"Stalin"

Werke

Band 5

ÜBER DIE POLITISCHE STRATEGIE UND TAKTIK
DER RUSSISCHEN KOMMUNISTEN

Entwurf zu einer Broschüre

I.
TERMINOLOGISCHE DEFINITIONEN UND
UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND

1. Der Wirksamkeitsbereich der politischen Strategie und Taktik, ihr Anwendungsgebiet. Erkennt man an, dass die Bewegung des Proletariats zwei Seiten hat, eine objektive und eine subjektive, so beschränkt sich der Wirksamkeitsbereich der Strategie und Taktik zweifellos auf die subjektive Seite der Bewegung. Die objektive Seite bilden diejenigen Entwicklungsprozesse, die außerhalb des Proletariats und rings um das Proletariat unabhängig von seinem Willen und dem Willen seiner Partei vor sich gehen, Prozesse, die in letzter Instanz die Entwicklung der ganzen Gesellschaft bestimmen. Die subjektive Seite bilden diejenigen Prozesse, die innerhalb des Proletariats als Widerspiegelung der objektiven Prozesse im Bewusstsein des Proletariats vor sich gehen, Prozesse, die den Gang der letzteren beschleunigen oder verlangsamen, sie aber keineswegs bestimmen.

2. Die Theorie des Marxismus, die vor allem die objektiven Prozesse in ihrer Entwicklung und in ihrem Absterben erforscht, bestimmt die Tendenz der Entwicklung, weist auf die Klasse oder die Klassen hin, die unausbleiblich zur Macht aufsteigen oder die unausbleiblich stürzen, stürzen müssen.

3. Das Programm des Marxismus, das auf den Schlussfolgerungen der Theorie beruht, bestimmt das Ziel der Bewegung der aufsteigenden Klasse, in diesem Fall des Proletariats, im Verlauf einer bestimmten Periode in der Entwicklung des Kapitalismus oder während der ganzen kapitalistischen Periode (Minimalprogramm und Maximalprogramm).

4. Die Strategie , die sich von den Programmdirektiven leiten lässt und sich auf die Einschätzung der inneren (nationalen) und internationalen kämpfenden Kräfte stützt, legt den allgemeinen Weg , die allgemeine Richtung fest, in die die revolutionäre Bewegung des Proletariats gelenkt werden muss, damit bei dem sich herausbildenden und entwickelnden Kräfteverhältnis die besten Resultate erzielt werden können. Dementsprechend stellt sie das Schema der Verteilung der Kräfte des Proletariats und seiner Verbündeten an der sozialen Front auf ( allgemeine Dislokation ). Die "Aufstellung des Schemas der Verteilung der Kräfte" darf nicht verwechselt werden mit der eigentlichen (konkret-praktischen) Arbeit, die in der Verteilung - Bereitstellung - der Kräfte besteht und von Taktik und Strategie gemeinsam bewerkstelligt wird. Das bedeutet nicht, dass die Strategie sich auf die Festlegung des Weges und die Aufstellung des Schemas der Verteilung der Kampfkräfte im Lager des Proletariats beschränkt, im Gegenteil, die Strategie lenkt den Kampf und nimmt während der ganzen Periode der Wendung an der jeweiligen Taktik Korrekturen vor, wobei sie die ihr zur Verfügung stehenden Reserven geschickt ausnutzt und mit ihnen manövriert, um die Taktik zu unterstützen.

5. Die Taktik , die sich von den Direktiven der Strategie und den Erfahrungen der revolutionären Bewegung sowohl im eigenen Lande als auch in den benachbarten Ländern leiten lässt, die in jedem gegebenen Moment den Zustand der Kräfte sowohl innerhalb des Proletariats und seiner Verbündeten (ein höheres oder niedrigeres Kulturniveau, ein höherer oder geringerer Grad der Organisiertheit und Bewusstheit, das Vorhandensein dieser oder jener Traditionen, das Vorhandensein dieser oder jener Formen der Bewegung, Formen der Organisation, Grund- Grund - und Hilfs formen) als auch im Lager des Gegners berücksichtigt und die Uneinigkeit und jede Verwirrung im Lager des Gegners ausnutzt - die Taktik umreißt (zur Verwirklichung des auf Grund des strategischen Planes aufgestellten Schemas der Verteilung der Kräfte) die konkreten Wege, die beschritten werden müssen, um die breiten Massen für das revolutionäre Proletariat zu gewinnen und sie an die Kampfpositionen der sozialen Front heranzuführen, die Wege, die am sichersten die Erfolge der Strategie vorbereiten. Dementsprechend werden von ihr die Losungen und Direktiven der Partei ausgegeben beziehungsweise abgeändert.

6. Die Strategie ändert sich in Momenten historischer Wendungen, historischen Umschwungs, sie umfasst die Periode von einer Wendung (von einem Umschwung) bis zur andern; darum lenkt sie die Bewegung auf ein bestimmtes gemeinsames Ziel hin, das die Interessen des Proletariats während dieser ganzen Periode widerspiegelt, sie strebt danach, den Krieg zwischen den Klassen, der diese ganze Periode ausfüllt, zu gewinnen , und bleibt infolgedessen während dieser Periode unverändert.

