"Stalin"

Werke

Band 5

ÜBER DIE
NÄCHSTEN AUFGABEN DES KOMMUNISMUS
IN GEORGIEN UND TRANSKAUKASIEN

Bericht in der Mitgliederversammlung der
Tifliser Organisation der Kommunistischen Partei Georgiens[28]

6. Juli 1921

Genossen! Das Komitee Ihrer Organisation hat mich beauftragt, Ihnen einen Bericht über die nächsten Aufgaben des Kommunismus in Georgien zu erstatten.

Die nächsten Aufgaben des Kommunismus liegen auf dem Gebiet der Taktik. Um aber die Taktik einer Partei, und zwar einer Regierungspartei, festzulegen, muss man vor allem der allgemeinen Situation Rechnung tragen, in der die Partei lebt und die unbedingt berücksichtigt sein will. Wie sieht diese Situation aus?

Es bedarf wohl kaum eines Beweises, dass sich die Welt mit Beginn des Bürgerkriegs in zwei entgegengesetzte Lager gespalten hat, das Lager des Imperialismus mit der Entente an der Spitze und das Lager des Sozialismus mit Sowjetrußland an der Spitze, dass im ersten Lager sich alle möglichen kapitalistischen, "demokratischen" und menschewistischen Staaten befinden, während zu dem zweiten Lager die Sowjetstaaten, darunter auch Georgien, gehören. Der Grundzug der Situation, in der die Sowjetländer heute leben, besteht darin, dass die Periode des bewaffneten Kampfes zwischen den oben genannten beiden Lagern mit einem mehr oder weniger lang andauernden Waffenstillstand zwischen ihnen geendet hat, dass die Periode des Krieges von einer Periode des friedlichen wirtschaftlichen Aufbaus der Sowjetrepubliken abgelöst worden ist. Früher, sozusagen in der Kriegsperiode, handelten die Sowjetrepubliken nach der all-gemeinen Losung "Alles für den Krieg", denn die Sowjetrepubliken waren ein von den imperialistischen Staaten umzingeltes blockiertes Lager.

Damals, in der erwähnten Periode, wurde die ganze Energie der Kommunistischen Partei darauf verwandt, alle lebendigen Kräfte für den Aufbau der Roten Armee, für die Verstärkung der Front zum bewaffneten Kampf gegen den Imperialismus einzusetzen. Es erübrigt sich zu sagen, dass die Partei in dieser Periode ihr Augenmerk nicht auf den wirtschaftlichen Aufbau konzentrieren konnte. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass die Ökonomik der Sowjetländer sich in dieser Periode darauf beschränkte, die Kriegsindustrie zu entwickeln und einige Zweige der Volkswirtschaft, die wiederum mit dem Kriege zu tun hatten, schlecht und recht aufrechtzuerhalten. Hieraus ist eigentlich auch die wirtschaftliche Zerrüttung zu erklären, die wir von der Kriegsperiode der Sowjetstaaten geerbt haben.

Heute, da wir in eine neue Periode des wirtschaftlichen Aufbaus eingetreten, da wir vom Krieg zu friedlicher Arbeit übergegangen sind, wird die alte Losung "Alles für den Krieg" natürlicherweise von der neuen Losung "Alles für die Volkswirtschaft" abgelöst. Diese neue Periode verpflichtet die Kommunisten, alle Kräfte an die Wirtschaftsfront, in die Industrie, die Landwirtschaft, das Ernährungswesen, die Genossenschaften, das Verkehrswesen usw. zu werfen. Denn sonst ist es unmöglich, der wirtschaftlichen Zerrüttung Herr zu werden.

Hat uns die Kriegsperiode den Typus von Kommunisten geliefert, die auf militärischem Gebiet, auf dem Gebiet der Versorgung, der Truppenformierung und der operativen Arbeit erfahren sind, so muss die Kommunistische Partei dafür Sorge tragen, dass in der neuen Periode, der Periode des wirtschaftlichen Aufbaus, durch Gewinnung der breiten Massen für die wirtschaftliche Wiederherstellung ein neuer Typus, der des kommunistischen Wirtschaftsfunktionärs - in der Industrie, in der Landwirtschaft, im Verkehrswesen, in den Genossenschaften usw. -, entwickelt wird.

Aber bei der Entfaltung der wirtschaftlichen Aufbauarbeit können die Kommunisten nicht umhin, zwei sehr wichtigen Umständen Rechnung zu tragen, die als Erbe der Vergangenheit zurückgeblieben sind. Diese Umstände sind: erstens das Bestehen von industriell hochentwickelten bürgerlichen Staaten rings um die Sowjetländer und zweitens das Vorhandensein einer zahlenmäßig starken bäuerlichen Kleinbourgeoisie innerhalb der Sowjetstaaten.

Die Sache ist die, dass durch den Willen der Geschichte die Sowjetmacht nicht in den höher entwickelten Ländern den Sieg davongetragen hat, sondern in Ländern, die in kapitalistischer Hinsicht relativ weniger entwickelt waren. Die Geschichte hat gezeigt, dass in solchen Ländern wie Rußland mit einem verhältnismäßig jungen Kapitalismus, einem starken, konzentrierten Proletariat und einer schwachen nationalen Bourgeoisie es viel leichter ist, die Bourgeoisie zu stürzen als in den klassischen Ländern des Kapitalismus, wie Deutschland, England und Frankreich, wo der Kapitalismus seit einigen Jahrhunderten besteht und die Bourgeoisie Zeit hatte, zu einer bedeutsamen führenden Kraft des ganzen gesellschaftlichen Lebens zu werden.

Wenn die Diktatur des Proletariats auch in solchen Ländern wie Deutschland und England errichtet sein wird, so wird es dort zweifellos leichter sein, die sozialistische Revolution fortzusetzen und zu Ende zu führen, das heißt, dort wird es leichter sein, die sozialistische Wirtschaft zu organisieren, denn dort ist die Industrie höher entwickelt, die Technik reicher und das Proletariat verhältnismäßig zahlreicher als in den heutigen Sowjetländern. Einstweilen jedoch stehen wir vor der Tatsache, dass auf der einen Seite in Ländern mit weniger entwickelter Industrie und einer zahlreichen Klasse kleiner Warenproduzenten (Bauern) die Diktatur des Proletariats und auf der anderen Seite in den Ländern mit höher entwickelter Industrie und einer zahlreichen proletarischen Klasse die Diktatur der Bourgeoisie besteht. Diese Tatsache zu ignorieren, wäre unvernünftig, leichtsinnig.

Da die Sowjetländer Roh- und Brennstoffressourcen in Hülle und Fülle haben, während die industriell entwickelten bürgerlichen Länder Mangel daran leiden, steht es außer Zweifel, dass einzelne kapitalistische Gruppen aus den bürgerlichen Staaten daran interessiert sind, mit den Sowjetstaaten Abkommen zu schließen, um die Roh- und Brennstoffvorräte unter bestimmten Bedingungen auszunutzen. Da anderseits die Klasse der Kleinproduzenten in den Sowjetstaaten (die Bauernschaft) Industrieerzeugnisse (Textilien, landwirtschaftliche Maschinen) braucht, steht es außer Zweifel, dass auch sie an einem Abkommen mit der proletarischen Macht ihres Landes interessiert ist, um diese Erzeugnisse auf dem Wege des Warenaustauschs (im Austausch gegen landwirtschaftliche Produkte) zu erhalten.

Die Sowjetmacht ist ihrerseits ebenfalls daran interessiert, ein zeitweiliges Abkommen sowohl mit einzelnen kapitalistischen Gruppen fremder Länder als auch mit der Klasse der kleinen Warenproduzenten ihres eigenen Landes zu treffen, denn ein solches Abkommen wird zweifellos die Wiederherstellung der durch den Krieg zerstörten Produktivkräfte und die Durchführung der Elektrifizierung, dieser technisch-industriellen Basis der künftigen sozialistischen Wirtschaft, beschleunigen und erleichtern.

Diese Umstände diktieren den Kommunisten der Sowjetstaaten eine Politik zeitweiliger Vereinbarungen sowohl mit einzelnen kapitalistischen Gruppen des Westens (im Interesse der Ausnutzung ihrer Kapitalien und technischen Kräfte) als auch mit der Kleinbourgeoisie ihres eigenen Landes (um die nötigen Rohstoffe und Lebensmittel zu erhalten).

Manch einer könnte bemerken, diese Taktik der Vereinbarungen mit der Bourgeoisie rieche nach Menschewismus, denn die Menschewiki praktizieren in ihrer Tätigkeit eine Taktik der Vereinbarungen mit der Bourgeoisie. Aber das stimmt nicht. Zwischen der Taktik der Vereinbarungen mit einzelnen bürgerlichen Gruppen, wie sie heute von den Kommunisten vorgeschlagen wird, und der menschewistischen Taktik der Vereinbarungen mit der Bourgeoisie liegt ein ganzer Abgrund. Die Menschewiki pflegen eine Verständigung mit der Bourgeoisie vorzuschlagen, wenn die Kapitalisten an der Macht stehen, wenn die an der Macht stehenden Kapitalisten, um ihre Herrschaft zu festigen und das Proletariat zu korrumpieren, nicht abgeneigt sind, von oben herab einzelnen Gruppen des Proletariats gewisse "Reformen" zu gewähren, kleine Zugeständnisse zu machen. Eine solche Verständigung ist für das Proletariat schädlich und für die Bourgeoisie vorteilhaft, denn es schwächt nicht die Macht der Bourgeoisie, sondern stärkt sie und erzeugt unter dem Proletariat Uneinigkeit, spaltet es. Eben darum waren die Bolschewiki stets gegen die menschewistische Taktik der Verständigung mit der an der Macht stehenden Bourgeoisie und werden stets gegen diese Taktik sein. Eben darum betrachten die Bolschewiki die Menschewiki als Schrittmacher des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat.

Die von den Bolschewiki vorgeschlagene Taktik der Vereinbarungen hat aber, im Gegensatz zur Taktik der Menschewiki, einen ganz anderen Charakter, denn sie setzt eine ganz andere Situation voraus, in der nicht die Bourgeoisie, sondern das Proletariat an der Macht steht, wobei eine Verständigung einzelner bürgerlicher Gruppen mit der proletarischen Macht unvermeidlich zur Festigung der proletarischen Macht auf der einen, zur Zersetzung der Bourgeoisie und zur Unterwerfung einzelner ihrer Gruppen auf der anderen Seite führen muss. Es ist nur notwendig, dass das Proletariat die von ihm eroberte Macht fest in Händen hält und die Mittel und Kenntnisse dieser bürgerlichen Gruppen geschickt für die wirtschaftliche Wiederherstellung des Landes ausnutzt.

Sie sehen, dass diese Taktik von der Taktik der Menschewiki himmelweit verschieden ist.

Also alle lebendigen Kräfte an die Wirtschaftsfront werfen und dabei durch Vereinbarungen einzelne bürgerliche Gruppen, ihre Mittel, ihre Kenntnisse, ihre organisatorischen Erfahrungen im Interesse der wirtschaftlichen Wiederherstellung des Landes ausnutzen - das ist die erste nächstliegende Aufgabe der Kommunisten in den Sowjetländern, darunter auch der Kommunisten Georgiens, eine Aufgabe, die durch die gesamte Lage diktiert wird.

Es genügt jedoch nicht, die allgemeine Situation zu berücksichtigen, wenn es gilt, die Taktik der einzelnen Sowjetländer, in diesem Fall Sowjetgeorgiens, festzulegen. Um die Taktik der Kommunisten in jedem einzelnen Sowjetland festzulegen, muss man noch die besonderen, konkreten Existenzbedingungen dieser Länder in Rechnung stellen. Welches sind nun die besonderen, konkreten Existenzbedingungen Sowjetgeorgiens, unter denen die Kommunistische Partei Georgiens zu wirken hat?

Mit aller Eindeutigkeit lassen sich einige Tatsachen feststellen, die diese Bedingungen charakterisieren.

Erstens gibt es keinen Zweifel, dass eine völlig isolierte Existenz Sowjetgeorgiens wie auch eines jeden anderen Sowjetlandes angesichts der entschieden feindlichen Haltung der kapitalistischen Staaten gegenüber den Sowjetländern sowohl vom militärischen Standpunkt als auch vom Standpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung aus undenkbar ist. Die gegenseitige sowohl militärische als auch wirtschaftliche Unterstützung der Sowjetmaaten ist eine Voraussetzung, ohne die die Entwicklung dieser Staaten undenkbar ist.

Zweitens ist es klar, dass Georgien, das Mangel an Lebensmitteln leidet, russisches Getreide braucht, ohne dieses Getreide nicht auskommen kann.

Drittens braucht Georgien, das über keinen flüssigen Brennstoff verfügt, offenkundig zur Aufrechterhaltung seines Verkehrs und seiner Industrie die Erdölerzeugnisse Aserbaidshans, ohne die es nicht auskommen kann.

Viertens gibt es gleichfalls keinen Zweifel, dass Georgien, das Mangel an Exportmitteln leidet, auf Goldunterstützung aus Rußland angewiesen Ist, wenn es sein Defizit im Warenbudget decken will.

Schließlich muss den eigentümlichen Verhältnissen der nationalen Zusammensetzung der Bevölkerung Georgiens Rechnung getragen werden, dass nämlich ein beträchtlicher Prozentsatz dieser Bevölkerung, und in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, sogar rund die Hälfte der Gesamtbevölkerung, aus Armeniern besteht, so dass Georgien bei jeder Regierungsform überhaupt und unter dem Sowjetregime im besonderen zweifellos verpflichtet ist, sowohl mit den Armeniern in Georgien als auch mit Armenien unbedingt Frieden und brüderliche Zusammenarbeit zu pflegen.

Es bedarf wohl kaum des Beweises, dass diese und viele ähnliche konkrete Verhältnisse es Sowjetgeorgien genauso wie Sowjetarmenien und Aserbaidshan zur Pflicht machen, untereinander eine gewisse Einheit in Ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit, eine gewisse Vereinigung der wirtschaftlichen Bemühungen herbeizuführen, sagen wir, zur Verstärkung des Verkehrswesens, zum gemeinsamen Auftreten auf den Außenmärkten, zur Durchführung von Meliorationsarbeiten (Bewässerung, Drainage) usw. Ich spreche schon gar nicht von der Notwendigkeit gegenseitiger Unterstützung und Verbindung sowohl zwischen den transkaukasischen unabhängigen Sowjetrepubliken als auch zwischen diesen Republiken und Sowjetrußland, falls eine Verteidigung gegen Überfälle von außen notwendig wird. All das ist klar und unbestreitbar. Wenn ich nun diese Binsenwahrheiten dennoch erwähnt habe, so nur darum, weil es gewisse Umstände gibt, die in den letzten zwei, drei Jahren entstanden sind und diese Vereinigung behindern, diese Vereinigungsversuche gefährden. Ich spreche von dem Nationalismus - dem georgischen, armenischen, aserbaidshanischen Nationalismus -, der sich in den letzten Jahren in den Republiken Transkaukasiens gewaltig verstärkt hat und die Vereinigung hemmt.

Ich erinnere mich der Jahre 1905 bis 1917, als unter den Arbeitern und den Werktätigen der Nationalitäten Transkaukasiens überhaupt eine vollkommene brüderliche Solidarität zu beobachten war, als Bande der Brüderlichkeit die armenischen, georgischen, aserbaidshanischen und russischen Arbeiter zu einer einzigen sozialistischen Familie verbanden. Als ich jetzt nach Tiflis kam, war ich sehr darüber erstaunt, dass zwischen den Arbeitern der Nationalitäten Transkaukasiens nicht mehr die frühere Solidarität besteht. Unter den Arbeitern und Bauern hat sich ein Nationalismus herausgebildet, das Gefühl des Argwohns gegenüber den Genossen anderer Nationalitäten ist stärker geworden: man findet jetzt antiarmenischen, antitatarischen, antigeorgischen, antirussischen oder irgendeinen anderen Nationalismus, soviel wie man will. Die alten Bande brüderlichen Vertrauens sind zerrissen oder zumindest bedeutend geschwächt. Offensichtlich sind die drei Jahre, in denen es nationalistische Regierungen in Georgien (die Menschewiki), in Aserbaidshan (die Mussawatisten[29]), in Armenien (die Daschnaken[30]) gab, nicht spurlos vorübergegangen. Diese nationalistischen Regierungen, die mit ihrer nationalistischen Politik unter den Werktätigen im Geiste eines aggressiven Nationalismus wirkten, haben es schließlich dahin gebracht, dass jedes dieser kleinen Länder sich von einer feindlichen nationalistischen Atmosphäre umringt sah, wodurch Georgien und Armenien des russischen Getreides und des aserbaidshanischen Erdöls verlustig gingen, während Aserbaidshan und Rußland die Waren verloren, die über Batum kamen. Ich spreche schon gar nicht von den bewaffneten Zusammenstößen (dem georgisch-armenischen Krieg) und dem Gemetzel (dem armenisch-tatarischen), als den natürlichen Folgen nationalistischer Politik. Es ist nicht verwunderlich, dass in dieser vergifteten nationalistischen Atmosphäre die alten internationalen Bande zerrissen sind und das Bewusstsein der Arbeiter vom Gift des Nationalismus verseucht wurde. Da nun die Überreste dieses Nationalismus unter den Arbeitern noch nicht überwunden sind, steht dieser Umstand (der Nationalismus) der Vereinigung der wirtschaftlichen (und militärischen) Bemühungen der transkaukasischen Sowjetrepubliken als größtes Hindernis entgegen. Nun, ich habe ja schon davon gesprochen, dass die transkaukasischen Sowjetrepubliken, insbesondere Sowjetgeorgien, ohne diese Vereinigung unmöglich wirtschaftlich gedeihen können. Darum ist die nächste Aufgabe der Kommunisten Georgiens der schonungslose Kampf gegen den Nationalismus, die Wiederherstellung der alten internationalen Bruderbande, die vor dem Aufkommen der nationalistischen menschewistischen Regierung bestanden haben, und somit die Schaffung einer gesunden Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens, wie sie notwendig ist, um die wirtschaftlichen Bemühungen der transkaukasischen Sowjetrepubliken vereinigen und die wirtschaftliche Wiedergeburt Georgiens erzielen zu können.

Das bedeutet natürlich nicht, dass es ein unabhängiges Georgien oder ein unabhängiges Aserbaidshan usw. nicht mehr geben dürfe. Das unter gewissen Genossen zirkulierende Projekt, das die Wiederherstellung der alten Gouvernements (Tiflis, Baku, Eriwan) mit einer einheitlichen transkaukasischen Regierung an der Spitze bezweckt, ist meiner Auffassung nach eine Utopie, und zwar eine reaktionäre Utopie, denn ein solches Projekt geht zweifellos von dem Wunsch aus, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Die alten Gouvernements wiederherstellen und die nationalen Regierungen in Georgien, in Aserbaidshan, in Armenien liquidieren wäre genau dasselbe wie das Grundeigentum der Gutsbesitzer wiederherstellen und die Errungenschaften der Revolution liquidieren. Das hat mit Kommunismus nichts gemein. Gerade um die Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens zu zerstreuen und die Bande der Brüderlichkeit zwischen den Arbeitern der Nationalitäten Transkaukasiens und Rußlands wiederherzustellen - gerade dazu muss man die Unabhängigkeit sowohl Georgiens als auch Aserbaidshans und Armeniens aufrechterhalten. Das schließt die Notwendigkeit einer gegenseitigen wirtschaftlichen und sonstigen Unterstützung sowie die Notwendigkeit einer Vereinigung der wirtschaftlichen Bemühungen der unabhängigen Sowjetrepubliken auf der Grundlage eines freiwilligen Übereinkommens, auf der Grundlage einer Konvention nicht aus, sondern setzt diese im Gegenteil voraus.

Nachrichten zufolge, die ich erhalten habe, wurde dieser Tage in Moskau beschlossen, Georgien, Armenien und Aserbaidshan eine kleine Unterstützung in Form einer Anleihe von 6½ Millionen Goldrubel zu gewähren. Außerdem habe ich erfahren, dass Georgien und Armenien, wie sich herausstellt, Erdölerzeugnisse aus Aserbaidshan kostenlos erhalten - ein Fall, der im Leben bürgerlicher Staaten undenkbar ist, selbst wenn diese durch das berüchtigte "herzliche Einvernehmen" (Entente cordiale[31]) miteinander verbunden sind. Es bedarf wohl kaum des Beweises, dass diese und ähnliche Akte die Unabhängigkeit dieser Staaten nicht schwächen, sondern stärken.

Also die nationalistischen Überreste liquidieren, sie mit glühendem Eisen ausbrennen und eine gesunde Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens unter den Werktätigen der Nationalitäten Transkaukasiens schaffen, um die Vereinigung der wirtschaftlichen Bemühungen der transkaukasischen Sowjetrepubliken (ohne die die wirtschaftliche Wiedergeburt Sowjetgeorgiens undenkbar ist) zu erleichtern und zu beschleunigen unter Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit Sowjetgeorgiens - das ist die zweite dringliche Aufgabe der Kommunisten Georgiens, die sich gebieterisch aus den konkreten Existenzbedingungen dieses Landes ergibt.

Schließlich besteht die dritte dringliche Aufgabe, eine ebenso wichtige und ebenso unumgängliche Aufgabe, darin, die Reinheit, Festigkeit und Elastizität der Kommunistischen Partei Georgiens zu erhalten.

