"Stalin"

Werke

KONGRESS DER VÖLKER DES TEREKGEBIETS[111]

17. November 1920

1. REFERAT ÜBER
DIE SOWJETISCHE AUTONOMIE DES TEREKGEBIETS

Genossen! Der heutige Kongress ist einberufen worden, um den Willen der Sowjetregierung hinsichtlich der Gestaltung des Lebens der Terekvölker und ihrer Beziehungen zu den Kosaken zu verkünden.

Die erste Frage ist das Verhältnis zu den Kosaken.

Das Leben hat gezeigt, dass das Zusammenleben von Kosaken und Bergvölkern im Rahmen einer administrativen Einheit zu endlosen Unruhen geführt hat.

Das Leben hat gezeigt, dass zur Vermeidung gegenseitiger Kränkungen und blutiger Zusammenstöße die Massen der Kosaken von den Massen der Bergvölker getrennt werden müssen.

Das Leben hat gezeigt, dass es für beide Seiten vorteilhaft ist, eine Grenzziehung vorzunehmen.

Aus diesem Grunde hat die Regierung beschlossen, die Mehrheit der Kosaken zu einem besonderen Gouvernement und den größeren Teil der Bergvölker zu einer autonomen Sowjetischen Bergrepublik zusammenzufassen, wobei der Terek als Grenze zwischen ihnen dienen soll.

Die Sowjetmacht strebte an, dass die Interessen der Kosakenschaft nicht verletzt würden. Sie dachte nicht daran, Genossen Kosaken, Ihnen den Boden wegzunehmen. Sie hatte nur den einen Gedanken, Sie vom Joch der zaristischen Generale und der Reichen zu befreien. Diese Politik hat sie von Beginn der Revolution an durchgeführt.

Die Kosaken jedoch benahmen sich mehr als verdächtig. Sie wollten nicht vom alten ablassen, vertrauten der Sowjetmacht nicht. Bald ließen sie sich mit Bitscherachow ein, bald waren sie gut Freund mit Denikin, bald mit Wrangel.

In der letzten Zeit aber, als mit Polen noch nicht Frieden geschlossen war und Wrangel gegen das Donezbecken vorrückte, in diesem Augenblick trat ein Teil der Tereker Kosakenschaft verräterisch - anders kann man es nicht nennen - in den Aufstand gegen unsere Truppen im Hinterland.

Ich spreche von dem nicht lange zurückliegenden Aufstand auf der Sunshaer Linie, der das Ziel hatte, Baku von Moskau abzuschneiden. Dieser Versuch glückte den Kosaken vorübergehend.

Die Bergvölker zeigten sich, zur Schande der Kosaken, in diesem Augenblick als würdigere Bürger Rußlands.

Die Sowjetmacht hatte lange Geduld, aber jede Geduld hat ein Ende. Also mussten infolge der Tatsache, dass sich einige Kosakengruppen als Verräter erwiesen, strenge Maßnahmen gegen sie ergriffen werden, mussten die schuldigen Stanizas ausgesiedelt und mit Tschetschenen besiedelt werden.

Die Bergvölker fassten dies so auf, als könne man jetzt die Terekkosaken ungestraft drangsalieren, sie ausplündern, ihnen das Vieh wegnehmen und den Frauen Gewalt antun.

Ich erkläre, dass sich die Bergvölker gründlich täuschen, wenn sie so denken. Die Bergvölker müssen wissen, dass die Sowjetmacht die Bürger Rußlands in gleicher Weise schützt, ohne Unterschied der Nationalität, ganz einerlei, ob sie Kosaken oder Bergbewohner sind. Man muss dessen eingedenk sein, dass die Sowjetmacht die Bergvölker mit der ganzen Strenge der revolutionären Macht bestrafen wird, wenn sie ihre Ausschreitungen nicht einstellen.

In Zukunft wird das Schicksal der Kosaken, sowohl derjenigen, die in das besondere Gouvernement kommen, als auch derjenigen, die in der Autonomen Bergrepublik verbleiben, ganz und gar von ihrem eigenen Verhalten abhängen. Wenn die Kosaken die verräterischen Ausfälle gegen das Rußland der Arbeiter und Bauern nicht aufgeben, so muss ich sagen, dass die Regierung erneut genötigt sein wird, zu Repressalien zu greifen.

