"Stalin"

Werke

Band 5

ÜBER DIE NÄCHSTEN AUFGABEN DER PARTEI
IN DER NATIONALEN FRAGE

Thesen zum X. Parteitag der KPR(B),
bestätigt vom ZK der Partei[5]

I
KAPITALISTISCHES SYSTEM
UND NATIONALE UNTERDRÜCKUNG

1. Die modernen Nationen stellen das Produkt einer bestimmten Epoche dar, der Epoche des aufsteigenden Kapitalismus. Der Prozess der Liquidierung des Feudalismus und der Entwicklung des Kapitalismus ist gleichzeitig der Prozess des Zusammenschlusses der Menschen zu Nationen. Während der siegreichen Entwicklung des über die feudale Zersplitterung triumphierenden Kapitalismus formierten sich die Engländer, Franzosen, Deutschen, Italiener zu Nationen.

2. Dort, wo die Bildung von Nationen zeitlich im großen und ganzen mit der Bildung von zentralisierten Staaten zusammenfiel, legten sich die Nationen natürlicherweise eine staatliche Hülle um und entwickelten sich zu selbständigen bürgerlichen Nationalstaaten. So geschah es in England (ohne Irland), Frankreich, Italien. Im Osten Europas vollzog sich dagegen die Bildung von zentralisierten Staaten, durch die Erfordernisse der Selbstverteidigung (Invasion der Türken, Mongolen usw.) beschleunigt, vor der Beseitigung des Feudalismus, folglich vor der Bildung von Nationen. Infolgedessen entwickelten sich die Nationen hier nicht zu Nationalstaaten und konnten sich nicht dazu entwickeln, sondern bildeten mehrere gemischte, bürgerliche Nationalitätenstaaten, in denen es gewöhnlich eine starke, herrschende Nation und mehrere schwache, unterworfene Nationen gab. Solche Staaten waren Österreich, Ungarn, Rußland.

3. Nationalstaaten, wie Frankreich und Italien, die sich in der ersten Zeit hauptsächlich auf ihre eigenen nationalen Kräfte stützten, kannten eigentlich keine nationale Unterdrückung. Im Gegensatz dazu bilden die Nationalitätenstaaten, die auf der Herrschaft einer Nation - genauer: deren herrschender Klasse - über die übrigen Nationen aufgebaut sind, die Urheimat und den Hauptschauplatz nationaler Unterdrückung und nationaler Bewegungen. Die Gegensätze zwischen den Interessen der herrschenden Nation und denen der unterworfenen Nationen sind jene Gegensätze, ohne deren Lösung die stabile Existenz eines Nationalitätenstaates unmöglich ist. Die Tragödie des bürgerlichen Nationalitätenstaates besteht darin, dass er außerstande ist, diese Gegensätze zu überwinden, dass jeder seiner Versuche - unter Beibehaltung des Privateigentums und der Klassenungleichheit -, die Nationen "gleichzustellen" und die nationalen Minderheiten "zu beschützen", gewöhnlich mit einem neuen Misserfolg, einer neuen Verschärfung der nationalen Konflikte endet.

4. Das weitere Wachstum des Kapitalismus in Europa, das Bedürfnis nach neuen Absatzmärkten, die Suche nach Roh- und Brennstoffen, schließlich die Entwicklung des Imperialismus, der Kapitalexport und die Notwendigkeit, sich die großen Seewege und Eisenbahnlinien zu sichern, führten einerseits zur Annexion neuer Territorien durch die alten Nationalstaaten und zu ihrer Verwandlung in Nationalitäten(Kolonial)staaten mit der ihnen eigenen nationalen Unterdrückung und mit nationalen Konflikten (England, Frankreich, Deutschland, Italien); anderseits verstärkten sie unter den herrschenden Nationen der alten Nationalitätenstaaten das Streben nicht nur nach Aufrechterhaltung der alten Staatsgrenzen, sondern auch nach ihrer Ausdehnung, nach Unterwerfung neuer (schwacher) Nationalitäten auf Kosten der Nachbarstaaten. Dadurch wurde die nationale Frage erweitert und schließlich durch den Gang der Dinge selbst mit der allgemeinen Frage der Kolonien verschmolzen; die nationale Unterdrückung wurde aus einer innerstaatlichen zu einer zwischenstaatlichen Frage, zur Frage des Kampfes (und des Krieges) der imperialistischen "Groß"mächte um die Unterwerfung der schwachen, nicht vollberechtigten Nationalitäten.

