"Stalin"

Werke

Band 4

EINE DER AKTUELLEN AUFGABEN

Die letzten beiden Monate revolutionärer Entwicklung in Rußland, besonders seit dem Friedensschluss mit Deutschland und der Niederwerfung der bürgerlichen Konterrevolution in Rußland selbst, können als eine Periode der Festigung der Sowjetmacht in Rußland und als Beginn der planmäßigen Umgestaltung der ablebenden sozialökonomischen Ordnung auf neue, sozialistische Art charakterisiert werden. Die fortschreitende Nationalisierung der Fabriken und Werke, die sich verstärkende Kontrolle über die Hauptzweige des Handels, die Nationalisierung der Banken, die sich Tag für Tag mehr entfaltende mannigfaltige Tätigkeit des Obersten Volkswirtschaftsrats, dieser Organisationszelle der schon nahe bevorstehenden sozialistischen Gesellschaft - all dies zeugt davon, wie tief die Sowjetmacht in die Poren des gesellschaftlichen Lebens eindringt. Im Zentrum ist die Macht schon zu einer wirklichen, aus dem Schoße der werktätigen Massen erwachsenen Volksmacht geworden. Darin liegt die Kraft und Stärke der Sowjetmacht. Das spüren offensichtlich selbst die bürgerlichen Intellektuellen, ehemalige Feinde der Sowjetmacht, Techniker und Ingenieure, Angestellte und überhaupt Leute mit Spezialkenntnissen, die gestern noch diese Macht sabotierten, heute aber bereit sind, ihr zu dienen.

Aber in den Randgebieten, in denen kulturell rückständige Elemente leben, hat die Sowjetmacht noch nicht im gleichen Maße zu einer Volksmacht werden können. Die Revolution, die im Zentrum begann, hat sich auf die Randgebiete, insbesondere auf die östlichen, mit einiger Verspätung ausgedehnt. Die Lebens- und Sprachbedingungen dieser Randgebiete, die zudem noch durch ihre wirtschaftliche Rückständigkeit gekennzeichnet sind, haben die Festigung der Sowjetmacht dort etwas erschwert. Damit die Macht dort zu einer Volksmacht werde und die werktätigen Massen sozialistisch werden, ist es unter anderem notwendig, die werktätigen und ausgebeuteten Massen dieser Randgebiete mittels spezieller Methoden in den Prozess der revolutionären Entwicklung einzubeziehen. Es gilt, die Massen zur Sowjetmacht emporzuheben und ihre besten Vertreter mit dieser zu verschmelzen. Das ist jedoch ohne die Autonomie dieser Randgebiete unmöglich, das heißt ohne die Organisierung einer einheimischen Schule, eines einheimischen Gerichts, einer einheimischen Verwaltung, einheimischer Machtorgane, einheimischer gesellschaftlich-politischer Institutionen und Bildungsstätten, wobei in allen Sphären der gesellschaftlichen und politischen Arbeit die Vollberechtigung der einheimischen Sprache, der Muttersprache der werktätigen Massen des Gebiets garantiert werden muss.

Gerade aus diesen Erwägungen heraus hat der dritte Sowjetkongress die föderative Staatsordnung der Russischen Sowjetrepublik proklamiert.

Die bürgerlich-autonomen Gruppen, die im November und Dezember vergangenen Jahres in den Randgebieten bei den Wolgatataren, den Baschkiren, den Kirgisen und in Turkestan entstanden sind, werden allmählich durch den Verlauf der Revolution entlarvt. Um endgültig "ihre eigenen Massen" von ihnen loszureißen und sie um die Sowjets zusammenzuschließen, ist es notwendig, ihnen die Autonomie "zu nehmen", diese erst einmal vom bürgerlichen Unrat zu säubern und aus einer bürgerlichen in eine sowjetische Autonomie zu verwandeln. Die bürgerlich-nationalistischen Gruppen fordern die Autonomie, um sie in ein Werkzeug der Versklavung "ihrer eigenen" Massen zu verwandeln. Gerade darum "anerkennen" sie "die zentrale Sowjetmacht", wollen aber gleichzeitig die örtlichen Sowjets nicht anerkennen und fordern die Nichteinmischung in ihre "inneren Angelegenheiten". Einige örtliche Sowjets haben in Anbetracht dessen beschlossen, überhaupt jegliche Autonomie abzulehnen, und ziehen die "Lösung" der nationalen Frage mit Waffengewalt vor. Dieser Weg ist jedoch für die Sowjetmacht völlig ungangbar. Er, dieser Weg, ist nur dazu angetan, die Massen um die bürgerlich-nationalen Oberschichten zusammenzuschließen und diese Oberschichten als Retter der "Heimat", als Beschützer der "Nation" hinzustellen, was keineswegs mit dem Plan der Sowjetmacht im Einklang steht. Nicht Ablehnung der Autonomie, sondern ihre Anerkennung ist die aktuelle Aufgabe der Sowjetmacht. Nur muss diese Autonomie auf der Basis der örtlichen Sowjets aufgebaut werden. Nur auf diesem Wege kann die Macht zur Volksmacht, zur ureigenen Macht der Massen werden. Folglich muss die Autonomie nicht den Oberschichten der gegebenen Nation, sondern ihren unteren Schichten die Macht sichern. Das ist der Kern der ganzen Sache.

