"Stalin"

Werke

DIE POLITIK DER SOWJETMACHT IN DER
NATIONALEN FRAGE IN RUSSLAND

Drei Jahre Revolution und Bürgerkrieg in Rußland haben gezeigt, dass ohne die wechselseitige Unterstützung Zentralrußlands und seiner Randgebiete der Sieg der Revolution unmöglich ist, die Befreiung Rußlands aus den Fängen des Imperialismus unmöglich ist. Zentralrußland, dieser Herd der Weltrevolution, kann sich nicht lange ohne die Hilfe der Randgebiete halten, die Roh- und Brennstoffe sowie Lebens-mittel in Hülle und Fülle haben. Die Randgebiete Rußlands sind ihrerseits ohne die politische, militärische und organisatorische Hilfe des höher entwickelten Zentralrußlands unausbleiblich zu imperialistischer Knechtung verurteilt. Wenn die These zutrifft, dass der höher entwickelte proletarische Westen ohne die Hilfe des weniger entwickelten, aber an Roh- und Brennstoffen reichen bäuerlichen Ostens der Weltbourgeoisie nicht den Garaus machen kann, so ist die andere These ebenso zutreffend, dass das höher entwickelte Zentralrußland ohne die Hilfe der weniger entwickelten, aber an den notwendigen Hilfsquellen reichen Randgebiete Rußlands die Sache der Revolution nicht zu Ende führen kann.

Von den ersten Tagen des Bestehens der Sowjetregierung an hat die Entente diesen Umstand zweifellos in Rechnung gestellt, als sie (die Entente) ihren Plan der ökonomischen Einkreisung Zentralrußlands durch die Losreißung seiner wichtigsten Randgebiete durchzuführen suchte. Im Weiteren bleibt der Plan der ökonomischen Einkreisung Rußlands die unveränderliche Grundlage aller Feldzüge der Entente gegen Rußland von 1918 bis 1920, ihre jetzigen Machenschaften in der Ukraine, in Aserbaidshan und in Turkestan nicht ausgenommen.

Umso größeres Interesse gewinnt die Sicherung eines dauerhaften Bündnisses zwischen dem Zentrum und den Randgebieten Rußlands.

Daher die Notwendigkeit, bestimmte Beziehungen, bestimmte Verbindungen zwischen dem Zentrum und den Randgebieten Rußlands herzustellen, die ein festes, unzerstörbares Bündnis zwischen ihnen sichern.

Welcher Art müssen nun diese Beziehungen sein, welche Formen müssen sie annehmen?

Mit anderen Worten: Worin besteht die Politik der Sowjetmacht in der nationalen Frage in Rußland?

Die Forderung nach Lostrennung der Randgebiete von Rußland, als Form der Beziehungen zwischen dem Zentrum und den Randgebieten, muss nicht nur deshalb ausgeschlossen werden, weil sie der Fragestellung an und für sich widerspricht, bei der es um die Herstellung eines Bündnisses zwischen dem Zentrum und den Randgebieten geht, sondern vor allem deshalb, weil sie in krassem Gegensatz zu den Interessen der Volksmassen sowohl des Zentrums als auch der Randgebiete steht. Schon ganz zu schweigen davon, dass eine Lostrennung der Randgebiete die revolutionäre Macht Zentralrußlands untergraben würde, die den Ansporn für die Befreiungsbewegung im Westen und im Osten bildet, würden die Randgebiete selbst nach ihrer Lostrennung unvermeidlich in die Knechtschaft des internationalen Imperialismus geraten. Es genügt, einen Blick auf Georgien, Armenien, Polen, Finnland usw. zu werfen, die nach ihrer Lostrennung von Rußland nur noch den Schein einer Unabhängigkeit bewahrt, sich aber in Wirklichkeit in unbedingte Vasallen der Entente verwandelt haben; es genügt schließlich, sich die jüngste Geschichte der Ukraine und Aserbaidshans in Erinnerung zu rufen, wo jene vom deutschen Kapital und dieses von der Entente ausgeplündert wurde, um zu begreifen, wie konterrevolutionär die Forderung nach Lostrennung der Randgebiete unter den gegenwärtigen internationalen Verhältnissen ist. In einer Situation, da zwischen dem proletarischen Rußland und der imperialistischen Entente ein Kampf auf Leben und Tod entbrennt, gibt es für die Randgebiete nur zwei Wege:

entweder zusammen mit Rußland, und dann - Befreiung der schaffenden Massen der Randgebiete von der imperialistischen Unterdrückung;

oder zusammen mit der Entente, und dann - unvermeidlich das imperialistische Joch.

