"Stalin"

Werke

Band 5

ZUR BEHANDLUNG DER NATIONALEN FRAGE

Die Art und Weise, wie die Kommunisten die nationale Frage anpacken, unterscheidet sich wesentlich von der Fragestellung der Politiker der II. Internationale und der Internationale II½[10] sowie aller und jedweder "sozialistischen", "sozialdemokratischen", menschewistischen, sozialrevolutionären und ähnlichen Parteien.

Besonders wichtig sind vier grundlegende Momente, da sie die neue Art und Weise, die nationale Frage anzupacken, am besten charakterisieren und zwischen der alten und der neuen Auffassung der nationalen Frage einen Grenzstrich ziehen.

Das erste Moment ist die Verschmelzung der nationalen Frage als einer Teilfrage mit der allgemeinen Frage der Befreiung der Kolonien als Gesamtfrage. In der Epoche der II. Internationale beschränkte sich die nationale Frage gewöhnlich auf einen engen Kreis von Fragen, die ausschließlich die "zivilisierten" Nationen betrafen. Die Iren, Tschechen, Polen, Finnen, Serben, Armenier, Juden und einige andere Nationalitäten Europas - das war der Kreis der nicht vollberechtigten Nationen, für deren Schicksal sich die II. Internationale interessierte. Die nach Dutzenden und Hunderten von Millionen zählenden asiatischen und afrikanischen Völker, die unter der nationalen Unterdrückung in ihrer brutalsten und grausamsten Form leiden, blieben gewöhnlich außerhalb des Gesichtsfeldes der "Sozialisten". Weiße und Farbige, die "unzivilisierten" Neger und die "zivilisierten" Iren, die "rückständigen" Inder und die "aufgeklärten" Polen in eine Reihe zu stellen, getraute man sich nicht.

Es wurde stillschweigend vorausgesetzt, dass, wenn man schon für die Befreiung der nicht vollberechtigten europäischen Nationen kämpfen müsse, es sich für "anständige Sozialisten" keineswegs gezieme, von der Befreiung der für die "Erhaltung" der "Zivilisation" "unentbehrlichen" Kolonien ernstlich zu reden. Diese, mit Verlaub zu sagen, Sozialisten dachten nicht einmal daran, dass die Beseitigung der nationalen Unterdrückung in Europa undenkbar ist ohne die Befreiung der Kolonialvölker Asiens und Afrikas vom Joch des Imperialismus, dass das eine mit dem andern organisch verbunden ist. Die Kommunisten haben als erste den Zusammenhang der nationalen Frage mit der Frage der Kolonien aufgedeckt, ihn theoretisch begründet und ihrer revolutionären Praxis zugrunde gelegt. Dadurch wurde die Scheidewand zwischen den Weißen und den Farbigen, zwischen den "zivilisierten" und den "unzivilisierten" Sklaven des Imperialismus niedergerissen. Dieser Umstand war eine erhebliche Erleichterung für die Koordinierung des Kampfes der rückständigen Kolonien mit dem Kampf des fortgeschrittenen Proletariats gegen den gemeinsamen Feind, gegen den Imperialismus.

