"Stalin"

Werke

Band 4

DER OKTOBERUMSTURZ UND DIE
NATIONALE FRAGE

Die nationale Frage darf nicht als Selbstzweck, als etwas ein für allemal Gegebenes betrachtet werden. Als bloßer Teil des Gesamtproblems der Umgestaltung der bestehenden Ordnung wird die nationale Frage in vollem Umfang durch die Gegebenheiten der sozialen Verhältnisse, durch den Charakter der Macht im Lande und überhaupt durch den ganzen Gang der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmt. Dies offenbart sich besonders krass in der Periode der Revolution in Rußland, in der die nationale Frage und die nationale Bewegung in den Randgebieten Rußlands je nach dem Gang und dem Ausgang der Revolution rasch und vor aller Augen ihren Inhalt ändern.

I
DIE FEBRUARREVOLUTION UND DIE
NATIONALE FRAGE

In der Epoche der bürgerlichen Revolution in Rußland (im Februar 1917) trug die nationale Bewegung in den Randgebieten den Charakter einer bürgerlichen Befreiungsbewegung. Die jahrhundertelang vom "alten Regime" unterdrückten und ausgebeuteten Nationalitäten Rußlands spürten zum ersten Mal ihre Kraft und stürzten sich in den Kampf gegen die Unterdrücker. "Beseitigung der nationalen Unterdrückung!" - das war die Losung der Bewegung. Im Nu bedeckten sich die Randgebiete Rußlands mit "gesamtnationalen" Institutionen. An der Spitze der Bewegung marschierte die nationale, bürgerlich-demokratische Intelligenz. Die "nationalen Räte" in Lettland, Estland, Litauen, Georgien, Armenien, Aserbaidshan, im Nordkaukasus, in Kirgisien und an der Mittleren Wolga, die "Rada" in der Ukraine und in Bjelorußland, der "Sfatul-Tsärii" in Bessarabien, der "Kurultai" auf der Krim und in Baschkirien, die "autonome Regierung" in Turkestan - das waren die "gesamtnationalen" Institutionen, um die die nationale Bourgeoisie ihre Kräfte scharte. Es ging um die Befreiung vom Zarismus als der "Hauptursache" der nationalen Unterdrückung und um die Bildung bürgerlicher Nationalstaaten. Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen wurde ausgelegt als Recht der nationalen Bourgeoisie der Randgebiete, die Macht in ihre Hände zu nehmen und die Februarrevolution zu benutzen, um einen "eigenen" Nationalstaat zu bilden. Eine weitere Entwicklung der Revolution entsprach nicht den Absichten der oben erwähnten bürgerlichen Institutionen und konnte ihnen auch nicht entsprechen. Dabei wurde außer acht gelassen, dass an Stelle des Zarismus der unverhüllte, nicht mehr maskierte Imperialismus tritt, dass er, dieser Imperialismus, ein noch stärkerer und gefährlicherer Feind der Nationalitäten ist und die Grundlage einer neuen nationalen Unterdrückung bildet.

