"Stalin"

Werke

Band 4

DER OKTOBERUMSTURZ

(Der 24. und 25. Oktober 1917 in Petrograd)

Die wichtigsten Ereignisse, die den Oktoberaufstand beschleunigt haben, waren: die Absicht der Provisorischen Regierung, (nach der Aufgabe Rigas) Petrograd preiszugeben, die Vorbereitungen der Kerenskiregierung zur Verlegung ihres Sitzes nach Moskau, der Beschluss des Kommandos der alten Armee, die gesamte Petrograder Garnison an die Front zu werfen und die Hauptstadt somit wehrlos zu machen, und schließlich die fieberhafte Tätigkeit des von Rodsjanko dirigierten schwarzen Kongresses[33] in Moskau - eine Tätigkeit, die der Organisierung der Konterrevolution galt. All das im Verein mit der zunehmenden wirtschaftlichen Zerrüttung und der Kriegsmüdigkeit der Front machte einen schnellen und straff organisierten Aufstand als einzigen Ausweg aus der entstandenen Lage zu einer unabweisbaren Notwendigkeit.

Bereits Ende September hatte das ZK der Partei der Bolschewiki den Beschluss gefasst, alle Kräfte der Partei für die Organisierung eines erfolgreichen Aufstands zu mobilisieren. Zu diesem Zweck hatte das ZK beschlossen, das Revolutionäre Militärkomitee in Petrograd zu organisieren, die Belassung der Petrograder Garnison in der Hauptstadt durchzusetzen und einen Allrussischen Sowjetkongress einzuberufen. Nur ein solcher Kongress konnte die Macht übernehmen. Im allgemeinen Plan zur Organisierung des Aufstands war vorgesehen, dass unbedingt zuvor die Deputiertensowjets von Moskau und Petrograd, die im Hinterland und an der Front den größten Einfluss hatten, zu erobern sind.

Das Zentralorgan der Partei, "Rabotschi Putj"[34], begann entsprechend den Weisungen des ZK offen zum Aufstand aufzurufen und bereitete die Arbeiter und Bauern auf den Entscheidungskampf vor.

Zum ersten offenen Zusammenstoß mit der Provisorischen Regierung kam es infolge des Verbots der bolschewistischen Zeitung "Rabotschi Putj". Auf Anordnung der Provisorischen Regierung war die Zeitung verboten worden. Auf eine Anordnung des Revolutionären Militärkomitees wurde sie auf revolutionärem Wege wieder herausgegeben. Die Siegel wurden abgerissen, die Kommissare der Provisorischen Regierung von den Posten entfernt. Das war am 24. Oktober.

Am 24. Oktober vertrieben die Kommissare des Revolutionären Militärkomitees die Vertreter der Provisorischen Regierung gewaltsam aus einer ganzen Reihe wichtigster Staatsinstitutionen, so dass sich diese Institutionen nunmehr in den Händen des Revolutionären Militärkomitees befanden und der gesamte Apparat der Provisorischen Regierung desorganisiert war. Im Laufe dieses Tages (des 24. Oktober) gingen alle Regimenter in Petrograd, die gesamte Garnison, entschlossen auf die Seite des Revolutionären Militärkomitees über - mit Ausnahme lediglich einiger Offizierschulen und einer Panzerautoabteilung. Das Verhalten der Provisorischen Regierung verriet Unentschlossenheit. Erst am Abend ließ sie durch Stoßbataillone die Brücken besetzen, nachdem es ihr gelungen war, einige von ihnen aufzuziehen. Als Antwort hierauf brachte das Revolutionäre Militärkomitee Matrosen und Wiborger Rotgardisten zum Einsatz, die die Stoßbataillone abdrängten, sie auseinanderjagten und die Brücken selber besetzten. Damit hatte der offene Aufstand begonnen. Eine ganze Reihe unserer Regimenter wurde ausgeschickt mit dem Auftrag, das ganze Stadtviertel, in dem sich der Stab und der Winterpalast befanden, einzukreisen. Im Winterpalast tagte die Provisorische Regierung. Der Übergang der Panzerautoabteilung auf die Seite des Revolutionären Militärkomitees (am 24. Oktober in später Nachtstunde) beschleunigte den günstigen Ausgang des Aufstands.

Am 25. Oktober wurde der Sowjetkongress eröffnet, dem das Revolutionäre Militärkomitee denn auch die eroberte Macht übergab.

Am 26. Oktober frühmorgens, nach der Beschießung des Winterpalastes und des Stabes durch die "Aurora" und nach einem Feuergefecht zwischen Sowjettruppen und Offizierschülern vor dem Winterpalast, ergab sich die Provisorische Regierung.

Der Inspirator des Umsturzes war von Anfang bis zu Ende das ZK der Partei mit dem Genossen Lenin an der Spitze. Wladimir Iljitsch lebte damals in Petrograd, im Stadtteil Wiborgskaja Storona, in einer konspirativen Wohnung. Am Abend des 24. Oktober wurde er in den Smolny gerufen, um die Führung der Bewegung zu übernehmen.

Eine hervorragende Rolle spielten im Oktoberaufstand die Matrosen der Baltischen Flotte und die Rotgardisten des Stadtteils Wiborgskaja Storona. Angesichts der ungewöhnlichen Kühnheit dieser Männer beschränkte sich die Rolle der Petrograder Garnison hauptsächlich auf die moralische und zuweilen militärische Unterstützung der kämpfenden Vorhut.

"Prawda" Nr. 241,
6. November 1918.
Unterschrift: J. Stalin.

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