5. Der imperialistische Krieg, der die unversöhnlichen nationalen gegensätze und die innere Haltlosigkeit der bürgerlichen Nationalitätenstaaten bis auf die Wurzel aufdeckte, führte zur äußersten Verschärfung der nationalen Konflikte innerhalb der siegreichen Kolonialstaaten (England, Frankreich, Italien), zum völligen Zerfall der besiegten alten Nationalitätenstaaten (Österreich, Ungarn, Rußland von 1917) und schließlich - als "radikalste" Lösung der nationalen Frage durch die Bourgeoisie- zur Bildung neuer bürgerlicher Nationalstaaten (Polen, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Finnland, Georgien, Armenien und andere). Die Bildung der neuen selbständigen Nationalstaaten führte aber nicht zum friedlichen Zusammenleben der Nationalitäten und konnte auch nicht dazu führen; sie beseitigte weder die nationale Ungleichheit noch die nationale Unterdrückung und konnte sie auch nicht beseitigen, denn die neuen Nationalstaaten, die auf Privateigentum und Klassenungleichheit beruhen, können nicht existieren.

a) ohne Unterdrückung ihrer eigenen nationalen Minderheiten (Polen unterdrückt die Bjelorussen, die Juden, die Litauer, die Ukrainer; Georgien unterdrückt die Osseten, die Abchasen, die Armenier; Jugoslawien unterdrückt die Kroaten, die Bosnier usw.);

b) ohne Erweiterung ihres Territoriums auf Kosten der Nachbarn, was Konflikte und Kriege hervorruft (Polen gegen Litauen, die Ukraine, Russland; Jugoslawien gegen Bulgarien; Georgien gegen Armenien, die Türkei usw.);

c) ohne finanzielle, ökonomische und militärische Unterordnung unter die imperialistischen "Groß"mächte.

6. So bietet die Nachkriegsperiode ein trostloses Bild nationaler Feindschaft, Ungleichheit, Unterdrückung, ein Bild von Konflikten, Kriegen, imperialistischen Bestialitäten der Nationen der zivilisierten Länder sowohl in ihren Beziehungen zueinander als auch zu den nicht vollberechtigten Völkern. Einerseits ein paar "Groß"mächte, die die gesamte Masse der abhängigen und "unabhängigen" (faktisch völlig abhängigen) Nationalstaaten unterdrücken und ausbeuten, und Kampf dieser Mächte untereinander um das Monopol der Ausbeutung der Nationalstaaten. Anderseits Kampf der Nationalstaaten, der abhängigen wie der "unabhängigen", gegen das unerträgliche Joch der "Groß"mächte; Kampf der Nationalstaaten untereinander um die Erweiterung ihres nationalen Territoriums; Kampf jedes einzelnen Nationalstaates gegen seine unterdrückten nationalen Minderheiten. Schließlich Verstärkung der Befreiungsbewegung der Kolonien gegen die "Groß"mächte und Verschärfung der nationalen Konflikte sowohl innerhalb dieser Mächte als auch innerhalb der Nationalstaaten, deren Staatsgefüge in der Regel eine Anzahl nationaler Minderheiten angehört.

Das ist das "Bild der Welt", das der imperialistische Krieg als Erbe hinterlassen hat.

Die bürgerliche Gesellschaft hat in der Lösung der nationalen Frage vollständig Bankrott gemacht.

