"Stalin"

Werke

Band 3

DIE STREIKBRECHER DER REVOLUTION

Man muss "die Sowjets und Komitees beseitigen", sagte auf der Moskauer Beratung der Kornilowmann Kaledin unter stürmischem Beifall der Kadetten.

Sehr richtig, erwiderte ihm der Paktierer Zereteli, aber es ist noch verfrüht, denn "man darf dieses Gerüst nicht entfernen, wenn der Bau der freien Revolution" (das heißt wohl der Konterrevolution?) "noch nicht vollendet ist".

Das war Anfang August auf der Moskauer Beratung, als sich zum ersten Mal die konterrevolutionäre Verschwörung Kornilows und Rodsjankos, Miljukows und Kerenskis herauszubilden begann.

Damals "wurde nichts" aus der Verschwörung: Sie wurde durch den politischen Streik der Moskauer Arbeiter vereitelt. Aber die Koalition zwischen Zereteli und Miljukow, Kerenski und Kaledin kam zustande. Es war eine Koalition gegen die bolschewistischen Arbeiter und Soldaten. Dabei stellte sich heraus, dass diese Koalition nur eine Kulisse war, hinter der sich eine regelrechte Verschwörung gegen die Sowjets und Komitees, gegen die Revolution und ihre Errungenschaften herausbildete, eine Verschwörung, die dann Ende August auch zum Ausbruch kam.

Konnten es die Sozialrevolutionäre und Menschewiki wissen, dass sie durch ihre Lobgesänge auf die Koalition mit den "lebendigen Kräften" der Moskauer Beratung den Kornilowschen Verschwörern in die Hände arbeiteten? Konnten es die liberalen Kleinbürger vom "Djelo Naroda" und die Herolde der Bourgeoisie von den "Iswestija" wissen, dass sie durch die "Isolierung" der Bolschewiki und die Untergrabung der Sowjets und Komitees nur der Konterrevolution in die Hände arbeiteten und sich als Streikbrecher der Revolution verdingten?

Der Kornilowaufstand deckte alle Karten auf. Er enthüllte das konterrevolutionäre Wesen der Kadetten und der Koalition mit ihnen. Er enthüllte die ganze Gefahr, die der Revolution von dem Bündnis der Generale und Kadetten droht. Er führte anschaulich vor Augen, dass ohne die Sowjets im Hinterlande und die Komitees an der Front, gegen die die "Vaterlandsverteidiger" mit Kaledin paktierten, die Revolution zerschlagen worden wäre.

Bekanntlich sahen sich die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre während der schweren Stunden des Kornilowaufstands gezwungen, sich unter den Schutz derselben Kronstädter und derselben "bolschewistischen" Sowjets und Komitees zu stellen, gegen die sie die Koalition mit den Kaledin und den anderen "lebendigen Kräften" gebildet hatten.

Die Lektion war wertvoll und mehr als eindringlich.

Allein ... das menschliche Gedächtnis ist schwach. Besonders das Gedächtnis der Überläufer von den "Iswestija" und dem charakterlosen "Djelo Naroda".

