"Stalin"

Werke

Band 4

AUS DEM OSTEN KOMMT DAS LICHT[40]

Langsam, aber unaufhaltsam rollt die Welle der Befreiungsbewegung vom Osten nach dem Westen in die okkupierten Gebiete. Langsam, aber ebenso unaufhaltsam versinken die "neuen" bürgerlich-republikanischen "Regierungen" Estlands, Lettlands, Litauens und Bjelorußlands ins Nichts und räumen der Macht der Arbeiter und Bauern das Feld. Die Scheidewand zwischen Rußland und Deutschland fällt, sie schwindet. Die Losung des bürgerlichen Nationalismus "Alle Macht der nationalen Bourgeoisie" wird durch die Losung des proletarischen Sozialismus "Alle Macht den werktätigen Massen der unterdrückten Nationalitäten" abgelöst.

Vor einem Jahr, nach dem Oktoberumsturz, ging die Befreiungsbewegung in derselben Richtung, unter derselben Losung. In dem Wunsch, die aus Rußland kommende Welle der sozialistischen Bewegung aufzuhalten, erklärten die bürgerlich-nationalen "Regierungen", die sich damals in den Randgebieten konstituiert hatten, der Sowjetmacht den Krieg. Sie wollten in den Randgebieten bürgerliche Separatstaaten gründen, um der nationalen Bourgeoisie die Macht und die Privilegien zu erhalten. Die Leser erinnern sich, dass dieser konterrevolutionäre Plan scheiterte: im Innern von "ihren eigenen" Arbeitern und Bauern attackiert, mussten diese "Regierungen" abtreten. Dann begann die Okkupation durch den deutschen Imperialismus und unterbrach den Prozess der Befreiung der Randgebiete, indem sie den bürgerlich-nationalen "1egierungen" das Übergewicht verschaffte. Jetzt, nach der Zerschlagung des deutschen Imperialismus und der Verdrängung der Okkupationstruppen aus den Randgebieten, hat der Prozess des Befreiungskampfes mit neuer Kraft, in neuen, noch markanteren Formen wieder begonnen.

Die Arbeiter Estlands haben als erste das Banner des Aufstands erhoben. Die Estnische Arbeitskommune[41] marschiert siegreich vorwärts, zerstört die Basis der estnischen bürgerlich-republikanischen "Regierung" und mobilisiert die werktätigen Massen der Städte und Dörfer Estlands zum Kampf. Als Antwort auf eine Anfrage der Sowjetregierung Estlands hat die Sowjetregierung Rußlands feierlich die Unabhängigkeit der Sozialistischen Republik Estland anerkannt. Muss noch bewiesen werden, dass dieser Akt die Pflicht und Schuldigkeit der Sowjetregierung Rußlands ist? Sowjetrußland hat die Westgebiete niemals als seine Besitzungen betrachtet. Es war immer der Ansicht, dass diese Gebiete den unveräußerlichen Besitz der werktätigen Massen der sie bewohnenden Nationalitäten bilden, dass diese werktätigen Massen das volle Recht haben, frei über ihr politisches Schicksal zu bestimmen. Das schließt selbstverständlich nicht aus, sondern setzt voraus, dass Sowjetrußland unseren estnischen Genossen in ihrem Kampf für die Befreiung des werktätigen Estlands vom Joch der Bourgeoisie mit allen Mitteln helfen wird.

Die Arbeiter Lettlands sind ebenfalls an die Befreiung ihres gepeinigten Vaterlands gegangen. Die Wiederherstellung der Deputiertensowjets in Werro, Walk, Riga, Libau und anderen Orten Lettlands, die Versuche der Rigaer Arbeiter, die notwendigen politischen Freiheiten auf revolutionärem Wege zu erringen, der schnelle Vormarsch der lettischen Schützen auf Riga - all das spricht davon, dass die bürgerlich-republikanische "Regierung" in Lettland dasselbe Schicksal erwartet wie in Estland. Wie wir erfahren haben, steht dieser Tage die offizielle Proklamierung der Provisorischen Sowjetregierung Lettlands[42] bevor. Es braucht nicht betont zu werden, dass dieser Akt, wenn er wirklich stattfindet, die Befreiung Lettlands vom Imperialismus beschleunigen und besiegeln wird.

Den lettischen Arbeitern folgen die Arbeiter und Bauern Litauens. Die Bildung von, allerdings vorerst halblegalen, Deputiertensowjets in Wilna, Schaulen, Kowno und anderen Orten Litauens; die beispiellose revolutionäre Aktivität, die die litauischen Landarbeiter gezeigt haben, als es galt, die großen Güter gegen die Ausplünderung durch die Gutsbesitzer zu schützen; der schnelle Vormarsch der litauischen Schützen ins Innere Litauens und schließlich die nach den uns vorliegenden Meldungen geplante Proklamierung einer Provisorischen Sowjetregierung Litauens - all das spricht dafür, dass die berüchtigte Litauische Tariba[43] dem Schicksal ihrer Ebenbilder in Lettland und Estland nicht entgehen wird.

