"Stalin"

Werke

Band 4

BERICHT AN W.I. Lenin

An Genossen Lenin

Ihre chiffrierte Depesche haben wir erhalten. Über die Ursachen der Katastrophe haben wir Ihnen an Hand der Untersuchungsergebnisse schon berichtet[50]: Eine Armee, deren Truppen erschöpft sind, die keine Reserven und keine feste Leitung hat, die noch dazu eine Flankenstellung einnimmt und Gefahr läuft, vom Norden umgangen zu werden - eine solche Armee musste bei einem ernsten Druck überlegener frischer Kräfte des Gegners auseinander fallen. Unserer Meinung nach liegt das nicht nur an der Schwäche der Organe der III. Armee und des rückwärtigen Frontgebiets, sondern auch

1. am Obersten Stab und an den Militärkommissariaten der Gebiete, die offenkundig unzuverlässige Truppen aufstellen und an die Front schicken,

2. am Allrussischen Büro der Kommissare, das den im Hinterland aufgestellten Truppenteilen grüne Jungen zuteilt, aber keine Kommissare,

3. am Revolutionären Kriegsrat der Republik, der mit seinen so genannten Direktiven und Befehlen die Führung der Front und der Artseen desorganisiert. Ohne entsprechende Änderungen im militärischen Zentrum bestehen keine Garantien für den Erfolg an den Fronten.

Unsere Antwort auf die Fragen der Militärs.

1.Über die zwei Regimenter. Zwei Regimenter haben sich gefangen gegeben: das 1. sowjetische und ein Matrosenregiment aus Petrograd. Feindseligkeiten haben sie gegen uns nicht eröffnet. Feindseligkeiten eröffnete gegen uns das im Dorf Iljinskoje stehende 10. Kavallerieregiment der 10. Division, das vom Militärkommissariat des Uralgebiets aufgestellt worden war. Außerdem wurde einer Meuterei des 10. Pionierregiments vorgebeugt, das im Otschersker Werk stand und ebenfalls vom Militärkommissariat des Gebiets aufgestellt worden war. Die Ursache des Überlaufens zum Gegner sowie der Feindseligkeiten liegt im konterrevolutionären Geist der Regimenter, der daraus zu erklären ist, dass die alten Methoden der Aushebung und Formierung beibehalten wurden, ohne dass vorher eine Durchsiebung der zum Militärdienst Einberufenen stattfand, wobei in den Regimentern nicht die mindeste politische Arbeit geleistet wurde.

2. Motowilicha. Die Maschinen des Werkes und Teile aus der Elektroabteilung wurden unter Inventarisierung aller Teile rechtzeitig abmontiert und in Waggons verladen, aber nicht abtransportiert und auch nicht vernichtet. Die Verantwortung fällt auf das Zentralkollegium[51], auf den Chef des Heerestransportwesens und auf den Revolutionären Kriegsrat der Armee, der eine unerhörte Fahrlässigkeit an den Tag gelegt hat. Fünf Sechstel der Arbeiter des Motowilicha-Werkes sind in Perm geblieben, ferner das gesamte technische Personal des Werkes und alle Rohstoffe. Allen vorliegenden Informationen zufolge kann das Werk in etwa anderthalb Monaten in Betrieb genommen werden. Die Gerüchte, wonach die Arbeiter des Motowilicha-Werkes am Vorabend des Falls von Perm in den Aufstand getreten wären, bestätigen sich nicht, es kam nur zu einer starken Gärung auf Grund von Verpflegungsmissständen.

3. Tiber die Sprengung der Brücke und der wertvollen Anlagen. Infolge der Fahrlässigkeit des Revolutionären Kriegsrats der Armee und der fehlenden Verbindung zwischen den zurückgehenden Truppen und dem Armeestab wurden die Brücke und anderes mehr nicht gesprengt. Einer Version zufolge konnte der Genosse, dem die Sprengung der Brücke oblag, seinen Auftrag nicht ausführen, weil er einige Minuten vor der Sprengung von Weißgardisten getötet wurde. Diese Version konnte vorläufig noch nicht überprüft werden, da die Brückenwache geflohen ist und eine ganze Reihe von "sowjetischen" Funktionären sich "in unbekannter Richtung" davongemacht hat.

4. Über die Reserven bei .Perm. Die Reserve bestand aus einem nicht gefestigten und unzuverlässigen "sowjetischen Regiment", das gleich, nachdem es an der Front eingetroffen war, zum Gegner überlief. Andere Reserven waren nicht vorhanden.

5. Die Verluste an Material und. Menschen. Ein vollständiges Bild der Verluste lässt sich vorläufig nicht gewinnen, da eine Reihe von Dokumenten abhanden gekommen und eine ganze Reihe darein verwickelter "sowjetischer" Spezialisten zum Gegner übergelaufen sind.