Seit dem Kornilowaufstand ist kaum mehr als ein Monat vergangen. Man sollte denken, mit der Kornilowschen Konterrevolution sei es ein für allemal vorbei. Indessen sind wir in dieser kurzen Zeit "durch den Willen des Schicksals" und Kerenskis wieder in die Phase eines neuen Kornilowabenteuers eingetreten. Kornilow ist "verhaftet". Die Führer der Kornilowschen Konterrevolution aber sind an der Macht. Die alte Koalition mit den "lebendigen Kräften" ist zum Scheitern gebracht worden. Dafür aber ist eine neue Koalition mit den Kornilowleuten gebildet worden. Die Moskauer Beratung ist zu keinem "Langen Parlament" geworden, wie es sich der Kosakenataman Karaulow erträumt hatte. Dafür aber ist das Kornilowsche Vorparlament geschaffen worden, das berufen ist, "die alte Sowjetorganisation zu ersetzen". Mit der ersten Beratung der Konterrevolutionäre in Moskau ist es aus. Dafür hat man aber in diesen Tagen in Moskau eine zweite Beratung der Konterrevolutionäre eröffnet, auf der ihr Führer, der Gutsherr Rodsjanko, offen erklärt, dass er "froh sein wird, wenn die Sowjets und die Flotte zugrunde gehen und Petrograd von den Deutschen eingenommen wird". Die Regierung tut, als ob sie Kornilow richte. In Wirklichkeit aber bereitet sie die "Wiederkunft" Kornilows vor, indem sie mit Kornilow und Kaledin paktiert, die revolutionären Truppen aus Petrograd zu entfernen sucht, sich anschickt, nach Moskau zu flüchten und Petrograd auszuliefern, indem sie mit "unseren ruhmreichen Verbündeten" Umarmungen austauscht, die voll Ungeduld auf die Vernichtung der Baltischen Flotte, auf die Einnahme Petrograds durch die Deutschen und ... die Thronbesteigung Sir Kornilows warten ..

Ist es nicht klar, dass wir am Vorabend eines neuen Kornilowaufstands stehen, der noch gefährlicher sein wird als der alte?

Ist es nicht klar, dass jetzt von uns erhöhte Wachsamkeit und volle Kampfbereitschaft gefordert werden?

Ist es nicht klar, dass die Sowjets und die revolutionären Komitees jetzt mehr als je notwendig sind?

Wo ist die Rettung vor den Kornilows, wo findet die Revolution das Bollwerk, um den kommenden Angriff der Konterrevolution mit der ganzen Wucht der Massenbewegung niederschlagen zu können?

Natürlich nicht in dem lakaienhaften Vorparlament!

Ist es nicht klar, dass die einzige Rettung in den Sowjets und den hinter ihnen stehenden Arbeiter- und Soldatenmassen liegt?

Ist es nicht klar, dass die Sowjets und nur die Sowjets berufen sind, die Revolution vor der nahenden Konterrevolution zu retten?

Man sollte meinen, es sei die Pflicht jedes Revolutionärs, diese Organisationen zu hüten und zu festigen, die Arbeiter- und Bauernmassen um sie zu scharen, diese Organisationen zu Gebietskongressen und all-russischen Kongressen zusammenzufassen.

Statt dessen sind die Renegaten von den "Iswestija" und vom "Djelo Naroda", die die "schweren Prüfungen" der Kornilowtage vergessen haben, nun schon seit einigen Tagen eifrig am Werk, die Sowjets zu diskreditieren, gegen die Sowjets zu hetzen, die Gebietssowjetkongresse und den Allrussischen Sowjetkongress zu hintertreiben, die Sowjets zu desorganisieren und zu zerstören.

"Die lokalen Sowjets verlieren an Bedeutung", schreiben die "Iswestija". "Die Sowjets haben aufgehört, eine gesamtdemokratische Organisation zu sein...

Wir wollen die provisorische Organisation der Sowjets durch eine ständige, umfassende und allseitige Organisation des gesamten staatlichen und lokalen Lebens ersetzen. Als die Selbstherrschaft fiel, und mit ihr das ganze bürokratische Regime, bauten wir die Deputiertensowjets als provisorische Baracken auf, in denen die gesamte Demokratie Unterkunft finden konnte. Nunmehr wird an Stelle der Baracken der ständige steinerne Bau der neuen Ordnung errichtet, und es ist natürlich, dass die Leute allmählich die Baracken verlassen und in dem Maße, wie ein Stockwerk nach dem andern fertig gestellt wird, in die bequemeren Wohnstätten einziehen."

Das sagen die jedes Schamgefühls baren "Iswestija", das Organ des Zentralexekutivkomitees der Sowjets, desselben Zentralexekutivkomitees, das seine elende Existenz nur dank dem Langmut der Sowjets fristet.