Wenn sich jedoch die Kosaken in Zukunft wie ehrliche Bürger Rußlands benehmen werden, so erkläre ich hier vor dem gesamten Kongress, dass keinem Kosaken auch nur ein Haar gekrümmt werden wird.

Die zweite Frage ist das Verhältnis zu den Bergvölkern des Terekgebiets.

Genossen Bergbewohner! Die alte Periode in der Geschichte Rußlands, in der die Zaren und die zaristischen Generale Ihre Rechte mit Füßen traten, Ihre Freiheiten vernichteten - diese Periode der Unterdrückung und der Sklaverei ist in die Ewigkeit versunken. Jetzt, da die Macht in Rußland in die Hände der Arbeiter und Bauern übergegangen ist, darf es in Rußland keine Unterdrückten mehr geben.

Dadurch, dass Rußland Ihnen die Autonomie gewährt, gibt es Ihnen die Freiheiten zurück, die die Blutsauger, die Zaren und die Unterdrücker, die zaristischen Generale, Ihnen gestohlen haben. Das bedeutet, dass Ihr inneres Leben auf der Grundlage Ihrer Lebensweise, Ihrer Sitten und Gebräuche, natürlich im Rahmen der allgemeinen Verfassung Rußlands, aufgebaut werden soll.

Jedes Volk - die Tschetschenen, die Inguschen, die Osseten, die Kabardiner, die Balkaren, die Karatschaier sowie auch die in dem autonomen Bergterritorium verbliebenen Kosaken - muss seinen nationalen Sowjet haben, der die Angelegenheiten der betreffenden Völker gemäß der Lebensweise und den Besonderheiten der letzteren verwaltet. Ich spreche schon gar nicht von den Zugewanderten, die treue Söhne Sowjetrußlands waren und bleiben und für die sich die Sowjetmacht immer mit allen Kräften einsetzen wird.

Sollte der Beweis erbracht werden, dass das Scharia notwendig ist, dann mag es das Scharia geben. Die Sowjetmacht denkt nicht daran, dem Scharia den Krieg zu erklären.

Sollte der Beweis erbracht werden, dass die Organe der Tscheka und der Besonderen Abteilung es nicht verstehen, sich der Lebensweise und den Besonderheiten der Bevölkerung anzupassen, dann ist klar, dass auch auf diesem Gebiet entsprechende Änderungen vorgenommen werden müssen.

An der Spitze der nationalen Sowjets muss ein Rat der Volkskommissare der Bergrepublik stehen, der von dem Sowjetkongress der letzteren gewählt wird und unmittelbar mit Moskau verbunden ist.

Bedeutet dies, dass die Bergvölker dadurch von Rußland getrennt werden, dass Rußland sie im Stich lässt, dass die Rote Armee nach Rußland abgezogen wird, wie die Bergbewohner voller Besorgnis fragen? Nein, das bedeutet es nicht. Rußland versteht, dass die kleinen Völkerschaften des Tereks, wenn man sie ihrem Schicksal überlässt, außerstande sein werden, ihre Freiheit zu behaupten gegen die Welträuber und ihre Agenten, die nach Georgien geflüchteten Gutsherren aus den Gebirgsgegenden, die von dort aus gegen die werktätigen Bergbewohner intrigieren. Autonomie bedeutet nicht Lostrennung, sondern Bündnis der sich selbst verwaltenden Bergvölker mit den Völkern Rußlands. Dieses Bündnis ist die Grundlage der sowjetischen Autonomie der Bergvölker.

Genossen! Früher pflegte es so zu sein, dass die Regierungen in diese oder jene Reformen, in Konzessionen zugunsten der Völker nur in schweren Augenblicken einwilligten, wenn sie geschwächt waren und der Sympathie ihrer Völker bedurften. So verfuhren die zaristischen und überhaupt die bürgerlichen Regierungen von jeher. Zum Unterschied von ihnen handelt die Sowjetregierung anders. Die Sowjetregierung gewährt Ihnen die Autonomie nicht in einem schwierigen Augenblick, sondern in einem Augenblick glänzender Erfolge auf den Schlachtfeldern, in einem Augenblick des vollen Triumphs über das letzte Bollwerk des Imperialismus auf der Krim.