Die Vernichtung des Zarismus und der Machtantritt der Bourgeoisie führten jedoch nicht zur Beseitigung der nationalen Unterdrückung. Die alte grobe Form der nationalen Unterdrückung wurde durch eine neue, verfeinerte, dafür aber gefährlichere Form der Unterdrückung abgelöst. Nicht nur, dass die Regierung Lwow-Miljukow-Kerenski nicht mit der Politik der nationalen Unterdrückung brach, sie organisierte sogar einen neuen Feldzug gegen Finnland (Auseinanderjagung des Landtags im Sommer 1917) und gegen die Ukraine (Zertrümmerung der Kultureinrichtungen der Ukraine). Noch mehr: Diese ihrer Natur nach imperialistische Regierung rief die Bevölkerung zur Fortführung des Krieges um die Unterwerfung neuer Gebiete, neuer Kolonien und Nationalitäten auf. Sie wurde dazu nicht nur durch die innere Natur des Imperialismus angetrieben, sondern auch durch das Vorhandensein alter imperialistischer Staaten im Westen, die mit aller Macht nach der Unterwerfung neuer Gebiete und Nationalitäten strebten und die Einflusssphäre dieser imperialistischen Regierung einzuengen drohten. Kampf der imperialistischen Staaten um die Unterwerfung der kleinen Nationalitäten als Existenzbedingung dieser Staaten - das ist das Bild, das sich im Verlauf des imperialistischen Krieges enthüllt hatte. Die Vernichtung des Zarismus und das Auftauchen der Regierung Miljukow-Kerenski machten dieses unerfreuliche Bild nicht um einen Deut anziehender. Es ist nur natürlich, dass die "gesamtnationalen" Institutionen in den Randgebieten, insofern sie eine Tendenz zur staatlichen Selbständigkeit an den Tag legten, bei der imperialistischen Regierung Rußlands auf unüberwindlichen Widerstand stießen. Da sie aber bei der Errichtung der Macht der nationalen Bourgeoisie taube Ohren hatten für die grundlegenden Interessen "ihrer" Arbeiter und Bauern, riefen sie bei diesen Murren und Unzufriedenheit hervor. Die so genannten "nationalen Regimenter" gossen nur noch Öl ins Feuer: gegen die Gefahr von oben waren sie ohnmächtig, die Gefahr von unten aber wurde durch sie nur verstärkt und vertieft. Die "gesamtnationalen" Institutionen blieben gegen Schläge von außen ebenso wenig gefeit wie gegen eine Explosion von innen. Die im Entstehen begriffenen bürgerlich-nationalen Staaten begannen zu welken, noch ehe sie erblüht waren.

So verwandelte sich die alte bürgerlich-demokratische Auslegung des Selbstbestimmungsprinzips in eine Fiktion, sie verlor ihren revolutionären Sinn. Es war klar, dass unter solchen Bedingungen von einer Beseitigung der nationalen Unterdrückung und von einer Errichtung selbständiger kleiner Nationalstaaten gar keine Rede sein konnte. Es wurde offensichtlich, dass die Befreiung der werktätigen Massen der unterdrückten Nationalitäten und die Beseitigung der nationalen Unterdrückung undenkbar sind ohne den Bruch mit dem Imperialismus, ohne den Sturz der "eigenen" nationalen Bourgeoisie und ohne die Machtergreifung durch die werktätigen Massen selbst.

Besonders klar trat dies nach dem Oktoberumsturz zutage.

II
DIE OKTOBERREVOLUTION UND DIE
NATIONALE FRAGE

Die Februarrevolution barg unversöhnliche innere Widersprüche in sich Vollbracht worden war die Revolution durch die Bemühungen der Arbeiter und Bauern (der Soldaten), das Ergebnis der Revolution aber war, dass die Macht nicht an die Arbeiter und Bauern, sondern an die Bourgeoisie überging. Die Arbeiter und Bauern hatten die Revolution durchgeführt, um mit dem Krieg Schluss zu machen und Frieden zu erlangen, während die ans Ruder gekommene Bourgeoisie danach strebte, den revolutionären Elan der Massen für die Fortsetzung des Krieges, gegen den Frieden auszunutzen. Die wirtschaftliche Zerrüttung des Landes und die Ernährungskrise erforderten die Expropriation der Kapitalien und der Industriebetriebe zugunsten der Arbeiter, die Konfiskation der Gutsländereien zugunsten der Bauern, während die bürgerliche Regierung Miljukow-Kerenski die Interessen der Gutsbesitzer und Kapitalisten hütete und sie entschieden vor Zugriffen der Arbeiter und Bauern schützte. Es war eine bürgerliche Revolution, vollbracht mit den Händen der Arbeiter und Bauern zugunsten der Ausbeuter.

Inzwischen schmachtete das Land weiter unter der Last des imperialistischen Krieges, des wirtschaftlichen Verfalls und der Zerrüttung des Ernährungswesens. Die Front zerbröckelte und löste sich auf. Fabriken und Werke wurden stillgelegt. Im Lande wuchs die Hungersnot. Die Februarrevolution mit ihren inneren Widersprüchen erwies sich offenkundig als unzulänglich für die "Rettung des Landes". Die Regierung Miljukow-Kerenski erwies sich offenkundig als unfähig, die Kernprobleme der Revolution zu lösen.