II
SOWJETSYSTEM UND NATIONALE FREIHEIT

1. Bringen Privateigentum und Kapital die Menschen unweigerlich auseinander, entfachen sie nationale Zwietracht und verstärken sie die nationale Unterdrückung, so bringen Kollektiveigentum und Arbeit ebenso unweigerlich die Menschen einander näher, entziehen der nationalen Zwietracht den Boden und schaffen die nationale Unterdrückung aus der Welt. Der Kapitalismus kann ohne nationale Unterdrückung ebensowenig existieren, wie der Sozialismus ohne Befreiung der unterdrückten Nationen, ohne nationale Freiheit existieren kann. Chauvinismus und nationaler Hader sind unvermeidlich, unabwendbar, solange die Bauernschaft (und das Kleinbürgertum überhaupt), von nationalistischen Vorurteilen erfüllt, der Bourgeoisie folgt, und umgekehrt können nationale Eintracht und nationale Freiheit als gesichert gelten, wenn die Bauernschaft dem Proletariat folgt, das heißt, wenn die Diktatur des Proletariats gesichert ist. Der Sieg der Sowjets und die Errichtung der Diktatur des Proletariats bilden daher die grundlegende Voraussetzung für die Beseitigung der nationalen Unterdrückung, für die Herstellung der nationalen Gleichheit, für die Sicherung der Rechte der nationalen Minderheiten.

2. Die Erfahrungen der Sowjetrevolution bestätigen diese These vollauf. Die Errichtung der Sowjetordnung in Rußland und die Verkündung des Rechts der Nationen auf staatliche Lostrennung haben die Beziehungen zwischen den werktätigen Massen der Nationalitäten Rußlands umgewälzt, die alte nationale Feindschaft untergraben, der nationalen Unterdrückung den Boden entzogen und den russischen Arbeitern das Vertrauen ihrer Brüder aus anderen Nationalitäten nicht nur in Rußland, sondern auch in Europa und Asien erobert, haben dieses Vertrauen gesteigert bis zum Enthusiasmus, bis zu der Bereitschaft, für die gemeinsame Sache zu kämpfen. Die Bildung von Sowjetrepubliken in Aserbaidshan und Armenien zeitigte dieselben Resultate; sie beseitigte die nationalen Konflikte und schaffte die "Erb"feindschaft zwischen den türkischen und den armenischen, zwischen den armenischen und den aserbaidshanischen werktätigen Massen aus der Welt. Das gleiche gilt für den zeitweiligen Sieg der Räte in Ungarn, in Bayern, in Lettland. Anderseits kann man mit Bestimmtheit sagen, dass die russischen Arbeiter Koltschak und Denikin nicht hätten besiegen, dass die Aserbaidshanische und die Armenische Republik nicht fest hätten Fuß fassen können, wenn sie nicht bei sich zu Hause die nationale Feindschaft und die nationale Unterdrückung beseitigt hätten, wenn sie nicht des Vertrauens und der Begeisterung der werktätigen Massen der Nationalitäten des Westens und des Ostens sicher gewesen wären. Festigung der Sowjetrepubliken und Beseitigung der nationalen Unterdrückung bilden zwei Seiten eines und desselben Prozesses der Befreiung der Werktätigen aus der imperialistischen Knechtschaft.

3. Das Bestehen der Sowjetrepubliken, selbst der an Umfang unbedeutendsten, stellt aber für den Imperialismus eine tödliche Bedrohung dar. Diese Bedrohung besteht nicht nur darin, dass die Sowjetrepubliken nach ihrem Bruch mit dem Imperialismus sich aus Kolonien und Halbkolonien in wirklich selbständige Staaten verwandelt und dadurch den Imperialisten ein zusätzliches Stück Territorium und zusätzliche Einkünfte genommen haben, sondern vor allem darin, dass allein schon das Bestehen der Sowjetrepubliken, jeder Schritt dieser Republiken auf dem Wege zur Niederhaltung der Bourgeoisie und zur Festigung der Diktatur des Proletariats die stärkste Agitation gegen Kapitalismus und Imperialismus darstellt - eine Agitation für die Befreiung der abhängigen Länder aus der imperialistischen Knechtschaft und einen unüberwindlichen Faktor der Zersetzung und Desorganisation des Kapitalismus in allen seinen Formen. Daher die Unvermeidlichkeit des Kampfes der imperialistischen ",Groß"mächte gegen die Sowjetrepubliken, das Bestreben der "Groß"mächte, diese Republiken zu vernichten. Die Geschichte des Kampfes der "Groß"mächte gegen Sowjetrußland, die eine bürgerliche Randstaatenregierung nach der andern, eine Gruppe konterrevolutionärer Generale nach der andern gegen Sowjetrußland auf die Beine bringen, es unter einer strengen Blockade halten und überhaupt bemüht sind, es ökonomisch zu isolieren, zeugt bereits davon, dass angesichts der gegebenen internationalen Verhältnisse, in kapitalistischer Umkreisung, keine einzige Sowjetrepublik, einzeln genommen, sich vor wirtschaftlicher Erschöpfung und militärischer Zerschlagung durch den Weltimperialismus sicher fühlen kann.

