets verloren hatten, mussten sie sich auf ihre alten Positionen, zu den Genossenschaftlern, zurückziehen.

"Ziehen Sie einen Trennungsstrich zwischen sich und den Bolschewiki", und dann "werden die Bourgeoisie und die Demokratie eine gemeinsame Front haben", sagt Kischkin den "Vaterlandsverteidigern".

- Zu Befehl-, antwortet Awxentjew, - doch lasst uns erst mal einen "staatsmännischen Standpunkt" festlegen.

"Die Bourgeoisie muss nicht minder als die Demokratie dem Anwachsen des Bolschewismus Rechnung tragen und um die Schaffung einer Koalitionsregierung besorgt sein", souffliert Berkenheim Awxentjew.

- Zu Befehl -, antwortet Awxentjew.

Man höre: Die Koalitionsregierung braucht man also zum Kampf gegen den Bolschewismus, das heißt gegen die Sowjets, das heißt gegen die Arbeiter und Soldaten.

- Das Vorparlament muss ein "beratendes Organ" sein, und die Regierung muss von ihm "unabhängig" sein -, sagt Nabokow.

- Zu Befehl -, antwortet Zereteli, denn er ist damit einverstanden, "dass die Provisorische Regierung keine formale ... Verantwortlichkeit vor dem Vorparlament trägt" ("Rjetsch").

- Nicht das Vorparlament bildet die Regierung, sondern die Regierung ruft umgekehrt das Vorparlament ins Leben, "indem sie seine Zusammensetzung, seine Befugnisse und seine Geschäftsordnung festlegt" -, heißt es in der Deklaration der Kadetten.

- Einverstanden -, erwidert Zereteli, "die Regierung muss diese Institution sanktionieren" ("Nowaja Shisn") und ihre "Struktur" festlegen ("Rjetsch").

Und Herr Kerenski, dieser ehrliche Makler aus dem Winterpalast, erhebt autoritativ seine Stimme:

1. "Die Organisierung der Staatsmacht und die Ergänzung des Kabinetts stehen heute nur der Provisorischen Regierung zu."

2. "Diese Beratung" (das Vorparlament) "darf nicht die Funktionen und die Rechte eines Parlaments haben."

3. "Die Provisorische Regierung darf dieser Beratung nicht verantwortlich sein" ("Rjetsch").

Kurzum, Kerenski ist mit den Kadetten "völlig einverstanden", und die "Vaterlandsverteidiger" sagen "Zu Befehl" - was will man noch mehr?

Nicht umsonst erklärte Prokopowitsch beim Verlassen des Winterpalasts: "Man kann die Verständigung als erreicht betrachten."

Freilich hat sich die Beratung noch gestern gegen eine Koalition mit den Kadetten erklärt, aber was kümmert dies die geschworenen Paktierer? Wenn sie sich entschlossen hatten, den Willen der revolutionären Demokratie zu verfälschen, indem sie anstatt eines Sowjetkongresses die Beratung einberiefen, weshalb sollten sie nicht auch den Willen dieser Beratung selbst verfälschen? Schwierig ist nur der erste Schritt.

Freilich hat die Beratung gestern noch entschieden, dass das Vorparlament die Regierung "bildet" und dass diese ihm "verantwortlich ist" aber was kümmert dies die geschworenen Paktierer: wenn nur die Koalition blüht und gedeiht, die Beschlüsse der Beratung aber ... welchen Wert haben sie, wenn sie die Koalition untergraben?

Die arme "Demokratische Beratung" !

Die armen naiv-vertrauensseligen Delegierten!

Konnten sie von ihren Führern einen Verrat in aller Form erwarten?

Unsere Partei hatte recht, als sie behauptete, dass die kleinbürgerlichen Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die ihre Kraft nicht aus der revolutionären Bewegung der Massen, sondern aus paktiererischen Kombinationen der bürgerlichen Politikaster schöpfen, zu einer selbständigen Politik unfähig sind.

Unsere Partei hatte Recht, als sie behauptete, dass die Politik des Paktierens zum Verrat an den Interessen der Revolution führt.

Jetzt sieht jeder, dass die politischen Bankrotteure aus dem Lager der "Vaterlandsverteidiger" mit eigenen Händen den Völkern Rußlands Ketten schmieden, zur Freude der Feinde der Revolution.

Nicht umsonst reiben sich die Kadetten zufrieden die Hände und verkünden im Voraus ihren Sieg.

Nicht umsonst schleichen die Herren Paktierer mit schuldbewusster Miene "wie geprügelte Hunde" herum.

Nicht umsonst klingt durch Kerenskis Erklärungen Triumph hindurch. Ja, sie triumphieren.

Aber ihr "Sieg" ist nicht von Dauer und ihr Triumph nur vorübergehend, denn sie machen ihre Rechnung ohne den Wirt, ohne das Volk.

Denn die Stunde naht, da die betrogenen Arbeiter und Soldaten endlich ihr gewichtiges Wort sprechen und das Kartenhaus dieses Scheinsieges" umstürzen werden.

Und dann werden es sich die Herren Paktierer selbst zuzuschreiben haben, wenn mit dem ganzen Koalitionsplunder auch ihr eigener Kram, die "Vaterlandsverteidigung", zum Teufel geht.

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 19,
24. September 1917.
Leitartikel.

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