"Stalin"

Werke

Band 5

REDE BEI ERÖFFNUNG DER BERATUNG
DER KOMMUNISTEN DER TURKVÖLKER DER RSFSR[1]

1. Januar 1921
(Protokollarische Niederschrift)


Turkvölker: Sprach- und Völkergruppe im Südosten Europas (Türken), in Nord-, Mittel- und Vorderasien (u.a. Aserbaidschaner, Baschkiren, Kirgisen, Kasachen, Tataren, Turkmenen, Uiguren, Usbeken); zumeist Muslime. Die Urheimat der Turkvölker (erste Erwähnung des Namens "Türk" im 6. Jahrhundert) lag in Zentralasien (Altairegion). Vom 6. bis 8. Jahrhundert bildeten die nomadischen Turkvölker Steppenimperien von der Mongolei bis zur Ukraine. Durch Wanderungen einzelner Stämme oder Stammesverbände dehnte sich ihr Siedlungsgebiet nach Westen aus, dabei wurden viele Nomaden unter iranischem Einfluss sesshaft. Im 11. Jahrhundert drangen die türkischen Seldschuken nach Kleinasien vor, wo im 13. Jahrhundert das Osmanische Reich entstand. Besonders bekannt wurden auch die Protobulgaren, die Chasaren und Polowzer (Kumanen)

(Quelle: http://steppenreiter.de/turkv?lker.htm)

(Anm.: Daniel Weigelt)


Bei Eröffnung der Beratung hebt Genosse Stalin den unbefriedigenden Stand der Arbeit des Zentralbüros, das neu gewählt werden soll, hervor und charakterisiert dann kurz die Entwicklungsbedingungen des Kommunismus unter den Turkvölkern der RSFSR.

Die Entwicklung des Kommunismus in Rußland hat eine lange, mehrere Jahrzehnte währende Geschichte theoretischer Arbeit und theoretischen Kampfes innerhalb des russischen Sozialismus. Aus diesem Kampf ging eine festgefügte Gruppe führender Elemente hervor, die genügend stark in der Theorie und standhaft in prinzipieller Hinsicht waren, um die Parteimassen führen zu können.

Zum Unterschied davon ist der Kommunismus im Osten unseres Landes erst vor kurzem entstanden, im Verlauf des praktischen revolutionären Kampfes um den Sozialismus, ohne vorher ein Stadium der theoretischen Entwicklung durchgemacht zu haben. Hieraus entspringt die theoretische Schwäche des Kommunismus in den Turkländern, eine Schwäche, die nur durch die Schaffung einer auf den Prinzipien des Kommunismus fußenden Literatur in den Turksprachen unseres Landes beseitigt werden kann.

In der Entwicklungsgeschichte des russischen Kommunismus hatte der Kampf gegen die nationalistische Abweichung niemals ernste Bedeutung. Als ehemals herrschende Nation haben die Russen im allgemeinen, die russischen Kommunisten im besonderen, keine nationale Unterdrückung erlebt; sie hatten eigentlich, von gewissen Stimmungen des "Großmachtchauvinismus" abgesehen, mit nationalistischen Tendenzen in ihrer Mitte nichts zu tun und brauchten darum solche Tendenzen nicht oder fast nicht zu überwinden.

Zum Unterschied davon hatten und haben es die Kommunisten der Turkländern als Söhne unterdrückter Völker, die das Stadium nationaler Unterdrückung durchgemacht haben, dauernd mit einer nationalistischen Abweichung, mit Überresten des Nationalismus in ihrer Mitte zu tun, deren Überwindung eine dringende Aufgabe der turkischen Kommunisten bildet. Dieser Umstand ist zweifellos ein Hemmnis für die Herauskristallisierung des Kommunismus im Osten unseres Landes.

Der Kommunismus im Osten hat jedoch auch seine günstige Seite. Bei der praktischen Verwirklichung des Sozialismus verfügten die russischen Kommunisten nicht oder fast nicht über Erfahrungen der fortgeschrittenen Länder Europas (Europa hatte hauptsächlich die Erfahrungen des parlamentarischen Kampfes geliefert), so dass sie sich den Weg zum Sozialismus sozusagen mit eigenen Mitteln bahnen mussten, wobei eine Reihe von Fehlern unvermeidlich war.

Zum Unterschied davon hatte der turkische Kommunismus, der im praktischen Kampf um den Sozialismus, Seite an Seite mit den russischen Genossen, entstanden ist, die Möglichkeit, die praktischen Erfahrungen der russischen Genossen auszunutzen und Fehler zu vermeiden. Dieser Umstand ist die Garantie dafür, dass der Kommunismus im Osten alle Aussichten hat, sich in schnellem Tempo zu entwickeln und zu festigen.

Alle diese Umstände bestimmten die verhältnismäßig nachsichtige Politik des ZK der Partei gegenüber dem immer noch jungen turkischen Kommunismus, eine Politik, die darauf gerichtet ist, den standhaften kommunistischen Elementen des Ostens in ihrem Kampf gegen die oben erwähnten Schwächen und Mängel des turkischen Kommunismus zu helfen.

Das Zentralbüro ist der Apparat, durch den Maßnahmen durchgeführt werden müssen, um die Überreste des Nationalismus zu bekämpfen und den Kommunismus im Osten unseres Landes theoretisch zu festigen.

"Prawda" Nr. 6,
12. Januar 1921.

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