"Stalin"

Werke

Band 4

DIE KONTERREVOLUTIONÄRE TRANSKAUKASIENS
UNTER DER MASKE DES SOZIALISMUS

Von allen Randgebieten der Russischen Föderation ist Transkaukasien im Hinblick auf die Fülle und Mannigfaltigkeit der nationalen Zusammensetzung wohl der charakteristischste Winkel. Georgier und Russen, Armenier und aserbaidshanische Tataren, Türken und Lesghier, Osseten und Abchasen - das ist das weitaus noch nicht vollständige Bild der nationalen Vielfalt der Siebenmillionenbevölkerung Transkaukasiens.

Nicht eine dieser nationalen Gruppen hat ein klar umgrenztes nationales Territorium, sie alle leben verstreut und miteinander vermischt, und das nicht nur in den Städten, sondern auch in den Dörfern. Das bietet denn auch die Erklärung dafür, dass der gemeinsame Kampf der nationalen Gruppen Transkaukasiens gegen das Zentrum in Rußland immer wieder durch ihren erbitterten gegenseitigen Kampf überschattet wird. Und das wiederum schafft eine äußerst "günstige" Atmosphäre für den Versuch, den Klassenkampf mit nationalen Flaggen und nationalem Wortgeprassel zu verdecken.

Ein anderer, nicht minder charakteristischer Zug Transkaukasiens ist seine wirtschaftliche Rückständigkeit. Abgesehen von Baku, dieser hauptsächlich von ausländischem Kapital betriebenen Industrie-Oase in diesem Gebiet, ist Transkaukasien ein Agrarland mit mehr oder weniger entwickeltem Handelsleben an der Peripherie, an den Meeresküsten und mit noch starken Überresten einer rein fronherrschaftlichen Ordnung im Innern. Die Gouvernements Tiflis, Jelisawetpol, Baku wimmeln bis heute noch von fronherrlichen tatarischen Begs und feudalen georgischen Fürsten, die riesige Latifundien besitzen, über eigene bewaffnete Banden verfügen und die Geschicke der tatarischen, armenischen und georgischen Bauern in ihren Händen halten. Daraus sind eigentlich auch die schroffen Formen der agrarischen "Unruhen" zu erklären, in die die Unzufriedenheit der Bauern dort nicht selten ausmündet. Hier ist auch die Ursache dafür zu suchen, dass (von Baku abgesehen) die Arbeiterbewegung in Transkaukasien, auf Schritt und Tritt von agrarischen "Unruhen" überschattet, noch schwach ist und sich nicht herauskristallisiert hat. All dies schafft einen günstigen Boden für eine politische Koalition der besitzenden Klassen und der in ihrer Mehrheit aus dem Adel stammenden so genannten "sozialistischen" Intelligenz gegen die jetzt im Lande vor sich gehende Arbeiter- und Bauernrevolution.

Die Februarrevolution hatte die Lage der werktätigen Klassen dieses Landes nicht wesentlich geändert. Die Soldaten, diese revolutionärsten Elemente des Dorfes, waren noch an der Front. Und die infolge der ökonomischen Rückständigkeit des Landes als Klasse überhaupt schwachen und als organisierte Einheit noch nicht erstarkten Arbeiter waren von den errungenen politischen Freiheiten berauscht und dachten offenbar nicht an den weiteren Vormarsch. Die gesamte Macht blieb in den Händen der besitzenden Klassen. Diese klammerten sich zäh an die Macht und nahmen eine abwartende Haltung ein, wobei sie es den sozialrevolutionär-menschewistischen Strategen gern überließen, die Arbeiter und Bauern mit weisen Reden über den bürgerlichen Charakter der russischen Revolution, über die Unmöglichkeit der Durchführung des sozialistischen Umsturzes und anderes einzuschläfern.

Die Oktoberrevolution führte eine schroffe Änderung der Lage herbei. Sie wälzte mit einem Schlage alle Verhältnisse um, indem sie die Frage des Übergangs der Macht in die Hände der werktätigen Klassen aufwarf. Der Kampfruf "Alle Macht den Arbeitern und Bauern!" rollte wie ein Donner über das ganze Land und brachte die unterdrückten Massen auf die Beine. Und als dieser Kampfruf, der vom Norden Rußlands ausging, dort Wirklichkeit zu werden begann, sahen die besitzenden Klassen Transkaukasiens mit eigenen Augen, dass die Oktoberrevolution und die Sowjetmacht ihnen unvermeidlich den Tod bringen. Für sie wurde der Kampf gegen die Sowjetmacht deshalb zu einer Frage von Sein oder Nichtsein. Und die "sozialistische" sozialrevolutionär-menschewistische Intelligenz, die schon vom Baume der Erkenntnis der Macht gegessen hatte und sich jetzt vor die Perspektive gestellt sah, die Macht zu verlieren, geriet automatisch in ein Bündnis mit den besitzenden Klassen.