Einen dritten Weg gibt es nicht.

Die so genannte Unabhängigkeit der so genannten unabhängigen Länder Georgien, Armenien, Polen, Finnland usw. ist nur ein trügerischer Schein, der die vollständige Abhängigkeit dieser, mit Verlaub zu sagen, Staaten von der einen oder der anderen Imperialistengruppe bemäntelt.

Natürlich haben die Randgebiete Rußlands, die Nationen und Volksstämme, die diese Randgebiete bevölkern, ebenso wie alle anderen Nationen, das unveräußerliche Recht auf Lostrennung von Rußland, und wenn irgendeine dieser Nationen in ihrer Mehrheit beschließen sollte, sich von Rußland loszutrennen, wie das mit Finnland 1917 der Fall war, so hätte Rußland wahrscheinlich nur die Tatsache zu konstatieren und die Lostrennung zu sanktionieren. Aber hier geht es nicht um die Rechte der Nationen, die unbestreitbar sind, sondern um die Interessen der .Volksmassen sowohl des Zentrums als auch der Randgebiete; es geht um den durch diese Interessen bestimmten Charakter der Agitation, die unsere Partei durchzuführen verpflichtet ist, wenn sie (die Partei) sich nicht selbst verleugnen will, wenn sie den Willen der schaffenden Massen der Nationalitäten in einer bestimmten Richtung beeinflussen will. Nun, die Interessen der Volksmassen besagen aber, dass die Forderung nach Lostrennung der Randgebiete im gegenwärtigen Stadium der Revolution eine durch und durch konterrevolutionäre Forderung ist.

Ebenso muss die so genannte national-kulturelle Autonomie als Form des Bündnisses zwischen dem Zentrum und den Randgebieten Rußlands ausgeschlossen werden. Die Praxis Österreich-Ungarns (der Heimat der national-kulturellen Autonomie) in den letzten zehn Jahren hat die ganze Kurzlebigkeit und Lebensunfähigkeit der national-kulturellen Autonomie als einer Form des Bündnisses zwischen den schaffenden Massen der Nationalitäten eines Nationalitätenstaates gezeigt. Springer und Bauer, diese Schöpfer der national-kulturellen Autonomie, die jetzt vor dem Scherbenhaufen ihres schlau ausgeklügelten nationalen Programms stehen, sind der lebendige Beweis dafür. Schließlich hat sich sogar der Herold der national-kulturellen Autonomie in Rußland, der weiland berühmte "Bund", selbst unlängst gezwungen gesehen, offiziell die Zwecklosigkeit der national-kulturellen Autonomie zuzugeben, als er offen erklärte:

"Die im Rahmen der kapitalistischen Ordnung erhobene Forderung nach national-kultureller Autonomie verliert unter den Verhältnissen der sozialistischen Revolution ihren Sinn" (siehe. "XII. Konferenz des ´Bund´, S. 21, 1920).

So bleibt die Gebietsautonomie der Randgebiete, die sich durch besondere Lebensweise und nationale Zusammensetzung unterscheiden, als die einzig zweckmäßige Form des Bündnisses zwischen dem Zentrum und den Randgebieten - eine Autonomie, die die Randgebiete Rußlands durch das Band föderativer Beziehungen mit dem Zentrum verbinden soll, also eben die sowjetische Autonomie, die die Sowjetmacht schon in den ersten Tagen ihres Entstehens verkündet hat und die gegenwärtig in den Randgebieten in Gestalt von administrativen Kommunen und autonomen Sowjetrepubliken verwirklicht wird.