4. Deshalb ist das isolierte Bestehen einzelner Sowjetrepubliken angesichts der Gefährdung ihrer Existenz durch die kapitalistischen Staaten labil, unsicher. Die gemeinsamen Interessen der Verteidigung der Sowjetrepubliken einerseits, die Aufgabe der Wiederherstellung der durch den Krieg zerstörten Produktivkräfte anderseits, sowie drittens die notwendige Unterstützung der getreidearmen Sowjetrepubliken mit Lebensmitteln durch die getreidereichen Sowjetrepubliken diktieren gebieterisch ein staatliches Bündnis der einzelnen Sowjetrepubliken als einzigen Weg der Rettung vor imperialistischer Knechtung und nationaler Unterdrückung. Befreit von ihrer "eigenen" und der "fremden" Bourgeoisie, können die nationalen Sowjetrepubliken ihre Existenz nur dann behaupten und die vereinigten Kräfte des Imperialismus nur dann besiegen, wenn sie sich zu einem fest gefügten Staatsverband vereinigen - oder sie werden überhaupt nicht siegen.

5, Eine Föderation der Sowjetrepubliken, begründet auf der Gemeinsamkeit des Heereswesens und der Wirtschaft, ist jene allgemeine Form des Staatsverbands, die es ermöglicht,

a) die Integrität und die wirtschaftliche Entwicklung sowohl der einzelnen Republiken als auch der ganzen Föderation zu sichern;

b) die ganze Mannigfaltigkeit der Lebensformen, der Kultur und des ökonomischen Zustands der verschiedenen Nationen und Völkerschaften, die auf verschiedenen Entwicklungsstufen stehen, zu umfassen und dementsprechend die eine oder andere Art der Föderation anzuwenden;

c) das friedliche Zusammenleben und die brüderliche Zusammenarbeit der Nationen und Völkerschaften zu gestalten, die ihr Schicksal auf die eine oder andere Weise mit dem Schicksal der Föderation verknüpft haben.

Die Erfahrungen, die Rußland mit der Anwendung verschiedener Arten der Föderation gemacht hat - Übergang von der auf Sowjetautonomie begründeten Föderation (Kirgisien, Baschkirien, Tatarien, die Bergvölker, Daghestan) zu der auf Vertragsbeziehungen mit unabhängigen Sowjetrepubliken begründeten Föderation (die Ukraine, Aserbaidshan) und Zulassung von Mittelstufen zwischen ihnen (Turkestan, Bjelorußland) - hat die ganze Zweckdienlichkeit und Elastizität der Föderation als der allgemeinen Form des Staatsverbands der Sowjetrepubliken vollauf bestätigt.

6. Die Föderation kann aber nur dann von Dauer und die Resultate der Föderierung können nur dann wirksam sein, wenn sie sich auf das gegenseitige Vertrauen und das freiwillige Einvernehmen der zu ihr gehörenden Länder stützt. Wenn die RSFSR das einzige Land der Welt ist, wo der Versuch des friedlichen Zusammenlebens und der brüderlichen Zusammenarbeit einer ganzen Reihe von Nationen und Völkerschaften geglückt ist, so deshalb, weil es hier weder herrschende noch unterworfene Nationalitäten, weder eine Metropole noch Kolonien, weder Imperialismus noch nationale Unterdrückung gibt - die Föderation beruht hier auf dem gegenseitigen Vertrauen und dem freiwilligen Bündnisbestreben der werktätigen Massen der verschiedenen Nationen. Dieser freiwillige Charakter der Föderation muss unbedingt auch künftighin beibehalten werden, denn nur eine solche Föderation kann die Übergangsform sein zu jener höheren Einheit der Werktätigen aller Länder in einer einheitlichen Weltwirtschaft, deren Notwendigkeit immer greifbarer wird.