Das zweite Moment ist die Ersetzung der verschwommenen Losung des Rechts der Nationen auf Selbstbestimmung durch die klare revolutionäre Losung des Rechts der Nationen und der Kolonien auf staatliche Lostrennung, auf Bildung eines selbständigen Staates. Wenn die Politiker der II. Internationale von Selbstbestimmungsrecht sprachen, pflegten sie kein Sterbenswörtchen über das Recht auf staatliche Lostrennung zu verlieren; das Recht auf Selbstbestimmung wurde bestenfalls als das Recht auf Autonomie im allgemeinen ausgelegt. Die "Fachleute" in der nationalen Frage, Springer und Bauer, gingen sogar so weit, dass sie aus dem Selbstbestimmungsrecht ein Recht der unterdrückten Nationen Europas auf kulturelle Autonomie machten, das heißt das Recht, ihre eigenen Kultureinrichtungen zu besitzen, unter Belassung der gesamten politischen (und ökonomischen) Macht in den Händen der herrschenden Nation. Mit anderen Worten, das Recht der nicht vollberechtigten Nationen auf Selbstbestimmung wurde in das Vorrecht der herrschenden Nationen auf den Besitz der politischen Macht verwandelt, wobei die Frage der staatlichen Lostrennung ausgeschaltet wurde. Der ideologische Führer der II. Internationale, Kautsky, schloss sich in der Hauptsache dieser im Grunde genommen imperialistischen Auslegung der Selbstbestimmung durch Springer und Bauer an. Kein Wunder, dass die Imperialisten, die diese ihnen so genehme Eigenart der Selbstbestimmungslosung erfassten, sie zu ihrer eigenen Losung erklärten. Bekanntlich wurde der imperialistische Krieg, der das Ziel verfolgte, die Völker zu versklaven, unter der Flagge der Selbstbestimmung geführt. So wurde die verschwommene Losung der Selbstbestimmung aus einem Werkzeug der Befreiung der Nationen, der Gleichberechtigung der Nationen, in ein Werkzeug der Gefügigmachung der Nationen verwandelt, in ein Werkzeug, mit dem die Nationen in der Botmäßigkeit des Imperialismus gehalten werden sollen. Der Gang der Dinge in der ganzen Welt während der letzten Jahre, die Logik der Revolution in Europa, schließlich das Anwachsen der Befreiungsbewegung in den Kolonien erheischten es, dass diese reaktionär gewordene Losung verworfen und durch eine andere, eine revolutionäre Losung ersetzt wurde, geeignet, die Atmosphäre des Misstrauens der werktätigen Massen der nicht vollberechtigten Nationen gegenüber den Proletariern der herrschenden Nationen zu zerstreuen, geeignet, den Weg zur Gleichberechtigung der Nationen und zur Einheit der Werktätigen dieser Nationen zu ebnen. Eine solche Losung ist die von den Kommunisten aufgestellte Losung des Rechts der Nationen und der Kolonien auf staatliche Lostrennung.

Der Vorzug dieser Losung besteht darin, dass sie

1. jeden Anlass beseitigt, die Werktätigen der einen Nation irgendwelcher Eroberungsgelüste in bezug auf die Werktätigen einer anderen Nation zu verdächtigen, also den Boden für gegenseitiges Vertrauen und freiwillige Vereinigung vorbereitet;

2. den Imperialisten, die verlogen von Selbstbestimmung schwatzen, aber bestrebt sind, die nicht vollberechtigten Völker und die Kolonien in Botmäßigkeit zu halten, sie weiter im Rahmen ihres imperialistischen Staates festzuhalten, die Maske vom Gesicht reißt und somit den Befreiungskampf der nicht vollberechtigten Völker und der Kolonien gegen den Imperialismus verstärkt.

Es ist wohl kaum nötig nachzuweisen, dass die russischen Arbeiter nicht die Sympathien ihrer Genossen aus anderen Nationen des Westens und Ostens gewonnen hätten, wenn sie nicht nach der Machtergreifung das Recht der Völker auf staatliche Lostrennung proklamiert, wenn sie nicht durch die Tat ihre Bereitschaft bewiesen hätten, dieses unveräußerliche Recht der Völker in die Wirklichkeit umzusetzen, wenn sie nicht ihrem "Recht", sagen wir, auf Finnland entsagt (1917), wenn sie nicht die Truppen aus Nordpersien zurückgezogen (1917), wenn sie nicht die Ansprüche auf einen bestimmten Teil der Mongolei, Chinas usw. usf. aufgegeben hätten.