Die Sowjetautonomie ist nicht etwas Erstarrtes und ein für allemal Gegebenes; sie lässt die verschiedenartigsten Formen und Stufen ihrer Entwicklung zu. Von der engen, administrativen Autonomie (Wolgadeutsche, Tschuwaschen, Karelier) geht sie zu der umfassenderen, politischen Autonomie über (Baschkiren, Wolgatataren, Kirgisen), von der umfassenden, politischen Autonomie zu ihrer noch breiteren Form (Ukraine, Turkestan) und schließlich vom ukrainischen Typus der Autonomie zur höchsten Form der Autonomie, zum Vertragsverhältnis (Aserbaidshan). Diese Elastizität der sowjetischen Autonomie ist einer ihrer Hauptvorzüge, denn sie (die Elastizität) ermöglicht es, die ganze Mannigfaltigkeit der Randgebiete Rußlands zu erfassen, die auf den verschiedensten kulturellen und ökonomischen Entwicklungsstufen stehen. Die drei Jahre sowjetischer Politik in der nationalen Frage in Rußland haben gezeigt, dass die Sowjetmacht auf dem richtigen Wege ist, wenn sie die sowjetische Autonomie in ihren mannigfaltigen Formen verwirklicht; denn nur dank dieser Politik ist es der Sowjetmacht gelungen, sich den Weg in die entlegensten Winkel der Randgebiete Rußlands zu bahnen, die rückständigsten und in nationaler Hinsicht verschiedenartigsten Massen zu politischem Leben zu erwecken, diese Massen mit dem Zentrum durch die verschiedenartigsten Fäden zu verbinden - eine Aufgabe, die sich keine einzige Regierung der Welt jemals auch nur gestellt (davor fürchtete man sich!), geschweige denn gelöst hat. Die administrative Neueinteilung Rußlands nach den Grundsätzen der sowjetischen Autonomie ist noch nicht beendet; die Nordkaukasier, die Kalmücken, die Tscheremissen, die Wotjaken, die Burjaten und andere warten noch auf die Regelung der Frage, aber wie auch die administrative Karte des künftigen Rußlands aussehen wird und welche Mängel in dieser Beziehung auch unterlaufen sein mögen - und manche Mängel gab es tatsächlich -, man muss anerkennen, dass Rußland mit der Durchführung der administrativen Neueinteilung nach den Grundsätzen der Gebietsautonomie einen gewaltigen Schritt vorwärts getan hat auf dem Wege des Zusammenschlusses der Randgebiete um das proletarische Zentrum, auf dem Wege der Annäherung der Staatsmacht an die breiten Volksmassen der Randgebiete.

Aber die Verkündung dieser oder jener Form der sowjetischen Autonomie, der Erlass entsprechender Dekrete und Beschlüsse, ja sogar die Schaffung von Regierungen der Randgebiete in Gestalt von regionalen Räten der Volkskommissare für die autonomen Republiken sind bei weitem nicht ausreichend zur Festigung des Bündnisses zwischen den Randgebieten und dem Zentrum. Um dieses Bündnis zu festigen, gilt es vor allem, die Entfremdung und Abgeschlossenheit der Randgebiete, die patriarchalischen Zustände und die Kulturlosigkeit sowie das Misstrauen gegen das Zentrum zu überwinden, die die bestialische Politik des Zarismus in den Randgebieten als Erbe hinterlassen hat. Der Zarismus kultivierte in den Randgebieten vorsätzlich die patriarchalisch-feudale Unterdrückung, um die Massen in Sklaverei und Unwissenheit zu halten. Der Zarismus siedelte vorsätzlich an den besten Stellen der Randgebiete kolonisatorische Elemente an, um die einheimischen nationalen Massen in die schlechteren Gebiete abzudrängen und den nationalen Hader zu verstärken. Der Zarismus bedrängte die einheimische Schule, das Theater, die Bildungsstätten, ja mitunter beseitigte er sie einfach, um die Massen in Finsternis zu halten. Der Zarismus erstickte jede Initiative der besten Elemente der einheimischen Bevölkerung. Schließlich tötete der Zarismus jede Aktivität der Volksmassen der Randgebiete. Durch all dies rief der Zarismus unter den einheimischen nationalen Massen tiefstes Misstrauen gegenüber allem Russischen hervor, ein Misstrauen, das zuweilen in Feindseligkeit überging. Um das Bündnis zwischen Zentralrußland und den Randgebieten zu festigen, muss dieses Misstrauen beseitigt, muss eine Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses und des brüderlichen Vertrauens geschaffen werden. Um aber das Misstrauen zu beseitigen, gilt es vor allem, den Volksmassen der Randgebiete zu helfen, sich von den Überresten des feudal-patriarchalischen Jochs zu befreien, gilt es, alle und jedwede Privilegien der kolonisatorischen Elemente in der Tat, und nicht nur in Worten, abzuschaffen, gilt es, die Volksmassen in den Genuss der materiellen Güter der Revolution zu setzen.