Es war eine neue, eine sozialistische Revolution notwendig, um das Land aus der Sackgasse des imperialistischen Krieges und des wirtschaftlichen Verfalls herauszuführen.

Diese Revolution kam als Resultat des Oktoberumsturzes.

Der Oktoberumsturz löste mit einem Schlag die Widersprüche der Februarrevolution, indem er die Macht der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie stürzte und die Regierung der Arbeiter und Bauern an ihre Stelle setzte. Die Aufhebung der Allmacht der Gutsbesitzer und Kulaken und die Übergabe des Grund und Bodens zur Nutznießung an die werktätigen Massen des Dorfes; die Expropriation der Fabriken und Werke und ihre Übergabe zur Leitung an die Arbeiter; der Bruch mit dem Imperialismus und die Beendigung des Raubkrieges; die Veröffentlichung der Geheimverträge und die Entlarvung der Politik der Annexion fremder Gebiete; schließlich die Proklamierung des Selbstbestimmungsrechts der werktätigen Massen der unterdrückten Völker und die Anerkennung der Unabhängigkeit Finnlands - das sind die Hauptmaßnahmen, die von der Sowjetmacht zu Beginn der sowjetischen Revolution getroffen wurden.

Das war eine wirklich sozialistische Revolution.

Die Revolution, die im Zentrum begonnen hatte, konnte nicht lange auf den Rahmen dieses engen Gebiets beschränkt bleiben. Nachdem sie im Zentrum gesiegt hatte, musste sie sich unvermeidlich auf die Randgebiete ausdehnen. Und in der Tat überflutete die revolutionäre Welle, vom Norden her kommend, gleich in den ersten Tagen des Umsturzes ganz Rußland und erfasste ein Randgebiet nach dem anderen. Doch stieß sie hier auf einen Damm in Gestalt der schon vor dem Oktober entstandenen "nationalen Räte" und regionalen "Regierungen" (Don, Kuban, Sibirien). Diese "nationalen Regierungen" wollten nämlich von einer sozialistischen Revolution nichts hören. Ihrer Natur nach bürgerlich, waren sie durchaus nicht gewillt, die alte, bürgerliche Ordnung zu zerstören; sie hielten es im Gegenteil für ihre Pflicht, sie mit aller Macht aufrechtzuerhalten und zu festigen. Ihrem Wesen nach imperialistisch, waren sie durchaus nicht gewillt, mit dem Imperialismus zu brechen; sie waren im Gegenteil niemals abgeneigt, Stücke und Stückchen der Gebiete "fremder" Nationalitäten an sich zu reißen und zu unterwerfen, wenn sich dazu eine Möglichkeit bot. Kein Wunder, dass die "nationalen Regierungen" der Randgebiete der sozialistischen Regierung im Zentrum den Krieg erklärten. Sobald sie aber den Krieg erklärt hatten, wurden sie natürlicherweise zu Brutstätten der Reaktion, die alle konterrevolutionären Elemente Rußlands um sich sammelten. Es ist für niemand ein Geheimnis, dass alle aus Rußland hinausgejagten Konterrevolutionäre sich dorthin, nach diesen Brutstätten, begaben, dass sie sich dort, im Bereich dieser Brutstätten, zu weißgardistischen "nationalen" Regimentern formierten.

Doch gibt es in den Randgebieten außer den "nationalen Regierungen" auch noch nationale Arbeiter und Bauern. Sie waren schon vor dem Oktoberumsturz nach dem Vorbild der Deputiertensowjets im Zentrum Rußlands in ihren revolutionären Deputiertensowjets organisiert und haben nie die Verbindung mit ihren Brüdern im Norden abgebrochen. Auch sie strebten danach, den Sieg über die Bourgeoisie zu erringen, auch sie kämpften für den Triumph des Sozialismus. Kein Wunder, dass sich ihr Konflikt mit den "eigenen" nationalen Regierungen von Tag zu Tag zuspitzte. Der Oktoberumsturz festigte nur noch das Bündnis der Arbeiter und Bauern der Randgebiete mit den Arbeitern und Bauern Rußlands und beseelte sie mit dem Glauben an den Triumph des Sozialismus. Der Krieg der "nationalen Regierungen" gegen die Sowjetmacht steigerte nun den Konflikt der nationalen Massen mit diesen "Regierungen" bis zum vollständigen Bruch mit ihnen, bis zum offenen Aufstand gegen sie.

