"Stalin"

Werke

DIE LAGE IM KAUKASUS

Unterredung mit einem Mitarbeiter der "Prawda"

Genosse Stalin, der von einer Dienstreise nach dem Süden zurückgekehrt ist, teilte in einer Unterredung mit unserem Mitarbeiter über die Lage im Kaukasus folgendes mit:

Die große Bedeutung des Kaukasus für die Revolution ist nicht nur dadurch bedingt, dass er eine Quelle von Roh- und Brennstoffen sowie Lebensmitteln ist, sondern auch durch seine Lage zwischen Europa und Asien, insbesondere zwischen Rußland und der Türkei, sowie durch das Vorhandensein von ökonomisch und strategisch höchst wichtigen Straßen. (Batum-Baku, Batum-Täbris, Batum-Täbris-Erserum.)

All dies wird von der Entente in Rechnung gestellt, die gegenwärtig Konstantinopel, diesen Schlüssel zum Schwarzen Meer, besitzt und die die direkte Straße über Transkaukasien nach dem Osten behalten möchte.

Die ganze Frage geht darum, wer sich schließlich im Kaukasus behaupten, wer das Erdöl und die höchst wichtigen Straßen nach Innerasien ausnutzen wird - die Revolution oder die Entente.

Die Befreiung Aserbaidshans hat die Position der Entente im Kaukasus bedeutend geschwächt. Der Kampf der Türkei gegen die Entente hat zu denselben Ergebnissen geführt. Trotzdem gibt sich die Entente nicht geschlagen und spinnt ihr Netz im Kaukasus.

Die Verwandlung von Tiflis in eine Basis der konterrevolutionären Tätigkeit; die Bildung der bürgerlichen Regierungen Aserbaidshans, Daghestans und der Bergvölker des Terekgebiets, natürlich mit Mitteln der Entente und mit Hilfe des bürgerlichen Georgiens; das Kokettieren mit den Kemalisten und die Predigt der Ideen einer Föderation der kaukasischen Völker unter dem Protektorat der Türkei; der von der Entente veranlasste ständige Ministerwechsel in Persien und die Überschwemmung Persiens mit Sepoys - all dies und viel Ähnliches zeugt davon, dass die alten Wölfe der Entente nicht schlafen. Zweifelsohne ist die Tätigkeit der Agenten der Entente in dieser Richtung bedeutend lebhafter geworden und hat nach der Zerschlagung Wrangels fieberhaften Charakter angenommen.

Welche Aussichten hat die Entente und welche Aussichten hat die Revolution im Kaukasus?

Zweifelsohne sind die Aussichten der Entente, zum Beispiel in Daghestan und im Terekgebiet, auf Null gesunken. Die Zerschlagung Wrangels und die Proklamierung der Sowjetautonomie in Daghestan und im Terekgebiet sowie die intensive sowjetische Aufbauarbeit in diesen Gebieten haben die Lage der Sowjetregierung in dieser Gegend gefestigt. Es ist kein Zufall, dass die Volkskongresse der Vertreter der Millionenbevölkerung des Terekgebiets und Daghestans feierlich geschworen haben, im engen Bündnis mit den Arbeitern und Bauern Rußlands für die Sowjets zu kämpfen.

Die Bergvölker haben die Proklamierung der Autonomie, die nicht in einem für die Sowjetmacht schwierigen Augenblick, sondern in einem Augenblick gewaltiger Erfolge ihrer Truppen stattfand, richtig als ein Zeichen des Vertrauens der Staatsmacht zu den Bergvölkern bewertet. "Das, was eine Staatsmacht den Völkern in einem schwierigen Augenblick unter dem Druck einer augenblicklichen Notwendigkeit gewährt, ist nicht von Dauer", sagten mir Bergbewohner in einem persönlichen Gespräch. "Von Dauer sind nur die Reformen und die Freiheiten von oben, die auf Grund der Siege über die Feinde gewährt werden, wie das jetzt die Sowjetregierung tut."

Ebenso gering sind die Aussichten der Entente in Aserbaidshan, das seine Unabhängigkeit errungen hat und ein freiwilliges Bündnis mit den Völkern Rußlands eingegangen ist. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass die gierigen Krallen der Entente, die nach Aserbaidshan und dem Bakuer Erdöl ausgestreckt sind, bei den Werktätigen Aserbaidshans nur Abscheu hervorrufen werden.