Kurzum: Man muss den Massen beweisen, dass das proletarische Zentralrußland ihre und nur ihre Interessen vertritt, und zwar muss man dies nicht allein durch Repressalien gegen die Kolonisatoren und die bürgerlichen Nationalisten beweisen, die den Massen mitunter ganz unverständlich sind, sondern vor allem durch eine konsequente und durchdachte Wirtschaftspolitik.

Die von den Liberalen erhobene Forderung nach allgemeiner Schulpflicht ist allen bekannt. Die Kommunisten in den Randgebieten können nicht rechts von den Liberalen stehen; sie müssen dort die allgemeine Schulpflicht durchführen, wenn sie die Unwissenheit des Volkes aus der Welt schaffen, wenn sie das Zentrum und die Randgebiete Rußlands geistig einander näher bringen wollen. Dazu müssen aber die einheimische nationale Schule, das nationale Theater, die nationalen Bildungsstätten entwickelt und das Kulturniveau der Volksmassen in den Randgebieten gehoben werden, denn es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass Kulturlosigkeit und Unwissenheit der gefährlichste Feind der Sowjetmacht sind. Wir wissen nicht, mit welchem Erfolg unsere Arbeit im allgemeinen in dieser Richtung vor sich geht, doch wird uns mitgeteilt, dass das Gebietsvolkskommissariat für Bildungswesen in einem der wichtigsten Randgebiete für die einheimischen Schulen insgesamt nur zehn Prozent seiner Kredite verausgabt. Wenn das zutrifft, so muss man zugeben, dass wir uns auf diesem Gebiet vom "alten Regime" leider nicht weit entfernt haben.

Die Sowjetmacht darf nicht als eine vom Volk losgelöste Macht betrachtet werden - im Gegenteil, sie ist eine in ihrer Art einzig dastehende, aus den russischen Volksmassen hervorgegangene, ihnen vertraute und nahe stehende Macht. Daraus erklärt sich ja auch die unerhörte Kraft und Geschmeidigkeit, die die Sowjetmacht in kritischen Augenblicken zu offenbaren pflegt.

Es ist notwendig, dass die Sowjetmacht den Volksmassen der Randgebiete Rußlands ebenso vertraut wird und ihnen ebenso nahe kommt. Um ihnen aber vertraut zu werden, muss ihnen die Sowjetmacht vor allem verständlich werden. Daher ist es notwendig, dass alle Sowjetorgane in den Randgebieten, das Gericht, die Verwaltung, die Wirtschaftsorgane, die unmittelbaren Machtorgane (und auch die Parteiorgane) nach Möglichkeit aus Einheimischen bestehen, die die Lebensweise, die Sitten und Gebräuche, die Sprache der einheimischen Bevölkerung kennen, dass in diese Institutionen die besten Vertreter der einheimischen Volksmassen hineingezogen werden, dass die einheimischen schaffenden Massen auf allen Gebieten zur Verwaltung des Landes herangezogen werden, das Gebiet militärischer Formationen eingeschlossen, damit die Massen sehen, dass die Sowjetmacht und ihre Organe das Werk ihrer eigenen Bemühungen, die Verkörperung ihrer Hoffnungen sind. Nur auf diese Weise kann ein unzerstörbares geistiges Band zwischen den Massen und der Staatsmacht geknüpft werden, nur auf diese Weise kann man die Sowjetmacht den werktätigen Massen der Randgebiete verständlich machen und sie ihnen nahe bringen.

Manche Genossen betrachten die autonomen Republiken Rußlands und die sowjetische Autonomie überhaupt als ein vorübergehendes, wenn auch notwendiges Übel, das in Anbetracht bestimmter Umstände zugelassen werden musste, das man aber bekämpfen muss, um es mit der Zeit zu beseitigen. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass diese Auffassung grundfalsch ist und jedenfalls mit der Politik der Sowjetmacht in der nationalen Frage nichts gemein hat. Die sowjetische Autonomie darf nicht als etwas Abstraktes und Ausgeklügeltes betrachtet werden, noch weniger als ein leeres deklaratives Versprechen. Die sowjetische Autonomie ist die realste, konkreteste Form des Zusammenschlusses der Randgebiete mit Zentralrußland. Niemand wird leugnen wollen, dass die Ukraine, Aserbaidshan, Turkestan, Kirgisien, Baschkirien, Tatarien und die anderen Randgebiete, da sie doch das kulturelle und materielle Gedeihen der Volksmassen anstreben, ohne Schulen in der Muttersprache, ohne vorwiegend aus der einheimischen Bevölkerung bestehende Gerichte, Verwaltungs- und Machtorgane nicht auskommen können. Mehr noch: Die wirkliche Sowjetisierung dieser Gebiete, ihre Verwandlung in sowjetische Länder, die mit Zentralrußland fest zu einem staatlichen Ganzen verbunden sind, ist undenkbar ohne umfassende Organisierung von einheimischen Schulen, ohne dass Gerichte, Verwaltungs- und Machtorgane usw. aus Menschen gebildet werden, die die Lebensweise und die Sprache der Bevölkerung kennen. Aber die Tätigkeit der Schule, des Gerichts, der Verwaltung, der Machtorgane in der Muttersprache bedeutet ja eben, die sowjetische Autonomie in der Praxis zu verwirklichen, denn die sowjetische Autonomie ist nichts anderes als die Summe all dieser in ukrainische, turkestanische, kirgisische usw. Form gekleideten Institutionen.