So bildete sich das sozialistische Bündnis der Arbeiter und Bauern ganz Rußlands gegen das konterrevolutionäre Bündnis der bürgerlichen nationalen "Regierungen" der Randgebiete Rußlands.

Manche Leute stellen den Kampf der "Regierungen" der Randgebiete als einen Kampf für die nationale Befreiung gegen den "starren Zentralsinus" der Sowjetmacht hin. Doch das trifft absolut nicht zu. Keine Staatsmacht der Welt hat eine so weitgehende Dezentralisation zugelassen, keine Regierung der Welt hat den Völkern eine solche Fülle nationaler Freiheit eingeräumt, wie die Sowjetmacht es in Rußland getan hat. Der Kampf der "Regierungen" der Randgebiete war und bleibt ein Kampf der bürgerlichen Konterrevolution gegen den Sozialismus. Die nationale Flagge wird da nur zum Betrug der Massen geschwungen, da sie populär und gut geeignet ist, die konterrevolutionären Absichten der nationalen Bourgeoisie zu verdecken.

Doch erwies sich der Kampf der "nationalen" und regionalen "Regierungen" als ein ungleicher Kampf. Von zwei Seiten attackiert: von außen durch die Sowjetmacht Rußlands und von innen durch "ihre eigenen" Arbeiter und Bauern, sahen sich die "nationalen Regierungen" sofort nach den ersten Kämpfen zum Rückzug gezwungen. Der Aufstand der finnischen Arbeiter und Torppari[35] und die Flucht des bürgerlichen "Senats"; der Aufstand der ukrainischen Arbeiter und Bauern und die Flucht der bürgerlichen "Rada"; der Aufstand der Arbeiter und Bauern am Don, am Kuban und in Sibirien sowie der Zusammenbruch Kaledins, Kornilows und der sibirischen "Regierung"; der Aufstand der armen Bauern in Turkestan und die Flucht der "autonomen Regierung"; die Agrarrevolution im Kaukasus und die totale Hilflosigkeit der "nationalen Räte" Georgiens, Armeniens und Aserbaidshans - das sind die allbekannten Tatsachen, die die völlige Entfremdung der "Regierungen" der Randgebiete von "ihren" werktätigen Massen vor Augen führten. Aufs Haupt geschlagen, waren die "nationalen Regierungen" "gezwungen", gegen ihre "eigenen" Arbeiter und Bauern Hilfe bei den Imperialisten des Westens zu suchen, die seit Jahrhunderten die Nationalitäten der ganzen Welt unterdrückt und ausgebeutet hatten.

So begann die Periode der ausländischen Einmischung und der Okkupation der Randgebiete - eine Periode, die ein übriges Mal den kontere revolutionären Charakter der "nationalen" und regionalen "Regierungen" entlarvte.

Jetzt erst wurde es für alle klar, dass die nationale Bourgeoisie nicht die Befreiung des "eigenen Volkes" von der nationalen Unterdrückung anstrebt, sondern die Freiheit, Profite aus ihm herauszupressen, di Freiheit, ihre Privilegien und Kapitalien zu behalten.

Jetzt erst wurde es klar, dass die Befreiung der unterdrückten Nationalitäten ohne den Bruch mit dem Imperialismus, ohne den Sturz der Bourgeoisie der unterdrückten Nationalitäten, ohne den Übergang der Macht in die Hände der schaffenden Massen dieser Nationalitäten undenkbar ist.

