"Stalin"

Werke

BRIEF AN W.I. Lenin
ÜBER DIE LAGE AN DER WESTFRONT[77]

An Genossen Lenin

Die Lage an der Westfront wird immer bedrohlicher.

Die alten, schwer mitgenommenen, erschöpften Truppen der XVI. Armee, die von dem aktivsten Gegner an der Westfront, den Polen, bedrängt wird, sind nicht nur außerstande, dem Druck standzuhalten und sich zu verteidigen, sondern sie haben auch die Fähigkeit verloren, die zurückgehenden Batterien zu decken, die natürlich dem Gegner in die Hände fallen. Ich fürchte, dass die XVI. Armee bei einer derartigen Verfassung der Truppen auf dem Rückzug an die Beresina ihre Waffen und Trosse verlieren kann. Es besteht ferner die Gefahr, dass der schwer mitgenommene und völlig zerrüttete Stamm in den meisten Regimentern bald nicht mehr in der Lage sein wird, den Ersatz zu assimilieren, zumal dieser, was gesagt werden muss, mit ungeheuerlicher Verspätung eintrifft.

Der Gegner stößt auf zwei Hauptlinien zur Beresina vor: in Richtung Borissow und in Richtung Sluzk-Bobruisk. Er tut dies erfolgreich, denn er ist schon ungefähr dreißig Werst auf Borissow vorgerückt, im Süden aber hat er nach der Einnahme von Sluzk den Schlüssel zu Bobruisk in seinen Besitz gebracht, nämlich die prächtige Chaussee, die einzige in diesem Gebiet.

Sollte Borissow genommen werden und in Verbindung damit die völlig zerrüttete 17. Division der XVI. Armee zurückfluten, was zu erwarten ist, so droht der XV. Armee der Weichste Schlag, und Polozk und Dwinsk geraten in unmittelbare Gefahr. Sollte aber Bobruisk genommen werden und ein Vorstoß gegen Rjetschiza erfolgen (was das unmittelbare Ziel des Gegners ist), so bricht die ganze Pripjetgruppe der XVI. Armee, das heißt die 8. Division, automatisch zusammen, wobei Gomel unmittelbar bedroht und die Flanke der XII. Armee entblößt wird.

Kurzum, wenn wir zulassen, dass der Gegner unsere XVI. Armee zusammenschlägt, und er ist schon dabei, sie zusammenzuschlagen, dann gefährden wir die XV. und XII. Armee und werden schon nicht mehr die XVI. Armee allein, sondern die gesamte Front flicken müssen, und zwar um einen weit höheren Preis.

Offensichtlich befinden wir uns in ungefähr derselben Lage, in der sich die Ostfront im vergangenen Jahr befand, als Wazetis und Kostjajew es zuließen, dass Koltschak zuerst die III., darauf die II. und dann die V. Armee zusammenschlug, und somit unnötigerweise die Dinge an der gesamten Front auf ein volles halbes Jahr verdarben.

Diese Perspektive hat alle Aussichten, an der Westfront Wirklichkeit zu werden.

Ich habe schon früher geschrieben, dass die Westfront ein Flickwerk darstellt, das sich ohne fertige Reserven unmöglich reparieren lässt, und dass ein einziger ernsthafter Schlag des Gegners an einem der wichtigen Punkte genügt, damit die ganze Front zu wanken oder, richtiger, zu schwanken beginnt.

Jetzt beginnen diese meine Befürchtungen bedauerlicherweise schon in Erfüllung zu gehen.

Indessen hat der Gegner im Westen, der unter einheitlichem Befehl zusammengefasst ist, noch nicht die russischen Korps eingesetzt, die in Riga, Warschau und Kischinew schon bereit- oder doch fast bereitstehen.

Vor drei Wochen hielt ich eine Division für ausreichend, um anzugreifen und die Knotenpunkte Molodetschno-Baranowitschi einzunehmen. Jetzt reicht eine Division vielleicht nicht einmal aus, um die Linie Borissow-Bobruisk-Mosyr zu halten.

Von einem erfolgreichen Angriff kann nicht einmal im Traum die Rede sein, weil dazu jetzt (am 11. August) wenigstens zwei bis drei Divisionen erforderlich wären.

Jetzt entscheiden Sie selbst: Werden Sie uns eine Division, wenigstens brigadenweise, geben können, oder werden Sie es dem Gegner überlassen, die ohnehin zerrüttete XVI. Armee aufzureiben. Aber entscheiden Sie ohne Verzug, denn jede Stunde ist kostbar.

Ihr J. Stalin

PS. Dieser Brief wurde von allen Mitgliedern des Revolutionären Kriegsrats der Westfront, einschließlich des Befehlshabers der Westfront, gelesen und gebilligt. Eine analoge Erklärung wird dieser Tage an den Revolutionären Kriegsrat der Republik abgehen.

J. St.

Smolensk,
11. August 1919.

Zum erstenmal veröffentlicht.

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