Wie kann man nach alledem ernsthaft von einer Kurzlebigkeit der sowjetischen Autonomie, von der Notwendigkeit ihrer Bekämpfung und dergleichen reden?

Eins von beiden:

Entweder sind die ukrainische, die aserbaidshanische, die kirgisische, die usbekische, die baschkirische und andere Sprachen wirklich eine Realität, wobei es in diesen Gebieten folglich absolut notwendig ist, die in der Muttersprache tätige Schule, das Gericht, die Verwaltung, die Machtorgane aus der einheimischen Bevölkerung zu bilden, und dann muss die sowjetische Autonomie in diesen Gebieten restlos, ohne jeden Vorbehalt durchgeführt werden;

oder die ukrainische, die aserbaidshanische und andere Sprachen sind ein Hirngespinst, die Schulen und sonstige Institutionen in der Muttersprache sind folglich nicht notwendig, und dann muss die sowjetische Autonomie als überflüssiges Gerümpel beiseite geworfen werden.

Das Suchen nach einem dritten Weg ist die Folge einer Unkenntnis der Dinge oder einer bedauerlichen Gedankenarmut.

Ein ernstes Hindernis auf dem Wege zur Durchführung der sowjetischen Autonomie ist der große Mangel an intellektuellen Kräften aus den Reihen der einheimischen Bevölkerung in den Randgebieten, der Mangel an Instrukteuren für ausnahmslos alle Zweige der Sowjet- und Parteiarbeit. Dieser Mangel muss unvermeidlich sowohl die Bildungsarbeit als auch die revolutionäre Aufbauarbeit in den Randgebieten hemmen. Gerade deshalb wäre es aber unvernünftig und für die Sache verhängnisvoll, diese zahlenmäßig ohnehin schwachen Gruppen einheimischer Intellektueller von sich zu stoßen, die vielleicht den guten Willen hätten, den Volksmassen zu dienen, dies aber nicht können, vielleicht darum nicht, weil sie sich als Nichtkommunisten von einer Atmosphäre des Misstrauens umgeben glauben und eventuelle Repressalien befürchten. Gegenüber diesen Gruppen kann mit Erfolg die Politik ihrer Einbeziehung in die Sowjetarbeit angewendet werden, die Politik ihrer Heranziehung zu Funktionen in der Industrie, der Landwirtschaft, im Ernährungswesen usw., zum Zwecke ihrer allmählichen Sowjetisierung. Denn man kann wohl schwerlich behaupten, dass diese Intellektuellengruppen weniger zuverlässig seien als, sagen wir, die konterrevolutionären Militärfachleute, die trotz ihrer konterrevolutionären Gesinnung dennoch zur Arbeit herangezogen und dann auf den wichtigsten Posten sowjetisiert wurden.

Der Einsatz der nationalen Intellektuellengruppen reicht jedoch noch bei weitem nicht aus, um den Bedarf an Instrukteuren zu decken. Gleichzeitig muss in den Randgebieten ein umfassendes Netz von Kursen und Schulen für alle Verwaltungszweige eingerichtet werden, um Kader von Instrukteuren aus der einheimischen Bevölkerung zu schaffen. Denn es ist klar, dass ohne solche Kader die Organisierung von einheimischen Schulen, Gerichten, Verwaltungsorganen und anderen Institutionen in der Muttersprache aufs äußerste erschwert wird.