So wurde die alte bürgerliche Auffassung des Selbstbestimmungsprinzips mit der Losung "Alle Macht der nationalen Bourgeoisie" durch den Verlauf der Revolution selbst entlarvt und hinweggefegt. Die sozialistische Auffassung des Selbstbestimmungsprinzips mit der Losung "Alle Macht den schaffenden Massen der unterdrückten Nationalitäten" gewann alle Rechte und Anwendungsmöglichkeiten.

Auf diese Weise hat der Oktoberumsturz, der mit der alten, bürgerlichen nationalen Befreiungsbewegung Schluss gemacht hat, die Ära einer neuen, der sozialistischen Bewegung der Arbeiter und Bauern der unterdrückten Nationalitäten eröffnet, einer Bewegung, die sich gegen jedwede - folglich auch gegen die nationale - Unterdrückung, gegen die Macht der Bourgeoisie, der "eigenen" wie der fremden, gegen den Imperialismus überhaupt richtet.

III
WELTBEDEUTUNG DES OKTOBERUMSTURZES

Nachdem die Oktoberrevolution im Zentrum Rußlands gesiegt und sich einer Reihe von Randgebieten bemächtigt hatte, konnte sie sich nicht auf den territorialen Rahmen Rußlands beschränken. In der Atmosphäre des imperialistischen Weltkriegs und der allgemeinen Unzufriedenheit, in den unteren Volksschichten herrschte, musste sie notwendigerweise auf die Nachbarländer übergreifen. Der Bruch mit dem Imperialismus und die Erlösung Rußlands von dem Raubkrieg; die Veröffentlichung der Geheimverträge und die feierliche Verwerfung der Politik Annexion fremden Bodens; die Proklamierung der nationalen Freiheit und die Anerkennung der Unabhängigkeit Finnlands; die Ausrufung Rußlands zu einer "Föderation nationaler Sowjetrepubliken" und der zier Sowjetmacht in die Welt hinaus gesandte Streitruf zum entschiedenen Kampf gegen den Imperialismus - all das konnte nicht ohne bedeutsamen Einfluss auf den versklavten Osten und den verblutenden Westen bleiben.

Und in der Tat, die Oktoberrevolution ist die erste Revolution Welt, die die arbeitenden Massen der unterjochten Völker des Ostens aus ihrem jahrhundertelangen Schlummer geweckt und sie in den Kampf gegen den Weltimperialismus einbezogen hat. Die Bildung von Arbeit und Bauernräten in Persien, China und Indien nach dem Vorbild der Sowjets in Rußland ist ein hinreichend überzeugender Beweis dafür.

Die Oktoberrevolution ist die erste Revolution der Welt, die den Arbeitern und Soldaten des Westens ein lebendiges, rettendes Vorbild ward und sie veranlasst hat, den Weg der wirklichen Befreiung vom Joch des Krieges und des Imperialismus einzuschlagen. Der Aufstand der Arbeiter und Soldaten in Österreich-Ungarn und in Deutschland, die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten, der revolutionäre Kampf der nichtvollberechtigten Völker Österreich-Ungarns gegen die nationale Unterdrückung sind ein hinreichend beredter Beweis dafür.

Es handelt sich ja gar nicht darum, dass der Kampf im Osten selbst im Westen sich noch nicht von den bürgerlich-nationalistischen Schlacken befreien konnte - es handelt sich darum, dass der Kampf gegen den Imperialismus seinen Anfang genommen hat, dass er fortgeführt wird und unvermeidlich zu seinem logischen Abschluss gelangen muss.

Die Einmischung des Auslands und die Okkupationspolitik der "äußeren" Imperialisten verschärfen nur die revolutionäre Krise, ziehen neue Völker in den Kampf hinein und erweitern den Schauplatz der revolutionären Zusammenstöße mit dem Imperialismus.

So stellt der Oktoberumsturz die Verbindung her zwischen den Völkern des rückständigen Ostens und des fortgeschrittenen Westens schließt sie zu einem gemeinsamen Lager des Kampfes gegen Imperialismus zusammen.