Die Kurzlebigkeit der nationalen "Regierungen" der okkupierten Gebiete erklärt sich nicht nur aus ihrem bürgerlichen Charakter, der den Interessen der Arbeiter und Bauern fremd ist, sondern vor allem aus dem Umstand, dass sie einfache Anhängsel der Okkupationsmächte sind, was ihnen in den Augen der breiten Bevölkerungsschichten jede moralische Geltung nehmen musste. In diesem Sinne hat die Okkupationsperiode in der Entwicklung der Randgebiete zweifellos ihre positive Rolle gespielt, da sie die Fäulnis und den Verrat der nationalen Bourgeoisie restlos aufgedeckt hat.

Offensichtlich wird es dazu kommen, dass sich die Westgebiete, ihre werktätigen Massen - bisher Objekt gaunerischer Machenschaften der Imperialisten -, wenn nicht heute, dann morgen die Freiheit erkämpfen und endlich auf ihre eigenen Füße stellen werden...

Im Norden, in Finnland, ist es vorläufig noch "still". Aber diese Stille umhüllt zweifellos das tief verborgene Wirken der Arbeiter und Torppari einerseits, die nach Befreiung drängen, und der Regierung Svinhufvuds anderseits, die verdächtig oft ihre Minister wechselt und endlos mit den Agenten des englischen Imperialismus tuschelt. Der Abzug der Okkupationstruppen aus Finnland wird zweifellos die Liquidierung der Räuberkumpanei Svinhufvuds beschleunigen, die völlig zu Recht die tiefste Verachtung der breiten Bevölkerungsschichten Finnlands verdient hat.

Im Süden, in der Ukraine, ist es nicht so still wie in Finnland - bei weitem nicht! Die aufständischen Truppen erstarken, organisieren sich und rücken nach dem Süden vor. Charkow ist nach einem dreitägigen, mustergültig organisierten Streik[44] in die Hände des Sowjets der Arbeiter- und Bauerndeputierten übergegangen. Die Petljurabanditen, die deutschen Okkupanten und die Agenten Skoropadskis sind gezwungen, mit dem Willen der Arbeiter zu rechnen. In Jekaterinoslaw übt der Sowjet der Arbeiter- und Bauerndeputierten offen seine Tätigkeit aus. Das berühmte Manifest der Provisorischen Arbeiter- und Bauernregierung der Ukraine ist legal gedruckt und in den Straßen Jekaterinoslaws plakatiert worden. Die "Behörden" zeigten sich ohnmächtig, eine solche "Dreistigkeit" zu verhindern. Wir sprechen schon gar nicht von der machtvollen Aufstandsbewegung der ukrainischen Bauern, die das Manifest der Ukrainischen Sowjetregierung wie ein Evangelium aufnehmen.

Und drunten im Süden, im Nordkaukasus, gehen sogar die Inguschen und Tschetschenen, die Osseten und Kabardiner in ganzen Gruppen auf die Seite der Sowjetmacht über und säubern mit der Waffe in der Hand ihre Heimat von den Söldnerbanden des englischen Imperialismus.

Muss noch gesagt werden, dass dies alles an den unterdrückten Völkern des Westens und vor allem an den Völkern Österreich-Ungarns, die vorläufig noch die Periode der bürgerlich-nationalen Befreiungsbewegung durchmachen, aber durch den Zwang der Umstände schon in die Periode des Kampfes gegen den Imperialismus eingetreten sind, nicht spurlos vorübergehen wird?

Im Mittelpunkt all dieser großartigen Ereignisse steht der Bannerträger der Weltrevolution - Sowjetrußland, das die Arbeiter und Bauern der unterdrückten Völker mit dem Siegesglauben beseelt und ihren Befreiungskampf im Interesse des Weltsozialismus unterstützt.

Natürlich schläft auch das andere Lager nicht, das Lager der Imperialisten. Seine Agenten jagen durch alle Länder von Finnland bis zum Kaukasus, von Sibirien bis nach Turkestan, versorgen die Konterrevolutionäre, zetteln räuberische Verschwörungen an, organisieren einen Feldzug gegen Sowjetrußland und schmieden Ketten für die Völker des Westens. Aber ist es nicht klar, dass die Imperialistenmeute, die ihre räuberische Existenz durch Bestechung und Söldnerbanden, durch die Sklaverei und Unwissenheit der so genannten "Farbigen" in Afrika aufrechterhält, in den Augen der unterdrückten Völker schon jede moralische Geltung verloren hat, dass ihr ein für allemal der frühere Nimbus des Bannerträgers der "Zivilisation" und der "Humanität" genommen worden ist?...

Aus dem Osten kommt das Licht!

Der Westen mit seinen imperialistischen Kannibalen hat sich in einen Herd der Finsternis und der Sklaverei verwandelt. Die Aufgabe besteht darin, diesen Herd zum Glück und zur Freude der Werktätigen aller Länder zu zerschlagen.

"Shisn Nazionalnostej"
(Das Leben der Nationalitäten) Nr. 6,
15. Dezember 1918.
Leitartikel.
Unterschrift: J. Stalin.

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