Die Aussichten der Entente in Armenien und Georgien sind nach der Zerschlagung Wrangels ebenfalls bedeutend gesunken. Das Armenien der Daschnaken ist zweifellos der Provokation der Entente zum Opfer gefallen, die es auf die Türkei gehetzt und dann schmählich den Türken zum Fraß überlassen hat. Es kann wohl kaum bezweifelt werden, dass für Armenien keine Möglichkeiten zur Rettung übrig geblieben sind, außer der einen: dem Bündnis mit Sowjetrußland. Dieser Umstand wird zweifellos allen Völkern, deren bürgerliche Regierungen nicht aufhören, vor der Entente zu katzbuckeln, vor allem Georgien, als Lehre dienen.

Die katastrophale Wirtschafts- und Versorgungslage Georgiens ist eine Tatsache, die selbst von den Machthabern des jetzigen Georgiens festgestellt wird. Georgien, das sich in den Netzen der Entente verstrickt und infolgedessen sowohl das Bakuer Erdöl als auch das Kubangetreide verloren hat, Georgien, das sich in die Hauptbasis der imperialistischen Operationen Englands und Frankreichs verwandelt hat und deshalb zu Sowjetrußland in feindliche Beziehungen getreten ist - dieses Georgien liegt heute in den letzten Zügen. Nicht umsonst hat der degenerierte Führer der sterbenden II. Internationale, Herr Kautsky, der von der revolutionären Welle aus Europa hinausgespült wurde, in dem muffigen, in den Netzen der Entente verstrickten Georgien, bei den bankrotten georgischen Sozialbudikern Unterschlupf gefunden. Es kann wohl kaum bezweifelt werden, dass Georgien in einem schwierigen Augenblick von der Entente genau so im Stich gelassen wird wie Armenien.

Die Lage der Engländer in Persien, ihre Lage als Eroberer Persiens, wird immer durchsichtiger. Bekanntlich ist die persische Regierung, die phantastisch oft ihre Zusammensetzung ändert, ein Deckmantel für die englischen Militärattaches. Bekanntlich haben die so genannten persischen Truppen aufgehört zu existieren, da englische Sepoys auf der Bildfläche erschienen sind, um sie abzulösen. Bekanntlich haben in Teheran und Täbris in diesem Zusammenhang eine ganze Reihe von Massenaktionen gegen England stattgefunden. Es lässt sich wohl kaum bezweifeln, dass dieser Umstand die Aussichten der Entente in Persien nicht verbessern kann.

Schließlich die Türkei. Zweifellos geht die Periode des Vertrags von Sevres[112], der gegen die Türkei überhaupt und gegen die Kemalisten im Besonderen gerichtet ist, dem Ende entgegen. Der Kampf der Kemalisten gegen die Entente und die sich auf dieser Grundlage verstärkende Gärung in den Kolonien Englands einerseits, die Zerschlagung Wrangels und der Sturz Venizelos in Griechenland anderseits haben die Entente gezwungen, ihre Politik gegenüber den Kemalisten bedeutend zu mäßigen. Die Zerschlagung Armeniens durch die Kemalisten bei absoluter "Neutralität" der Entente, die Gerüchte über die geplante Rückgabe Thraziens und Smyrnas an die Türkei, die Gerüchte über Verhandlungen zwischen den Kemalisten und dem Sultan, dem Agenten der Entente, sowie über die geplante Räumung Konstantinopels und schließlich die Ruhe an der türkischen Westfront - all das sind Symptome, die davon zeugen, dass die Entente ernstlich mit den Kemalisten kokettiert und dass sich eine gewisse Rechtsschwenkung der Kemalisten vollzieht.

Womit das Kokettieren der Entente enden wird und wie weit die Kemalisten bei ihrer Rechtsschwenkung gehen werden - ist schwer zu sagen. Aber eins steht immerhin außer Zweifel, nämlich dass sich der Kampf für die Befreiung der Kolonien, der vor einigen Jahren begann, trotz allem verstärken wird, dass Rußland als anerkannter Bannerträger dieses Kampfes mit allen Kräften und mit allen Mitteln die Anhänger dieses Kampfes unterstützen wird, dass dieser Kampf zum Siege führen wird, entweder zusammen mit den Kemalisten, sofern sie nicht die Sache der Befreiung der unterdrückten Völker verraten, oder entgegen den Kemalisten, wenn sie im Lager der Entente landen.

Davon zeugen die auflodernde Revolution im Westen und die wachsende Macht Sowjetrußlands.

"Prawda" Nr. 269,
30. November 1920.

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