"Stalin"

Werke

Band 5

UNSERE MEINUNGSVERSCHIEDENHEITEN

Unsere Meinungsverschiedenheiten in der Gewerkschaftsfrage drehen sich nicht um die prinzipielle Beurteilung der Gewerkschaften. Die von Trotzki des öfteren zitierten bekannten Punkte unseres Programms über die Rolle der Gewerkschaften und die Resolution des IX. Parteitags über die Gewerkschaften[2] bleiben in Kraft (und werden in Kraft bleiben). Niemand bestreitet, dass die Gewerkschaften und die Wirtschaftsorgane einander wechselseitig durchdringen müssen und durchdringen werden ("das Zusammenwachsen"). Niemand bestreitet, dass der gegenwärtige Augenblick der wirtschaftlichen Wiedergeburt des Landes eine allmähliche Umwandlung der Industriegewerkschaften, die dies vorerst nur dem Namen nach sind, in wirkliche Industriegewerkschaften erheischt, die fähig sind, die wichtigsten Zweige unserer Industrie auf die Beine zu stellen. Kurzum, unsere Meinungsverschiedenheiten sind nicht prinzipieller Natur.

Ebensowenig berühren unsere Meinungsverschiedenheiten die Frage, ob in den Gewerkschaften und in der Arbeiterklasse überhaupt eine Arbeitsdisziplin notwendig ist. Das Gerede darüber, dass ein Teil unserer Partei "die Zügel schießen lässt" und die Massen dem Spiel von Elementargewalten überlässt, ist ein Resultat geistiger Beschränktheit. Die führende Rolle der Parteielemente innerhalb der Gewerkschaften sowie der Gewerkschaften innerhalb der Arbeiterklasse bleibt eine unbestreitbare Wahrheit.

Noch weniger berühren unsere Meinungsverschiedenheiten die Frage der qualitativen Zusammensetzung der Zentralkomitees der Gewerkschaften und des Allrussischen Zentralrats der Gewerkschaften. Alle stimmen darin überein, dass die Zusammensetzung dieser Institutionen bei weitem nicht ideal ist, dass sich eine Reihe militärischer und anderer Mobilmachungen verheerend auf die Gewerkschaften ausgewirkt hat, dass man den Gewerkschaften ihre alten Funktionäre zurückgeben und neue zuführen, dass man ihnen technische Mittel zur Verfügung stellen muss usw.

Nein, nicht auf diesem Gebiet liegen unsere Meinungsverschiedenheiten.

I
ZWEI METHODEN
DES HERANGEHENS AN DIE ARBEITERMASSEN

Unsere Meinungsverschiedenheiten drehen sich um die Fragen nach der Art und Weise, wie die Arbeitsdisziplin in der Arbeiterklasse zu festigen ist, nach den Methoden, wie an die Arbeitermassen heranzugehen ist, um sie zur Wiederherstellung der Industrie heranzuziehen, und nach den Wegen, die einzuschlagen sind, um die jetzt schwachen Gewerkschaften zu mächtigen, wirklichen Industriegewerkschaften zu machen, die fähig sind, unsere Industrie zu neuem Leben zu erwecken.

Es gibt zwei Methoden: die Methode des Zwanges (die militärische Methode) und die Methode der Überzeugung (die gewerkschaftliche Methode). Die erste Methode schließt keineswegs Elemente der Überzeugung aus, doch sind hier die Elemente der Überzeugung den Erfordernissen der Methode des Zwanges untergeordnet und bilden ein Hilfsmittel für diese. Die zweite Methode schließt ihrerseits Elemente des Zwanges nicht aus, doch sind hier die Elemente des Zwanges den Erfordernissen der Methode der Überzeugung untergeordnet und bilden ein Hilfsmittel für diese. Diese beiden Methoden miteinander zu verwechseln ist ebenso unzulässig, wie es unzulässig ist, die Armee und die Arbeiterklasse in einen Topf zu werfen.

Eine Gruppe von Parteiarbeitern, mit Trotzki an der Spitze, die von den Erfolgen der militärischen Methoden innerhalb der Armee berauscht ist, meint, man könne und müsse diese Methoden in die Arbeitermassen, In die Gewerkschaften verpflanzen, um bei der Festigung der Gewerkschaften, bei der Wiedergeburt der Industrie die gleichen Erfolge zu erzielen. Diese Gruppe vergisst jedoch, dass die Armee und die Arbeiter zwei verschiedenartige Sphären darstellen, dass eine Methode, die für die Armee tauglich ist, sich für die Arbeiterklasse und ihre Gewerkschaften als untauglich, als schädlich erweisen kann.

