"Stalin"

Werke

Band 5

DIE PERSPEKTIVEN

Die internationale Situation hat für das Leben Rußlands erstrangige Bedeutung. Nicht nur darum, weil Rußland, wie jedes andere Land in Europa auch, durch unzählige Fäden mit den kapitalistischen Nachbarländern verbunden ist, sondern vor allem auch darum, weil es sich als Sowjetland, das als solches für die bürgerliche Welt eine "Bedrohung" darstellt, durch den Gang der Dinge von einem feindlichen Lager bürgerlicher Staaten eingekreist sieht. Dabei ist begreiflich, dass die Situation in diesem Lager, das Verhältnis der einander bekämpfenden Kräfte in diesem Lager, für Rußland von erstrangiger Bedeutung sein muss.

Als das grundlegende Moment, das die internationale Situation charakterisiert, ist die Tatsache zu betrachten, dass die Periode des offenen Krieges von einer Periode des "friedlichen" Kampfes abgelöst worden ist, dass eine gewisse gegenseitige Anerkennung der kämpfenden Kräfte und ein Waffenstillstand zwischen ihnen, zwischen der Entente auf der einen Seite, als dem Haupt der bürgerlichen Konterrevolution, und Rußland auf der anderen Seite, als dem Vortrupp der proletarischen Revolution, eingetreten sind. Der Kampf hat gezeigt, dass wir (die Arbeiter) noch nicht so stark sind, um jetzt schon mit dem Imperialismus Schluss machen zu können. Der Kampf hat aber auch gezeigt, dass sie (die Bourgeois) schon nicht mehr so stark sind, um Sowjetrußland erdrosseln zu können.

Infolgedessen verging, verflüchtigte sich der "Schrecken" oder das "Entsetzen" der Weltbourgeoisie vor der proletarischen Revolution, von dem sie zum Beispiel in den Tagen des Vormarschs der Roten Armee auf Warschau erfasst wurde. Zugleich geht auch der grenzenlose Enthusiasmus vorüber, mit dem die Arbeiter Europas schier jede kleine Meldung über Sowjetrußland aufnahmen.

Es ist eine Periode nüchterner Abwägung der Kräfte angebrochen, eine Periode molekularer Arbeit zwecks Vorbereitung und Sammlung der Kräfte für die kommenden Kämpfe.

Das bedeutet nicht, dass das gewisse Kräftegleichgewicht, das schon zu Beginn des Jahres 1921 eingetreten war, ohne Veränderung geblieben Ist. Bei weitem nicht.

Nachdem die Weltbourgeoisie sich von den Schlägen der Revolution erholt hatte, die sie infolge des imperialistischen Krieges erhalten hatte, und wieder zu sich gekommen war, ging sie von der Verteidigung zum Angriff auf "ihre eigenen" Arbeiter über, nutzte geschickt die Industriekrise aus und stieß die Arbeiter in schlechtere Existenzbedingungen (Herabsetzung des Arbeitslohns, Verlängerung des Arbeitstags, Massenarbeitslosigkeit) zurück. Besonders schlimme Resultate zeitigte diese Offensive in Deutschland, wo (abgesehen von allem anderen) der rapide Kurssturz der Mark die Lage der Arbeiterschaft noch mehr verschlechterte.

Auf diesem Boden entstand in der Arbeiterklasse eine machtvolle Bewegung (besonders in Deutschland) für die Schaffung einer Einheitsfront der Arbeiter und für die Erkämpfung einer Arbeiterregierung, eine Bewegung, die die Verständigung und den gemeinsamen Kampf gegen den gemeinsamen Feind aller mehr oder weniger revolutionären Fraktionen der Arbeiterklasse, von den "gemäßigten" bis zu den "radikalen", fordert. Es liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, dass die Kommunisten im Kampf um die Arbeiterregierung in den ersten Reihen stehen werden, denn dieser Kampf muss zu einer weiteren Zersetzung der Bourgeoisie und zur Verwandlung der heutigen kommunistischen Parteien in wirkliche proletarische Massenparteien führen.

Aber die Sache beschränkt sich bei weitem nicht auf die Offensive der Bourgeoisie gegen "ihre eigenen" Arbeiter. Die Bourgeoisie weiß, dass sie "ihre" Arbeiter nicht niederzwingen kann, ohne Rußland gezügelt zu haben. Hieraus entspringen die immer eifriger werdenden Bemühungen der Bourgeoisie um die Vorbereitung einer neuen Offensive gegen Rußland, einer komplizierteren und gründlicheren als alle vorhergegangenen Offensiven.