So entstand in Transkaukasien eine antisowjetische Koalition.

Das Transkaukasische Kommissariat mit seinen tatarischen Begs vom Schlage eines Khans von Choi und Chasmamedow einerseits und den georgischen adligen Intellektuellen vom Schlage eines Jordania und Gegetschkori anderseits ist die lebendige Verkörperung dieser antisowjetischen Koalition.

Für die Koalition der Klassen innerhalb der nationalen Gruppen werden "nationale Räte" organisiert: ein georgischer, ein tatarischer und ein armenischer. Ihr Inspirator ist der Menschewik Jordania.

Für die Koalition der besitzenden Schichten aller wichtigen Nationalitäten Transkaukasiens wird das Transkaukasische Kommissariat geschaffen. Es steht unter der Leitung des Menschewiks Gegetschkori.

Zwecks Vereinigung der "gesamten Bevölkerung" des Landes zum Kampf gegen die Sowjetmacht wird der so genannte "Transkaukasische Sejm" organisiert, bestehend aus den Sozialrevolutionären, Menschewiki, Daschnaken und Khans, die für Transkaukasien in die Konstituierende Versammlung gewählt worden waren. Ihre Kulisse, will sagen, ihr Vorsitzender, ist der Menschewik Tschcheidse.

Hier haben wir sowohl "Sozialismus" als auch "nationale Selbstbestimmung" und noch etwas Realeres als diese abgedroschenen Schlagworte, nämlich: das reale Bündnis der besitzenden Schichten gegen die Arbeiter- und Bauernmacht.

Aber mit Schlagworten kommt man nicht weit. Das Bündnis erfordert eine "Tat". Und kaum war die erste reale Gefahr aufgetaucht, da stellte sich diese "Tat" auch unverzüglich ein. Wir denken an die revolutionären Soldaten, die nach Beginn der Friedensverhandlungen von der türkischen Front zurückkehrten. Diese Soldaten mussten Tiflis passieren, die Hauptstadt der antisowjetischen Koalition. In den Händen der Bolschewiki konnten sie die Existenz des Transkaukasischen Kommissariats ernstlich bedrohen. Das bedeutet eine äußerst reale Gefahr. Und siehe da, angesichts dieser Gefahr sind alle und jegliche "sozialistischen" Schlagworte verstummt. Der konterrevolutionäre Charakter der Koalition tritt zutage. Das Kommissariat und die "nationalen Räte" entwaffnen die von der Front heimkehrenden Truppen, nehmen sie meuchlings unter Feuer und bewaffnen wilde "nationale" Horden. Um bei dieser "Tat" gründlicher zu Werke gehen zu können und um sich eine Deckung im Norden zu verschaffen, geht das Transkaukasische Kommissariat ein Abkommen mit Karaulow und Kaledin ein, schickt diesem ganze Waggonladungen Patronen, hilft ihm bei der Entwaffnung von Truppen, die selbst zu entwaffnen es nicht fertig gebracht hatte, und unterstützt ihn überhaupt mit allen Mitteln im Kampf gegen die Sowjetmacht. Das Wesen dieser niederträchtigen "Politik" besteht darin, die besitzenden Klassen Transkaukasiens vor Angriffen der revolutionären Soldaten zu sichern, wozu ihr kein Mittel zu schlecht ist. Die Mittel dieser "Politik" bestehen darin, bewaffnete Trupps unaufgeklärter Mohammedaner auf russische Soldaten zu hetzen, diese Soldaten in einen Hinterhalt zu locken, sie zu massakrieren, niederzuschießen. Die krasseste Illustration dieser schändlichen Entwaffnungs"politik" ist das bei Schamchor, zwischen Jelisawetpol und Tiflis, veranstaltete Blutbad unter russischen Soldaten, die von der türkischen Front her auf dem Marsch gegen Kaledin waren. Der "Bakinski Rabotschi"[11] teilt hierüber folgendes mit:

"In der ersten Januarhälfte des Jahres 1918 führten an der Eisenbahn zwischen Tiflis und Jelisawetpol tausendköpfige Banden bewaffneter Mohammedaner mit Mitgliedern des Jelisawetpoler mohammedanischen nationalen Komitees an der Spitze und mit Hilfe eines vom Transkaukasischen Kommissariat geschickten Panzerzugs in einer Anzahl von Fällen eine gewaltsame Entwaffnung der nach Rußland heimkehrenden Truppenteile durch. Dabei wurden Tausende russischer Soldaten ermordet und verstümmelt, mit deren Leichen die Eisenbahnstrecke übersät ist. Ungefähr 15000 Gewehre, 70 Maschinengewehre und zwanzig Geschütze wurden ihnen abgenommen."