Eben deswegen proklamiert die Sowjetmacht die Autonomie des tatarisch-baschkirischen Territoriums. Aus denselben Erwägungen heraus wird die Proklamierung der Autonomie des kirgisischen Territoriums, des turkestanischen Gebiets usw. geplant. Und all dies auf der Grundlage der Anerkennung der Sowjets der Amtsbezirke, Kreise und Städte dieser Randgebiete.

Es gilt, Materialien und alle möglichen Unterlagen zu sammeln, die zur Bestimmung des Charakters und der Form der Autonomie dieser Territorien nötig sind. Es ist notwendig, Kommissionen zur Einberufung von konstituierenden Kongressen der Sowjets und der Sowjetorgane der betreffenden Völker einzusetzen, welche (die Kongresse) die geographischen Grenzen dieser Autonomien umreißen sollen. Diese Kongresse müssen einberufen werden. Diese notwendige Vorbereitungsarbeit muss schon jetzt geleistet werden, damit der zukünftige Allrussische Sowjetkongress die Verfassung der Russischen Sowjetföderation ausarbeiten kann.

Die Sowjets und die bei ihnen bestehenden mohammedanischen Kommissariate des tatarisch-baschkirischen Territoriums sind schon ans Werk gegangen. Zwischen dem zehnten und fünfzehnten April wird in Moskau eine Beratung von Vertretern der Sowjets und der mohammedanischen Kommissariate von Kasan, Ufa, Orenburg, Jekaterinburg zusammentreten, um eine Kommission zur Einberufung eines konstituierenden Sowjetkongresses Tatarien-Baschkiriens zu bilden.

In Kirgisien und Turkestan wird die diesbezügliche Arbeit erst begonnen. Die Sowjets dieser Randgebiete müssen unverzüglich ans Werk gehen und dabei alle sowjetischen und revolutionären Elemente der entsprechenden Völker zur Arbeit heranziehen. Es darf keinerlei Teilung in nationale Kurien mit Vertretung der nationalen "Minderheiten" und "Mehrheiten", wie das einige bürgerlich-nationalistische Gruppen vorschlagen, zugelassen werden. Eine solche Teilung verschärft nur den nationalen Hader, stärkt die Scheidewand zwischen den werktätigen Massen der Nationalitäten und verschließt den rückständigen Völkern den Weg zum Licht, zur Kultur. Nicht die Aufspaltung der werktätigen und demokratischen Massen der Nationalitäten in einzelne nationale Einheiten, sondern ihr Zusammenschluss um die entsprechenden sowjetischen Vereinigungen muss als Grundlage für die Wahlen zu den konstituierenden Kongressen und als Fundament für die Autonomie dienen.

Also, Sammlung von Materialien zur Frage der Autonomie der Randgebiete, Bildung von nationalen sozialistischen Kommissariaten bei den Sowjets, Organisierung von Kommissionen zur Einberufung der konstituierenden Sowjetkongresse der autonomen Gebiete, Einberufung dieser Kongresse, Annäherung der werktätigen Schichten der vom Selbstbestimmungsrecht Gebrauch machenden Völker an die Organe der Sowjetmacht in den Gebieten - das ist die Aufgabe der Sowjets.

Das Volkskommissariat für die Angelegenheiten der Nationalitäten wird alle Maßnahmen treffen, um diese schwierige und verantwortungsvolle Arbeit der Sowjets in den Gebieten zu erleichtern.

Volkskommissar J. Stalin

"Prawda" Nr. 67,
9. April 1918.

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