"Stalin"

Werke

Band 4

VERGESST DEN OSTEN NICHT!

In einem Moment, da die revolutionäre Bewegung in Europa ansteigt, da die alten Throne und Kronen zerfallen und den revolutionären Arbeiter- und Soldatenräten das Feld räumen und die okkupierten Gebiete die Kreaturen des Imperialismus aus ihrem Territorium hinauswerfen, richten sich aller Blicke natürlich auf den Westen. Dort im Westen müssen früher als anderwärts die Ketten des Imperialismus zerbrechen, die in Europa geschmiedet wurden und die ganze Welt würgen. Dort im Westen muss früher als anderwärts ein neues, sozialistisches Leben hervorquellen. In einem solchen Moment verschwindet der entlegene Osten mit seiner Hunderte von Millionen zählenden, durch den Imperialismus unterdrückten Bevölkerung wie "von selbst" aus dein Blickfeld und gerät in Vergessenheit.

Indessen darf man den Osten auch nicht für einen Augenblick versessen, allein schon deswegen nicht, weil er dem Weltimperialismus als "unerschöpfliche" Reserve und als "zuverlässigstes" Hinterland dient.

Die Imperialisten haben den Osten immer als die Grundlage ihres Wohlergehens betrachtet. Die unermesslichen Naturreichtümer der Länder des Ostens (Baumwolle, Erdöl, Gold, Kohle, Erz) - waren sie etwa nicht ein "Zankapfel" für die Imperialisten aller Länder? Daraus ist eigentlich auch zu erklären, dass die Imperialisten, während sie in Europa Krieg führen und vom Westen reden, niemals aufgehört haben, an China, Indien, Persien, Ägypten, Marokko zu denken, denn das, worum ging, war eigentlich immer der Osten. Daraus ist hauptsächlich auch der Eifer zu erklären, mit dem sie in den Ländern des Ostens "Ordnung und Gesetzlichkeit" aufrechterhalten: sonst wäre das tiefe Hinterland des Imperialismus nicht gesichert.

Aber die Imperialisten brauchen nicht nur die Reichtümer des Ostens. Sie brauchen das "gefügige" "Menschenmaterial", das in den Kolonien und Halbkolonien des Ostens so reichlich vorhanden ist. Sie brauchen die "willigen" und billigen "Arbeitshände" der Völker des Ostens. Sie brauchen außerdem die "gefügigen" "jungen Burschen" aus den Ländern des Ostens, die sie für die so genannten "farbigen" Truppen anwerben und die sie ohne Zögern gegen "ihre eigenen" revolutionären Arbeiter einsetzen werden. Das ist der Grund, weswegen sie die Länder des Ostens ihre "unerschöpfliche" Reserve nennen.

Aufgabe des Kommunismus ist es, die unterdrückten Völker des Ostens aus dem jahrhundertelangen Schlaf aufzurütteln, den Arbeitern und Bauern dieser Länder den Befreiungsgeist der Revolution einzuhauchen, sie zum Kampf gegen den Imperialismus zu mobilisieren und dem Weltimperialismus so sein "zuverlässigstes" Hinterland, seine "unerschöpfliche" Reserve zu nehmen.

Ohne das ist an den endgültigen Triumph des Sozialismus, an de vollständigen Sieg über den Imperialismus nicht zu denken.

Die Revolution in Rußland hat als erste die unterdrückten Völker des Ostens zum Kampf gegen den Imperialismus aufgerüttelt. Die Deputiertenräte in Persien, Indien und China sind ein direktes Anzeichen dafür, dass der jahrhundertelange Schlaf der Arbeiter und Bauern des Ostens der Vergangenheit anheim fällt.

Die Revolution im Westen wird zweifellos der revolutionären Bewegung im Osten einen neuen Anstoß geben, wird sie mit dem Geist der Zuversicht und dem Glauben an den Sieg beseelen.

Die Imperialisten selbst werden mit ihren neuen Annexionen, die neue Länder in den Kampf gegen den Imperialismus hineinziehen und die Basis der Weltrevolution erweitern, die Revolutionierung des Ostens nicht wenig fördern.

Aufgabe der Kommunisten ist es, in die anwachsende spontane Bewegung im Osten einzugreifen und sie bis zum bewussten Kampf gegen den Imperialismus weiterzuentwickeln.

In diesem Sinne hat die von der unlängst abgehaltenen Konferenz mohammedanischer Kommunisten[36] beschlossene Resolution über die Verstärkung der Propaganda in den Ländern des Ostens, in Persien, Indien und China, zweifellos eine tiefe revolutionäre Bedeutung.

Hoffen wir, dass unsere mohammedanischen Genossen ihren höchst wichtigen Beschluss ausführen werden.

Denn ein für allemal muss man sich den Leitsatz zu eigen machen, wer den Triumph des Sozialismus will, darf den Osten nicht vergessen.

"Shisn Nazionalnostej"
(Das Leben der Nationalitäten) Nr. 3,
24.2lovember 1918.
Leitartikel.

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