Das sind die Tatsachen.

Das Bündnis der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie gegen die revolutionären Soldaten Transkaukasiens, das unter der Flagge des offiziellen Menschewismus in Aktion tritt - das ist der Sinn dieser Tatsachen.

Wir halten es für notwendig, hier Auszüge aus Artikeln des "Bakinski Rabotschi" anzuführen, die die Ereignisse von Jelisawetpol-Schamchor beleuchten.

"Die Menschewiki bemühen sich, die Wahrheit über die Ereignisse von Jelisawetpol zu verheimlichen. Selbst die Zeitung ihrer gestrigen Verbündeten, der Tifliser Sozialrevolutionäre, das ´Snamja Truda´, stellt fest, dass sie ´die Sache zu vertuschen´ suchen, und verlangt eine offene Erörterung der Frage im Gebietszentrum.

Wir begrüßen diese Forderung der Sozialrevolutionäre, denn das weitere Schicksal der Revolution in Transkaukasien hängt in bedeutendem Maße davon ab, ob die an der Tragödie von Schamchor Schuldigen offiziell entlarvt werden und volles Licht auf die Ereignisse vom 6. bis zum 12. Januar geworfen wird oder nicht.

Wir erklären, dass unter denen, die die Jelisawetpoler Ereignisse verschuldet haben, an erster Stelle Noah Nikolajewitsch Jordania zu nennen ist - der Mann, der früher einmal der Führer der kaukasischen Sozialdemokratie war und heute der so genannte ´Vater der georgischen Nation´ ist. Er und kein anderer führte den Vorsitz, als das Präsidium des Gebietszentrums den Beschluss fasste, die durchfahrenden Militärzüge zu entwaffnen und auf ihre Kosten die nationalen Regimenter zu bewaffnen. Mit seiner Unterschrift wurde das Telegramm an das mohammedanische nationale Komitee in Jelisawetpol abgeschickt, worin die Entwaffnung der Militärzüge angeordnet wurde, die sich bei Schamchor angesammelt hatten. Von ihm, Noah Jordania, wurden Delegationen mit demselben Auftrag, die Militärzüge zu entwaffnen, aus Tiflis entsandt. Das wurde von einem Mitglied der Delegation, dem Soldaten Krupko, in einer stark besuchten Sitzung des Bürgerkomitees in Jelisawetpol offiziell erklärt. Noah Jordania und sein stets übereifriger Gehilfe N. Ramischwili haben einen Panzerzug unter der Leitung Abchasawas losgeschickt, der an die Mohammedaner Waffen ausgegeben und ihnen bei der Erschießung von Tausenden von Soldaten und bei der Entwaffnung der Militärzüge geholfen hat.

Noah Jordania rechtfertigt sich damit, dass er das Telegramm nicht unterschrieben habe. Dutzende von Menschen, Armenier und Mohammedaner, bestätigen, dass er das Telegramm unterschrieben hat und dass dieses Telegramm existiert. Jordania sagt, er habe, als er von den Verwicklungen erfuhr, telefonisch mit Abchasawa gesprochen und ihn gebeten, die Militärzüge nicht gewaltsam zu entwaffnen, sondern sie passieren zu lassen. Abchasawa ist gefallen; diese Angaben können nicht nachgeprüft werden, aber wir geben zu, dass das Gespräch stattgefunden haben kann...

Wenn man den Toten beiseite lässt, auf den man, wie das Sprichwort sagt, alles abwälzen kann, so gibt es noch lebende Zeugen, die die Aussagen Jordanias widerlegen und sowohl die Adresse des Telegramms als auch die Unterschrift Jordanias sowie die Entsendung der Delegation mit dem Entwaffnungsauftrag und anderes mehr bestätigen.

Weshalb zieht Jordania sie nicht zur Verantwortung, wenn sie die Unwahrheit sagen? Weshalb wollen er und seine Freunde ´die Sache vertuschen´?

Nein, Bürger Jordania, Ramischwili & Co., auf euch liegt die schwere Verantwortung für das Blut der Tausende von Soldaten, die zwischen dem 7. und dem 12. Januar ermordet worden sind.