So wird die nationale Frage aus einer Teilfrage, der Frage Kampfes gegen das nationale Joch, zu der allgemeinen Frage der Befreiung der Nationen, der Kolonien und der Halbkolonien vom Imperialismus.

Die Todsünde der II. Internationale und ihres Oberhauptes Kautsky besteht unter anderem gerade darin, dass sie ständig zur bürgerlichen Auffassung der nationalen Selbstbestimmung abglitten und den revolutionären Sinn der nationalen Selbstbestimmung nicht begriffen, dass ihnen entweder die Fähigkeit oder der Wille abging, die nationale Frage auf den revolutionären Boden des offenen Kampfes gegen den Imperialismus zu stellen, dass ihnen entweder die Fähigkeit oder der Wille abging, die nationale Frage mit der Frage der Befreiung der Kolonien zu verbinden.

Die Engstirnigkeit der Sozialdemokraten Österreichs vom Schlage eines Bauer oder Renner besteht eigentlich gerade darin, dass sie den untrennbaren Zusammenhang der nationalen Frage mit der Machtfrage nicht begriffen und versuchten, die nationale Frage von der Politik zu trennen und in den Rahmen der Kultur- und Bildungsfragen zu zwängen, wobei sie die Existenz solcher "Kleinigkeiten" wie des Imperialismus und der von ihm versklavten Kolonien übersahen.

Man sagt, dass in der Situation der aufsteigenden sozialistischen Revolution die Prinzipien der Selbstbestimmung und der "Vaterlands-Verteidigung" durch den Gang der Ereignisse selbst aufgehoben worden seien. In Wirklichkeit aber sind nicht die Prinzipien der Selbstbestimmung und der "Vaterlandsverteidigung" aufgehoben worden, sondern ihre bürgerliche Auslegung. Es genügt, einen Blick auf die okkupierten Gebiete zu werfen, die unter dem Joch des Imperialismus ächzen und stürmisch nach Befreiung streben; es genügt, einen Blick auf Rußland zu werfen, das einen revolutionären Krieg zur Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes gegen die imperialistischen Räuber führt; es genügt, über die Ereignisse nachzudenken, die sich jetzt in Osterreich-Ungarn abspielen; es genügt, einen Blick auf die versklavten Kolonien und Halbkolonien zu werfen, die in ihren Ländern bereits Räte organisiert haben (Indien, Persien, China) - es genügt, einen Blick auf all das zu werfen, um die ganze revolutionäre Bedeutung des Selbstbestimmungsprinzips in seiner sozialistischen Auslegung zu begreifen.

Die gewaltige Weltbedeutung des Oktoberumsturzes besteht ja hauptsächlich gerade darin, dass er

1. den Rahmen der nationalen Frage erweitert und sie aus einer Teilfrage, der Frage des Kampfes gegen die nationale Unterdrückung in Europa, in die allgemeine Frage der Befreiung der unterjochten Völker, Kolonien und Halbkolonien vom Imperialismus verwandelt hat;

2. weitgehende Möglichkeiten und wirkliche Wege für diese Befreiung eröffnet hat, so dass er den unterdrückten Völkern des Westens, und Ostens ihre Befreiung bedeutend erleichtert hat, indem er sie in den allgemeinen Strom des siegreichen Kampfes gegen den Imperialismus. einbezog;

3. hierdurch eine Brücke zwischen dem sozialistischen Westen und, dem versklavten Osten geschlagen und eine neue Front der Revolutionen aufgebaut hat, eine Front von den Proletariern des Westens über die Revolution in Rußland bis zu den unterjochten Völkern des Ostens, eine Front gegen den Weltimperialismus.

Dadurch erklärt sich eigentlich auch jener nicht wiederzugebende. Enthusiasmus, den die werktätigen und ausgebeuteten Massen des Ostens und des Westens gegenwärtig dem Proletariat Rußlands entgegenbringen.

Dadurch hauptsächlich erklärt sich auch die blinde Wut, mit der die imperialistischen Räuber der ganzen Welt jetzt über Sowjetrußland hergefallen sind.

"Prawda" Nr. 241 und 250,
6. und 19. November 1918.
Unterschrift: J. Stalin.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis