"Stalin"

Werke

Band 3

DA KÖNNEN SIE LANGE WARTEN...

Kennzeichnend für den gegenwärtigen Moment ist eine unüberbrückbare Kluft zwischen der Regierung und den Volksmassen, eine Kluft, die es in den ersten Monaten der Revolution nicht gegeben hat und die sich erst als Folge des Kornilowaufstands aufgetan hat.

Nach dem Sieg über den Zarismus, schon in den ersten Tagen der Revolution, geriet die Macht in die Hände der imperialistischen Bourgeoisie. An die Macht kamen nicht die Arbeiter und Soldaten, sondern ein Häuflein kadettischer Imperialisten. Wie konnte das geschehen, und worauf stützte sich eigentlich damals die Herrschaft dieses Häufleins von Vertretern der Bourgeoisie? Die Sache ist die, dass die Arbeiter, hauptsächlich aber die Soldaten der Bourgeoisie vertrauten und im Bunde mit ihr Brot und Land, Frieden und Freiheit zu erringen hofften. Eine "unbewusst-vertrauensselige" Einstellung der Massen zur Bourgeoisie - das war es, worauf sich damals die Herrschaft der Bourgeoisie stützte. Die Koalition mit der Bourgeoisie war lediglich der Ausdruck dieses Vertrauens und dieser Herrschaft.

Aber sechs Monate Revolution sind nicht spurlos vorübergegangen. Die Koalition mit der Bourgeoisie hat den Massen statt Brot - Hunger, statt Lohnerhöhung - Arbeitslosigkeit, statt Land - leere Versprechungen, statt Freiheit - Kampf gegen die Sowjets, statt Frieden - Krieg bis zur Erschöpfung Rußlands und den Verrat der Kornilowleute bei Tarnopol und Riga gegeben. Der Kornilowaufstand hat bloß das Fazit der sechsmonatigen Erfahrung mit der Koalition gezogen, den Verrat der Kadetten aufgedeckt und die Verderblichkeit der Politik des Paktierens mit ihnen aufgezeigt.

All das ist selbstverständlich nicht spurlos vorübergegangen. Die "unbewusst-vertrauensselige" Einstellung der Massen zur Bourgeoisie ist geschwunden. Der Koalition mit den Kadetten folgte der Bruch mit ihnen. An die Stelle des Vertrauens zur Bourgeoisie ist der Hass gegen sie getreten. Die Herrschaft der Bourgeoisie hat ihre sichere Stütze verloren.

Zwar ist es den Paktierern trotzdem gelungen, vermittels paktiererischer Spitzfindigkeiten der "Vaterlandsverteidiger", durch Schiebungen und Fälschungen, mit Hilfe Buchanans und der kadettischen Kornilowleute, ungeachtet des offensichtlichen Misstrauens der Arbeiter und Soldaten eine "neue" Regierung der alten bürgerlichen Diktatur zusammenzuzimmern und die überlebte und arg mitgenommene Koalition auf betrügerische Weise wiederherzustellen.

Allein diese Koalition ist erstens saft- und kraftlos, weil sie, im Winterpalast zustande gekommen, im Lande nur auf Widerstand und Empörung stößt.

Zweitens ist diese Regierung nicht stabil, weil sie keinen Boden unter den Füßen hat, denn sie besitzt nicht das Vertrauen und die Sympathie der Massen, die ihr nur Hass entgegenbringen.

Daher die unüberbrückbare Kluft zwischen der Regierung und dem Land.

Und wenn diese Regierung trotzdem am Ruder bleibt, wenn diese Regierung, die den Willen einer Minderheit durchführt, sich anschickt, über eine ihr offenkundig feindliche Mehrheit zu herrschen, so ist es klar, dass sie nur auf eines spekulieren kann: auf Gewaltmaßnahmen gegen die Massen. Eine andere Stütze hat eine solche Regierung nicht und kann sie auch nicht haben.

Es ist daher kein Zufall, dass der erste Schritt der Regierung Kerenski-Konowalow die Zerschlagung des Taschkenter Sowjets war.

Es ist auch kein Zufall, dass diese Regierung bereits am Werke ist, die Arbeiterbewegung im Donezbecken zu unterdrücken, indem sie einen geheimnisvollen "Diktator" dorthin entsendet.

Es ist auch kein Zufall, dass sie in ihrer gestrigen Sitzung den Bauernunruhen" den Krieg angekündigt hat, indem sie beschloss,

"lokale Komitees der Provisorischen Regierung zu schaffen, deren direkte Obliegenheit die Bekämpfung der Anarchie und die Unterdrückung von Unruhen ist" ("Birshowka").

All dies ist kein Zufall.

Eine Regierung der bürgerlichen Diktatur, die nicht das Vertrauen der Massen genießt, die aber dennoch an der Macht bleiben will, kann ohne "Anarchie" und "Unruhen" nicht leben, denn durch deren Bekämpfung versucht sie, ihre Existenz zu rechtfertigen. In ihren Träumen sieht sie, dass die Bolschewiki "einen Aufstand organisiert" oder die Bauern Gutsherren "geplündert" oder die Eisenbahner "einen verhängnisvollen Streik vom Zaune gebrochen" und die Front dadurch ohne Brot gelassen haben ... Das alles hat sie "nötig", um die Bauern gegen die Arbeiter, die Front gegen das Hinterland aufzubringen, dadurch die Notwendigkeit bewaffneten Eingreifens heraufzubeschwören und auf diese Weise ihre unsichere Lage für einige Zeit zu festigen.

Denn man muss doch endlich begreifen, dass eine Regierung, die nicht das Vertrauen des Landes genießt und gegen die sich der Hass der Massen richtet, nichts anderes als eine Regierung der Provozierung des "Bürgerkrieges" sein kann.

Nicht umsonst warnt die "Rjetsch", das halbamtliche Blatt der Provisorischen Regierung, die Regierung davor, "die Wahl des Zeitpunkts für die Eröffnung des Bürgerkriegs den Bolschewiki zu überlassen", und rät ihr davon ab, "zu dulden und zu warten, bis sie" (die Bolschewiki) "den für eine allgemeine Aktion geeigneten Zeitpunkt wählen" ("Rjetsch" vom Mittwoch).

Ja, es dürstet sie nach dem Blute des Volkes...

Aber vergeblich sind ihre Hoffnungen und lächerlich ihre Anstrengungen.

Bewusst und organisiert schreitet das revolutionäre Proletariat zum Sieg. Einmütig und zuversichtlich scharen sich die Bauern und Soldaten um das Proletariat. Immer lauter und lauter ertönt der Ruf: Alle Macht den Sowjets!

Die papierene Koalition im Winterpalast . wird sie dem Ansturm standhalten?

Sie möchten zersplitterte und verfrühte Aktionen der Bolschewiki haben?

Da können Sie lange warten, meine Herren Kornilowleute.

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 23,
29. September 1917.
Leitartikel.

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