"Stalin"

Werke

FERNSPRUCH ÜBER DIE DIREKTE LEITUNG
AN W.I. Lenin AUS PETROGRAD[73]

Zweifelsohne ist es um die Truppenverschiebung jetzt besser bestellt als vor ungefähr drei Monaten; für mich ist aber auch klar, dass weder der Oberbefehlshaber noch sein Stabschef die Truppen kennen, die nach Petrograd geschickt werden. Daher solche Überraschungen wie zum Beispiel, dass - angeblich als Regimenter der 2. Brigade oder einer Kavalleriebrigade - aus Kasan Einheiten geschickt werden, die fast keine Leute haben. Bis jetzt hat Petrograd jedenfalls nur insgesamt sechshundert wirklich kampffähige Kursanten erhalten.

Aber es handelt sich natürlich nicht um die Quantität, sondern um die Qualität der Truppen. Wir brauchen alles in allem nur drei Infanterieregimenter, natürlich kampffähige, und wenigstens ein Kavallerieregiment, um die ganze Meute bis hinter Narwa zu jagen. Hätten Sie diese kleine Bitte rechtzeitig erfüllen können, so wären die Esten schon gestern verjagt worden.

Übrigens besteht kein Grund zur Beunruhigung, denn die Lage an der Front hat sich stabilisiert, die Frontlinie hat sich gefestigt, und unsere Truppen rücken stellenweise schon vor.

Heute habe ich unsere karelischen Befestigungen besichtigt und festgestellt, dass die Lage im allgemeinen erträglich ist. Die Finnen schweigen hartnäckig und haben eigentümlicherweise die Gelegenheit nicht genutzt, aber diese Eigentümlichkeit findet ihre Erklärung darin, dass bei den Finnen die Lage im Innern immer unsicherer wird, wie uns sachkundige finnische Genossen versichern.

Heute hat man mir den Vorschlag des Oberbefehlshabers gezeigt, die Flotte wegen der Brennstoffkrise zu reduzieren. Aus diesem Anlass habe ich mit alten unseren Marinefunktionären eine Beratung gehabt und bin zu der Überzeugung gekommen, dass der Vorschlag des Oberbefehlshabers völlig falsch ist. Die Motive: Erstens können die großen Einheiten, falls sie in schwimmende Flöße verwandelt werden, ihre Geschütze nicht einsetzen, das heißt, die letzteren werden einfach nicht schießen können, da zwischen der Bewegung des Schiffes und dem Einsatz des Geschützes ein unmittelbarer Zusammenhang besteht; zweitens ist es nicht wahr, dass wir keine Geschosse großen Kalibers haben, dieser Tage wurden zwölf Lastkähne mit Geschossen "entdeckt"; drittens geht die Brennstoffkrise vorüber, denn wir haben es schon fertig gebracht, vierhundertzwanzigtausend Pud Kohle, Heizöl nicht eingerechnet, aufzuspeichern, wobei wir täglich einen Zug Kohle bekommen; viertens habe ich mich davon überzeugt, dass unsere Flotte zu einer wirklichen Flotte mit disziplinierten Matrosen wird, die bereit sind, Petrograd mit aller Kraft zu verteidigen.

Ich will hier nicht die Anzahl der schon einsatzbereiten Kampfeinheiten nennen, halte es aber für meine Pflicht, zu sagen, dass wir mit den vorhandenen Marinekräften Petrograd vor jeglichen Anschlägen von der Seeseite her mit Ehren verteidigen könnten.

In Anbetracht all dessen bestehe ich ebenso wie alle Petrograder Genossen auf der Ablehnung der Vorschläge des Oberbefehlshabers.

Ferner halte ich es für absolut notwendig, die tägliche Kohlenzufuhr drei bis vier Wochen lang auf zwei Züge zu bringen. Wie unsere Marinefunktionäre versichern, gibt das unserer Unter- und Überwasser-flotte die volle Möglichkeit, endgültig einsatzbereit zu werden.

Stalin

Geschrieben am 25. Mai 1919.
Zuerst veröffentlicht in dem Sammelband:
Dokumente über die heldenhafte
Verteidigung Petrograds im Jahre 1919.
Moskau 1941.

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