Ebenso unzweifelhaft ist es, dass, wenn die geschickt mit der Flagge der Selbstbestimmung verdeckte Politik der Imperialisten in letzter Zeit trotzdem einen Misserfolg nach dem andern im Osten erleidet, so unter anderem deshalb, weil sie dort auf eine immer stärker werdende Befreiungsbewegung gestoßen ist, die auf Grund der Agitation im Geiste der Losung des Rechts der Völker auf staatliche Lostrennung erwachsen ist. Das begreifen die Helden der II. Internationale und der Internationale II½ nicht, die den Bakuer "Aktions- und Propagandarat"[11] wegen einiger unwesentlicher Missgriffe, die er beging, eifrig begeifern; doch wird das ein jeder begreifen, der sich die Mühe nimmt, sich mit der Tätigkeit des erwähnten "Rates" in dem einen Jahr seines Bestehens und mit der Befreiungsbewegung der asiatischen und afrikanischen Kolonien während der letzten zwei, drei Jahre vertraut zu machen.

Das dritte Moment ist die Aufdeckung des organischen Zusammenhangs zwischen der nationalen und kolonialen Frage und der Frage der Herrschaft des Kapitals, des Sturzes des Kapitalismus, der Diktatur des Proletariats. In der Epoche der II. Internationale pflegte man die auf einen minimalen Umfang eingeengte nationale Frage an und für sich, außerhalb des Zusammenhangs mit der kommenden proletarischen Revolution, zu behandeln. Man setzte stillschweigend voraus, dass die nationale Frage "auf natürliche Weise", noch vor der proletarischen Revolution, durch eine Reihe von Reformen im Rahmen des Kapitalismus gelöst werden würde, dass die proletarische Revolution ohne eine kardinale Lösung der nationalen Frage durchgeführt und, umgekehrt, die nationale Frage ohne den Sturz der Macht des Kapitals, ohne den Sieg und vor dem Siege der proletarischen Revolution gelöst werden könnte. Diese im Grunde genommen imperialistische Auffassung der Dinge zieht sich wie ein roter Faden durch die bekannten Schriften Springers und Bauers über die nationale Frage. Das letzte Jahrzehnt hat jedoch den Beweis erbracht, wie falsch, wie faul eine solche Auffassung der nationalen Frage ist. Der imperialistische Krieg hat gezeigt, und die revolutionäre Praxis der letzten Jahre hat ein übriges Mal bestätigt, dass

1. die nationale und die koloniale Frage von der Frage der Befreiung von der Macht des Kapitals nicht zu trennen sind;

2. der Imperialismus (die höchste Form des Kapitalismus) ohne die politische und ökonomische Versklavung der nicht vollberechtigten Nationen und der Kolonien nicht bestehen kann;

3. die nicht vollberechtigten Nationen und die Kolonien ohne den Sturz der Macht des Kapitals nicht befreit werden können;

4. der Sieg des Proletariats ohne die Befreiung der nicht vollberechtigten Nationen und der Kolonien vorn Joch des Imperialismus nicht von Dauer sein kann.

Wenn man Europa und Amerika als die Front, den Schauplatz der entscheidenden Kämpfe zwischen Sozialismus und Imperialismus bezeichnen kann, so muss man die nicht vollberechtigten Nationen und die Kolonien mit ihren Rohstoffen, Brennstoffen, Lebensmitteln, mit ihrem gewaltigen Bestand an Menschenmaterial als das Hinterland, die Reserve des Imperialismus bezeichnen. Um den Krieg zu gewinnen, muss man nicht nur an der Front siegen, sondern auch das Hinterland des Gegners, seine Reserven revolutionieren. Deshalb kann der Sieg der proletarischen Weltrevolution nur dann als gesichert betrachtet werden, wenn das Proletariat es versteht, seinen eigenen revolutionären Kampf mit der Befreiungsbewegung der werktätigen Massen der nicht vollberechtigten Nationen und der Kolonien gegen die Macht der Imperialisten, für die Diktatur des Proletariats zu verbinden. Diese "Kleinigkeit" haben die Politiker der 11. Internationale und der Internationale II½ außer acht gelassen, als sie die nationale und koloniale Frage von der Frage der Macht in der Epoche der anwachsenden proletarischen Revolution im Westen trennten.