Könnt ihr euer schweres Verbrechen rechtfertigen? Wir sprechen jedoch nicht von persönlicher Rechtfertigung.

Jordania interessiert uns in diesem Fall nicht als Person, sondern als Führer der Partei, die die Politik in Transkaukasien macht, als der Vertreter der transkaukasischen Macht, der die größte Autorität und Verantwortung hat.

Er hat seine verbrecherische Tat erstens auf Beschluss des Präsidiums des Gebietszentrums und des Inter-Nationalitätenrats und zweitens zweifellos mit Wissen des Transkaukasischen Kommissariats begangen. Die Beschuldigung, die wir Jordania ins Gesicht schleudern, erstreckt sich auf die gesamte Partei der Menschewiki, auf das Gebietszentrum, auf das Transkaukasische Kommissariat, wo die Herren Tschchenkeli und Gegetschkori in engem und offenem Block mit den mohammedanischen Begs und Khans alles tun, um die Revolution zugrunde zu richten. Wir sprechen von Jordania und Ramischwili, da doch ihre Namen mit den Telegrammen, mit den Befehlen und dem Einsatz des ´räuberischen´ Panzerzugs verknüpft sind. Bei ihnen muss die Untersuchung zur Klärung der Wahrheit begonnen werden.

Aber es gibt noch weitere Namen, die genannt werden müssen, es gibt noch ein Verbrechernest, das ausgehoben werden muss. Dieses Nest ist das Mohammedanische nationale Komitee in Jelisawetpol, das durchweg aus reaktionären Begs und Khans besteht und am 7. Januar abends, gestützt auf das Telegramm Jordanias, den Beschluss fasste, die Militärzüge ´um jeden Preis´ zu entwaffnen, und seinen Beschluss zwischen dem 9. und dem 12. Januar mit unglaublicher Stimmlosigkeit und Blutgier ausführte.

Wenn die menschewistische Presse über die Jelisawetpoler Ereignisse spricht, dann stellt sie die Sache so dar, als sei das ein in Transkaukasien üblicher ´Raub´überfall auf die Eisenbahn gewesen. Das ist eine ganz schamlose Lüge!

Nicht Räuber, sondern Tausende von Mohammedanern aus der Mitte der Zivilbevölkerung begingen die verbrecherische Tat bei Schamchor und Dalljar unter der offiziellen Leitung des Mohammedanischen nationalen Komitees, verführt von der Aussicht auf reiche Beute und überzeugt, dass dies auf Befehl der transkaukasischen Machthaber geschieht. Das Mohammedanische nationale Komitee zog Tausende von Mohammedanern offen in Jelisawetpol zusammen, bewaffnete sie, waggonierte sie auf der Station Jelisawetpol ein und schickte sie nach Schamchor. Und als der ´Sieg´ errungen war, zog nach den Worten von Augenzeugen des ´Sozialrevolutionär´ Safikjurdski in Begleitung der anderen Helden vom Mohammedanischen Komitee rittlings auf einer dem ´Feind´ abgenommenen Kanone feierlich in die Stadt ein.

Was für Raubüberfälle sind hier eigentlich ´gemeint´?" ("Bakinski Rabotschi" Nr. 30 und 31.)

Das sind die Haupthelden dieses verbrecherischen Abenteuers.

Und hier sind auch die Dokumente, die die Anstifter des Abenteuers entlarven:

Telegramm des Vorsitzenden des Gebietszentrums des Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten, J. Jordanias, an alle Sowjets betreffend die Entwaffnung von Militärzügen.

"An alle Sowjets Transkaukasiens.

Aus Tiflis. Nr. 505a. Aufgenommen am 6. 1. 1918, Aufgabenummer 56363. Angenommen von Naumow. 59 Worte. Durchgegeben: 5-28-24. Zirkularschreiben.

Im Hinblick darauf, dass die nach Rußland abziehenden Truppenteile ihre Waffen mitnehmen und die nationalen Einheiten im Falle des Nichtzustandekommens des Waffenstillstands ohne genügende Bewaffnung für die Verteidigung der Front bleiben können, hat das Gebietszentrum des Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten beschlossen, alle Sowjets anzuweisen, Maßnahmen zur Entwaffnung der abziehenden Truppen zu treffen und über jeden einzelnen Fall an das Gebietszentrum Meldung zu erstatten.

Vorsitzender des Gebietszentrums Jordania"

Telegramm des Rittmeisters Abchasawa an den Kommandeur des Tatarischen Reiterregiments Magalow.