Das Leben zeigt, dass das, was von den Regierungen in einem kritischen Augenblick gegeben wird, nicht von Dauer, nicht zuverlässig ist, da es immer zurückgenommen werden kann, wenn der kritische Augenblick vorbei ist. Reformen und Freiheiten können nur dann von Dauer sein, wenn sie nicht unter dem Druck einer zeitweiligen, augenblicklichen Notwendigkeit gegeben werden, sondern im vollen Bewusstsein der Nützlichkeit der Reform, wenn sich die Regierung im Vollbesitz ihrer Kräfte und der ganzen Machtfülle befindet. Gerade so handelt jetzt die Sowjetregierung, wenn sie Ihnen Ihre Freiheiten zurückgibt.

Wenn die Sowjetmacht dies tut, will sie sagen, dass sie Ihnen, Genossen Bergbewohner, voll und ganz vertraut, dass sie auf Ihre Fähigkeit, sich selbst zu verwalten, vertraut.

Wir wollen hoffen, dass Sie es verstehen werden, dieses Vertrauen des Rußlands der Arbeiter und Bauern zu rechtfertigen.

Es lebe das Bündnis der Völker des Terekgebiets mit den Völkern Rußlands!

2. SCHLUSSWORT

Genossen! Ich habe einige Anfragen bezüglich der Autonomie bekommen. Ich will sie beantworten.

Die erste Frage ist die Frage der territorialen Grenzen der Sowjetischen Bergrepublik. Die Grenzen der Republik werden im Ganzen bestimmt: im Norden durch den Terek und in den übrigen Richtungen durch die Ländergrenzen der Völker des Terekgebiets: der Tschetschenen, Inguschen, Kabardiner, Osseten, Balkaren, Karatschaier einschließlich der Zugewanderten und der Kosakenstanizas diesseits des Tereks. Das wird das Territorium der Autonomen Bergrepublik bilden. Was die genaueren Grenzlinien anbetrifft, so müssen sie von einer aus Vertretern der Bergrepublik und der angrenzenden Gouvernements bestehenden Kommission festgesetzt werden.

Die zweite Frage: Wo wird das Zentrum der Autonomen Bergrepublik sein, und werden die Städte Grosny und Wladikawkas der Republik angehören? Natürlich werden sie ihr angehören. Als Hauptstadt der Republik kann jede beliebige Stadt gewählt werden. Ich persönlich denke, dass ein solches Zentrum Wladikawkas sein sollte, da dies ein Zentrum ist, das mit allen Völkerschaften des Terekgebiets verbunden ist.

Die dritte Frage ist die Frage des Rahmens der Autonomie selbst. Man fragt sich: Welcher Typus der Autonomie wird der Bergrepublik gewährt?

Es gibt verschiedene Autonomien: eine administrative, wie bei den Kareliern, Tscheremissen, Tschuwaschen, Wolgadeutschen; eine politische, wie bei den Baschkiren, Kirgisen, Wolgatataren. Die Autonomie der Bergrepublik ist eine politische und natürlich eine sowjetische. Es ist eine Autonomie vom Typus Baschkiriens, Kirgisiens, Tatariens. Dies bedeutet, dass an der Spitze der Sowjetischen Bergrepublik ein vom Sowjetkongress zu wählendes Zentralexekutivkomitee der Sowjets stehen wird. Das Zentralexekutivkomitee wählt den unmittelbar mit Moskau in Verbindung stehenden Rat der Volkskommissare. Die Republik wird aus den gemeinsamen Mitteln der Föderativen Republik finanziert werden. Die Volkskommissariate, denen die Angelegenheiten der Wirtschaft und das Militärwesen unterstehen, werden unmittelbar mit den entsprechenden Kommissariaten des Zentrums verbunden sein. Die übrigen Kommissariate: für Justiz, Landwirtschaft, innere Angelegenheiten, Bildung und andere mehr, werden dem ZEK der Sowjetischen Bergrepublik, das mit dem Allrussischen ZEK verbunden ist, unterstellt sein. Der Außenhandel und die auswärtigen Angelegenheiten werden voll und ganz in den Händen der Zentralmacht liegen.

Weiter folgt die Frage nach der Zeit der Verwirklichung der Autonomie. Zur Ausarbeitung eingehender Bestimmungen oder, um gelehrt zu reden, einer "Verfassung" der Republik ist es notwendig, dass von jeder Völkerschaft je ein Vertreter gewählt wird, die zusammen mit den Vertretern der Regierung in Moskau die Verfassung der Autonomen Bergrepublik ausarbeiten könnten.