III
DIE NÄCHSTEN AUFGABEN DER KPR

1. Die RSFSR und die mit ihr verbundenen Sowjetrepubliken haben eine Bevölkerung von etwa 140 Millionen. Von diesen sind etwa 65 Millionen Nichtgroßrussen (Ukrainer, Bjelorussen, Kirgisen, Usbeken, Turkmenen, Tadshiken, Aserbaidshaner, Wolgatataren, Krimtataren, Bucharen, Chiwaner, Baschkiren, Armenier, Tschetschenen, Kabardiner, Osseten, Tscherkessen, Inguschen, Karatschaier, Balkaren (Die zuletzt genannten sieben Völkerschaften werden zu der Gruppe der "Bergvölker" zusammengefasst.) , Kalmücken, Karelier, Awaren, Darginier, Kasikumuchen, Kjuriner, Kumücken (Die zuletzt genannten fünf Völkerschaften werden zu der Gruppe der "Daghestaner" zusammengefaßt.), Mari, Tschuwaschen, Wotjaken, Wolgadeutsche, Burjaten, Jakuten und andere).

Die Politik des Zarismus, die Politik der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie gegenüber diesen Völkern bestand darin, alle Ansätze zu einem Staatswesen bei ihnen zu ertöten, ihre Kultur zu verstümmeln, ihrer Sprache Beschränkungen aufzuerlegen, sie in Unwissenheit zu halten und sie schließlich nach Möglichkeit zu russifizieren. Das Ergebnis einer solchen Politik waren ein niedriges Entwicklungsniveau und politische Rückständigkeit dieser Völker.

Jetzt, da die Gutsbesitzer und die Bourgeoisie gestürzt sind und die Volksmassen auch in diesen Ländern die Sowjetmacht proklamiert haben, besteht die Aufgabe der Partei darin, den werktätigen Massen der nichtgroßrussischen Völker zu helfen, das vorangeschrittene Zentralrußland einzuholen, ihnen zu helfen,

a) im eigenen Lande das sowjetische Staatswesen in Formen zu entwickeln und zu festigen, die dem nationalen Gepräge dieser Völker entsprechen;

b) im eigenen Lande Gerichte, Verwaltungskörperschaften, Wirtschaftssorgane, Machtorgane aufzubauen, die sich der Muttersprache bedienen und aus Einheimischen zusammengesetzt sind, die die Lebensweise und die Mentalität der einheimischen Bevölkerung kennen;

c) im eigenen Lande Presse, Schulen, Theater, Klubs und überhaupt Kultur- und Bildungsstätten in der Muttersprache zu entwickeln.

2. Zieht man von den 65 Millionen nichtgroßrussischen Einwohnern die Bevölkerung der Ukraine, Bjelorußlands, eines unbedeutenden Teils von Aserbaidshan und schließlich Armeniens ab, die in diesem oder jenem Grade die Periode des Industriekapitalismus durchgemacht haben, so bleiben ungefähr 25 Millionen übrig - eine vorwiegend turkische Bevölkerung (Turkestan, der größere Teil Aserbaidshans, Daghestan, die Bergvölker, die Tataren, Baschkiren, Kirgisen und andere) -, die nicht dazu bekommen waren, die kapitalistische Entwicklung durchzumachen, die kein oder fast kein eigenes Industrieproletariat besitzen, in den meisten Fällen eine auf der Viehzucht beruhende Wirtschaft und die patriarchalische Gentilverfassung beibehalten haben (Kirgisien, Baschkirien, Nordkaukasus) oder über die primitiven Formen halbpatriarchalischer, halbfeudaler Lebensweise nicht hinausgekommen (Aserbaidshan, die Krim und andere), aber bereits in den allgemeinen Strom der Sowjetentwicklung einbezogen sind.

