"Stalin"

Werke

Band 3

DIE REGIERUNG
DER BÜRGERLICHEN DIKTATUR

Nach den Fälschungen mit der Beratung und nach dem skandalösen Zerfall der Regierung, nach der "Unterhaltung" mit den Moskauer Börsianern und den geheimnisvollen Besuchen bei Sir Buchanan, nach den Schäferstündchen im Winterpalast und einer Reihe von Verrätereien der Paktierer ist endlich eine "neue" (ganz neue!) Regierung zustande gekommen.

Sechs kapitalistische Minister als Kern des "Kabinetts" und zehn "sozialistische" Minister, die ihnen zu Diensten stehen und ihren Willen durchführen.

Noch ist die Regierungserklärung nicht veröffentlicht, aber ihre Grundprinzipien sind bekannt: "Kampf gegen die Anarchie" (lies: gegen die Sowjets!), "Kampf gegen die Zerrüttung" (lies: gegen die Streiks!), "Hebung der Kampffähigkeit der Armee" (lies: Fortsetzung des Krieges und "Disziplin"!).

Das ist im Allgemeinen das "Programm" der Regierung Kerenski-Konowalow.

Das will besagen: Die Bauern werden keinen Boden zu sehen bekommen, die Arbeiter werden die Kontrolle nicht erlangen und Rußland wird keinen Frieden erringen.

Die Regierung Kerenski-Konowalow ist die Regierung des Krieges und der bürgerlichen Diktatur.

Die zehn "sozialistischen" Minister dienen als Kulisse, hinter der die imperialistische Bourgeoisie an der Festigung ihrer Herrschaft über die Arbeiter, Soldaten und Bauern arbeiten wird.

Was Kornilow unmittelbar und nach Generalsart einfach durchsetzen wollte, das wird die "neue" Regierung allmählich und ohne jeden Lärm durch die "Sozialisten" selbst zu verwirklichen suchen.

Wodurch unterscheidet sich die Diktatur der Bourgeoisie von der Diktatur des Proletariats und der revolutionären Bauernschaft?

Dadurch, dass die Diktatur der Bourgeoisie die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit ist, die nur durch Gewaltanwendung gegen die Mehrheit zu verwirklichen ist und den Bürgerkrieg gegen die Mehrheit erforderlich macht. Dagegen kann die Diktatur des Proletariats und der revolutionären Bauernschaft, als Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit, durchaus ohne Bürgerkrieg auskommen. Daraus aber folgt, dass die Politik der "neuen" Regierung eine Politik der Provozierung erfolgloser Teilaktionen sein wird, mit dem Zweck, die Soldaten gegen die Arbeiter oder die Front gegen das Hinterland aufzuhetzen und die Macht der Revolution im Blute zu ertränken.

Ferner dadurch, dass die Diktatur der Bourgeoisie eine geheime, verkappte Diktatur ist, die hinter den Kulissen arbeitet und, um die Massen zu betrügen, irgendeines schönen Mäntelchens bedarf. Die Diktatur des Proletariats und der revolutionären Bauernschaft dagegen ist eine offene Diktatur, eine Diktatur der Massen, die weder des Betrugs in der Innenpolitik noch der Geheimdiplomatie in der Außenpolitik bedarf. Daraus aber geht hervor, dass unsere bürgerlichen Diktatoren versuchen werden, die für das Land lebenswichtigsten Fragen, wie zum Beispiel die Frage von Krieg und Frieden, hinter dem Rücken der Massen und ohne die Massen, durch eine Verschwörung gegen die Massen zu entscheiden.

Davon zeugen ganz klar gleich die ersten Schritte der Regierung Kerenski-Konowalow. Man urteile selbst. Die verantwortlichsten außenpolitischen Posten sind mit den prominentesten Kadetten und Kornilowleuten besetzt. Tereschtschenko ist Außenminister, Nabokow Botschafter in London, Maklakow Botschafter in Paris, Jefremow Botschafter in Bern, wo jetzt eine internationale (vorläufige!) Friedenskonferenz zusammentritt. Und diese Leute, die den Massen fremd, ja ihnen offen feindlich sind, werden über Krieg und Frieden entscheiden, über Fragen, von denen das Leben von Millionen Soldaten abhängt!

Oder weiter: Laut Zeitungsmeldungen "begeben sich heute Kerenski, Tereschtschenko, Werchowski und Werderewski ins Hauptquartier" wo "neben der Erörterung der allgemeinen Lage an der Front unter Teilnahme Tereschtschenkos auch eine Beratung der beim Hauptquartier befindlichen Militärvertreter der ausländischen Mächte stattfinden wird" (Abendausgabe der "Birshowka") ... Das alles geschieht in Erwartung der Konferenz der Alliierten, zu der man als Sancho Pansa des Herrn Tereschtschenko auch den nicht unbekannten Zereteli mitnimmt. Worüber mögen diese der Sache des Imperialismus ergebenen Leute wohl tuscheln, wenn nicht über die Interessen der Imperialisten, der einheimischen wie der alliierten, und worauf können eigentlich ihre hinter den Kulissen gepflogenen Verhandlungen über Krieg und Frieden hinauslaufen, wenn nicht auf eine Verschwörung gegen die Interessen des Volkes?

Zweifel sind ausgeschlossen. Die Regierung Kerenski-Konowalow ist eine Regierung der Diktatur der imperialistischen Bourgeoisie. Provozierung des Bürgerkrieges - das ist ihre Innenpolitik. Entscheidung über Krieg und Frieden hinter verschlossenen Türen - das ist ihre Außenpolitik. Die Errichtung der Herrschaft der Minderheit über die Mehrheit der russischen Bevölkerung - das ist ihr Ziel.

Die Aufgabe des Proletariats als des Führers der russischen Revolution ist es, dieser Regierung die Maske herunterzureißen und den Massen ihr wahres konterrevolutionäres Gesicht zu zeigen. Die Aufgabe des Proletariats ist es, die breiten Schichten der Soldaten und der Bauernschaft um sich zu scharen und sie von verfrühten Aktionen abzuhalten. Die Aufgabe des Proletariats ist es, die Reihen fester zu schließen und unermüdlich für die kommenden Kämpfe zu rüsten.

Die Arbeiter und Soldaten der Hauptstadt haben bereits den ersten Schritt getan, indem sie der Regierung Kerenski-Konowalow ihr Misstrauen aussprachen und die Massen aufforderten, "sich enger um ihre Sowjets zu scharen und von Teilaktionen abzusehen" (siehe Resolution des Petrograder Sowjets[80]).

Jetzt hat die Provinz das Wort.

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 21,
27. September 1917.
Leitartikel.

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