"Stalin"

Werke

Band 5

ÜBER DIE POLITISCHE STRATEGIE UND TAKTIK
DER RUSSISCHEN KOMMUNISTEN

Entwurf zu einer Broschüre

II.
DIE HISTORISCHEN WENDUNGEN IN DER
ENTWICKLUNG RUSSLANDS

1. Die Wendung in den Jahren 1904-1905 (der Russisch-Japanische Krieg deckte die ganze Brüchigkeit der Selbstherrschaft einerseits Lind die Macht der proletarischen und bäuerlichen Bewegung anderseits auf) und die "Zwei Taktiken"[17] Lenin s als der Wendung entsprechender strategischer Plan der Marxisten. Wendung zur bürgerlich-demokratischen Revolution ( darin lag das Wesen der Wendung ). Nicht bürgerlich-liberaler Kompromiss mit dem Zarismus unter der Hegemonie der Kadetten, sondern bürgerlich-demokratische Revolution unter der Hegemonie des Proletariats. ( Darin lag das Wesen des strategischen Planes. ) Dieser Plan ging davon aus, dass die bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland der sozialistischen Bewegung im Westen einen Anstoß geben, dort die Revolution auslösen und den Übergang Rußlands von der bürgerlichen zur sozialistischen Revolution erleichtern werde (siehe auch die Protokolle des III. Parteitags, die Reden Lenin s auf dem Parteitag[18] sowie ferner die Analyse des Begriffs Diktatur sowohl auf dem Parteitag als auch in der Broschüre "Ein Sieg der Kadetten"[19]). Unbedingte Berücksichtigung der inneren und internationalen kämpfenden Kräfte und Analyse der Ökonomie und Politik der Wendeperiode überhaupt . Die Februarrevolution brachte durch Verwirklichung von mindestens zwei Dritteln des strategischen Planes der "Zwei Taktiken" diese Periode zum Abschluss.

2. Die Wendung zur Sowjetrevolution im Februar und März 1917 (der imperialistische Krieg, der das absolutistische Regime aus den Angeln gehoben hatte, deckte die völlige Unhaltbarkeit des Kapitalismus auf und offenbarte die direkte Unvermeidlichkeit des sozialistischen Umsturzes als des einzigen Auswegs aus der Krise).

Unterschied zwischen der vom Volk, von der Bourgeoisie und vom englisch-französischen Kapital vollzogenen "glorreichen" Februarrevolution (in internationaler Hinsicht hat diese Revolution, da sie die Macht den Kadetten übergab, zu keinen irgendwie nennenswerten Veränderungen in der Lage geführt, denn sie war eine Fortsetzung der Politik des englisch-französischen Kapitals) und der Oktoberrevolution, die alles umgewälzt hat.

Lenin s "Thesen" als der neuen Wendung entsprechender strategischer Plan. Diktatur des Proletariats als Ausweg. Dieser Plan geht davon aus, dass "wir die sozialistische Revolution in Rußland beginnen, unsere eigene Bourgeoisie stürzen, auf diese Weise die Revolution im Westen auslösen werden, und dann werden die westlichen Genossen uns helfen, unsere Revolution zu Ende zu führen" . Unumgängliche Analyse der inneren und internationalen Ökonomie und Politik in dieser Wendeperiode (Periode der "Doppelherrschaft", Koalitionskombinationen, der Kornilowputsch als Todessymptom des Kerenskiregimes, die Gärung in den Ländern des Westens auf Grund der Unzufriedenheit mit dem Kriege).

3. Die Wendung im Oktober 1917 (eine Wendung nicht nur in der russischen, sondern auch in der Weltgeschichte), Errichtung der Diktatur des Proletariats in Rußland (Oktober - November - Dezember 1917 und erstes Halbjahr 1918) als Durchbruch der internationalen sozialen Front gegen den Weltimperialismus, der eine Wendung in Richtung auf die Liquidierung des Kapitalismus und auf die Errichtung der sozialistischen Ordnung im Weltmaßstab statuiert , und als Ära, die den Bürgerkrieg einleitete, der an Stelle des Imperialistischen Krieges trat (Dekret über den Frieden, Dekret über den Grund und Boden, Dekret über die Nationalitäten, Veröffentlichung der Geheimverträge, das Programm der Aufbauarbeit, Lenin s Reden auf dem 11. Sowjetkongress[20], Lenin s Schrift "Die Aufgabe der Sowjetmacht"[21], der Wirtschaftsaufbau).

Notwendig ist eine allseitige Analyse des Unterschieds zwischen der Strategie und Taktik des Kommunismus, der nicht an der .Macht, sondern in Opposition steht, und der Strategie und Taktik des Kommunismus, der an der Macht steht.

Internationale Lage: fortdauernder Krieg der beiden imperialistischen Cliquen als günstige Bedingung (nach Abschluss des Brester Friedens) für das Bestehen und die Entwicklung der Sowjetmacht in Rußland.