Die Aufgabe der Partei gegenüber den arbeitenden Massen dieser Völker besteht (abgesehen von der in Punkt 1 genannten Aufgabe) darin, ihnen zu helfen, die Überreste der patriarchalisch-feudalen Verhältnisse zu liquidieren und sich in den Aufbau der sowjetischen Wirtschaft auf der Grundlage der Sowjets der werktätigen Bauern einzuschalten. Das wird dadurch erreicht, dass man unter diesen Völkern starke kommunistische Organisationen schafft, die fähig sind, die von den russischen Arbeitern und Bauern beim Sowjet- und Wirtschaftsaufbau gemachten Erfahrungen zu verwerten, und die es verstehen, gleichzeitig in ihrer Aufbauarbeit alle Besonderheiten der konkreten ökonomischen Lage, der Klassenstruktur, der Kultur und der Lebensweise jeder einzelnen Nationalität zu berücksichtigen, ohne die ökonomischen Maßnahmen Zentralrußlands, die sich nur für eine andere, höhere Stufe wirtschaftlicher Entwicklung eignen, mechanisch auf sie zu übertragen.

3. Zieht man von den 25 Millionen der vorwiegend turkischen Einwohner die Bevölkerung Aserbaidshans, des größeren Teils Turkestans, die Tataren (Wolga- und Krimtataren), die Bevölkerung Bucharas, Chiwas, Daghestans, einen Teil der Bergvölker (Kabardiner, Tscherkessen, Balkaren) und einige andere Nationalitäten ab, die bereits sesshaft geworden sind und ein bestimmtes Territorium fest besetzt haben, so bleiben ungefähr 6 Millionen Kirgisen, Baschkiren, Tschetschenen, Osseten und Inguschen übrig, deren Ländereien bis in die letzte Zeit hinein als Kolonisationsobjekt für russische Siedler dienten, die bereits von dem besten Ackerland Besitz ergriffen haben und die einheimische Bevölkerung systematisch in unfruchtbare Wüsteneien verdrängen.

Die Politik des Zarismus, die Politik der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie bestand darin, in diesen Gebieten möglichst viele Kulakenelemente aus den Reihen der russischen Bauern und der Kosaken anzusiedeln und die letzteren in eine zuverlässige Stütze ihrer Großmachtbestrebungen zu verwandeln. Das Ergebnis dieser Politik war, dass die in die Einöde verdrängten Einheimischen (Kirgisen, Baschkiren) allmählich ausstarben.

Die Aufgabe der Partei gegenüber den arbeitenden Massen dieser Völkerschaften besteht (abgesehen von den in den Punkten 1 und 2 genannten Aufgaben) darin, deren Anstrengungen mit den Anstrengungen der arbeitenden Massen der örtlichen russischen Bevölkerung zu vereinigen im Kampf um die Befreiung von der Kulakenschaft im allgemeinen, von der raubgierigen großrussischen Kulakenschaft im besonderen, ihnen mit allen Kräften und mit allen Mitteln zu helfen, die kulakischen Kolonisatoren von sich abzuschütteln und ihnen auf diese Weise den für ein menschenwürdiges Dasein erforderlichen nutzbaren Boden zu sichern.

4. Außer den oben genannten Nationen und Völkerschaften, die eine bestimmte Klassenstruktur haben und ein bestimmtes Territorium bewohnen, gibt es in der RSFSR noch einzelne lose nationale Gruppen, nationale Minderheiten, die in kompakte Mehrheiten anderer Nationen eingesprenkelt sind und in den meisten Fällen weder eine bestimmte Klassenstruktur noch ein bestimmtes Territorium besitzen (Letten, Esten, Polen, Juden und andere nationale Minderheiten). Die Politik des Zarismus bestand darin, diese Minderheiten mit allen Mitteln - selbst Pogrome (Judenpogrome) nicht ausgenommen - auszutilgen.

Jetzt, da die nationalen Privilegien aufgehoben sind, die Gleichberechtigung der Nationen praktisch verwirklicht und das Recht der nationalen Minderheiten auf freie nationale Entwicklung durch den Charakter der Sowjetordnung selbst gewährleistet ist, besteht die Aufgabe der Partei gegenüber den arbeitenden Massen dieser nationalen Gruppen darin, ihnen zu helfen, von diesem ihnen gewährleisteten Recht auf freie Entwicklung voll und ganz Gebrauch zu machen.