Es wäre gut, wenn Sie hierfür auf diesem Kongress je einen Vertreter für die Tschetschenen, Inguschen, Osseten, Kabardiner, Balkaren, Karatschaier und die Stanizas, die zur Autonomen Bergrepublik gehören, insgesamt also sieben Vertreter, wählten.

Man fragt mich nach dem Verfahren für die Wahlen zu den nationalen Sowjets. Die Wahlen müssen auf Grund der Verfassung durchgeführt werden, das heißt, das Recht der Wahl zu den Sowjets wird nur Werktätigen gewährt. Die Sowjets müssen aus Werktätigen bestehen.

Bei uns in Rußland ist man der Ansicht, dass, wer nicht arbeitet, auch nicht essen soll. Sie müssen erklären, dass, wer nicht arbeitet, auch nicht wählen soll. Das ist die Grundlage der sowjetischen Autonomie. Darin besteht der Unterschied zwischen der bürgerlichen und der sowjetischen Autonomie.

Die nächste Frage betrifft die Armee.

Die Armee muss unbedingt eine gemeinsame Armee sein, denn die Bergrepublik wird mit ihrer kleinen Armee die Freiheit nicht verteidigen können, wird den Truppen, die von der Entente unterhalten werden, nichts entgegenstellen können.

Zum Schluss meiner Rede möchte ich das Wesentliche hervorheben, das die Autonomie Ihnen, den Bergbewohnern, geben kann.

Das Grundübel, das die Bergvölker ihr Leben lang bedrückte, ist ihre Rückständigkeit, ihre Unwissenheit. Nur die Ausrottung dieses Übels, nur eine groß angelegte Aufklärung der Massen kann die Bergvölker vor dem Aussterben retten, kann sie einer höheren Kultur teilhaftig werden lassen. Deswegen müssen die Bergvölker in ihrer autonomen Republik vor allem mit dem Bau von Schulen, Kulturinstitutionen und Bildungsstätten beginnen.

Der ganze Sinn der Autonomie liegt darin, dass sie die Bergvölker zur Verwaltung ihres Landes heranziehen soll. Es gibt hier bei Ihnen zu-wenig Einheimische, die es verstehen, ihr Volk zu leiten. Das ist der Grund, warum in den Organen des Ernährungskommissariats, der Tscheka, der Besonderen Abteilung, der Volkswirtschaft Russen arbeiten, die Ihre Lebensweise, Ihre Sprache nicht kennen. Es ist notwendig, dass Menschen aus Ihrer Mitte in alle Zweige der Landesverwaltung einbezogen werden. Die Autonomie, von der hier gesprochen wird, ist so zu verstehen, dass in allen Verwaltungsorganen Leute aus Ihrer Mitte sitzen sollen, die Ihre Sprache, Ihre Lebensweise kennen.

Darin besteht der Sinn der Autonomie.

Die Autonomie soll Sie lehren, auf eigenen Füßen zu stehen - das ist das Ziel der Autonomie.

Die Ergebnisse der Autonomie werden sich nicht sofort bemerkbar machen: man kann aus Einheimischen nicht an einem Tage Funktionäre heranbilden, die in der Verwaltung des Landes Erfahrung haben. Aber es werden keine zwei bis drei Jahre vergehen, und Sie werden sich in die Verwaltung Ihres Landes einschalten und Lehrer, Wirtschaftler, Versorgungsfachleute, Landmesser, Militärfachleute, Richter und überhaupt Partei- und Sowjetfunktionäre aus Ihrer Mitte stellen. Und dann werden Sie sehen, dass Sie gelernt haben, sich selbst zu verwalten.

Es lebe die Autonomie der Bergvölker, die Sie lehren wird, Ihr Land zu verwalten, und die Ihnen helfen wird, ebenso aufgeklärt zu werden wie die Arbeiter und Bauern Rußlands, die nicht nur gelernt haben, ihr Land zu verwalten, sondern auch ihre geschworenen Feinde zu besiegen!

"Shisn Nazionalnostej"
(Das Leben der Nationalitäten) Nr. 39 und 40,
8. und 15. Dezember 1920.

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