Die Taktik hingegen wird durch die Flut und Ebbe auf Grund der gegebenen Wendung, der gegebenen strategischen Periode, durch das Wechselverhältnis der kämpfenden Kräfte, durch die Formen des Kampfes (der Bewegung), durch das Tempo der Bewegung, durch den Schauplatz des Kampfes in jedem gegebenen Moment, an jedem gegebenen Ort bestimmt, und da sich diese Faktoren je nach Ort und Zeit von einer Wendung zur andern ändern, so ändert sich im Verlauf der strategischen Periode mehrmals die Taktik (oder kann sich ändern); denn sie umfasst nicht den ganzen Krieg, sondern nur einzelne Schlachten, die zum Siege oder zur Niederlage im Kriege führen. Die strategische Periode ist länger als die taktische. Die Taktik ist den Interessen der Strategie untergeordnet. Die taktischen Erfolge bereiten, allgemein gesprochen, die Erfolge der Strategie vor. Die Aufgabe der Taktik besteht darin, die Masse so in den Kampf zu führen, solche Losungen auszugeben, die Massen so an die neuen Positionen heranzuführen, dass durch die Summe aller Kämpfe der Krieg gewonnen, das heißt ein strategischer Erfolg erzielt wird. Es kommt jedoch vor, dass ein taktischer Erfolg den strategischen Erfolg untergräbt oder hinausschiebt, so dass in solchen Fällen auf taktische Erfolge verzichtet werden muss.

Ein Beispiel. Unsere Antikriegsagitation unter den Arbeitern und Soldaten Anfang 1917 unter Kerenski ergab unzweifelhaft ein taktisches Minus, denn die Menge holte unsere Redner vom Rednerpult herunter, verprügelte sie, riss sie mitunter in Stücke, die Masse strömte nicht der Partei zu, sondern strömte von ihr weg. Doch bereitete diese Agitation, ungeachtet ihres taktischen Misserfolgs, einen großen strategischen Erfolg vor, denn die Massen sahen bald ein, dass unsere Agitation gegen den Krieg richtig war, und dies beschleunigte und erleichterte nachher ihren Übergang auf die Seite der Partei.

Oder weiter. Die Forderung der Komintern, sich in Erfüllung der 21 Bedingungen[14] von den Reformisten und Zentristen abzugrenzen, eine Forderung, die unzweifelhaft ein gewisses taktisches Minus in sich birgt, denn sie vermindert bewusst die Zahl der "Anhänger" der Kornintern und schwächt die letztere zeitweilig, bringt dafür aber ein großes strategisches Plus ein, da sich die Komintern von unzuverlässigen Elementen säubert, was zweifellos zu einer Festigung der Komintern, zur Verstärkung ihres inneren Zusammenhalts, das heißt zur Verstärkung ihrer Macht überhaupt führen wird.

7. Agitationslosung und Aktionslosung . Sie beide zu verwechseln ist unzulässig, gefährlich. Die Losung "Alle Macht den Sowjets" war eine Agitationslosung in dem Zeitabschnitt vom April bis zum Oktober 1917; im Oktober wurde sie zur Aktionslosung, nachdem das Zentralkomitee der Partei Anfang Oktober (am 10. X.) die "Machtergreifung" beschlossen hatte. Die Gruppe Bagdatjew ließ sich in ihrem Auftreten in Petrograd im April eine derartige Verwechslung der Losungen zuschulden kommen.

8. Die (allgemeine) Direktive ist der direkte Appell zur Aktion zu der und der Zeit , an dem und dem Ort , verpflichtend für die Partei. Wenn die Losung. "Alle Macht den Sowjets" Anfang April ("die Thesen"[15]) eine Propagandalosung war, im Juni zur Agitationslosung und im Oktober (am 10. X.) zur Aktionslosung wurde, so wurde sie Ende Oktober zur unmittelbaren Direktive. Ich spreche von einer allgemeinen Direktive für die gesamte Partei, wobei ich der Ansicht bin, dass es in Entfaltung der allgemeinen Direktive außerdem örtliche Direktiven geben muss.

9. Die Schwankungen des Kleinbürgertums insbesondere bei der Verschärfung der politischen Krisen (in Deutschland während der Reichstagswahlen, in Rußland unter Kerenski im April, im Juni, im August, und wiederum in Rußland zur Zeit von Kronstadt 1921[16]), Schwankungen, die sorgfältig studiert, ausgenutzt und berücksichtigt werden müssen, denen nachzugeben aber für die Sache des Proletariats gefährlich, verderblich ist. Man darf nicht auf Grund dieser Schwankungen die Agitationslosungen ändern, man kann und muss mitunter diese oder jene Direktive und vielleicht auch ( Aktions- )Losung ändern oder hinausschieben. Die Taktik "in 24 Stunden" ändern heißt eben, die Direktive oder sogar die Aktionslosung , keineswegs aber die Agitationslosung andern. (Siehe die Absage der Demonstration am 9. Juni 1917 und ähnliche Tatsachen.)

10. Die Kunst des Strategen und Taktikers besteht darin, geschickt und rechtzeitig aus der Agitationslosung eine Aktionslosung zu machen und die Aktionslosung ebenso rechtzeitig und geschickt zu bestimmten konkreten Direktiven zu formen.

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