"Jelisawetpol.

An den Kommandeur des Tatarischen Reiterregiments Magalow aus Dsegam. Nr.42. Aufgenommen am 7.1.1918 von Shu Nr. 1857. Angenommen von Wata. 30 Worte. Durchgegeben am 7., um 15 Uhr.

Fünf bewaffnete Militärzüge mit Geschützen unterwegs, Vertreter des Sowjets festgenommen, fahre mit Panzerzug zur Abwehr. Bitte um Hilfe mit Waffen aller Art.

Rittmeister Abchasawa Ds. Schatiraschwili"

("Bakinski Rabotschi" Nr. 33.)

Das sind die Dokumente.

Also ist im Verlauf der Ereignisse das "sozialistische" Wortgeprassel verstummt und hat der konterrevolutionären "Tat" des Transkaukasischen Kommissariats das Feld geräumt. Tschcheidse, Gegetschkori, Jordania bemänteln mit ihrer Parteifahne nur die Untaten des Transkaukasischen Kommissariats. Die Logik der Dinge ist stärker als jede andere Logik.

Das konterrevolutionäre Transkaukasische Kommissariat, das die von der Front kommenden russischen Soldaten entwaffnet und auf diese Weise den Kampf gegen die "fremden" Revolutionäre führt, glaubte gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können: einerseits vernichtet es eine ernst zu nehmende revolutionäre Macht, die russische revolutionäre Armee, auf die sich ja das bolschewistische Komitee des Gebiets hauptsächlich stützen konnte, anderseits holt es sich so die "notwendigen" Waffen zur Ausrüstung der georgischen, armenischen, mohammedanischen nationalen Regimenter, die die Hauptstütze des konterrevolutionären menschewistischen Kommissariats bilden. So war der Krieg gegen die "fremden" Revolutionäre dazu bestimmt, den "Burgfrieden" im Innern Transkaukasiens zu sichern. Und diese hinterhältige Politik wurde von den Herren Gegetschkori und Jordania um so entschlossener betrieben, je mehr sie sich im "Rücken", das heißt von Seiten des Nordkaukasus mit seinen Kaledin und Filimonow, gesichert fühlten.

Aber der Lauf der Ereignisse hat alle Rechnungen der Konterrevolutionäre Transkaukasiens über den Haufen geworfen.

Der Fall Rostows und Nowotscherkassks, wo Kaledin und Kornilow Zuflucht gefunden hatten, erschütterte das "nördliche Hinterland" in seinen Grundfesten. Die endgültige Säuberung der ganzen nordkaukasischen Linie bis nach Baku ließ es ganz verschwinden. Die Welle der vom Norden kommenden sowjetischen Revolution ist ungeniert in das Reich der transkaukasischen Koalition eingebrochen und bedroht seine Existenz.

Ebenso "ungünstig" haben sich die Umstände in Transkaukasien selbst gestaltet.

Die von der Front zurückgekehrten transkaukasischen Soldaten verbreiteten die Agrarrevolution über die Dörfer. Die Gutsgebäude der mohammedanischen und georgischen Grundbesitzer gingen in Flammen auf. Die "verbolschewisierten" Bauern im Soldatenrock liefen entschlossen Sturm gegen die Pfeiler, auf die sich die Überreste der Fronherrschaft stützten. Offensichtlich konnten die leeren Versprechungen des Transkaukasischen Kommissariats, den Bauern den Boden übergeben zu wollen, die von der Agrarwelle erfassten Bauern schon nicht mehr zufrieden stellen. Sie verlangten von ihm Taten, aber keine konterrevolutionären, sondern revolutionäre.

Auch die Arbeiter blieben nicht hinter den Ereignissen zurück und konnten nicht hinter ihnen zurückbleiben. Erstens mobilisierte natürlich die vom Norden kommende Revolution, die den Arbeitern neue Errungenschaften brachte, das transkaukasische Proletariat zu neuem Kampf. Selbst die Arbeiter des schläfrigen Tiflis, der Stütze der menschewistischen Konterrevolution, begannen vom Transkaukasischen Kommissariat abzurücken und sprachen sich für die Sowjetmacht aus. Zweitens musste sich nach dem Triumph der Sowjets im Nordkaukasus, von wo Tiflis unter Kaledin-Filimonow mit Getreide versorgt worden war, die Lebensmittelnot verschärfen, was natürlich eine Reihe von Lebensmittel"krawallen" hervorrief - weigerte sich doch der revolutionäre Nordkaukasus entschieden, das konterrevolutionäre Tiflis zu verpflegen. Drittens brachte das Fehlen von Banknoten (Gutscheine können diese nicht ersetzen!) das Wirtschaftsleben und vor allem den Eisenbahntransport in Unordnung, was zweifellos die Unzufriedenheit der unteren Schichten der Stadt noch vertiefte. Und schließlich ließ das revolutionäre proletarische Baku, das seit den ersten Tagen der Oktoberrevolution die Sowjetmacht anerkannt hatte und gegen das Transkaukasische Kommissariat einen unermüdlichen Kampf führte, das transkaukasische Proletariat nicht schlafen, sondern diente ihm als anfeuerndes Beispiel und als lebendes Fanal, das den Weg um Sozialismus erleuchtet.