5. Die kommunistischen Organisationen in den Randgebieten entwickeln sich unter etwas eigenartigen Verhältnissen, die das normale Wachstum der Partei in diesen Gebieten hemmen. Einerseits unterschätzen die in den Randgebieten arbeitenden großrussischen Kommunisten, die unter den Existenzbedingungen einer "Herrscher"nation aufgewachsen sind und keine nationale Unterdrückung erfahren haben, mitunter die Bedeutung, die die nationalen Besonderheiten für die Parteiarbeit haben, oder sie berücksichtigen sie überhaupt nicht, ziehen die Besonderheiten der Klassenstruktur, der Kultur, der Lebensweise, der historischen Vergangenheit der betreffenden Nationalität nicht in Betracht und vulgarisieren und verzerren somit die Politik der Partei in der nationalen Frage. Dieser Umstand führt zu einer Abweichung vom Kommunismus in der Richtung zur Großmachtkonzeption, zur Kolonisationspolitik, zum großrussischen Chauvinismus. Anderseits übertreiben die aus der einheimischen Bevölkerung stammenden Kommunisten, die die schwere Periode der nationalen Unterjochung miterlebt und sich von diesem Alpdruck noch nicht ganz befreit haben, mitunter die Bedeutung, die die nationalen Besonderheiten für die Parteiarbeit haben, und lassen somit die Klasseninteressen der Werktätigen zurücktreten, oder sie verwechseln einfach die Interessen der Werktätigen der betreffenden Nation mit den "gesamt-nationalen" Interessen der gleichen Nation, ohne zu verstehen, die einen von den anderen zu scheiden und die Parteiarbeit auf der Grundlage der ersteren aufzubauen. Dieser Umstand führt seinerseits zu einer Abweichung vom Kommunismus in der Richtung zum bürgerlich-demokratischen Nationalismus, der (im Osten) mitunter die Form des Panislamismus, des Panturkismus[6] annimmt.

Der Parteitag verurteilt entschieden diese beiden Abweichungen als für die Sache des Kommunismus schädlich und gefährlich und hält es für notwendig, auf die besondere Gefährlichkeit und Schädlichkeit der ersten Abweichung, der Abweichung in der Richtung zur Großmachtkonzeption, zur Kolonisationspolitik, hinzuweisen. Der Parteitag erinnert daran, dass es ohne die Überwindung der kolonisatorischen und nationalistischen Überreste in den Reihen der Partei unmöglich ist, in den Randgebieten feste und mit den Massen verbundene, wirklich kommunistische Organisationen zu schaffen, die in ihren Reihen die proletarischen Elemente der einheimischen und der russischen Bevölkerung auf dem Boden des Internationalismus zusammenschließen. Der Parteitag ist deshalb der Ansicht, dass die Liquidierung der nationalistischen und in erster Linie der kolonisatorischen Schwankungen innerhalb des Kommunismus eine der wichtigsten Aufgaben der Partei in den Randgebieten ist.

6. Im Zusammenhang mit den Erfolgen an den militärischen Fronten, besonders aber nach der Erledigung Wrangels, hat sich in einigen rück-ständigen Randgebieten, in denen es kein oder fast kein Industrieproletariat gibt, der Drang kleinbürgerlich-nationalistischer Elemente verstärkt, aus karrieristischen Gründen in die Partei einzutreten. In Anbetracht der Stellung der Partei als der faktisch regierenden Kraft geben sich diese Elemente gewöhnlich den Anstrich von Kommunisten und drängen mitunter in ganzen Gruppen in die Partei, in die sie den Geist eines schlecht verhüllten Chauvinismus, den Geist der Zersetzung tragen, wobei die Parteiorganisationen, die in den Randgebieten an sich schwach sind, nicht immer die Kraft aufbringen, der Versuchung zu widerstehen, die Partei durch neue Mitglieder "zu erweitern".

Der Parteitag ruft zum entschiedenen Kampf gegen alle pseudokommunistischen Elemente auf, die sich an die Partei des Proletariats anbiedern, und warnt die Partei vor einer "Erweiterung" durch kleinbürgerlich-nationalistische Intellektuellenelemente. Der Parteitag ist der Ansicht, dass die Partei in den Randgebieten hauptsächlich aus den Reihen der Proletarier, der Dorfarmut und der werktätigen Bauern dieser Randgebiete aufgefüllt werden muss, wobei gleichzeitig daran gearbeitet werden muss, die Parteiorganisationen der Randgebiete durch Verbesserung ihrer qualitativen Zusammensetzung zu festigen.

"Prawda" Nr. 29,
10. Februar 1921.

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