Freilich werden Handelsverträge und sonstige Verträge mit Rußland abgeschlossen und auch in Zukunft abgeschlossen werden, und das ist für Rußland von größter Bedeutung. Es darf aber nicht vergessen werden, dass die Handelsmissionen und alle sonstigen Missionen und Gesellschaften, die Rußland überschwemmen, die mit Rußland Handel treiben und ihm helfen, zugleich die besten Kundschafter der Weltbourgeoisie sind, dass die Weltbourgeoisie infolgedessen Sowjetrußland, seine schwachen und starken Seiten, jetzt besser kennt als je zuvor - Umstände, die im Falle neuer interventionistischer Aktionen ernste Gefahren in sich bergen.

Freilich sind gewisse Reibungen in der Ostfrage auf "Missverständnisse" zurückgeführt worden. Man darf aber nicht vergessen, dass die Türkei, Persien, Afghanistan und der Ferne Osten mit Agenten des Imperialismus, mit Gold und sonstigen "Segnungen" überschwemmt werden, um einen wirtschaftlichen (und nicht nur einen wirtschaftlichen) Ring um Sowjetrußland herum zu schaffen. Es bedarf wohl kaum des Beweises, dass die so genannte "Friedens"konferenz in Washington[35] uns nichts wahrhaft Friedliches verheißt.

Freilich haben wir die "besten" Beziehungen sowohl zu Polen als auch zu Rumänien und zu Finnland. Man darf aber nicht vergessen, dass diese Länder, besonders Polen und Rumänien, intensiv auf Rechnung der Entente aufrüsten und sich zum Kriege vorbereiten (gegen wen denn anders als gegen Rußland?), dass sie nach wie vor die nächsten Reserven des Imperialismus bilden, dass gerade sie erst kürzlich die weißgardistischen Trupps der Sawinkow- und Petljurabanditen auf russisches Territorium (zwecks Spionage?) gebracht haben.

All dies und viele ähnliche Erscheinungen sind, allem Anschein nach, einzelne Kettenglieder in der allgemeinen Vorbereitung einer neuen Offensive gegen Rußland.

Verbindung des wirtschaftlichen Kampfes mit dem militärischen Kampf, Kombinierung des Sturmangriffs von innen mit dem Sturmangriff von außen - das ist die wahrscheinlichste Form dieser Offensive.

Von der Wachsamkeit der Kommunisten im Hinterland und in der Armee, von den Erfolgen unserer Arbeit auf wirtschaftlichem Gebiet, schließlich von der Standhaftigkeit der Roten Armee hängt es ab, ob es uns gelingen wird, diese Offensive zu verhindern oder - falls sie demnächst losbricht - sie in eine tödliche Waffe gegen die Weltbourgeoisie zu verwandeln.

So sieht im allgemeinen die äußere Lage aus.

Nicht weniger kompliziert und, wenn man will, nicht weniger "originell" ist die innere Lage Sowjetrußlands. Sie lässt sich mit den Worten charakterisieren: Kampf um die Festigung des Bündnisses der Arbeiter und Bauern auf einer neuen, wirtschaftlichen Grundlage zwecks Entwicklung der Industrie, der Landwirtschaft, des Verkehrswesens, oder mit anderen Worten: Kampf um die Erhaltung und Festigung der Diktatur des Proletariats unter den Verhältnissen der wirtschaftlichen Zerrüttung.

Im Westen ist eine Theorie im Umlauf, nach der die Arbeiter die Macht nur in dem Lande ergreifen und behaupten können, in dem sie die Mehrheit bilden, oder wo auf jeden Fall die in der Industrie beschäftigte Bevölkerung die Mehrheit bildet. Aus diesem Grunde stellen denn auch die Herren Kautsky die "Rechtmäßigkeit" der proletarischen Revolution in Rußland, wo das Proletariat eine Minderheit bildet, in Abrede. Diese Theorie geht stillschweigend von der Voraussetzung aus, das Kleinbürgertum, vor allem die Bauernschaft, könne den Kampf der Arbeiter um die Macht nicht unterstützen, die Bauernschaft in ihrer Masse bilde eine Reserve der Bourgeoisie, nicht aber des Proletariats. Die historische Grundlage dieser Voraussetzung besteht darin, dass das Kleinbürgertum (die Bauernschaft) im Westen (Frankreich, Deutschland) in den kritischen Augenblicken gewöhnlich auf der Seite der Bourgeoisie zu finden war (1848 und 1871 in Frankreich, die Versuche der proletarischen Revolution in Deutschland nach 1918).