Dies alles zusammengenommen musste zur Revolutionierung der gesamten politischen Lage in Transkaukasien führen. Die Sache ging schließlich so weit, dass selbst die "zuverlässigsten" nationalen Regimenter sich "zu zersetzen" und auf die Seite der Bolschewiki überzugehen begannen.

Das Transkaukasische Kommissariat geriet in ein Dilemma: entweder mit den Arbeitern und Bauern gegen die Gutsbesitzer und Kapitalisten, und dann - Zerfall der Koalition;

oder entschlossener Kampf gegen die Bauern und die Arbeiterbewegung zur Erhaltung der Koalition mit den Gutsbesitzern und Kapitalisten.

Die Herren Jordania und Gegetschkori haben den zweiten Weg gewühlt.

Zunächst sei darauf hingewiesen, dass das Transkaukasische Kommissariat die Agrarbewegung der georgischen und tatarischen Bauern für "Räuberei" und "Rowdytum" erklärte, dass es die "Rädelsführer" verhaften und erschießen ließ.

Für die Gutsbesitzer gegen die Bauern!

Ferner verbot das Kommissariat alle bolschewistischen Zeitungen in Tiflis; Arbeiter aber, die gegen diese Gemeinheit protestierten, ließ es verhaften und erschießen.

Für die Kapitalisten gegen die Arbeiter!

Schließlich kam es so weit, dass die Herren Jordania und Gegetschkori, offensichtlich um einen "Blitzableiter" zu haben, einem Massaker zwischen Armeniern und Tataren Vorschub leisten - eine Schmach, zu der bis jetzt nicht einmal die Kadetten hinab gesunken sind!

Das Transkaukasische Kommissariat, der Transkaukasische Sejm und die "nationalen Räte" gegen die Arbeiter und Bauern- das ist der Sinn dieses "neuen" Kurses.

So haben die transkaukasischen Konterrevolutionäre den Kampf gegen die "fremden" Revolutionäre, den Kampf gegen die russischen Soldaten, ausgeweitet und zu einem Kampf gegen die Revolutionäre im Innern, zu einem Kampf gegen "ihre eigenen" Arbeiter und Bauern entwickelt.

Äußerst interessant für die Kennzeichnung dieser "Wendung" in der Politik der transkaukasischen Koalitionsmänner ist der in diesen Tagen eingelaufene und an den Rat der Volkskommissare gerichtete Brief eines Genossen aus dem Kaukasus, eines Augenzeugen der konterrevolutionären Exzesse der Herren Gegetschkori-Jordania. Ich führe ihn vollständig und ohne Änderung an. Hier ist er:

"In den letzten Tagen haben sich hier neue Ereignisse abgespielt, und die Lage ist jetzt sehr ernst. Am 9. Februar morgens wurden vier unserer Genossen verhaftet, darunter das Mitglied des neuen bolschewistischen Komitees F. Kalandadse. Auch gegen andere Genossen, gegen Philipp Macharadse, Nasaretian, Schawerdow und andere Mitglieder des Gebietskomitees wurden Haftbefehle erlassen. Nur Micha Zchakaja blieb verschont, offensichtlich wegen seiner Krankheit. Alle sind in die Illegalität gegangen. Gleichzeitig wurden unsere Zeitungen ´Kawkaski Rabotschi´, ´Brdsola´ (georgisch) und ´Banwori Kriw´ (armenisch) verboten und unsere Druckerei versiegelt.