Ein nicht weniger ernstes Hindernis auf dem Wege zur Verwirklichung der sowjetischen Autonomie ist die oftmals in grobe Taktlosigkeit ausartende Hast, die manche Genossen bei der Sowjetisierung der Randgebiete an den Tag legen. Wenn diese Genossen in Gebieten, die um eine ganze geschichtliche Periode hinter Zentralrußland zurückgeblieben sind, in Gebieten, in denen die mittelalterlichen Lebensformen noch nicht völlig liquidiert sind, sich entschließen, "heroische Anstrengungen" zur Durchführung des "reinen Kommunismus" zu machen, dann kann man mit Sicherheit sagen, dass aus einem solchen Husarenritt, aus einem solchen "Kommunismus" nichts Gutes herauskommen wird. Diesen Genossen möchten wir den bekannten Punkt unseres Programms in Erinnerung bringen, der folgendermaßen lautet:

"Die KPR nimmt den historisch-klassenmäßig bedingten Standpunkt ein und berücksichtigt, auf welcher geschichtlichen Entwicklungsstufe die betreffende Nation steht: auf dem Wege vom Mittelalter zur bürgerlichen Demokratie oder von der bürgerlichen Demokratie zur sowjetischen oder proletarischen Demokratie usw."

Und weiter:

"Jedenfalls muss das Proletariat derjenigen Nationen, die Unterdrückernationen waren, besondere Vorsicht und besondere Aufmerksamkeit gegenüber den Reminiszenzen nationaler Gefühle bei den werktätigen Massen der unterdrückten oder nichtvollberechtigten Nationen walten lassen" (siehe "Programm der KPR").

Das heißt, wenn zum Beispiel der direkte Weg der Wohnungsaufteilung in Aserbaidshan die aserbaidshanischen Massen, die die Wohnung, den häuslichen Herd, als unantastbar, als geheiligt betrachten, von uns abstößt, dann ist es klar, dass wir den direkten Weg der Wohnungsaufteilung durch einen indirekten, durch einen Umweg ersetzen müssen, um dasselbe Ziel zu erreichen. Oder wenn zum Beispiel die daghestanischen Massen, die stark von religiösen Vorurteilen angesteckt sind, "auf Grund des Scharias" den Kommunisten folgen, so ist es klar, dass der direkte Weg des Kampfes gegen die religiösen Vorurteile in diesem Lande durch indirekte, vorsichtigere Wege ersetzt werden muss usw. usf.

Kurzum: Von den Husarenritten, die die "sofortige Kommunisierung" der rückständigen Volksmassen bezwecken, muss man zu einer besonnenen und durchdachten Politik allmählicher Hinüberleitung dieser Massen in die gemeinsame Bahn der sowjetischen Entwicklung übergehen.

Das sind im Großen und Ganzen die praktischen Bedingungen für die Verwirklichung der sowjetischen Autonomie, Bedingungen, deren Durchführung die geistige Annäherung und das dauerhafte revolutionäre Bündnis zwischen dem Zentrum und den Randgebieten Rußlands verbürgt.

Sowjetrußland unternimmt den in der Welt noch nicht dagewesenen Versuch, die Zusammenarbeit einer ganzen Reihe von Nationen und Volksstämmen im Rahmen eines einheitlichen proletarischen Staates auf der Grundlage des gegenseitigen Vertrauens, auf der Grundlage des freiwilligen, brüderlichen Einvernehmens zu organisieren. Die drei Jahre Revolution haben gezeigt, dass dieser Versuch alle Aussichten auf Erfolg hat. Aber er, dieser Versuch, kann nur in dem Fall auf einen vollen Erfolg rechnen, wenn unsere praktische Politik in der nationalen Frage draußen im Lande nicht von den Erfordernissen der verkündeten sowjetischen Autonomie in ihren verschiedenartigen Formen und Stufen ab weicht, wenn ein jeder unserer praktischen Schritte draußen im Lande dazu beiträgt, dass die Volksmassen der Randgebiete der höheren geistigen und materiellen proletarischen Kultur teilhaftig werden, und zwar in Formen, die der Lebensweise und dem nationalen Gepräge dieser Massen entsprechen.

Darin liegt das Unterpfand der Festigung jenes revolutionären Bündnisses zwischen Zentralrußland und den Randgebieten Rußlands, vor dem alle und jedwede Machenschaften der Entente in Staub zerfallen werden.

"Prawda" Nr. 226,
10. Oktober 1920.
Unterschrift: J. Stalin.

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