"Stalin"

Werke

ZUR ERSCHIESSUNG DER 26 BAKUER GENOSSEN
DURCH AGENTEN DES ENGLISCHEN
IMPERIALISMUS

Wir unterbreiten der Aufmerksamkeit der Leser zwei Dokumente[69], Zeugnisse des bestialischen Gewaltakts, den die englischen Imperialisten im Herbst vergangenen Jahres an verantwortlichen Bakuer Funktionären der Sowjetmacht verübt haben. Die Quelle dieser Dokumente sind die Bakuer Zeitung der Sozialrevolutionäre "Snamja Truda"[70] und die Bakuer Zeitung "Jedinaja Rossija"[71], das heißt dieselben Kreise, die gestern noch die Engländer zu Hilfe gerufen und die Bolschewiki verraten haben, heute aber durch den Lauf der Ereignisse gezwungen sind, ihre gestrigen Verbündeten zu entlarven.

Das erste Dokument berichtet, wie der englische Hauptmann Tighe-Jones 26 sowjetische Funktionäre aus Baku (Schaumian, Dshaparidse, Fioletow, Malygin und andere), die auf seine Weisung als Kriegsgefangene von Krasnowodsk nach Aschchabad transportiert wurden, auf dem Wege dorthin in den Nachtstunden des 20. September 1918 ohne Untersuchung und Gerichtsurteil barbarisch erschießen ließ. Tighe-Jones und seine sozialrevolutionär-menschewistischen Kumpane hatten schon gehofft, die Angelegenheit vertuschen zu können; denn sie beabsichtigten, falsche Totenscheine auszustellen, laut denen die Bakuer Bolschewiki im Gefängnis oder im Krankenhaus eines "natürlichen" Todes gestorben seien, aber dieser Plan ist offenbar fehlgeschlagen, denn wie sich herausstellt, sind Zeugen da, die nicht schweigen wollen und bereit sind, die englischen Barbaren restlos zu entlarven. Dieses Dokument ist von dem Sozialrevolutionär Tschaikin unterzeichnet.

Das zweite Dokument schildert eine Unterredung, die der englische General Thomson Ende März 1919 mit dem Verfasser des ersten Dokuments, Tschaikin, hatte. General Thomson fordert Tschaikin auf, Augenzeugen des bestialischen Gewaltakts des englischen Hauptmanns Tighe-Jones an den 26 Bakuer Bolschewiki namhaft zu machen. Tschaikin ist bereit, Dokumente vorzulegen und Zeugen zu nennen unter der Bedingung, dass eine Untersuchungskommission aus Vertretern des englischen Kommandos, der Bakuer Bevölkerung und der turkestanischen Bolschewiki gebildet wird, wobei Tschaikin die Garantie verlangt, dass die turkestanischen Zeugen nicht von Agenten der Engländer ermordet werden. Da Thomson die vorgeschlagene Untersuchungskommission ablehnt und keine Garantie für die persönliche Sicherheit der Zeugen gibt, wird das Gespräch abgebrochen und Tschaikin entfernt sich. Das Dokument ist insofern interessant, als es die Barbarei der englischen Imperialisten indirekt bestätigt und zugleich ein beredtes, ja geradezu himmelschreiendes Zeugnis dafür ablegt, dass die englischen Agenten straflos ausgegangen sind, die in ihrem wilden Wüten gegen die Bakuer und transkaspischen "Eingeborenen" wie gegen Schwarze in Zentralafrika vorgehen.

Die Geschichte der 26 Bakuer Bolschewiki hat sich folgendermaßen abgespielt. Im August 1918, als die türkischen Truppen bis dicht vor Baku gerückt waren, die sozialrevolutionär-menschewistischen Mitglieder des Bakuer Sowjets aber, entgegen den Stimmen der Bolschewiki, die Mehrheit der Sowjets mit sich gerissen und die englischen Imperialisten zu Hilfe gerufen hatten, legten die in der Minderheit gebliebenen Bakuer Bolschewiki, mit Schaumian und Dshaparidse an der Spitze, ihre Vollmachten nieder und räumten den politischen Gegnern das Feld. Im Einverständnis mit der damals in Baku neugebildeten Regierungsgewalt der Engländer, Sozialrevolutionäre und Menschewiki beschlossen die Bolschewiki, sich nach Petrowsk, dem nächsten Punkt im Bereich der Sowjetmacht, zu begeben. Aber auf dem Wege nach Petrowsk wurde der Dampfer mit den Bakuer Bolschewiki und ihren Familien von englischen Schiffen, die ihm nachgefahren waren, beschossen und nach Krasnowodsk gebracht. Das war im August.