Die Armee ist keine homogene Größe, sie setzt sich aus zwei grundlegenden sozialen Gruppen zusammen, aus Bauern und Arbeitern, von denen die ersten die zweiten um ein Mehrfaches überwiegen. Als der VIII. Parteitag[3] die Notwendigkeit vorwiegender Anwendung der Methoden des Zwanges in der Armee begründete, ging er davon aus, dass unsere Armee hauptsächlich aus Bauern besteht, dass die Bauern für den Sozialismus nicht kämpfen werden, dass man sie zwingen kann und muss, für den Sozialismus zu kämpfen, indem man Methoden des Zwanges anwendet. Hieraus erwuchsen solche rein militärische Methoden der Einwirkung wie das System der Kommissare mit den politischen Abteilungen, die Revolutionstribunale, die Disziplinarstrafen, die Besetzung aller Posten durch Ernennungen usw.

Im Gegensatz zur Armee ist die Arbeiterklasse sozial homogen, sie neigt kraft ihrer ökonomischen Lage zum Sozialismus hin, ist der kommunistischen Agitation leicht zugänglich, organisiert sich freiwillig in Gewerkschaften und bildet infolge all dessen die Grundlage, das Salz des Sowjetstaates. Es ist darum nicht verwunderlich, dass der praktischen Arbeit unserer Industriegewerkschaften die überwiegende Anwendung von Methoden der Überzeugung zugrunde gelegt wurde. Hieraus erwuchsen solche rein gewerkschaftliche Methoden der Einwirkung wie die Aufklärung, die Massenpropaganda, die Entfaltung der Initiative und Selbsttätigkeit der Arbeitermassen, die Wählbarkeit usw.

Trotzkis Fehler besteht darin, dass er den Unterschied zwischen Armee und Arbeiterklasse unterschätzt, die militärischen Organisationen und die Gewerkschaften auf die gleiche Stufe stellt und - wohl aus Gewohnheit - versucht, die militärischen Methoden aus der Armee auf die Gewerkschaften, auf die Arbeiterklasse zu übertragen.

"Die nackte Gegenüberstellung der militärischen Methoden (Befehl, Strafe) und der gewerkschaftlichen Methoden (Aufklärung, Propaganda, Selbsttätigkeit)", sagt Trotzki in einem der Dokumente, "ist ein Ausdruck kautskyanischmenschewistisch-sozialrevolutionärer Vorurteile... Allein schon die Gegenüberstellung der Arbeits- und der Militärorganisation im Arbeiterstaat bedeutet eine schmähliche Kapitulation vor dem Kautskyanertum."

So spricht Trotzki.

Lässt man das unnötige Wortgeprassel über "Kautskyanertum", "Menschewismus" usw. beiseite, so ist klar, dass Trotzki den Unterschied nicht begriffen hat, der zwischen den Arbeiterorganisationen und den Militärorganisationen besteht, nicht begriffen hat, dass zu einem Zeitpunkt, da der Krieg beendet ist und die Industrie zu neuem Leben erweckt werden muss, die Gegenüberstellung der militärischen Methoden und der demokratischen (gewerkschaftlichen) Methoden notwendig, unumgänglich ist, dass infolgedessen die Übertragung der militärischen Methoden auf die Gewerkschaften falsch, schädlich ist.

Dieses Nichtbegreifen liegt den kürzlich erschienenen polemischen Broschüren Trotzkis über die Gewerkschaften zugrunde.

In diesem Nichtbegreifen ist die Quelle der Fehler Trotzkis zu suchen.

II
BEWUSSTER DEMOKRATISMUS
UND ERZWUNGENER "DEMOKRATISMUS"

Manche glauben, das Reden über Demokratismus in den Gewerkschaften sei eine hohle Deklamation, eine Mode, hervorgerufen durch gewisse Erscheinungen des innerparteilichen Lebens, man werde das "Geschwätz" über Demokratismus mit der Zeit satt bekommen und alles werde seinen "alten Gang" gehen.

Andere wiederum meinen, der Demokratismus in den Gewerkschaften sei im Grunde genommen ein Zugeständnis, ein erzwungenes Zugeständnis an die Forderungen der Arbeiter, wir hätten es hier eher mit Diplomatie als mit etwas Wirklichem, etwas Echtem zu tun.

