"Stalin"

Werke

Band 4

ÜBER DEN SÜDEN RUSSLANDS

Unterredung mit einem Korrespondenten der "Prawda"

Der unlängst von einer Dienstreise zurückgekehrte Volkskommissar Stalin teilte unserem Korrespondenten seine Eindrücke vom Zustand der Südfront mit.

Die Wichtigkeit der Südfront

Allein schon die strategische Lage zwischen der Konterrevolution am Don und den Astrachaner, Uraler sowie tschechoslowakischen Banden zeugt von der Wichtigkeit der Südfront. Die Nähe der englischen Einflusssphäre (Enseli, Krasnowodsk) verstärkt ihre Bedeutung noch mehr. Die Reichtümer des Südens Rußlands (Getreide, Erdöl, Kohle, Vieh, lisch) reizen an und für sich schon die Raffgier der imperialistischen Räuber, die Rußland diesen wichtigen Zipfel entreißen wollen. Außerdem wird sich mit Anbruch des Herbstes und der Liquidierung des Abenteuers von Samara der Schwerpunkt der Kampfhandlungen zweifellos nach dem Süden verlagern. Daraus erklärt sich eigentlich auch jene "fieberhafte" Tätigkeit der Konterrevolutionäre des Südens, die heute in aller Eile eine neue (eine ganz neue!) "allrussische Regierung" mit den Zarenlakaien Schipow, Sasonow, Lukomski zusammenstoppeln, die Banden Krasnows, Denikins und Skoropadskis zu einer Armee vereinigen, England um Hilfe anrufen usw.

Zarizyn als Schwerpunkt

Der Punkt, auf den der Gegner sein Feuer vor allem konzentriert, ist Zarizyn. Das ist auch begreiflich, denn die Einnahme Zarizyns und die Abschneidung der Verbindung mit dem Süden würden den Gegnern die Verwirklichung aller Aufgaben gewährleisten: sie würden die Konterrevolutionäre des Dongebiets mit den Kosakenoberschichten des Astrachaner und des Uraler Heeres vereinigen und somit eine Einheitsfront der Konterrevolution vom Don bis zu den Tschechoslowaken schaffen; sie würden den inneren und äußeren Konterrevolutionären den Besitz des Südens und des Kaspischen Gebiets sichern; sie würden die Sowjettruppen des Nordkaukasus in eine hilflose Lage versetzen...

Damit ist vor allem auch die Hartnäckigkeit zu erklären, mit der die Weißgardisten im Süden Zarizyn einzunehmen bemüht sind.

Schon im August gab Krasnow den Befehl: "Zarizyn ist einzunehmen." Die Banden Krasnows stürzten sich mit rasender Wut auf unsere Front und gaben sich alle Mühe, sie zu durchbrechen. Sie wurden jedoch von unserer Roten Armee geschlagen und hinter den Don zurückgeworfen.

Anfang Oktober wurde die Einnahme Zarizyns abermals befohlen, dieses Mal von dem konterrevolutionären Heeresrat der Kosaken in Rostow. Der Gegner zog mindestens vierzig Regimenter zusammen, die am Don, in Kiew (die Offiziersregimenter Skoropadskis!), am Kuban (die "Freiwilligen" Alexejews!) aufgeboten worden waren. Aber die stählerne Faust unserer Roten Armee hat die Krasnowbanden auch dieses Mal zurückgeworfen, wobei eine ganze Reihe von Regimentern des Gegners von unseren Truppen eingeschlossen und aufgerieben wurde und ihre Geschütze, Maschinengewehre und Gewehre in unsere Hand fielen. Die Generale Mamontow, Antonow, Popow, Tolkuschkin und eine ganze Meute von Obersten waren gezwungen, ihr Heil in der Flucht zu suchen.

Worin besteht die Kraft unserer Armee?

Die Erfolge unserer Armee sind vor allem aus ihrer Bewusstheit und Disziplin zu erklären. Die Soldaten Krasnows zeichnen sich durch erstaunliche Stumpfsinnigkeit und Unwissenheit, durch das Fehlen jeglichen Kontakts mit der Umwelt aus. Sie wissen nicht, wofür sie kämpfen. "Man hat uns den Befehl gegeben, und wir müssen uns schlagen", sagen sie beim Verhör, wenn sie in Gefangenschaft geraten.

Anders unser Rotarmist. Er nennt sich stolz Soldat der Revolution, er weiß, dass er nicht für die Profite der Kapitalisten, sondern für die Befreiung Rußlands kämpft, er weiß das und geht offenen Auges kühn in den Kampf. Der Drang nach Ordnung und Disziplin geht unter den Rotarmisten so weit, dass sie nicht selten "ungehorsame" und wenig disziplinierte Kameraden selbst bestrafen.

Eine nicht geringere Bedeutung hat die Bildung eines ganzen Stamms roter Offiziere, ehemaliger Soldaten, die in einer Reihe von Schlachten ihre Feuertaufe erhalten haben. Diese roten Offiziere bilden das Hauptbindemittel unserer Armee, das sie zu einem homogenen disziplinierten Organismus zusammenschweißt.

Aber die Kraft unserer Armee erschöpft sich nicht in ihren eigenen Qualitäten. Eine Armee kann nicht lange ohne festes Hinterland existieren. Für eine stabile Front ist es notwendig, dass die Armee regelmäßig Ersatz, Munition und Proviant aus dem Hinterland erhält. Eine große Rolle spielte in dieser Hinsicht die im Hinterland erfolgte Heranbildung tüchtiger und kundiger Verwaltungsfunktionäre, hauptsächlich aus fortgeschrittenen Arbeitern, die gewissenhaft und unermüdlich auf dem Gebiet der Mobilmachung und Versorgung arbeiten. Man kann mit Gewissheit sagen, dass Zarizyn ohne diese Verwaltungsfunktionäre nicht zu testen gewesen wäre.

All dies verwandelt unsere Armee in eine achtunggebietende Macht, die jeden Widerstand des Gegners zu brechen imstande ist.

Alles lässt darauf schließen, dass sich im Süden ein neuer internationaler Knoten schürzt. Das Auftauchen einer "neuen", aus Kreaturen Englands bestehenden "allrussischen Regierung" in Jekaterinodar, die Vereinigung der drei konterrevolutionären Armeen (Alexejews, Skoropadskis, Krasnows), die schon einmal von unseren Truppen bei Zarizyn geschlagen worden sind, die Gerüchte von einem zu erwartenden Eingreifen Englands, die englischen Lieferungen aus Enseli und Krasnowodsk an die Tereker Konterrevolutionäre - all das ist kein Zufall. Man will das in Samara misslungene Abenteuer jetzt im Süden wiederholen. Aber was für einen Sieg unerlässlich ist, das werden sie nicht haben, werden sie auf keinen Fall haben, nämlich eine Armee, die an das finstere Werk der Konterrevolution glaubt und fähig ist, sich bis zum letzten zu schlagen. Es genügt ein mächtiger Anstoß - und das Kartenhaus der konterrevolutionären Abenteurer fällt zusammen. Ein Unterpfand hierfür sind der Heroismus unserer Armee, die Zersetzung in den Reihen der "Truppen" Krasnows und Alexejews, die sich verstärkende Gärung in der Ukraine, die wachsende Macht Sowjetrußlands und schließlich die immer mehr erstarkende revolutionäre Bewegung im Westen. Das Abenteuer im Süden wird ebenso enden, wie das Abenteuer in Samara geendet hat.

"Prawda" Nr. 235,
30. Oktober 1918.

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