"Stalin"

Werke

Band 3

KOMMENTARE

DAS DORF HUNGERT

Von der Ernährungskrise in den Städten reden jetzt alle. Das Gespenst der "knöchernen Hand" des Hungers geistert über den Städten. Aber niemand will zugeben, dass der Hunger sich auch ans Dorf herangeschlichen hat. Niemand will begreifen, dass jetzt die gute Hälfte der "Agrarunruhen" und der "Krawalle" eben durch den Hunger verursacht werden.

Hier ist der Brief eines Bauern über die Agrarunruhen":

"Ich möchte Sie bitten, uns ´unwissenden Menschen, den Bauern´, zu erklären, woher die Krawalle kommen. Sie glauben, alles das täten Rowdys und Landstreicher und betrunkene Vagabunden, aber da irren Sie sich ein wenig. Das sind keine Landstreicher oder Vagabunden, sondern Menschen, die der Hunger um den Verstand bringt. So schreibe ich zum Beispiel über den Kreis Murom, Amtsbezirk Arefinski. Man will uns hier verhungern lassen. Man gibt uns monatlich fünf Pfund Mehl pro Kopf. Begreifen Sie das und versetzen Sie sich in unsere Lage. Wie kann man dabei leben? Bei den Krawallen sind nicht nur von Branntwein Trunkene dabei, wir selbst sind ´von Hunger trunken'" (siehe "Birshowka").

Die bürgerlichen Hintertreppenskribenten vom "Djen" und von der "Russkaja Wolja" kläffen unermüdlich, das Dorf sei reich, der Bauer begütert und ähnliches mehr. Indessen sprechen die Tatsachen unwiderleglich von Hunger und Erschöpfung des Dorfes, von Skorbut und anderen durch Hunger hervorgerufenen Krankheiten. Und je länger, desto schwerer wird es für das Dorf, denn die Regierung Kerenski-Konowalow bereitet für das Dorf an Stelle von Brot neue Strafexpeditionen vor, und der nahende Winter stellt dem Bauern neue, noch schwerere Prüfungen in Aussicht.

Der gleiche Bauer schreibt:

"Der Winter steht vor der Tür, die Flüsse werden zufrieren, und dann werden wir Hungers sterben müssen. Die Eisenbahnstation liegt weitab von uns. Wir werden auf die Straßen gehen, um Brot zu suchen. Wie man uns auch nennen mag, aber der Hunger zwingt uns dazu" ("Birshowka").

Das ist die beredte Erzählung eines Bauern.

Die Paktierer aus den Reihen der Sozialrevolutionäre und Menschewiki priesen marktschreierisch die alles rettende Kraft der Koalition und der Koalitionsregierung. Jetzt haben wir sowohl eine "Koalition" als auch eine "Koalitions"regierung. Es fragt sich:

Wo ist denn die alles rettende Kraft dieser Regierung?

Was vermag sie dem hungernden Dorf noch anderes zu bieten als Strafexpeditionen?

Spüren die Herren Paktierer, dass der schlichte Brief des Bauern das Todesurteil über ihr Koalitionsgesudel spricht?

DER HUNGER IN DEN FABRIKEN

Von einer noch schwereren Prüfung sind die Fabrikbezirke betroffen. Die Hungersnot, die nicht zum ersten Mal die Fabrikbevölkerung heimsucht, wütet hier jetzt ganz besonders. Rußland, das vor dem Kriege jährlich 400 bis 500 Millionen Pud Getreide ausführte, zeigt sich heute, während des. Krieges, außerstande, seine eigenen Arbeiter zu ernähren. In den Fabriken wird die Arbeit stillgelegt, die Arbeiter verlassen ihre Arbeitsstellen, weil es in den Fabrikbezirken kein Brot, keine Nahrungsmittel gibt.

Aus verschiedenen Gegenden gehen die folgenden Nachrichten ein:

"Aus Schuja wird telegrafiert: Im ganzen Kreis haben die Sägereien den Betrieb eingestellt. Es gibt kein Brot. Der Korjukowoer Zuckerraffinerie droht die Stilllegung, da die Arbeiter keine Lebensmittel erhalten. Die Rüben beginnen zu faulen. Die 12 000 Personen zählende Fabrikbevölkerung der Jarzewoer Baumwollspinnerei und -weberei (Gouvernement Smolensk) befindet sich in einer ausweglosen Lage. Die Mehl- und Grützevorräte sind vollständig erschöpft. Das Ernährungskomitee des Gouvernements ist außerstande zu helfen. Unter den Arbeitern, die keine Nahrungsmittel erhalten, beginnt es zu gären. Unruhen sind unvermeidlich. Der Ältestenrat der Schreibpapierfabrik der Firma Kuwschinow (Gouvernement Twer) telegrafiert: Die Arbeiter stehen vor dem Hunger. Brot ist nirgends zu beschaffen. Ersuchen um sofortige Hilfe. Die Fabrikdirektion der Firma Morokin in Witschuga telegrafiert: Die Ernährungsfrage nimmt einen bedrohlichen Charakter an. Die Arbeiter hungern und geraten in Gärung. Es sind außerordentliche Versorgungsmaßnahmen erforderlich. Das Betriebskomitee der gleichen Firma hat an das Ministerium folgendes Telegramm gerichtet: Ersuchen inständig um vordringliche Belieferung der Arbeiter mit Mehl, da Hungersnot ausgebrochen ist."

Das sind die Tatsachen.

Die landwirtschaftlichen Bezirke klagen darüber, dass sie aus den Fabrikbezirken unglaublich wenig Waren erhalten. Infolgedessen liefern sie den Fabrikbezirken auch entsprechend wenig Getreide. Der Getreidemangel in den Fabrikbezirken aber führt zur Abwanderung der Arbeiter aus den Fabriken, zur Einschränkung der Arbeit der Fabriken und damit zu einer weiteren Verminderung der ins Dorf gelangenden Warenmenge, was seinerseits eine neue Verringerung der in die Fabriken fließenden Getreidemenge, eine neue Verschlimmerung des Hungers in den Fabriken und eine neue Flucht von Arbeitern aus den Fabriken hervorruft.

Es fragt sich:

Wo ist der Ausweg aus diesem verwunschenen Kreis, der die Arbeiter und Bauern in einer eisernen Umklammerung hält?

Was hat die so genannte Koalitionsregierung hier noch anderes zu bieten als berüchtigte "Diktatoren", die sie in geheimnisvoller Weise in die hungernden Industriebezirke entsendet?

Kommt es den Herren Paktierern zum Bewusstsein, dass die imperialistische Bourgeoisie, die sie bis heute unterstützen, Rußland in eine Sackgasse getrieben hat, aus der es keinen anderen Ausweg gibt als die Einstellung des räuberischen Krieges?

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 26,
3. Oktober 1917.
Artikel ohne Unterschrift.

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