Es erübrigt sich zu sagen, dass sowohl die einen als auch die anderen Genossen sich gründlich irren. Der Demokratismus in den Gewerkschaften, das heißt das, was man als "normale Methoden der proletarischen Demokratie innerhalb der Gewerkschaften" zu bezeichnen pflegt, ist ein den proletarischen Massenorganisationen eigener bewusster Demokratismus, der das Bewusstsein der Notwendigkeit und Nützlichkeit einer systematischen Anwendung der Methoden der Überzeugung gegenüber den Millionenmassen gewerkschaftlich organisierter Arbeiter voraussetzt. Ohne dieses Bewusstsein wird der Demokratismus zu leerem Schall.

Solange Krieg war und Gefahr vor der Tür stand, fanden die Appelle unserer Organisationen "Der Front zu Hilfe" lebhaften Widerhall bei den Arbeitern, war doch die Gefahr des Untergangs allzu greifbar, hatte doch diese Gefahr eine ganz konkrete und für alle sichtbare Form in Gestalt der Armeen Koltschaks, Judenitschs, Denikins, Pilsudskis und Wrangels, die vorrückten und die Macht der Gutsbesitzer und Kapitalisten wiederherstellten. Damals war es nicht schwer, die Massen zu mobilisieren. Jetzt jedoch, da die Kriegsgefahr beseitigt, die neue Gefahr aller, die wirtschaftliche Gefahr (wirtschaftliche Zerrüttung), für die Massen bei weitem nicht so greifbar ist, lassen sich die breiten Massen durch Appelle allein nicht mobilisieren. Gewiss, der Mangel an Brot und Textilien wird von allen empfunden, aber erstens wissen sich die Menschen trotzdem zu helfen und treiben irgendwie Brot und Textilien für sich auf, so dass die Gefahr des Brot- und Warenmangels die Massen lange nicht so antreibt, wie sie die Kriegsgefahr angetrieben hatte; zweitens wird niemand behaupten wollen, dass die wirtschaftliche Gefahr (der Mangel an Lokomotiven, landwirtschaftlichen Maschinen, Textilfabriken, Hüttenwerken, Mangel an Ausrüstung für Kraftwerke usw.) im Bewusstsein der Massen ebenso real ist, wie es die Kriegsgefahr in jüngster Vergangenheit war. Um die Millionenmassen der Arbeiterklasse gegen die wirtschaftliche Zerrüttung in Bewegung zu setzen, gilt es, die Initiative, die Bewusstheit, die Selbsttätigkeit der breiten Massen zu heben, gilt es, sie an Hand konkreter Tatsachen davon zu überzeugen, dass die wirtschaftliche Zerrüttung eine ebenso reale und tödliche Gefahr ist, wie es gestern die Kriegsgefahr war, gilt es, durch demokratisch aufgebaute Gewerkschaften Millionen Arbeiter zur Wiederherstellung der Wirtschaft heranzuziehen. Nur so kann man den Kampf der Wirtschaftsorgane gegen die wirtschaftliche Zerrüttung zur ureigenen Angelegenheit der ganzen Arbeiterklasse machen. Geschieht das nicht, ist ein Sieg an der Wirtschaftsfront unmöglich.

Kurzum: Bewusster Demokratismus, die Methode der proletarischen Demokratie innerhalb der Gewerkschaften ist die einzig richtige Methode der Industriegewerkschaften.

Mit diesem Demokratismus hat der erzwungene "Demokratismus" nichts gemein.

Liest man die Broschüre Trotzkis "Die Rolle und die Aufgaben der Gewerkschaften", dann könnte man meinen, Trotzki sei im Grunde genommen "ebenfalls" für die "demokratische" Methode. Aus diesem Grunde glauben manche Genossen, es handle sich bei unseren Meinungsverschiedenheiten nicht um die Methoden der Gewerkschaftsarbeit. Das ist jedoch völlig falsch. Denn der "Demokratismus" Trotzkis ist ein erzwungener, halber, prinzipienloser Demokratismus und ergänzt als solcher lediglich die militär-bürokratische Methode, die für die Gewerkschaften unbrauchbar ist.

Man urteile selber.

