"Stalin"

Werke

BRIEF AN W.I. Lenin VON DER SÜDFRONT[78]

Genosse Lenin !

Vor etwa zwei Monaten hatte der Oberbefehlshaber prinzipiell nichts dagegen einzuwenden, dass der Hauptschlag vom Westen nach dem Osten über das Donezbecken geführt werde. Wenn er sich trotzdem zu einem solchen Schlag nicht entschloss, so deshalb, weil er sich auf das nach dem Sommerrückzug der Südtruppen verbliebene "Erbe" berief, das heißt auf die spontan zustande gekommene Truppengruppierung im Gebiet der jetzigen Südostfront, deren (der Gruppierung) Umgliederung einen großen Zeitverlust zum Vorteil Denikins nach sich gezogen hätte. Nur deswegen wandte ich nichts gegen die offiziell beschlossene Richtung des Hauptschlages ein. Jetzt hat sich jedoch die Lage und die mit ihr verbundene Kräftegruppierung grundlegend geändert: Die VIII. Armee (die Hauptkraft an der früheren Südfront) ist in das Gebiet der Südfront gerückt und blickt direkt auf das Donezbecken; das Reiterkorps Budjonnys (die andere Hauptkraft) ist ebenfalls in das Gebiet der Südfront gerückt; eine neue Kraft ist hinzugekommen, die lettische Division, die in einem Monat, wenn sie aufgefrischt sein wird, für Denikin erneut eine drohende Macht darstellen wird.

Sie sehen, dass die alte Gruppierung ("das Erbe") nicht mehr besteht. Was veranlasst nun den Oberbefehlshaber (das Hauptquartier), an dem alten Plan festzuhalten? Offenbar einzig und allein Starrköpfigkeit und, wenn man so will - eine fraktionelle Einstellung, die bornierteste und für die Republik gefährlichste fraktionelle Einstellung, in der der Oberbefehlshaber von dem "strategischen" Streithähnchen Gusjew bestärkt wird. Dieser Tage erteilte der Oberbefehlshaber an Schorin die Direktive, die Offensive gegen Noworossijsk aus dem Bezirk Zarizyn durch die Donsteppen auf einer Linie zu unternehmen, die für unsere Flieger vielleicht geeignet ist, auf der unsere Infanterie und Artillerie jedoch ganz unmöglich vorwärts kommen können. Man braucht nicht erst zu beweisen, dass dieser irrsinnige (geplante) Feldzug in einer uns feindlichen Umgebung, angesichts der völligen Wegelosigkeit, uns mit völligem Zusammenbruch bedroht. Es ist nicht schwer zu begreifen: Dieser Feldzug gegen Kosakenstanizas ist, wie das vor kurzem die Praxis gezeigt hat, nur geeignet, die Kosaken zur Verteidigung ihrer Stanizas gegen uns um Denikin zusammenzuschließen, nur geeignet, Denikin als Retter des Dons hinzustellen, nur geeignet, eine Kosakenarmee für Denikin zu schaffen, das heißt nur geeignet, Denikin zu stärken.

Eben darum muss sofort, ohne jeden Zeitverlust, der schon durch die Praxis abgetane alte Plan geändert und durch einen Plan ersetzt werden, nach dem der Hauptschlag aus dem Bezirk Woronesh über Charkow und das Donezbecken auf Rostow geführt wird. Erstens werden wir hier keine uns feindliche, sondern im Gegenteil eine mit uns sympathisierende Umgebung haben, was unser Vorrücken erleichtern wird. Zweitens bekommen wir das äußerst wichtige Eisenbahnnetz (im Donezgebiet) und die Hauptnachschubader für die Denikinarmee, die Strecke Woronesh-Rostow, in die Hand (ohne diese Strecke bleibt das Kosakenheer den Winter über ohne Versorgung, denn der Don, über den die Donarmee versorgt wird, wird zufrieren, während die Ost-Donezbahn Lichaja-Zarizyn abgeschnitten wird). Drittens spalten wir durch dieses Vorrücken die Denikinarmee in zwei Teile, von denen wir die Freiwilligenarmee Machno zum Fraß überlassen, die Kosakenarmeen aber der Gefahr der Umgehung aussetzen. Viertens erhalten wir die Möglichkeit, die Kosaken mit Denikin zu verfeinden, der (Denikin) im Fall unseres erfolgreichen Vorrückens bemüht sein wird, die Kosakentruppen nach dem Westen zu werfen, worauf die Mehrheit der Kosaken nicht eingehen wird, wenn wir, natürlich, zu dieser Zeit vor den Kosaken die Frage des Friedens, der Friedensverhandlungen und andere mehr stellen. Fünftens bekommen wir Kohle, Denikin aber bleibt ohne Kohle.

Mit der Annahme dieses Planes darf nicht gezögert werden, da der Plan des Oberbefehlshabers betreffs Verschiebung und Verteilung der Regimenter unsere letzten Erfolge an der Südfront zunichte zu machen droht. Ich spreche schon gar nicht davon, dass der letzte Beschluss des ZK und der Regierung - "Alles für die Südfront" - vom Hauptquartier ignoriert wird und faktisch von ihm schon aufgehoben ist.

Kurzum: Der alte, vom Leben bereits abgetane Plan darf auf keinen Fall künstlich aufrechterhalten werden - das wäre gefährlich für die Republik, das würde bestimmt die Lage Denikins erleichtern. Er muss durch einen anderen Plan ersetzt werden. Die Umstände und Bedingungen dafür sind nicht nur herangereift, sondern sie diktieren auch gebieterisch eine solche Ersetzung. Dann wird auch die Verteilung der Regimenter auf neue Art vor sich gehen.

Andernfalls wird meine Arbeit an der Südfront sinnlos, verbrecherisch, unnötig, was mir das Recht gibt oder, richtiger, mich verpflichtet, sonstwohin zu gehen, und sei es zum Teufel, nur nicht an der Südfront zu bleiben.

Ihr Stalin

Serpuchow,
15. Oktober 1919.

Zuerst veröffentlicht in der
"Prawda" Nr. 301,
21. Dezember 1929.

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