Genossen! Sie müssen daran denken, dass unsere Partei eine Regierungspartei ist, dass ihr mitunter in ganzen Gruppen unzuverlässige, dem proletarischen Geist fremde, karrieristische Elemente beitreten oder beizutreten trachten, Leute, die den Geist der Zersetzung und des Konservatismus in die Partei hineintragen. Es ist die ureigene Aufgabe der Kommunisten, dafür zu sorgen, dass die Partei von solchen Elementen verschont bleibt. Es gilt, sich ein für allemal einzuprägen, dass die Kraft und das Gewicht einer Partei, besonders der kommunistischen Partei, nicht so sehr von der Menge der Mitglieder als vielmehr von ihrer Qualität, von ihrer Standhaftigkeit und Treue für die Sache des Proletariats abhängen. Die Kommunistische Partei Rußlands hat alles in allem 700000 Mitglieder. Ich kann Ihnen versichern, Genossen, dass sie die Zahl ihrer Mitglieder auf 7 Millionen bringen könnte, wenn sie es wollte und wenn sie nicht wüsste, dass 700000 standhafte Kommunisten eine ernster zu nehmende Kraft darstellen als 7 Millionen Mitläufer, die niemand braucht und die zu nichts nutze sind. Wenn Rußland dem Ansturm des Weltimperialismus standgehalten hat, wenn es an den Außenfronten eine Reihe von bedeutsamen Erfolgen zu verzeichnen hat, wenn es im Laufe von zwei, drei Jahren aus sich heraus die Kraft aufgebracht hat, die die Grundlagen des Weltimperialismus erschüttert, so hat es dies unter anderem der fest gefügten, kampferprobten und aus hartem Stahl geschmiedeten Kommunistischen Partei zu verdanken, die niemals nach einer großen Mitgliederzahl gejagt, sondern als ihre erste Sorge die Verbesserung ihrer qualitativen Zusammensetzung betrachtet hat. Lassalle hatte recht, als er sagte, dass die Partei sich festigt, indem sie sich von Unrat säubert. Anderseits steht außer Zweifel, dass, wenn zum Beispiel die größte der sozialdemokratischen Parteien der Welt, die deutsche Sozialdemokratie, sich während des imperialistischen Krieges als Spielzeug in den Händen des Imperialismus erwies und nach dem Kriege wie ein Koloss auf tönernen Füßen in den Abgrund stürzte, dies deshalb geschehen konnte, weil sie sich jahrelang für eine Erweiterung ihrer Organisationen durch Aufnahme von allerhand kleinbürgerlichem Gesindel begeisterte, das denn auch den lebendigen Geist in ihr tötete.

Also die Standhaftigkeit und Reinheit der Partei bewahren, nicht nach einer großen Parteimitgliederzahl jagen, die qualitative Zusammensetzung der Partei systematisch verbessern, die Partei vor dem Zustrom von kleinbürgerlich-nationalistischen Intellektuellenelementen bewahren - das ist die dritte und letzte dringliche Aufgabe der Kommunistischen Partei Georgiens.

Ich schließe meinen Bericht, Genossen. Jetzt zu den Schlussfolgerungen:

1. Die wirtschaftliche Aufbauarbeit allseitig entfalten, für diese Arbeit alle Kräfte einsetzen und dabei die Kräfte und Mittel sowohl der kapitalistischen Gruppen des Westens als auch der kleinbürgerlichen Gruppen des eigenen Landes ausnutzen;

2. die Hydra des Nationalismus zertreten und eine gesunde Atmosphäre des Internationalismus schaffen, um die Vereinigung der wirtschaftlichen Bemühungen der Sowjetrepubliken Transkaukasiens unter Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit dieser Republiken zu erleichtern;

3. die Partei vor dem Zustrom kleinbürgerlicher Elemente bewahren und ihre Standhaftigkeit, ihre Elastizität unter systematischer Verbesserung ihrer qualitativen Zusammensetzung erhalten.

Das sind die drei grundlegenden nächstliegenden Aufgaben der Kommunistischen Partei Georgiens.

Nur wenn die Kommunistische Partei Georgiens diese Aufgaben erfüllt, wird sie das Steuer in ihren Händen behalten und die wirtschaftliche Zerrüttung besiegen können. (Beifall.)

"Prawda Grusii" (Prawda Georgiens)
(Tiflis) Nr. 108,
13. Juli 1921.

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