4. Der Kurs auf militärische Operationen gegen die Interventen (Sommer 1918 bis Ende 1920), der nach einer kurzen Periode des friedlichen Aufbaus, das heißt nach dem Brester Frieden, begann. Dieser Kurs begann nach dem Brester Frieden, der die militärische Schwäche Sowjetrußlands widerspiegelte und die Notwendigkeit unterstrich, in Rußland eine Rote Armee als wichtigste Stütze der Sowjetrevolution zu schaffen. Die Aktion der Tschechoslowaken, die Okkupation von Murmansk, Archangelsk, Wladiwostok und Baku durch Truppen der Entente, die Kriegserklärung der Entente an Sowjetrußland - das alles bedingte endgültig die Wendung von dem begonnenen friedlichen Aufbau zu militärischen Operationen, zur Verteidigung des Herdes der Weltrevolution gegen Überfälle innerer und äußerer Feinde. ( Lenin s Reden über den Brester Frieden und anderes.) Da die soziale Revolution lange auf sich warten lässt und wir, insbesondere nach der Okkupation der oben genannten Gebiete, die die Proletarier des Westens nicht zu ernstlichen Protesten veranlasst hat, uns selbst überlassen sind, sind wir gezwungen, den schändlichen Brester Frieden zu schließen, um eine Atempause zum Aufbau unserer eigenen Roten Armee zu erlangen und mit unseren eigenen Kräften die Sowjetrepublik behaupten zu können.

"Alles für die Front, alles für die Verteidigung der Republik." Daher die Schaffung des Verteidigungsrats usw. Das ist die Kriegsperiode, die dem ganzen inneren und äußeren Leben Rußlands den Stempel aufgedrückt hat.

5. Der Kurs auf den friedlichen Aufbau seit Anfang 1921 nach der Zerschmetterung Wrangels, Friede mit einer Reihe bürgerlicher Staaten, Vertrag mit England und anderes.

Der Krieg ist zu Ende, da aber die Sozialisten des Westens einstweilen noch außerstande sind, uns bei der Wiederherstellung unserer Wirtschaft zu helfen, so sehen wir, die wir von industriell höher entwickelten bürgerlichen Staaten ökonomisch umringt sind, uns gezwungen, auf Konzessionen, auf Handelsverträge mit einzelnen bürgerlichen Staaten und Konzessionsverträge mit einzelnen kapitalistischen Gruppen einzugehen, sind wir auch auf diesem (wirtschaftlichem) Gebiet uns selbst überlassen, sind wir gezwungen zu lavieren. Alles für die Wiederherstellung der Volkswirtschaft. (Siehe Lenin s bekannte Reden und Schriften.) Umwandlung des Verteidigungsrats in den Rat für Arbeit und Verteidigung.

6. Die Entwicklungsetappen der Partei vor 1917:

a) Schaffung des Grundkerns, insbesondere der Gruppe "Iskra" usw. Kampf gegen den Ökonomismus. Credo[22].

b) Herausbildung von Parteikadern als Grundlage der zukünftigen Arbeiterpartei im gesamtrussischen Maßstab (1895-1903). II. Parteitag.

c) Entwicklung der Kader zur Arbeiterpartei und Auffüllung der Partei mit neu mobilisierten Parteiarbeitern im Verlauf der proletarischen Bewegung (1903-1904). III. Parteitag.

d) Kampf der Menschewiki gegen die Parteikader, für deren Auflösung in einer parteilosen Masse ("Arbeiterkongress") und Kampf der Bolschewiki für die Erhaltung der Parteikader als Grundlage der Partei. Londoner Parteitag und Niederlage der Anhänger des Arbeiterkongresses.

e) Liquidatoren und Parteianhänger. Niederlage der Liquidatoren (1908-1910).

f) 1908 bis einschließlich 1916. Periode der Verbindung der illegalen und der legalen Formen der Arbeit und Wachstum der Parteiorganisationen in allen Arbeitsbereichen.

7. Die Kommunistische Partei als eine Art Schwertträger orden innerhalb des Sowjetstaates, der die Organe des letzteren lenkt und ihre Tätigkeit beseelt.

Bedeutung der alten Garde innerhalb dieses mächtigen Ordens. Auffüllung der alten Garde mit neuen, in den letzten drei bis vier Jahren gestählten Funktionären.

Hatte Lenin recht, wenn er einen unversöhnlichen Kampf gegen die Versöhnler führte? Jawohl, denn sonst wäre die Partei verwässert worden und wäre nicht ein Organismus, sondern ein Konglomerat verschiedenartiger Elemente, sonst würde die Partei nicht über den inneren Zusammenhalt und die Geschlossenheit, die beispiellose Disziplin und die unübertroffene Elastizität verfügen, ohne die sie und die von ihr geleitete Sowjetmacht nicht imstande gewesen wären, sich gegen den Weltimperialismus zu behaupten. "Eine Partei stärkt sich, indem sie sich purifiziert" , sagt mit Recht Lassalle. Vor allem Qualität, und erst dann Quantität.

8. Die Frage nach der Notwendigkeit oder Entbehrlichkeit der Partei des Proletariats und nach ihrer Rolle. Die Partei ist das Kommandeurkorps und der Stab des Proletariats, der alle Formen des Kampfes des Proletariats in ausnahmslos allen Zweigen des Kampfes leitet und den Kampf in seinen verschiedenartigsten Formen zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfasst. Davon reden, die Kommunistische Partei sei nicht notwendig, heißt vom Kampf des Proletariats ohne Stab, ohne führenden Kern reden, der speziell die Kampfbedingungen studiert und die Kampfmethoden ausarbeitet, heißt behaupten, dass sich ohne Stab besser kämpfen lasse als mit einem Stab - was töricht ist.

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