Die sowjetrussische Regierung wandte sich danach mehrmals an das englische Kommando und forderte die Freilassung der Bakuer Genossen und ihrer Familien im Austausch gegen gefangene Engländer, aber das englische Kommando hüllte sich jedesmal in Schweigen. Schon seit Oktober begannen Nachrichten von Privatpersonen und von Organisationen einzulaufen, wonach die Bakuer Genossen erschossen worden seien. Am 5. März 1919 erhielt Astrachan einen Funkspruch aus Tiflis, dass "Dshaparidse und Schaumian nicht in der Verfügungsgewalt des englischen Kommandos sind, dass sie lokalen Mitteilungen zufolge im September in der Nähe von Kisyl-Arwat durch eine Gruppe von Arbeitern eigenmächtig ermordet worden sind". Offensichtlich war das der erste offizielle Versuch der englischen Mörder, die Schuld an ihren Bestialitäten auf die Arbeiter abzuwälzen, die Schaumian ebenso wie Dshaparidse grenzenlos liebten. Jetzt, nach der Veröffentlichung der oben erwähnten Dokumente, muss es als erwiesen angesehen werden, dass unsere Bakuer Genossen, die freiwillig von der politischen Arena abgetreten waren, bei der Evakuierung nach Petrowsk tatsächlich von den Kannibalen des "zivilisierten" und "humanen" Englands ohne Gerichtsverfahren und ohne Untersuchung erschossen worden sind.

In den "zivilisierten" Ländern ist es üblich, von Terror und Greueltaten der Bolschewiki zu reden. Dabei werden die englischen und französischen Imperialisten gewöhnlich als Feinde von Terror und Erschießungen hingestellt. Aber ist es denn nicht klar, dass die Sowjetmacht niemals mit ihren Gegnern so niederträchtig und gemein verfuhr, wie es die "zivilisierten" und "humanen" Engländer tun? Ist es denn nicht klar, dass nur imperialistische Kannibalen, die durch und durch verfault sind und jede Spur von Moral verloren haben, nächtliche Mordtaten und Raubüberfälle auf wehrlose politische Funktionäre des gegnerischen Lagers nötig haben? Wenn es noch Leute gibt, die dies bezweifeln, so mögen sie die unten angeführten Dokumente durchlesen und die Dinge bei ihren richtigen Namen nennen.

Als die Bakuer Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Engländer nach Baku riefen und die Bolschewiki verrieten, glaubten sie, die englischen "Gäste" als Macht "ausnutzen" zu können, wobei vorausgesetzt wurde, dass die Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Herren im Lande bleiben, die "Gäste" aber nach Hause fahren würden. In Wirklichkeit geschah das Gegenteil: Die "Gäste" wurden die unumschränkten Herren, die Sozialrevolutionäre und Menschewiki verwandelten sich zwangsläufig in Komplicen bei der hinterhältigen und niederträchtigen Ermordung der 26 bolschewistischen Kommissare, wobei die Sozialrevolutionäre schließlich gezwungen waren, in die Opposition zu gehen und die neuen Herren vorsichtig zu entlarven, die Menschewiki aber sich gezwungen sehen, in ihrer Bakuer Zeitung "Iskra"[72] einen Block mit den Bolschewiki gegen die gestern noch "willkommenen Gäste" zu predigen.

Ist es nicht klar, dass das Bündnis der Sozialrevolutionäre und der Menschewiki mit Agenten des Imperialismus ein "Bündnis" von Sklaven und Lakaien mit ihren Herren ist? Wenn es noch Leute gibt, die das bezweifeln, so sollen sie die unten angeführte "Unterredung" des Generals Thomson mit Herrn Tschaikin durchlesen und auf Ehre und Gewissen sagen, ob Herr Tschaikin einem Herrn gleicht und General Thomson einem "willkommenen Gast".

"Iswestija" Nr. 85,
23. April 1919.
Unterschrift: J. Stalin

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