Die Ursachen dieser Erscheinung sind:

1. Die bürgerliche Revolution im Westen stand unter der Führung der Bourgeoisie (das Proletariat war damals nur der Sturmbock der Revolution), die Bauernschaft erhielt dort den Boden und die Befreiung vom feudalen Joch sozusagen aus den Händen der Bourgeoisie, so dass der Einfluss der Bourgeoisie auf die Bauernschaft schon damals als gesichert galt.

2. Vom Beginn der bürgerlichen Revolution im Westen bis zu den ersten Versuchen der proletarischen Revolution verging mehr als ein halbes Jahrhundert, in dessen Verlauf die Bauernschaft eine mächtige und auf dem Lande einflussreiche Dorfbourgeoisie ausschied, die als Verbindungsbrücke zwischen der Bauernschaft und dem städtischen Großkapital diente und damit die Hegemonie der Bourgeoisie über die Bauernschaft festigte.

In dieser historischen Situation wurde auch die oben erwähnte Theorie geboren.

Ein ganz anderes Bild bietet sich in Rußland.

Erstens stand die bürgerliche Revolution in Rußland (Februar bis März 1917), im Gegensatz zum Westen, unter der Führung des Proletariats, wurde in harten Kämpfen gegen die Bourgeoisie durchgefochten, in deren Verlauf sich die Bauernschaft um das Proletariat als um ihren Führer scharte.

Zweitens begann der (erfolgreiche) Versuch der proletarischen Revolution in Rußland (Oktober 1917), ebenfalls im Gegensatz zum Westen, nicht ein halbes Jahrhundert nach der bürgerlichen Revolution, sondern unmittelbar darauf, nach etwa 6 bis 8 Monaten, in deren Verlauf die Bauernschaft selbstverständlich keine mächtige und organisierte Dorfbourgeoisie ausscheiden konnte, wobei die im Oktober 1917 gestürzte Großbourgeoisie in der Folge nicht mehr hochzukommen vermochte.

Dieser letzterwähnte Umstand festigte das Bündnis der Arbeiter und Bauern noch mehr.

Das ist die Ursache, weshalb die russischen Arbeiter, die in der Bevölkerung Rußlands die Minderheit bilden, nichtsdestoweniger zu Herren des Landes geworden sind, sich die Sympathie und die Unterstützung der ungeheuren Mehrheit der Bevölkerung und vor allem der Bauernschaft erobert, die Macht ergriffen und behauptet haben, während die Bourgeoisie sich entgegen allen Theorien als isoliert erwies und ohne Bauernreserven dastand.

Daraus folgt:

1. Die oben umrissene Theorie der "unbedingten Mehrheit" der proletarischen Bevölkerungsschicht ist vom Standpunkt der russischen Wirklichkeit mangelhaft, falsch oder wird jedenfalls von den Herren Kautsky viel zu simpel und vulgär ausgelegt.

2. Das im Laufe der Revolution entstandene faktische Bündnis des Proletariats mit der werktätigen Bauernschaft bildet unter den gegebenen historischen Bedingungen die Grundtage der Sowjetmacht in Rußland.

3. Es ist die Pflicht der Kommunisten, dieses faktische Bündnis zu erhalten und zu festigen.

Das ganze Problem besteht im gegebenen Fall darin, dass die Formen dieses Bündnisses nicht immer die gleichen sind.

Früher, während des Krieges, hatten wir es mit einem vorwiegend militärisch-politischen Bündnis zu tun, das heißt, wir verjagten die Gutsbesitzer aus Rußland und übergaben den Bauern den Boden zur Nutzung; als die Gutsbesitzer uns aber mit Krieg überzogen, um "ihr Hab und Gut" wiederzuerlangen, kämpften wir gegen sie und behaupteten die Errungenschaften der Revolution; dafür gab uns der Bauer Lebensmittel für die Arbeiter und Menschen für die Armee. Dies war die eine Form des Bündnisses.

Jetzt, da der Krieg beendet und der Boden nicht mehr gefährdet ist, genügt die alte Form des Bündnisses nicht mehr. Es bedarf jetzt einer anderen Form des Bündnisses. Jetzt geht es nicht mehr darum, dem Bauern den Boden zu sichern, sondern darum, dem Bauern das Recht zu gewährleisten, über den Ertrag dieses Bodens frei zu verfügen. Hat er dieses Recht nicht, so sind nicht zu vermeiden: weitere Verringerung der Aussaatfläche, fortschreitendes Absinken der Landwirtschaft, Lähmung des Verkehrswesens und der Industrie (wegen Brotmangels), Zersetzung der Armee (wegen Brotmangels) und als Ergebnis all dessen - unausbleiblicher Zerfall des faktischen Bündnisses zwischen den Arbeitern und Bauern. Es bedarf wohl kaum eines Beweises, dass ein gewisses Minimum an Getreidevorräten in den Händen des Staates die Triebfeder aller Triebfedern ist, wenn es gilt, die Industrie zu neuem Leben zu erwecken und den Sowjetstaat zu erhalten. Kronstadt (Frühjahr 1921) war eine Warnung, die darauf hindeutete, dass die alte Form des Bündnisses überlebt ist und dass eine neue, eine wirtschaftliche Form des Bündnisses notwendig ist, die sowohl den Arbeitern als auch den Bauern wirtschaftliche Vorteile gewährt.

Darin liegt der Schlüssel zum Verständnis der Neuen Ökonomischen Politik.

Die Aufhebung der Ablieferungspflicht und anderer ähnlicher Hemmnisse ist der erste Schritt auf dem neuen Wege, der dem Kleinproduzenten die Hände frei gemacht und den Anstoß zur verstärkten Produktion von Lebensmitteln, Rohstoffen und anderen Erzeugnissen gegeben hat. Es fällt nicht schwer, sich die kolossale Bedeutung dieses Schrittes klarzumachen, wenn man in Betracht zieht, dass Rußland jetzt einen ähnlichen Massenaufschwung in der Entwicklung der Produktivkräfte erlebt, wie ihn Nordamerika nach dem Bürgerkrieg erlebte. Es besteht kein Zweifel, dass dieser Schritt, der die Produktionsenergie des Kleinproduzenten freisetzt und ihm einen gewissen Vorteil sichert, ihn aber, wenn man berücksichtigt, dass der Staat das Verkehrswesen und die Industrie in seiner Hand behält, in eine Lage bringen wird, die ihn zwingt, Wasser auf die Mühle des Sowjetstaates zu leiten.

Es genügt aber nicht, die Erzeugung von Lebensmitteln und Rohstoffen zu vergrößern. Außerdem muss noch ein bestimmtes Minimum dieser Erzeugnisse beschafft und bereitgehalten werden, das für den Unterhalt des Verkehrswesens, der Industrie, der Armee usw. notwendig ist. Darum ist als zweiter Schritt - wenn man von der Naturalsteuer absieht, die nur eine Ergänzung zur Aufhebung der Ablieferungspflicht ist - die Übergabe der Beschaffung von Lebensmitteln und Rohstoffen an den Zentralverband der Konsumgenossenschaften (Zentrosojus) zu betrachten. Zwar machten die mangelnde Diszipliniertheit der lokalen Organe des Zentrosojus, ihre mangelhafte Anpassung an die Bedingungen des sich schnell entwickelnden Warenmarkts, die Unzweckmäßigkeit der Naturalform des Warenaustauschs und die schnelle Entwicklung seiner Geldform, der Mangel an Geldmitteln usw. es dem Zentrosojus nicht möglich, die ihm übertragenen Aufgaben zu erfüllen. Doch besteht kein Anlass, daran zu zweifeln, dass der Zentrosojus als Hauptapparat für die Beschaffung großer Mengen der wichtigsten Lebensmittel und Rohstoffe eine von Tag zu Tag größer werdende Rolle spielen wird. Notwendig ist bloß, dass der Staat

a) ihn zum Zentrum der Finanzierung der (nichtstaatlichen) Handelsoperationen innerhalb des Landes macht;

h) ihm die anderen Arten von Genossenschaften, die dem Staat gegenüber immer noch feindselig eingestellt sind, finanziell unterstellt;

c) ihm in dieser oder jener Form den Zugang zum Außenhandel ermöglicht.