Und die Ljapkin-Tjapkin (Gestalt aus Gogols Komödie "Der Revisor". Die deutsche Red.) aus dem charakterlosen "Djelo Naroda", die hinter den "Iswestija" herhinken, fügen tiefsinnig hinzu: Der Sowjetkongress muss vereitelt werden, denn darin liegt die "Rettung" der Revolution und der Konstituierenden Versammlung.

Haben Sie´s gehört? Die "provisorische Organisation" - das sind die revolutionären Sowjets, die den Zarismus und seine Willkürherrschaft gestürzt haben. Die "ständige und allseitige Organisation" - das ist das vor Alexejew und Kerenski liebedienernde lakaienhafte Vorparlament. Die "provisorischen Baracken" - das sind die revolutionären Sowjets, von denen die Truppen Kornilows zerstreut wurden. Der "ständige steinerne Bau" - das ist die Kornilowsche Fehlgeburt, das Vorparlament, das berufen ist, mit seinem Geschwätz die mobilmachende Konterrevolution zu decken. Dort der Lärm und das Getriebe des lebendigen revolutionären Lebens. Hier die Wohlanständigkeit und die "Behaglichkeit" einer konterrevolutionären Amtsstube. Was Wunder, dass die Überläufer von den "Iswestija" und vom "Djelo Naroda" es eilig hatten, aus den "Baracken" des Smolny-Instituts in den "steinernen Bau" des Winterpalasts überzusiedeln, und sich selber von "Führern der Revolution" zu Lakaien Sir Alexejews degradierten?

Die Sowjets müssen beseitigt werden, sagt Sir Alexejew.

Zu Befehl, antworten die "Iswestija", bauen Sie nur das letzte "Stockwerk" im "steinernen Bau" des Winterpalasts zu Ende, und "wir", wir werden inzwischen die "Baracken" des Smolny-Instituts niederreißen.

Die Sowjets müssen durch das Vorparlament ersetzt werden, sagt Mister Adshemow.

Zu Befehl, antwortet man ihm aus dem "Djelo Naroda", lassen Sie uns nur erst den Sowjetkongress vereiteln.

Und das tun sie jetzt, am Vorabend einer neuen Kornilowaktion, in einem Moment, da die Konterrevolution bereits ihren Kongress in Moskau einberufen hat, da die Kornilowbande ihre Kräfte bereits mobilisiert hat und in den Dörfern Krawalle organisiert, Hunger und Arbeitslosigkeit in den Städten verursacht, die Vereitelung der Konstituierenden Versammlung vorbereitet und offen ihre Kräfte im Hinterland und an der Front für eine neue Aktion gegen die Revolution sammelt.

Was ist das anderes als ein direkter Verrat an der Revolution und ihren Errungenschaften?

Was sind sie anderes als gemeine Streikbrecher der Revolution und ihrer Organisationen?

Wie sollen sich nach alledem die in den Sowjets organisierten Arbeiter und Soldaten zu ihnen verhalten, wenn diese Herrschaften von den "Iswestija" und vom "Djelo Naroda" in den "schweren Stunden" eines künftigen Kornilowputsches "wie einst" "bettelnd ihre Hand ausstrecken" und um Schutz vor der Konterrevolution flehen werden?...

Die Arbeiter pflegen Streikbrecher auf einem Schubkarren vor die Fabrik zu befördern.

Die Bauern pflegen Streikbrecher der gemeinsamen Sache an den Schandpfahl zu stellen.

Wir zweifeln nicht daran, dass die Sowjets ein Mittel finden werden, die verabscheuungswürdigen Streikbrecher der Revolution und ihrer Organisationen gebührend zu brandmarken.

"Rabotschi Putj" (Der Arbeiterweg) Nr. 37,
15. Oktober 1917.
Artikel ohne Unterschrift.

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