Das vierte Moment ist das Hineintragen eines neuen Elements in die nationale Frage, des Elements der faktischen (und nicht nur rechtlichen) Gleichstellung der Nationen (Hilfe, Beistand für die rückständigen Nationen, damit sie das kulturelle und wirtschaftliche Niveau der vorangeschrittenen Nationen erreichen können), als eine der Bedingungen für die Herstellung brüderlicher Zusammenarbeit zwischen den werktätigen Massen der verschiedenen Nationen. In der Epoche der II. Internationale pflegte man sich auf die Verkündung der "nationalen Gleichberechtigung" zu beschränken. Auch im besten Fall ging man nicht über die Forderung nach Verwirklichung einer solchen Gleichberechtigung hinaus. Die nationale Gleichberechtigung, an und für sich eine sehr wichtige politische Errungenschaft, läuft jedoch Gefahr, leerer Schall zu bleiben, wenn nicht genügende Hilfsmittel und Möglichkeiten zur Ausnutzung dieses äußerst wichtigen Rechts vorhanden sind. Zweifellos sind die arbeitenden Massen der rückständigen Völker außerstande, von den ihnen durch die "nationale Gleichberechtigung" zugebilligten Rechten in dem Maße Gebrauch zu machen, wie es die arbeitenden Massen der fortgeschrittenen Nationen tun können: die von der Vergangenheit ererbte (kulturelle und wirtschaftliche) Rückständigkeit einiger Nationen, die sich nicht in ein, zwei Jahren aus der Welt schaffen lässt, macht sich fühlbar. Dieser Umstand wird auch in Rußland fühlbar, wo eine ganze Reihe von Völkern nicht dazu gekommen war, den Kapitalismus durchzumachen, ja einige den Weg des Kapitalismus überhaupt nicht betreten hatten und kein oder fast kein eigenes Proletariat besitzen, wo die arbeitenden Massen dieser Nationalitäten, trotz der bereits verwirklichten vollen nationalen Gleichberechtigung, infolge ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Rückständigkeit nicht imstande sind, die von ihnen errungenen Rechte in genügendem Maße auszunutzen. Noch stärker wird sich dieser Umstand "am Tage nach" dem Siege des Proletariats im Westen fühlbar machen, wenn zahlreiche rückständige Kolonien und Halbkolonien, die auf den verschiedensten Entwicklungsstufen stehen, unausbleiblich auf den Plan treten. Gerade deshalb ist es notwendig, dass das siegreiche Proletariat der fortgeschrittenen Nationen ihm werktätigen Massen der rückständigen Nationen Hilfe, wirkliche und dauernde Hilfe bei ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung leistet, dass es ihnen hilft, auf eine höhere Entwicklungsstufe zu gelangen, die vorangeschrittenen Nationen einzuholen. Ohne diese Hilfe ist es unmöglich, jenes friedliche Zusammenleben und brüderliche Zusammenwirken der Werktätigen der verschiedenen Nationen und Völkerschaften in einer einheitlichen Weltwirtschaft zustande zu bringen, die für den endgültigen Triumph des Sozialismus so notwendig sind.

Daraus folgt aber, dass man sich nicht auf die bloße "nationale Gleichberechtigung" beschränken darf, dass man von der "nationalen Gleichberechtigung" zu Maßnahmen übergehen muss, die eine faktische Gleichstellung der Nationen bedeuten, dass man zur Ausarbeitung und Durchführung praktischer Maßnahmen schreiten muss, wie

1. Erforschung der wirtschaftlichen Verfassung, der Lebensweise, der Kultur der rückständigen Nationen und Völkerschaften;

2. Entfaltung ihrer Kultur;

3. ihre politische Aufklärung;

4. ihre allmähliche und schmerzlose Einordnung in höhere Wirtschaftsformen;

5. Herstellung einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den Werktätigen der rückständigen und denen der fortgeschrittenen Nationen.

Das sind die vier grundlegenden Momente, die die neue Art und Weise charakterisieren, wie die russischen Kommunisten die nationale Frage anpacken.

2. Mai 1921.

"Prawda" Nr. 98,
8. Mai 1921.
Unterschrift: J. Stalin.

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