In Ausführung eines Anfang November 1920 vom ZK gefassten Beschlusses nimmt die kommunistische Fraktion der V. Allrussischen Gewerkschaftskonferenz eine Resolution an, dass "es notwendig ist, den energischsten und planmäßigsten Kampf gegen die Ausartung des Zentralismus und der militarisierten Arbeitsformen in Bürokratismus, bornierte Selbstherrlichkeit, Beamtendünkel und kleinliche Bevormundung der Gewerkschaften zu führen..., dass auch für das Zektran (das von Trotzki geleitete ZK der Arbeiter des Verkehrswesens) die Zeit der durch besondere Bedingungen hervorgerufenen spezifischen Verwaltungsmethoden, um derentwillen der Glawpolitputj. (Politische Hauptverwaltung des Eisenbahnwesens. Der Übers.) geschaffen worden war, nunmehr zu Ende geht", dass die kommunistische Fraktion der Konferenz infolgedessen "dem Zektran empfiehlt, die normalen Methoden der proletarischen Demokratie innerhalb der Gewerkschaft zu verstärken und zu entwickeln", und das Zektran verpflichtet, "aktiv an der gesamten Tätigkeit dem Allrussischen Zentralrats der Gewerkschaften teilzunehmen und ihm mit gleichen Rechten wie auch die anderen Gewerkschaftsverbände anzugehören" (siehe "Prawda" Nr.255). Doch ungeachtet dieses Beschlusses verfolgen Trotzki und das Zektran den ganzen November hindurch die alte halbbürokratische, halbmilitärische Linie und versuchen, nach wie vor gestützt auf den Glawpolitputj und den Glawpolitwod (Politische Hauptverwaltung des Schifffahrtswesens. Der Übers.), den Allrussischen Zentralrat der Gewerkschaften "durchzurütteln", zu sprengen und auf einer privilegierten Stellung des Zektrans unter den anderen Gewerkschaftsverbänden zu beharren. Mehr noch, in einem Schreiben "An die Mitglieder des Politbüros des ZK" vom 30. November erklärt Trotzki ebenso "unerwartet", dass "der Glawpolitwod ... zumindest in den nächsten zwei bis drei Monaten auf keinen Fall aufgelöst werden kann". Und nun? Sechs Tage nach diesem Schreiben (am 7.Dezember) stimmt derselbe Trotzki ebenso "unerwartet" im ZK dafür, dass "der Glawpolitputj und der Glawpolitwod unverzüglich aufgelöst werden und alle ihre Kräfte und Mittel auf der Grundlage des normalen Demokratismus der Gewerkschaftsorganisation übergeben werden". Und 8 Mitglieder des ZK, darunter Trotzki, stimmen dafür, gegen 7 Mitglieder, die eine Auflösung dieser Institutionen bereits für ungenügend halten und fordern, dass außerdem die gegenwärtige Zusammensetzung des Zektrans geändert werde. Um das Zektran in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung zu retten, stimmt Trotzki für eine Auflösung der politischen Hauptverwaltungen im Zektran.

Was hat sich in diesen sechs Tagen geändert? Vielleicht sind die Eisenbahn- und Schifffahrtsarbeiter in diesen sechs Tagen so gewachsen, dass der Glawpolitputj und der Glawpolitwod für sie nicht mehr notwendig sind? Oder vielleicht ist in dieser kurzen Zeitspanne eine wichtige Veränderung in der innen- oder außenpolitischen Situation eingetreten? Natürlich nicht. Es handelt sich darum, dass die Schifffahrtsarbeiter vom Zektran entschieden die Auflösung der politischen Hauptverwaltung und eine Veränderung der Zusammensetzung des Zektrans gefordert haben und die Gruppe Trotzkis, die ein Fiasko fürchtete und bestrebt war, wenigstens das Zektran in seiner alten Zusammensetzung zu erhalten, sich gezwungen sah, zurückzuweichen und Teilzugeständnisse zu machen, die übrigens niemand befriedigten.

Das sind die Tatsachen.

Es bedarf wohl kaum eines Beweises, dass dieser erzwungene, halbe, prinzipienlose "Demokratismus" nichts gemein hat mit den "normalen Methoden der proletarischen Demokratie innerhalb der Gewerkschaften", die vom ZK der Partei schon Anfang November empfohlen wurden und die so notwendig sind, um unsere Industriegewerkschaften zu neuem Leben zu erwecken.

*

In seinem Schlusswort in der Diskussionsversammlung der kommunistischen Fraktion des Sowjetkongresses[4] protestierte Trotzki dagegen, dass in die Diskussionen über die Gewerkschaften ein politisches Element hineingetragen werde, und behauptete, Politik hätte hier nichts zu suchen. Man muss feststellen, dass Trotzki hier absolut unrecht hat. Es braucht wohl kaum bewiesen zu werden, dass in einem Arbeiter- und Bauernstaat kein einziger wichtiger Beschluss von gesamtstaatlicher Bedeutung, besonders wenn er die Arbeiterklasse unmittelbar betrifft, durchgeführt werden kann, ohne dass er sich in dieser oder jener Form auf den politischen Zustand des Landes auswirkt. Und es ist überhaupt lächerlich und nicht seriös, die Politik von der Ökonomie trennen zu wollen. Gerade darum aber ist es notwendig, dass jeder derartige Beschluss vorher auch vom politischen Standpunkt aus bewertet wird.