Nach den vorliegenden spärlichen Angaben belaufen sich unsere Verluste auf: 297 Lokomotiven (darunter 86 schadhafte), ungefähr 3000 Waggons (sicherlich mehr), 900000 Pud Erdöl und Petroleum, einige hunderttausend Pud kaustische Soda, 2 Millionen Pud Salz, für 5 Millionen Rubel Medikamente, die Materiallager des Motowilicha-Werkes und der Permer Eisenbahnwerkstätten mit gewaltigen Werten, die Einrichtungen und Maschinen des Motowilicha-Werkes, die Schiffsmaschinen der Kamaflottille, 65 Waggons Leder, 150 Waggons Lebensmittel der Versorgungsabteilung der Armee, ein riesiges Lager der Bezirksverwaltung für Binnenschifffahrt mit Watte, Textilwaren, naphthenischem Rohöl und anderem mehr, 10 Waggons mit verwundeten Kämpfern, den Achsenpark der Eisenbahn mit großen Vorräten amerikanischer Achsen, 29 Geschütze, 10000 Granaten, 2000 Gewehre, acht Millionen Schuss Infanteriernunition, über 8000 Tote, Verwundete und Vermisste in der Periode vom 22. bis zum 29. Dezember. Alle Eisenbahn- und fast alle Versorgungsspezialisten sind in Perm zurückgeblieben. Die Zählung der Verluste wird fortgesetzt.

6. Die jetzige Gefechtsstärke der Armee. Die dritte Armee besteht gegenwärtig aus zwei Divisionen (der 29. und 30.) mit 14000 Bajonetten, 3000 Säbeln, 323 Maschinengewehren, 78 Geschützen. Die Reserven bestehen aus einer aus Rußland hergesandten Brigade der 7. Division, die wegen ihrer Unzuverlässigkeit und der Notwendigkeit, sie ernsthaft durchzusieben, noch nicht eingesetzt wurde. Die von Wazetis versprochenen drei Regimenter sind noch nicht eingetroffen (und werden auch nicht eintreffen, da sie, wie sich herausstellt, gestern eine neue Marschorder nach Narwa erhalten haben)[52]. Die Kampftruppen sind zerrüttet, erschöpft und halten sich nur mit Mühe an der Front.

7. Das System der Führung der 111. Armee. Nach außen hin scheint das System der Führung das übliche, "vorschriftsmäßige" zu sein, in Wirklichkeit fehlt jede Ordnung, herrscht absolute Misswirtschaft, ist die Führung von ihrem Kampfabschnitt isoliert und sind die Divisionen faktisch autonom.

8. Genügen die getroffenen. Maßnahmen, um den Rückzug zum Stehen zu bringen? Von den getroffenen Maßnahmen können als ernsthaft anerkannt werden: 1. dass die 1I. Armee in Richtung Kungur vorrückt, was zweifellos für die III. Armee eine große Unterstützung ist, und 2. dass dank den Anstrengungen Stalins und Dzierzynskis 900 völlig zuverlässige frische Kämpfer an die Front geschickt wurden, die in der Depressionsstimmung der III. Armee einen Umschwung herbeiführen sollen. In zwei Tagen schicken wir zwei Kavallerieschwadronen und das 62. Regiment der 3. Brigade (das schon durchgesiebt ist) an die Front. In 10 Tagen wird noch ein Regiment folgen. Die Front der III. Armee weiß dies, sieht die Fürsorge des Hinterlands, und ihre Stimmung festigt sich. Kein Zweifel, dass die Lage jetzt besser ist als vor zwei Wochen. Stellenweise geht die Armee sogar zum Angriff über und nicht ohne Erfolg. Wenn der Gegner uns noch zwei Wochen Atempause lässt, das heißt, wenn er keine neuen frischen Kräfte an die Front wirft, kann man hoffen, dass sich die Lage im Abschnitt der III. Armee stabilisieren wird.

Jetzt sind wir mit der Liquidierung des nördlichen Umgehungsmanövers beschäftigt, das einige Abteilungen des Gegners entlang der Straße über Kaigorod nach Wjatka durchführen. Nach Wjatka sind wir unter anderem deshalb gekommen, um eine Abteilung Schiläufer nach Kaigorod zu schicken, was wir auch tun werden. Was die anderen Maßnahmen (Festigung des rückwärtigen Gebiets) anbelangt, so mobilisieren wir die Funktionäre, sowohl die unteren als auch die verantwortlicheren, schicken sie in die im rückwärtigen Gebiet stehenden Truppenteile der Armee und säubern die Deputiertensowjets von Glasow und Wjatka. Aber die Ergebnisse dieser Arbeit werden sich natürlich nicht so bald auswirken.

Damit erschöpfen sich die getroffenen Maßnahmen. Sie dürfen auf keinen Fall als ausreichend angesehen werden, denn die ermüdeten Truppen der III. Armee können sich nicht lange halten, wenn sie nicht wenigstens teilweise abgelöst werden. Deswegen ist es notwendig, wenigstens zwei Regimenter hierher zuschicken. Nur in diesem Fall kann die Stabilität der Front als garantiert betrachtet werden. Außerdem ist es notwendig:

1. den Armeebefehlshaber zu wechseln,

2. drei tüchtige politische Funktionäre herzuschicken,

3. das Gebietskomitee, den Gebietssowjet und anderes mehr schnellstens aufzulösen, um die Mobilmachung der evakuierten Arbeiter zu beschleunigen.

J. Stalin
T. Dzierzynski

19. Januar 1919, Wjatka.

PS. In einigen Tagen fahren wir nach Glasow zurück, um die Untersuchung zu beenden.

Zuerst veröffentlicht 1942 im
Lenin ski Sbornik ( Lenin -Sammelband) XXXIV.

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