Dies rief unter den Arbeitern Empörung hervor. Noch am selben Tag, am 9., fand in den Eisenbahnwerkstätten eine Kundgebung statt, an der ungefähr 3000 Arbeiter teilnahmen. Die Kundgebung beschloss einstimmig, bei nur vier Stimmenthaltungen, für die Forderung auf Freilassung der Genossen und Wiederzulassung der Zeitungen in den Streik zu treten. Es wurde beschlossen, so lange zu streiken, bis die Forderungen erfüllt würden. Aber es zeigte sich, dass der Streik nicht allgemein war. Eine eingefleischte Menschewistenbande, die auf der Kundgebung keinen Einspruch erhoben und nicht dagegen gestimmt hatte, arbeitete weiter. Am selben Tag fand eine Versammlung der Schriftsetzer und Buchdrucker statt, die mit 226 gegen 190 Stimmen beschloss, für dieselben Forderungen in einen eintägigen Proteststreik zu treten. Mit größerer Einmütigkeit beschlossen die Elektriker, Lederarbeiter, Schneider, die Arsenalwerkstätten, die Betriebe von Tolle, Sargarjanz und andere den Streik.

Die Empörung in der Stadt wurde auch vom Mittelstand geteilt. Aber am nächsten Tag, am 10. Februar, kam es zu einem Ereignis, das die Verhaftungen und die Zeitungen vergessen ließ.

Das Streikkomitee der Eisenbahner und anderer hatte für diesen Tag, den 10. morgens, im Alexandergarten eine Protestkundgebung angesetzt. Ungeachtet aller Maßnahmen, die zur Vereitlung der Kundgebung getroffen worden waren, erschienen zu der Kundgebung über 3000 Arbeiter und Soldaten (von letzteren waren nur wenige da, weil die Militärzüge 15 Werst von der Stadt entfernt stehen). Zu dieser Kundgebung erschienen auch Kawtaradse, Macharadse, Nasaretian und andere Genossen, die sich verborgen hielten. Wahrend der Kundgebung betraten Milizionäre und ´Rotgardisten´ (ungefähr zwei Kompanien) den Garten. Mit roten Fahnen in den Händen und durch Zeichen die Kundgebung beruhigend, schlichen sie sich an die Versammelten heran.

Ein Teil der Versammelten, der die Absicht gehabt hatte auseinander zugehen, blieb und begann in dem Glauben, es seien Freunde gekommen, diese sogar mit ´Hurra´rufen zu begrüßen. Der Vorsitzende, Kawtaradse, wollte den Redner unterbrechen und die Ankömmlinge begrüßen. In diesem Moment schwärmten die Angekommenen schnell aus, umzingelten die Versammelten und eröffneten ein rasendes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer auf die Kundgebung. Sie zielten hauptsächlich auf das Präsidium, das auf einem Podium stand. Acht Mann wurden getötet und über zwanzig verwundet. Ein Genosse, der Kawtaradse ähnlich sah und ebenso wie er gekleidet war, wurde von zehn Kugeln getroffen, und die ´Rotgardisten´ schrien sich gegenseitig zu, Kawtaradse sei schon tot. Ein Teil des Publikums lief auseinander, ein anderer warf sich auf die Erde. Die Schießerei währte ungefähr fünfzehn Minuten.

Genau zur selben Zeit war gerade die erste Sitzung des erweiterten Transkaukasischen Sejms eröffnet worden, und Tschcheidse hielt seine Rede unter der Begleitung der gleich daneben, unweit vom Palast, knatternden Gewehre und Maschinengewehre.

Dieses Blutbad, das ohne jede Warnung und so meuchlings veranstaltet wurde, rief unter den Arbeitern erneute Empörung hervor und hat sie, glaube ich, nun endgültig von den Menschewiki losgerissen.

Nasaretian und Zinzadse wurden nach der Kundgebung ergriffen und abgeführt, um erschossen zu werden, der Sozialrevolutionär Merchalew hat sie gerettet. Die Sozialrevolutionäre ´sind empört´, protestieren usw. Auch die Daschnakzakaner, ja die ganze Stadt, sind empört. Aber es .ist unmöglich, etwas zu tun. Man hat aus den Dörfern bewaffnete ´Rotgardisten´ und die mohammedanische wilde Division hierher getrieben, und nun wüten sie. Allen führenden Genossen wird offen mit Erschießung gedroht. Am Tage der Beschießung der Kundgebung tauchten in der Stadt viele Offiziere mit weißen Armbinden auf, Weißgardisten, die in der Stadt umherliefen und auf Bolschewiki Jagd machten. Einen Mann, der angeblich Schaumian ähnlich sah, holten sie von der Straßenbahn herunter und schossen ihn nieder. Sie schrien, es sei Schaumian, aber sie hatten sich getäuscht.