Man urteile selber.

Es kann jetzt als erwiesen betrachtet werden, dass die Methoden des von Trotzki geleiteten Zektrans durch die Praxis des Zektrans selbst verurteilt worden sind. Durch seine Leitung des Zektrans und durch seine Einwirkung auf andere Gewerkschaften mittels des Zektrans wollte Trotzki eine Belebung und Erneuerung der Gewerkschaften, die Heranziehung der Arbeiter zur Wiederherstellung der Industrie erreichen. Was aber hat er in Wirklichkeit erreicht? Einen Konflikt mit der Mehrheit der Kommunisten innerhalb der Gewerkschaften, einen Konflikt der Mehrheit der Gewerkschaften mit dem Zektran, eine faktische Spaltung des Zektrans, eine Erbittung der "unteren Schichten" der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter gegen die "Kommissare". Mit anderen Worten: Nicht nur, dass keine Erneuerung der Gewerkschaften erreicht wurde, auch das Zektran selbst geriet in Zersetzung. Zweifellos hätten wir, wenn die Methoden des Zektrans auch auf andere Gewerkschaften übertragen worden waren, dort das gleiche Bild der Konflikte, der Spaltung und der Zersetzung. Als Resultat hätten wir Zerfall und Spaltung in der Arbeiterklasse.

Kann denn die politische Partei der Arbeiterklasse an diesen Tatsachen vorübergehen? Kann man denn behaupten, dass es für den politischen Zustand unseres Landes gleichgültig sei, ob wir es mit einer in einheitlichen Gewerkschaften zusammengeschlossenen Arbeiterklasse zu tun haben öder mit einer Arbeiterklasse, die in verschiedene einander feindliche Gruppen gespalten ist? Kann man denn davon reden, dass bei der Beurteilung der Methoden des Herangehens an die Massen das politische Moment keine Rolle spielen solle, dass die Politik hier nichts zu suchen habe?

Es ist klar, dass man das nicht kann.

Die RSFSR und die mit ihr verbündeten Republiken haben jetzt eine Bevölkerung von etwa 140 Millionen. Davon sind 80 Prozent Bauern. Um ein solches Land regieren zu können, muss die Sowjetmacht das feste Vertrauen der Arbeiterklasse besitzen, denn nur durch die Arbeiterklasse und mit den Kräften der Arbeiterklasse lässt sich ein solches Land verwalten. Um aber das Vertrauen der Mehrheit der Arbeiter zu behalten und zu festigen, ist es notwendig, die Bewusstheit, die Selbsttätigkeit und die Initiative der Arbeiterklasse systematisch zu entfalten, ist es notwendig, die Arbeiterklasse systematisch im Geiste des Kommunismus zu erziehen, sie dazu in Gewerkschaften zu organisieren und zum Aufbau der kommunistischen Wirtschaft heranzuziehen.

Diese Aufgabe mit Methoden des Zwanges und der "Durchrüttelung" der Gewerkschaften von oben durchzuführen, ist offensichtlich unmöglich, denn diese Methoden spalten die Arbeiterklasse (das Zektran!) und erzeugen Misstrauen gegen die Sowjetmacht. Außerdem ist es leicht zu begreifen, dass es eigentlich undenkbar ist, mit Methoden des Zwanges die Bewusstheit der Massen zu entwickeln oder ihr Vertrauen zur Sowjetmacht zu stärken.

Es ist klar, dass nur "mit den normalen Methoden der proletarischen Demokratie innerhalb der Gewerkschaften", nur mit den Methoden der Überzeugung die Aufgabe zu verwirklichen ist, die Arbeiterklasse zusammenzuschließen, ihre Selbsttätigkeit zu heben und ihr Vertrauen zur Sowjetmacht zu festigen, das Vertrauen, das jetzt so notwendig ist, um das Land zum Kampf gegen die wirtschaftliche Zerrüttung zu mobilisieren.

Wie man sieht, spricht die Politik ebenfalls für die Methoden der Überzeugung.

5. Januar 1921.

"Prawda" Nr. 12,
19.7anuar 1921.
Unterschrift: J. Stalin.

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