Als dritter Schritt ist die Eröffnung der Staatsbank als des Organs zur Regulierung des Geldumlaufs im Lande zu betrachten. Die Entwicklung des Warenmarkts und des Geldumlaufs führt zu zwei grundlegenden Ergebnissen:

1. Sie macht sowohl die Handelsoperationen (die privaten und die staatlichen) als auch die Operationen in der Produktion (Tarife u. a.) ganz und gar von den Schwankungen des Rubels abhängig;

2. sie verwandelt die Volkswirtschaft Rußlands aus einer abgeschlossenen, sich selbst genügenden Wirtschaft, die sie während der Blockade war, in eine Tauschwirtschaft, die mit der Außenwelt Handel treibt, das heißt von den Wechselfällen der Rubelkursschwankungen abhängt.

Aus alledem folgt jedoch, dass unsere Wirtschaftsoperationen - im Innern sowohl wie im Ausland - auf beiden Füßen hinken werden, wenn wir nicht den Geldumlauf in Ordnung bringen und eine Kursverbesserung des Rubels erzielen. Die Staatsbank als Regulator des Geldumlaufs, die nicht nur Gläubiger, sondern auch eine Pumpe sein kann, die die kolossalen privaten Ersparnisse an sich zieht, mit deren Hilfe man operieren könnte, ohne zu neuen Emissionen greifen zu müssen - diese Staatsbank ist einstweilen noch "Zukunftsmusik", wenngleich alles dafür spricht, dass ihr eine große Zukunft bevorsteht.

Ein weiteres Mittel zur Hebung des Rubelkurses muss die Ausweitung unseres Exports und die Verbesserung unserer erschreckend passiven Handelsbilanz sein. Es ist anzunehmen, dass die Heranziehung des Zentrosojus zum Außenhandel dieser Sache nur förderlich sein kann.

Des weiteren ist eine ausländische Anleihe nötig, nicht nur als Zahlungsmittel, sondern auch als Faktor zur Hebung des Auslandskredits Rußlands und somit auch des Vertrauens zu unserem Rubel.

Weiter würden gemischte Handels- und Transitgesellschaften sowie andere Gesellschaften, über die Sokolnikow vor kurzem in der "Prawda" geschrieben hat, die Sache erleichtern. Dabei muss aber gleich bemerkt werden, dass die Einführung von Konzessionen in der Industrie und die Entwicklung eines normalen Austauschs unserer Rohstoffe gegen ausländische Maschinen und Ausrüstungen, über die eine Zeitlang in der Presse so viel geschrieben wurde, als Faktoren für die Entwicklung der Geldwirtschaft selbst ganz und gar von der vorhergehenden Kursverbesserung unseres Rubels abhängig sind.

Als vierter Schritt ist schließlich die Umstellung unserer Betriebe nach dem Grundsatz der Wirtschaftlichkeit zu betrachten, die Schließung beziehungsweise Verpachtung kleiner unrentabler Betriebe, die Heraushebung der lebensfähigsten Großbetriebe, die verstärkte Verminderung des Personals unserer maßlos angeschwollenen Behörden, die Schaffung eines stabilen staatlichen Güter- und Geldbudgets und als Ergebnis aller dieser Maßnahmen die Ausmerzung des Rentnergeistes in den Betrieben und Behörden sowie die allgemeine Hebung der Disziplin der Arbeiter und Angestellten, die Verbesserung und Intensivierung ihrer Arbeit.

Das sind im allgemeinen die Maßnahmen, die durchgeführt werden beziehungsweise durchgeführt werden müssen und die in ihrer Gesamtheit die so genannte Neue Ökonomische Politik ausmachen.

Es erübrigt sich zu sagen, dass wir, wie auch zu erwarten war, bei der Durchführung dieser Maßnahmen eine Menge Fehler gemacht und ihren wirklichen Charakter entstellt haben. Nichtsdestoweniger darf als bewiesen gelten, dass gerade diese Maßnahmen den Weg frei machen, auf dem wir die wirtschaftliche Wiedergeburt des Landes voranbringen, Landwirtschaft und Industrie heben und das wirtschaftliche Bündnis zwischen den Proletariern und den werktätigen Bauern festigen können, ungeachtet aller Hindernisse, ungeachtet der Drohungen von außen und des Hungers Innerhalb Rußlands.

Die ersten Ergebnisse der Neuen Ökonomischen Politik, die beginnende Erweiterung der Anbauflächen, die Hebung der Arbeitsproduktivität in den Betrieben und die Besserung der Stimmung der Bauern (der Massenbanditismus hat aufgehört) bieten zweifellos eine Bestätigung dieser Schlussfolgerung.

"Prawda" Nr. 286,
18. Dezember 1921.
Unterschrift: J. Stalin.

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