Gestern, am 11., fand eine Kundgebung in den Militärzügen statt, an der unsere Genossen teilnahmen. Dort haben etwa 6000 Soldaten, ohne die Artillerie, beschlossen, die Freilassung der verhafteten Genossen, die Aufhebung des Verbots der Zeitungen und die Untersuchung der Ereignisse vom 10. (der Beschießung der Kundgebung, bei der, unter anderem, auch ein Soldat aus diesen Militärzügen getötet wurde) zu fordern. Gleich gestern noch haben sie eine Delegation mit einem Ultimatum abgeschickt und vierundzwanzig Stunden für die Antwort gegeben.

Heute läuft die Frist ab, es wird mitgeteilt, dass das Kommissariat Kräfte zur Abwehr zusammenzieht. Einzelheiten sind mir vorläufig nicht bekannt. Die verantwortlichen Genossen kehren einstweilen aus den Militärzügen nicht zurück, da sie fürchten, unterwegs verhaftet zu werden: man hat sie dort in das Revolutionäre Militärkomitee der Züge gewählt. Ich warte auf genauere Nachrichten.

Auf morgen ist eine Sitzung der Stadtduma anberaumt, die Sozialrevolutionäre und Daschnaken werden eine Protesterklärung abgeben, auch von uns werden Vertreter da sein. In der Stadt herrscht starke Alarmstimmung. Heute findet aus Anlass der beginnenden Hungersnot eine Frauendemonstration in der Nähe der Duma statt. Überall in der Stadt kommt es zu fliegenden Versammlungen. Unter dem Einfluss der aus Rußland angekommenen georgischen Soldaten, die alle entweder Bolschewiki oder bolschewistisch gesinnt sind, beginnt in ganz Georgien eine Bauernbewegung. Die Menschewiki stellen diese als eine Pogrom- und Raubbewegung hin und schicken ´Rotgardisten´ zu ihrer Unterdrückung aus. In Gori sind unsere Genossen verhaftet worden. Heute wird mitgeteilt, dass unsere Soldaten dort entwaffnet wurden und schon Erschießungen im Gange sind. Aus Kutais wurde mitgeteilt, dass sich die Stadt in den Händen der Bolschewiki mit Budu Mdiwani an der Spitze befindet. Von allen Seiten wurden Kräfte der Menschewiki dorthin zusammengezogen. Von unseren Abgesandten habe ich noch keine Antwort. Ich erwarte sie jede Minute. Gestern wurde in Muchrani ein Bolschewik, der alte Zerzwadse, verhaftet, der dorthin gefahren war, weil gestern eine Aktion der Bauern gegen die Fürsten vor; Muchrani und gegen die Krongüter erwartet wurde.

Neun Mann sind jetzt verhaftet worden und sitzen in Metech. Die sozialrevolutionäre rote Garde, die das Gefängnis bis jetzt bewacht hat, ist im Hinblick auf die Verhaftungen abgezogen und hat uns ihre Dienste angeboten.

Gestern hat das Streikkomitee, das aus Vertretern der von mir anfangs aufgezählten Betriebe besteht, zum Generalstreik aufgerufen. Heute wird diese Frage überall erörtert. Wir werden sehen, wie sich das Tifliser Proletariat bewähren wird.

Bei der Eröffnung des Sejms am 10. Februar waren nur Menschewiki(37 Mann) und ein Mohammedaner anwesend. Weiter war niemand da. Der mohammedanische Deputierte ersuchte um Vertagung bis zum 13., was auch beschlossen wurde. Wahrscheinlich werden sowohl die Daschnaken als auch die Sozialrevolutionäre Delegierte entsenden."

Das ist das "Bild".

Ob dieses konterrevolutionäre Kommissariat, dem die Geschichte schon das Todesurteil gesprochen hat, noch lange existieren wird, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall wird sich das in der nächsten Zukunft zeigen. Eins steht jedoch fest: Die letzten Ereignisse haben den menschewistischen Sozial-Konterrevolutionären endgültig die Maske des Sozialismus vom Gesicht gerissen, und jetzt hat die gesamte revolutionäre Welt die Möglichkeit, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass wir es bei dem Transkaukasischen Kommissariat und seinen "parlamentarisch-nationalen" Anhängseln mit dem schlimmsten konterrevolutionären Block zu tun haben, der gegen die Arbeiter und Bauern Transkaukasiens gerichtet ist.

Das sind die Tatsachen.

Nun, und wer wüsste nicht, dass Phrasen und Schlagworte verhallen, Tatsachen und Taten aber bleiben...

"Prawda" Nr. 55 und 56, 26. und 27. März 1918.
Unterschrift: J. Stalin.

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