"Stalin"

Werke

Band 4

DIE FRIEDENSVERHANDLUNGEN
MIT DER UKRAINE

Unterredung mit einem Mitarbeiter der "Iswestija"

In einer Unterredung mit unserem Mitarbeiter machte der Vorsitzende der sowjetischen Friedensdelegation, Genosse Stalin, der, vom Rat der Volkskommissare zur Berichterstattung geladen, aus Kursk nach Moskau gekommen ist, folgende Ausführungen:

Der Abschluss des Waffenstillstands

In erster Linie stand die sowjetische Friedensdelegation vor der Aufgabe, einen Waffenstillstand an der Front, an der ukrainischen Grenze herbeizuführen. Unsere Friedensdelegation hat die dahingehenden Verhandlungen mit dem deutsch-ukrainischen Kommando auch aufgenommen. Es ist uns gelungen, die Einstellung der Kriegshandlungen an den Frontabschnitten Kursk, Brjansk und Woronesh durchzusetzen. Jetzt ist die Einstellung der Kriegshandlungen auch an der Südfront an der Reihe. Also wird das erste Stadium der Friedensverhandlungen unserer Meinung nach durch den Abschluss des Waffenstillstands und durch die Festlegung einer Demarkationslinie gekennzeichnet.

Die weiteren Verhandlungen

Unsere weitere Aufgabe - die Eröffnung unmittelbarer Friedensverhandlungen - wurde dadurch erschwert, dass die von der Zentralrada entsandte Delegation lange auf sich warten ließ. Und als die Delegation schließlich in Woroshba eingetroffen war, kam die Nachricht vom Staatsumsturz in der Ukraine und von der Beseitigung der kleinen und der großen Rada, was den Abschluss des Waffenstillstands und die vorläufigen Vereinbarungen über die Festlegung von Zeit und Ort der Eröffnung der Verhandlungen natürlich erschwerte.

Zur Erfüllung der letztgenannten Aufgabe haben wir einen speziellen Parlamentär nach Konotop geschickt, einem vom ukrainisch-deutschen Kommando vorgeschlagenen Ort, wo sich der zentrale Stab dieses Kommandos befindet. Unserem Delegierten wurden die weitesten Vollmachten bezüglich einer Verständigung über den Ort der Eröffnung der Verhandlungen erteilt.

Der Einfluss des Umsturzes in der Ukraine

Es ist schwer, etwas Bestimmtes über den Einfluss zu sagen, den der Staatsumsturz in der Ukraine auf die Friedensverhandlungen ausüben wird, da die Stellung der neuen ukrainischen Regierung zu den Friedensverhandlungen unbekannt ist. In dem Aufruf des Hetmans Skoropadski wird nichts darüber gesagt. Vor dem Umsturz hatten wir ein bestimmtes Friedensprogramm der Ukrainischen Rada vor uns. Das territoriale Programm der neuen ukrainischen Regierung hingegen ist uns unbekannt.

Im Allgemeinen jedoch hat sich der Umsturz in der Ukraine bis jetzt nicht negativ auf die Friedensverhandlungen ausgewirkt. Im Gegenteil, man kann annehmen, dass der Umsturz in der Ukraine die Möglichkeit des Friedensschlusses zwischen der Sowjetmacht und der ukrainischen Regierung nicht ausschließt. Es muss festgestellt werden, dass die Ukrainer nach dem Umsturz aufgehört haben, zu schwanken und die Vorbereitung der Friedensverhandlungen hinauszuziehen.

Die Ursachen des Umsturzes

Am Schluss der Unterredung kam Genosse Stalin auf die Ursachen zu sprechen, die den Umsturz in der Ukraine hervorgerufen haben.

Meiner Meinung nach war dieser Umsturz unvermeidlich. Seine Ursache wurzelte in der widerspruchsvollen Haltung der Zentralrada, die einerseits Sozialismus mimte, anderseits ausländische Truppen zum Kampf gegen die Arbeiter und Bauern der Ukraine herbeirief. Die Zentralrada hat sich in finanzielle und militärische Abhängigkeit von Deutschland begeben und gleichzeitig den ukrainischen Arbeitern und Untern, gegen die sie bald einen hartnäckigen Krieg begann, einen Haufen Versprechungen gemacht. Durch diesen ihren letzteren Schritt schuf sich die Ukrainische Rada solche Bedingungen, dass sie in der kritischen Minute, als die bürgerlich-gutsherrlichen Kreise sie heftig angriffen, niemanden hatte, auf den sie sich hätte stützen können.

Und auch dem Wesen nach konnte die Zentralrada kraft des Gesetzes des Klassenkampfs nicht lange an der Macht bleiben, da sich im Prozess der revolutionären Bewegung nur diejenigen Elemente an der Macht behaupten können, die von einer bestimmten Klasse unterstützt werden. Deswegen waren in der Ukraine nur zwei Auswege denkbar: entweder Diktatur der Arbeiter und Bauern, wozu die Zentralrada auf Grund ihrer kleinbürgerlichen Natur nicht beitragen konnte, oder Diktatur der bürgerlich-gutsherrlichen Kreise, womit sich die Rada ebenfalls nicht einverstanden erklären konnte. Sie zog es vor, sich zwischen zwei Stühle zu setzen, und hat sich dadurch selbst zum Tode verurteilt.

"Iswestija" Nr. 90,
9.Mai 1918.

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