"Stalin"

Werke

Band 3

EIN EXAMEN IN FRECHHEIT

Durch den Ansturm der Revolution an die Wand gedrückt, versucht die Regierung der bürgerlichen Eintagshelden sich aus der Klemme zu ziehen; indem sie mit einem Schwall von Lügen beteuert, sie hätte gar nicht daran gedacht, aus Petrograd zu flüchten, und hätte nicht beabsichtigt, die Hauptstadt preiszugeben.

Gestern noch wurde laut und vernehmlich erklärt ("Iswestija"!), dass die Regierung nach Moskau "übersiedelt", weil sie die Lage der Hauptstadt für "bedenklich" halte. Gestern noch sprach man offen (so die "Kommission für Landesverteidigung"[87]!) von einer "Preisgabe" Petrograds, wobei die Regierung die Entfernung der Geschütze von den Zugängen zur Hauptstadt verlangte. Gestern noch begrüßte der Gutsherr Rodsjanko, der Komplice Kerenskis und Kornilows bei der Verschwörung gegen die Revolution, den Regierungsbeschluss über die "Preisgabe", weil er Petrograd, der Flotte und den Sowjets den Untergang wünschte. Gestern noch schloss sich diesem Beschluss "London" an, das der Regierung eine schnelle Befreiung von Petrograd und der Flotte wünschte. Das alles war noch gestern ... Heute aber ziehen sich die erschrockenen Eintagshelden von der Regierung in Unordnung vor der Flotte und der Garnison zurück, die fest entschlossen sind, die Hauptstadt zu verteidigen, und versuchen feige, sich in Widersprüche verstrickend und einander Lügen strafend, die Wahrheit zu vertuschen und sich vor der Revolution, die sie gestern noch so erfolglos und plump verraten wollten, zu rechtfertigen.

Dabei wird die "kategorische" Erklärung Kerenskis, die "Übersiedlung" sei bis zum Frühjahr aufgeschoben, durch die ebenso kategorische Erklärung Kischkins widerlegt, wonach einige Regierungsstellen "bereits jetzt nach Moskau übergeführt werden können". B. Bogdanow, der Berichterstatter der "Kommission für Landesverteidigung" (durchaus kein Bolschewik!), erklärt aber ebenfalls kategorisch: "Bei der Regierung ist der Wunsch zutage getreten, Petrograd zu verlassen, wobei breite Schichten der Demokratie eine Abreise der Regierung mit der Möglichkeit einer Preisgabe Petrograds in Zusammenhang bringen" ("Iswestija"). Wir wollen schon gar nicht davon sprechen, dass laut den Abendzeitungen "die Anhänger einer Abreise der Provisorischen Regierung nach Moskau ... die Stimmenmehrheit hatten" ("Russkije Wjedomosti").

Diese jämmerlichen Wichte aus der Provisorischen Regierung! Konnten sie, die die ganze Zeit das Volk betrogen haben, auf etwas anderes setzen als auf einen neuen Betrug an den Massen, der ihren ungeordneten Rückzug decken soll?

Die Eintagshelden wären jedoch keine Eintagshelden, wenn sie sich auf Betrug beschränken würden. Bereits auf dem Rückzuge begriffen und hinter Betrug Deckung suchend, streut Kerenski eine Reihe von Beschuldigungen aus und deutet dabei auf unsere Partei, schwätzt von einem "Wiederaufleben der Krawalle", von "gefährlichen Feinden der Revolution", von "Erpressung" und "Demoralisierung der Massen", von "Händen, an denen das Blut unschuldiger Opfer klebt" usw.

Kerenski wettert gegen "Feinde der Revolution", derselbe Kerenski, der mit Kornilow und Sawinkow eine Verschwörung gegen die Revolution und die Sowjets organisierte und durch Betrug das dritte Kavalleriekorps an die Hauptstadt heranzog!...

Kerenski wettert gegen ein "Wiederaufleben der Krawalle", derselbe Kerenski, der durch die Erhöhung der Brotpreise die Dorfbevölkerung zu Krawallen und Brandstiftungen getrieben hat! Man lese die Zeitung "Wlast Naroda", das Organ der sozialrevolutionären "Vaterlandsverteidiger", und urteile selbst:

"Einige unserer Korrespondenten schreiben uns, dass die letzten Unruhen mit der Erhöhung der festen Preise in Zusammenhang gebracht werden müssen. Die neuen Preise haben sofort eine allgemeine Verteuerung der Lebenshaltung hervorgerufen. Die Folgen davon sind Unzufriedenheit, Erbitterung und erhöhte Nervosität, die die Masse leichter als früher zu Krawallen verleiten!..." (Nr.140).

Kerenski wettert gegen "Demoralisierung der Massen", derselbe Kerenski, der die Revolution in den Schmutz gezogen, der ihre lauteren Sitten besudelt hat, indem er die Ochrana- und Spitzelinstitutionen unter der Leitung solcher schmutziger Typen wie Wonljarljarski und Schtschukin wiederaufleben ließ!...

Kerenski wettert gegen "Erpressung", derselbe Kerenski, dessen ganzes Regime eine einzige Erpressung an der Demokratie ist, der die "Demokratische Beratung" ganz offen durch eine nicht existierende Truppe, die an der finnischen Küste gelandet sei, unter erpresserischen Druck setzte und darin erfolgreich mit dem General Chabalow konkurrierte!...

Kerenski redet von "Händen, an denen das Blut unschuldiger Opfer klebt", derselbe Kerenski, an dessen Händen tatsächlich das unschuldige Blut Zehntausender von Soldaten klebt, die der abenteuerlichen Offensive an der Front im Juni dieses Jahres zum Opfer gefallen sind!...

Man sagt, alles auf der Welt habe seine Grenzen. Aber ist es nicht klar, dass die Frechheit der bürgerlichen Eintagshelden keine Grenzen kennt?...

Die "Iswestija" melden, die Mitglieder des "Rates der Republik" hätten Kerenski mit "anhaltendem und lautem Beifall auf allen Bänken" begrüßt. Wir haben von dem lakaienhaften Vorparlament, dieser Fehlgeburt des Kornilowputsches, bei der Kerenski Pate stand, auch nichts anderes erwartet.

Mögen diese Herrschaften jedoch wissen, mögen es alle wissen - sowohl diejenigen, die insgeheim Gewaltmaßnahmen gegen die "Linken" vorbereiten, als auch diejenigen, die diesen Gewaltmaßnahmen im voraus Beifall spenden -, mögen sie wissen, dass, wenn die entscheidende Stunde schlägt, sie alle in gleichem Maße der Revolution, die sie verraten wollen, die zu betrügen ihnen aber nicht gelingen wird, Rede und Antwort stehen werden.

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 37,
15. Oktober 1917.
Leitartikel.

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